Kräftepfeile zwischen den Polaritäten: Blankpolierter Spiegel – Mimesis – Glück des Unvorhergesehenen– symbolischer Tausch – schneller Brüter – Schönheit – Musik – Selbstimmunisierungen

 

In ganz verschiedenen theoretischen und biographischen Zusammenhängen habe ich in der Vergangenheit autoritative Zitate bemüht, um zu zeigen, dass Autoritäten immer nur ein unabhängiges Denken hindern. Die eine, unverrückbare Wahrheit gibt es nicht, aber wenn wir gewisse Anregungen aufnehmen, die an einem lebensgeschichtlichen Wendepunkt entscheidend waren, wenn wir einen Faden weiterspinnen, der uns für den Augenblick mit einem entscheidenden Durchblick versehen hat, wird wie nebenbei klar, warum Wahrheiten nie nur eine Funktion von Sätzen sind, sondern das momentane Resultat eines zwischen Gefühlen zündenden Geistesblitzes, den wir erst im Nachhinein in Sätze zu kleiden und auf einen Nenner zu bringen suchen. Die Naturwissenschaften machen es mit Hilfe der Mathematik möglich, gewisse Wahrheiten auf einen Aussagesatz oder eine Formel zu reduzieren. Doch für alles, was menschliche Belange angeht, liefert die von fehlerhaften Verallgemeinerungen zu immer wieder neu korrigierten fehlerhaften Verallgemeinerungen fortschreitende Logik der Forschung zu wenig, um die maximalen Unwahrscheinlichkeiten der Lebendigkeit auch nur zu handhaben, geschweige denn mit ihnen lustorientiert und selbsterfüllend zu arbeiten. Auch die Prämisse des linguistik turn, nach der unsere Beobachtungen und Behauptungen auf keine außerhalb der Sprache liegenden Dinge oder Vorgänge zu beziehen sind, trägt nicht viel weiter, denn der Raum kodifizierter Bedeutungen versetzt uns in eine Welt der präfabrizierten Vorstellungen, in der wir Überbietungswettbewerbe treiben, um wenigstens hin und wieder das Gefühl zu haben, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Um den Preis, ständig mit anderen zu rivalisieren und uns zwanghaft zu relativieren; wir laufen um die Wette, wissen zwar nicht wohin, wollen aber schneller als alle anderen da zu sein. Irgendwann, wenn der Kopf oder das Herz nicht mehr mitkommen, stellen wir fest, warum vor lauter Beschleunigung und Vergleich nicht vom Fleck zu kommen war. Wer sein will, wie alle anderen, nur ein bisschen besser oder klüger oder schöner oder schneller, wird von Vorstellungen gelebt, in denen längst abgestorbene Dogmen vor sich hinwesen. Alle haben in ihrer jeweiligen Blase ein bisschen Recht, mal mehr aus einer verfremdeten Perspektive, mal weniger an dem Zipfel, an dem sie sich festgebissen haben. Aber keine Blase kann beanspruchen, die wirkliche Wahrheit zu vertreten, denn Wahrheiten gibt es wie die frühe Götterwelt nur im Plural. Noch dazu befindet sich die virtuelle Gesamtheit dieser Wahrheiten nirgendwo zwischen allen und auch in keiner als Vereinigungsmenge schillernden Blase. Die beschränkenden Perspektiven des Wissens einzelner Lebens- oder Kulturzusammenhänge eignen sich nicht dafür, miteinander verrechnet zu werden, sie sind so inkommensurabel wie die von der Semantik und Grammatik transportierten Weltbilder einzelner Sprachen. Wir sollten also unsere Versuchsanordnung nicht durch die Rede vom Ende der Philosophie davon abbringen lassen, immer wieder neu ganz von vorne anzufangen, um die einer ewigen Aktualität gehorchenden Fraglichkeiten aufzudröseln. Die Gnade der Ignoranz hat sich schon immer als unzuverlässig erwiesen, also sollte mit all dem Wissen, das uns die Wissenschaften heute liefern, an den Bruchstellen anzusetzen sein, an denen menschheitsgeschichtliche Weisheiten dem Anspruch positiver Wahrheiten weichen mussten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich einige Anregungen ergeben, den Sackgassen zu entwischen, die sich aus der Konfrontation mit den schulbildenden Folgen antiquierter theologischer Lehrsysteme ergaben. Das Jetzt der Erfahrung, die ästhetische Erschütterung sinnlicher Erfahrungsgewohnheiten, die Verkörperung von Wissen, die Überwältigung durch Präsenz und Plötzlichkeit, die Logik der Sinne  und die leiblichen Fundamente der Evidenz… sollen im Folgenden auf brauchbare Anregungen abgeklopft werden, wobei die Widersprüche zwischen einzelnen Positionen und Argumenten nicht als Ausschlusskriterien taugen. Was sich auf der gleichen Ebene nicht verträgt, wird auf der nächsten Reflexionsebene zu einem Ensemble, das unter günstigen Voraussetzungen wie ein Mobile auszutarieren ist und dann ganz andere Schlussfolgerungen zulässt.

Mit Steiner sind Literatur, Kunst und Musik als Maximierung der semantischen Inkommensurabilität hinsichtlich der formalen Ausdrucksmittel zu definieren; der Anspruch auf Theorie in den Geisteswissenschaften ist das Resultat einer systematisierten Ungeduld. Es gibt keine Wissenschaft des Sinns und keine wirkliche Theorie der Bedeutung, wenn diese hochgestochenen Bezeichnungen ernstgenommen werden wollen. Hermeneutische und wertende Aussagen sind keine Kandidaten für Wahrheitswerte. Die Prinzipien der Nicht-Determinierbarkeit und der Komplementarität stehen im Zentrum aller interpretatorischen und kritischen Prozesse in Literatur und Kunst. Und weil sie das Produkt eines individuellen Prozesses der Denktätigkeit, der Rezeption, des Ausdrucksstils darstellen, ist eine dauernde Neuorganisation durch ästhetische Urteile unausweichlich; wenn wir uns mit Texten oder Kunstwerk befassen, wirken wir auf sie ein, ihre Rezeptionsgeschichte dokumentiert drastische Veränderungen. Doch schon jedes Naturobjekt wird durch unsere Wahrnehmung, durch evolutionär gewordene Seh- und Hörgewohnheiten verändert, unsere subjektiven Vorlieben oder Ängste sind vielleicht ein Firnis der Aktualität, aber solange zu vernachlässigen, bis sie kompetent in den Erkenntnisprozess eingebracht werden. Bis ins späte 19. Jahrhundert beruhten die Codes der Wahrnehmung, die unsere Beziehungen der Nachvollziehbarkeit zu anderen und zur Welt stabilisierten, auf den Gesetzmäßigkeiten einer Geschichte des Logos, in der das Dasein zu sagen sein sollte. Seit Nietzsche wird die Relativität und Kontextabhängigkeit aller Wertung und Deutung immer offensichtlicher. Entscheidende operationelle Verfahrensweisen in den prägenden Beziehungen haben den Status der Bedeutung geändert, das imaginäre Fundament ist weggefallen, gefragt wird nach der Bedeutung von Bedeutung, nach der Funktion symbolischer Formen – und die Skala der Ergebnisse reicht von einer umfassenden Skepsis, die die Furcht vor einer generellen Haltlosigkeit schürt, zu einer neuen Mystik, nach der alles umfassend mit allem zusammenhänge. Wenn uns klar wird, dass sich Worte immer nur auf Worte beziehen, dass jeder eine Erfahrung referierende Sprechakt lediglich heißt, etwas mit anderen Worten zu sagen, könnten wir resignieren und uns auf konservativen Kopierprozessen vorhandener Werte  ausruhen. Oder wir beginnen zu ahnen, in welcher Freiheit wir uns bewegen, wenn die Grundlagen jeglichen Sinns in Gefühlen zu finden sind, um dann sorgsam damit umzugehen; in diesen Clustern aus Bedürfnis und Begehren schießen jene Prägungsmuster zusammen, die nach und nach zu Bedeutungen gerinnen. Kunst und Poesie zeigen in außergewöhnlichen Prägungen, wie mit Gefühlen spielerisch neue Weltaspekte erobert, wie die Grundlagen der Diskurse späterer Generationen aus der Taufe gehoben werden. Der selbstreferentielle, sich selbst regulierende und transformative Kosmos des Diskurses ist weder dem Realen der Welt ähnlich noch unähnlich, denn wir transzendieren das Reale nicht mit den Mitteln der Sprache zugunsten eines Realeren, sondern der Diskurs stellt unsere Form der Realität dar. Im besten Fall liefert er lediglich eine kritische Perspektive auf philosophische Begriffsbildungen der letzten Jahrtausende. Jede/r ist gesegnet, dem sich Möglichkeiten bieten, den angestammten Diskurs zu verlassen und von da an zwischen verschiedenen Diskursen zu switchen. Jede neue Verwendung, der wir ein Wort zuführen, ist eine Entdeckungsreise, jede momentane Intention ist mit allen subliminalen Verweisungszusammenhängen verbunden, die unser bisheriges Leben ausmachten, womit der Sprung in einen anderen Kontext auch wiederrum zu einer andauernden Veränderung und Erweiterung unseres psychischen Koordinatensystems führt. Das Mysterium eines Einklangs mit der Welt wird durch die Bezauberung mittels Dichtung, Musik und Kunst, durch eine Aura magnetischer Beschwörungen immer wieder für ein Nu erreicht. Innerhalb eines Universums der Sprache, in dem Raum für unzählige Welten ist, ist in herausragenden Werken dank der besonderen Dichte und Energie der Beschwörung und Verzauberung eine greifbare Magie zu entfachen. In extremer Weise wird dies nach der Erfahrung eines sozialen Todes möglich, denn hier müssen ganze Provinzen neu formatiert, mit Empfindungen besetzt, in der Sprache ergriffen werden.

Ernstzunehmende Malerei, Musik, Literatur oder Bildhauerei konfrontiert uns mit einer brutalen Instabilität der vorgegebenen Wahrheiten, mit einer Entfremdung von der Conditio humana. In gewissen Momenten des schockierenden Zusammenbruchs unserer Gewissheiten oder der überraschenden Erleuchtung sind wir uns selbst fremd, verirren uns in den eigenen seelischen Urwäldern – deshalb arbeitet die Selbstimmunisierung anhand der Künste genau an der Pufferzone solcher Erschütterungen. In frühen Kulturen haben die Gesetze der Nachahmung, wie es bei Tarde heißt oder der Zwang zur Nachahmung und das mimetische Vermögen, wie es bei Benjamin heißt oder die Partizipation an gemeinsamen Körperrhythmen, wie es Maturana nahelegt, dafür gesorgt, dass die Invasion durch die Seelen der Anderen, die Überlappung von Erregungszuständen, eine ständige Erfahrung war, wie es Sloterdijk dargestellt hat – wobei menschliche, tierische, pflanzliche oder göttliche Andere nur graduell verschieden waren. Sie wandern durch die Sinne in eine/n hinein – erst später begann die Sprache jene Exklusivität zu beanspruchen, mit der die Offenbarung nur noch durch das Ohr möglich sein sollte, während die anderen sinnlichen Wahrnehmungen ihrem Diktat oder dem Tabu unterlagen. So wie das große Thema der Neuzeit Selbständigkeit heißt, war das große Thema früherer Epochen die Besessenheit oder Besitzbarkeit – für Sloterdijk ist es ein Merkmal der Postmoderne, dass das Denken in Besessenheitsbegriffen zurückkommt, weil  das transzendente, von Gott versiegelte Ich mittlerweile verschwunden ist. Die Andersheit, die in uns eintritt, macht uns anders. Nur weil diese Erfahrung hinter den kulturellen Lattenzaun verbannt wurde, war sie nicht aus der Welt, aber seit die Panzerung des Selbst als Behinderungssystem des ökonomischen Wachstums erkannt wird, finden sich auch jenseits der Reservate der Kunst immer mehr Schlupflöcher. Die Dinge haben eine Seele, die Gaben eine Kraft. Sie unterscheiden sich nur graduell von den Kräften des menschlichen Lebens – tatsächlich sind der Mensch und die Gabe, wie Mauss erkannt hat, im Zeichenkreislauf des sozialen Körpers unterwegs, womit das eine für das andere stehen kann.

Diskontinuität der Selbsterfahrung und Jetzt der Erkennbarkeit sind dank dieser Entwicklung  nicht mehr im Schubfach für Sonderbegabungen unterzubringen, sondern haben einen Stellenwert im Sozialisationsgeschehen erreicht, den Gumbrechts Begriffe der Präsenz oder des Phänomens umreißen. Er greift auf gewisse Voraussetzungen einer aristotelische Präsenzkultur zurück, mit denen bewusst eine Haltung der indirekten, schwebenden Aufmerksamkeit eingenommen werden kann, die es ermöglicht, außerhalb der semantischen Ein- und Zuordnungen von Phänomenen in speziellen Momenten ergriffen zu werden. Der von den Kommunikationsmitteln herkommende Effekt der Greifbarkeit durch Bewegungen zunehmender oder abnehmender Nähe und Intensität beeinflusst uns als Kommunizierende; wir werden durch Nachahmungsneuronen in der körperlichen Materialität affiziert. Wie nebenbei berühren sich Personen, während sie kommunizieren – gerade bei den Dingen, die keiner Agenda folgen, sondern für unser Gefühl bedeutsam sind. Der Raum, der währenddessen entsteht, ermöglicht die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in mancher Hinsicht werden für Momente die Standards der Abwesenheitsdressur suspendiert; auf einmal verschwindet die Wolke des unverbindlichen Geschwätzes, geht es um keinen warmen Wind mehr. In einer Sinnkultur unterstehen Menschen dem Imperativ, die Vergrößerung und Beschleunigung, die seelenlose Steigerung um der Steigerung willen, die rücksichtslose Optimierung der Welt für ihre wichtigste Aufgabe zu halten. Sie verabsolutierten mit diesem Leistungsprinzip kodifizierte Bedeutungen, denen sie selbst nicht standhalten könnten, wenn sie nicht ständig auf der Flucht wären. Dem Handlungsbegriff der Sinnkultur entspricht in einer Präsenzkultur der operative Bereich der Ma­gie, also die Praxis des Präsentmachens abwesender Dinge oder die der Entfernung präsenter Dinge. In diesen Zusammenhängen einer großzügigen Zeitökonomie wird die Seele bereits als Funktion begriffen, nicht als Substanz, sondern als relationales Geschehen der Wechselwirkung bewusster und unbewusster Anverwandlungen oder Überschreitungen. Kamper weist in anderen Zusammenhängen auf einen Mimesisbegriff hin, mit dem bereits eine Form der Vorahmung auf den Nenner gebracht wurde, mittels körperlicher Gesten Wirkungen zu erzielen und das menschliche oder naturhafte Gegenüber zu einer Anähnelung zu bewegen. Aus diesem Grund sind magische Praktiken, die einer sehr tiefen Handlungs- und Ausdrucksebene des Menschen angehören, auch heute noch an der Erzeugung von Wirklichkeit beteiligt. Typisch für die Simulation in einer Sinnkultur ist die dauernde Orientierung an Identität und Identifizierung; sie ist am Raum orientierte Nachahmung. Die Mimesis dagegen arbeitet an Vorahmungen, die sich in der Zeit vollziehen und eine erfahrbare Differenz offenhalten. Diese Erfahrung ist uns noch immer jenseits der Subjekt-Objekt-Dichotomie zugänglich, wenn die Position eines antiquierten Wissenschaftsanspruchs verabschiedet wird, auf der ein Subjekt im Sinne Vicos oder Descartes‘ darauf besteht, die Bedingungen der Wahrheit des Objekts, mit deren Hilfe Gewissheiten vertretbar sind, selbst hergestellt zu haben.

Das ‚Lob des Sports‘, die Ausführungen zum ‚Handwerk‘ oder die Beobachtung der Gesetzmäßigkeiten der ‚Präsenz‘ legen nahe, warum gerade die Beherrschung einer Technik und die souveräne Verfügung über die Regeln jene Erfahrung erschließen, in der wir für Augenblicke nur noch im Hier und Jetzt sind, versunken in einer fokussierten Intensität. Was wir besonders gut können, können wir ohne Überlegung; Körpererfahrung und Selbstwahrnehmung dehnen sich im Raum aus und berühren die oder überlappen sich mit den Phänomenen; die gewachsenen Routinen bewegen sich in einer Eigenzeit fast wie von selbst. Gerade die körperlichen Abläufe, die fast reflexartig ausgeführten Vollzüge sorgen für die Unmittelbarkeit einer Präsenz. Doch das geschieht eben nicht, wenn wir von fremden Virulenzen erfasst werden oder uns durch Bildwelten verführen lassen, sondern erst dann, wenn es gelingt, durch die nötige empathische Kapazität die Intensitäten eines Geschehens zu teilen, sie zum Erscheinen einer Ganzheit, einer säkularen Wiederverzauberungsstrategie zu steigern. Für einen Moment ist nichts mehr, wie es als plattes Klischee, als Worthülse oder breitgewalzte Phrase unsere Erfahrung behindert. Am schlimmsten wirkt noch der Zusammenstoß mit einer Rhetorik, die als spezifisch menschliche Errungenschaft, mit Sätzen das Richtige zu vertreten oder gar durchzusetzen, durch Juristen oder Politiker desavouiert wird, wenn das Rechthaben die Wirklichkeit zunagelt oder die Kasuistik der Theologen konkrete Einzelfälle im Sinne eines metaphysischen Systems verbiegt. Auch wenn der Mensch ein sprachliches Wesen ist, die Welt, in der er sich bewegt, durch die Sprache strukturiert wird, gibt es latente Wissensweisen und subliminale Impulse, die auf ein körperliches System der Orientierung verweisen, das von den sprachlichen Vorgaben verdeckt und oft sogar zugepflastert wird. Žižek beschäftigt sich neben dem anarchistischen Ansatz einer Verkörperung von Evidenz immerhin mit dem von Lacan unterfütterten Versuch, mit der Sprache gewissen Wahrheiten näher zu kommen. Eine Aussage entspricht für ihn zwar nicht dem realen Zustand der Dinge, also der direkten Sicht des Gegenstands ohne perspektivische Verzerrung, sondern sie zeigt genau das Reale des Antagonismus, der die okulare Verzerrung verursacht. Für ihn gibt es eine Wahrheit, es ist nicht alles relativ, aber diese Wahrheit ist die Wahrheit der perspektivischen Verzerrung als solcher, nicht die Wahrheit, die durch die verzerrte Teilansicht aus einer einseitigen Perspektive behauptet wird. Das könnte immerhin an den fallibilistischen Ansatz eines Peirce oder an Poppers Logik der Forschung erinnern, mit denen alles relativ, aber aus diesem Grund relational aufeinander bezogen und aus diesem Grund in keinster Weise irgendeiner Willkür ausgeliefert ist. Doch seltsamerweise folgt er nun Lukács, der  aus der Fülle der Meinungsvarianten ein wahres, nur von einer interessierten, parteiischen Position aus zugängliches Wissen postuliert. Bereits in der ersten deutschsprachigen Hermeneutik eines Chladenius gibt es einen Punkt: Auslegung vernünftiger Reden aufgrund einer Theorie des „Sehe-Punktes“, womit eben die verschiedenen Perspektiven zu verschiedenen Meinungen führen – und dank einer katholischen oder ein paar Jahrhunderte später einer marxistischen Theologie genau jener parteiischen Unumstößlichkeit unterworfen werden. Womit wir in jeder Blase der Interessenvereinigung wieder einem das Denken beschränkenden Dogmatismus begegnen. Bei seinem breiten, durch Psychoanalyse und Film geprägten, philosophischen Repertoire ist dieses Ergebnis sehr wahrscheinlich der okularen Paranoia des kartesischen Systems zu verdanken. Seit dem Panoptikum der bürgerlichen Augenüberwachung hat das optische Paradigma über den Umweg erzwungener völkischer Gemeinsamkeiten und einer Blut- und Bodenideologie eine Verjüngung über die prägenden Konformismen der sozialen Medien erfahren. Anhand technisch unterfütterter, multimedialer Riten der Verdummung ist eine aktualisierte Form des Dogmatismus problemlos zu tarnen. Im Resultat ist diese Position mindestens so schädlich und dumm, wie eine auf die Durchsetzung des Rechthabens beschränkte Gerichtsrhetorik. Mit den in den Künsten und der kreativen Arbeit geübten Formen der sinnlichen Wahrnehmung sollte es zu schaffen sein, nicht an alternativen Wahrheiten hängen zu bleiben, die machtbesessene Erfindungen von Lügnern sind.

Für einen behutsamen Umgang mit verschiedenen Varianten der perspektivischen Verkürzung, die als Polaritäten in einem Kräftefeld figurieren, ist an Heraklits Vorstellung eines universellen Logos zu erinnern, demzufolge sich alle Ambivalenzen in einem Gleichgewicht befinden und letztlich eine spannungsvolle aber harmonische Einheit bilden – eine Lebensaufgabe, an der wir nur gewinnen können. Als leichter Zugang bieten sich für diese Aufgabenstellung Zitate von Georg Steiner an. Er entwickelt in dem Gespräch über die Kunst der Kritik eine fundamentierende Form der Deutung, die der liebenden Zuwendung abgelauscht wurde: „Ein bedeutender Akt der Interpretation kommt dem Kern des Werkes immer näher, und er kommt niemals zu nahe. Das Entscheidende an einer großen Interpretation ist das Scheitern, die Distanz, der Punkt, an dem sie hilflos ist. Aber ihre Hilflosigkeit ist dynamisch, sie ist selbst suggestiv, beredt und artikuliert. Die besten Deutungsakte sind Akte der Unvollständigkeit.“ – Diese dynamische Hilflosigkeit umreißt einen produktiven Ansatz des hermeneutischen Geschehens, der um fachspezifische Verklammerungen am Identitätsprinzip erleichtert wieder der Lebendigkeit biographischer und kommunikativer Zusammenhänge zugeführt werden sollte. Seit Freud gehen wir davon aus, die Produktion von und die Beschäftigung mit Kunstwerken resultieren aus Sublimationen der Sexualität und des Begehrens, sind oft genug sogar Surrogate eines Verhältnisses der Geschlechter. In Reservate verbannte Nischenprodukte Luhmanns maximaler Unwahrscheinlichkeit, die stellvertretend in herausgehobenen Stunden, an speziell gekennzeichneten Orten, genossen werden dürfen. Ob im Bordell oder in Museen und Galerien, der Umgang mit erotischen oder kulturellen Artefakten beweist wie alle zwanghaften Beschäftigungen des Menschen einen Mangel an Befriedigungsfähigkeit. Die Sublimation im Dienste des Triebverzichts gehorcht vielleicht dem Klischee einer die körperlichen Bedürfnisse überformenden Bildung, aber im Resultat unterscheidet sich dies nicht von den Zwängen, sich die Birne zuzusaufen, von einem Fastenritus zum nächsten zu hungern oder in einer Achtzigstundenwoche immateriellen Umsätzen hinterher zu hecheln. Wenn Bohrer den meisten Geisteswissenschaftlern einen Mangel an Wahrnehmungsfreude und erotischem Sinn attestiert, beweist dies nur, wie ein exzessives Ausweichen in Produkte der Imagination und kontinuierlich vorbeirauschende Vorstellungen das Unvermögen des Normalverbrauchers potenzieren, sich auf ein reales Gegenüber einzulassen. Die der Angstbewältigung verdankten Zwänge sorgen bei den einen dafür, selbst kleine Routinen der täglichen Lebenszusammenhänge akkurat vorzubereiten, möglichst nichts dem Zufall zu überlassen und den Einbruch aller Unwahrscheinlichkeiten der Lebendigkeit auszusperren – während andere allein schon von der Vorstellung zu versagen derart ausgebremst werden, dass sie sicherheitshalber nicht einmal Kleinigkeiten auf die Reihe bringen, damit also die Wette auf die eigene Leistungsfähigkeit bereits beim Start verweigern. Nur, wenn einem/r nie mehr entgegen kommt, als dies so oder so schon durch eine vorgegebene Programmierung festgeschrieben wurde, ist es nicht verwunderlich, wenn das Interesse einschläft und die Welt in einer Ansammlung geisttötender Klischees erstarrt. Natürlich strengt das Leben an, außerdem stinkt es, ist frustrierend und auf die Dauer lebensgefährlich; aber das ist noch lange kein Grund, vor allem zurückzuschrecken, was das wirkliche Leben ausmacht. Ohne den Resonanzraum des körperlichen Geschehens verwandelt sich sogar das intuitive Wissen eines Gut-dass-es-dich-gibt in das steinerne Erinnerungsmal für ein irgendwann einmal durch eine/n begehrenswerte/n Andere/n bis zum Hals hoch klopfendes Herz. Obwohl ganze Kulturen auf die Verewigung durch den Stein gesetzt haben, verwittert dieser mit der Zeit und wird in einer ungerührten Endlichkeit bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen.

Jede echte Liebe ist schmerzhaft, ein risikoreicher Kampf auf Leben und Tod. Wenn wir sie gewähren lassen, wird uns ein mitten im Herz steckenden Messer ohne Griff an dem die Klinge fehlt für immer verwandeln. Nach Jahrhunderten einer Dressur zur/m identisch Einen tut sich in begnadeten Momenten die Chance auf, ein/e Andere/r zu werden. Im Gegensatz zu allen pygmalionischen Ambitionen, das geliebte, von einem selbst modellierte Geschöpf von Grund auf zu kennen und damit einen latenten Lernprozess psychischer Veränderungen zu blockieren, wird die bejahte, liebende Beziehung zu einer/m von einem/r unabhängigen Anderen eine lebendige Offenbarung des Unergründlichen. Erst eine derartige Beziehung ist in der Lage, uns die Augen zu öffnen für das, was in Wahrheit ist – für die göttliche Erfahrung, wie das Unergründliche erst vom Unergründlichen erfasst wird: Ohne Worte, dennoch als Oxytocin überzeugend in den gemeinsamen Orgasmen. Solange wir die Grundlage dieser Wahrheitswerte nicht im biochemischen Körpergeschehen lokalisieren – „Gott ist ein Peptid“ –, erklären der Rückgriff auf Transzendenz oder die Gegenwart Gottes nicht zwingend, warum Sprache in der Lage ist, die überzeugende Gegenwart von Sinn und Gefühl zu vermitteln. Das theologische Fundament von Steiners realer Gegenwart – die noch immer die Gegenwart Gottes imaginiert – kann durch Gumbrechts Ausführungen zur Selbsterfahrung als körperlicher Präsenz relativiert werden. Bohrer hat auf die Verwandtschaft zur Konzeption einer ästhetischen Plötzlichkeit hingewiesen; er gehorchte offensichtlich einem dem seinen vergleichbaren Antrieb der ästhetischen Wahrnehmung. Während er die Erfahrung der Plötzlichkeit am literarischen Stil und überwältigenden Ausdruck erfuhr, verfolgte Gumbrecht Momente der Herausgehobenheit aus den täglichen Gewohnheitsmustern vor allem in der Partizipation an sportlichen Leistungen. Beide konzentrieren sich auf die Erscheinung eines Geschehens, ohne die Dinge sofort zu interpretieren – alles Wahrgenommene hat damit nicht automatisch eine Bedeutung, aber es wird als Anlass, über den eigenen beschränkten Horizont hinauszugehen, bedeutsam.

Zwischen dem religiösen Erhebungsmotiv passiv Gebannter und der ekstatischen Erfahrung fremdgesteuerter Konsumenten gibt es eine Pforte, die zur biochemischen Erdung göttlicher Energien einlädt. Dank einiger psychedelischer Offenbarungen haben die Haschischaufzeichnungen Benjamins anfangs zwar für Orientierungen im Labyrinth der von der Sprache gesteuerten Halluzinationen gesorgt, doch später haben die in der Werkausgabe verstreuten Ausführungen zur Geistesgegenwart einen fruchtbareren Zugang aufgeschlossen. Wenn bestimmte Wissensbestände und Verhaltensweisen zu verselbständigten Routinen werden, können sie im Augenblick der Gefahr, wenn wir in der Lage sind, uns unter dem Einfluss einer Einkesselung gehen zu lassen, zu blitzartigen Reflexen werden. In einer mantischen Wolke führen unmittelbare Reaktionen für ein wesentlich schnelleres Kontern, als ein im Alltag geschultes, aber durch Denken ausgebremstes Bewusstsein zustande bringt. Nichts anderes meint die Formulierung, die Gegenwart des Geistes verbürge allein der Leib. In der Gefahr verselbständigt sich der Körper über den Kopf hinweg, jenseits der Einschränkungen eines abstrahierenden und wertenden Bewusstseins. Die körperliche Aktion wird eins mit der Kommunikation zwischen den Dingen und der Welt. Aus dieser von Nietzsche angeregten Einsicht ist heute eine philosophische Debatte über die Verkörperung von Wissen und Einsicht geworden. Allerdings tritt dabei die Plötzlichkeit der reflexartigen Reaktion in den Hintergrund oder verliert zugunsten einer Ästhetisierung an Schlagkraft zugunsten einer Konzeption des Geistes, die ein über die Körper hinaus die Umwelt überstreichendes oder ein in die jeweiligen Kontexte eingebettet Beziehungsfeld beschreibt. Was Benjamins sprachmystische Spekulationen aus dem Umfeld von Freuds ‚Psychoanalyse und Telepathie‘ zur materialistischen Erdung verwendete, wird mittlerweile von der Konstellationsforschung eingekreist. Wenn Henrich nachvollzieht, in welchen Köpfen die Kantschen Kritiken ganz verschiedene Anregungen freisetzten, deren Einflüsse schließlich bei Hölderlin, Schelling, Hegel oder den Schlegels qualitative Sprünge bewirkten, sei es in den deutschen Idealismus sei es in die revolutionäre Frühromantik, externalisiert er Wirkungszusammenhänge der Inspiration. Der psychische Biomagnetismus ist ein Feld, das weit über den einzelnen Menschen hinausreicht und sich zwischen den Teilnehmern eines gemeinsamen theoretischen oder auch praktischen Unternehmens einspielt. Sie partizipieren an einem solchen Feld, haben am Fluktuieren der Meme teil, halten manchen Geistesblitz für einen der ihren, obwohl sie zufällig die Antenne haben und unwillkürlich im richtigen Moment die  Frequenz einer von mehreren gerade freigesetzten Virulenz treffen. Demzufolge resultiert das Ausschlussverfahren eines sozialen Todes aus dem Kappen dieser Antenne, aus den willentlichen Störungen, die über den gemeinsamen vorbewussten Empfang verfügt werden. Wenn unter solch bösartigen Einflüssen noch etwas hilft, sind dies frühere, auf Distanzleistungen beruhende Routinen und das Vertrauen auf körperliche Reaktionsweisen, die in Situationen der Bedrohung und nach ekstatischen Passagen des Ichtods plötzlich Wissensweisen freisetzen oder für entscheidende Zeitpunkte gewisse Begegnungen ermöglichen. Von da an findet eine Gradwanderung statt: Statt den Draht zur Mimesis zu kappen und zu verlieren, stumpf, abweisend und in uns eingekapselt zu werden, leiteten wir die Impulse in eine immer feinere Einfühlungsgabe um, in die Aufmerksamkeit für subliminale Signale.

Auch die Konzeption der Konstellation – seien es Sternbilder, seien es Stars der Theorie oder Literatur – hat bereits Anregungen im Darstellungsbegriff der erkenntniskritischen Vorrede zum Trauerspielbuch gefunden, denn weder Themen oder Motive, noch Personen oder Weltanschauungen sind in ihrer Isolation zu verstehen, sondern erst aus den vielfältigen Beziehungsnetzen jener unzähligen Relate, zwischen denen ihre Inkommensurabilität sich darstellt. Die eine, alles erfassende Wahrheit ist für Menschen nicht zu haben, doch wenn eine/r in erleuchteten Augenblicken auch nur in die Nähe kommt, erweist diese sich als eine Ansammlung maximal unwahrscheinlicher Widersprüche. Bereits in der Antike galt die dieser überfordernden Ambivalenz angemessene Weisheit als unerreichbar, empfohlen wurde, sie nur mit dem gehörigen Abstand zu lieben und zu bewundern – nicht viel anderes bringen heute theoretische Physiker zustande, die mit Hilfe ihrer Computer dem Geheimnis der Materie auf der Spur sind und sich zugleich damit abfinden müssen, wie wenig ihre Ergebnisse noch mit dem alltäglichen Vorstellungsvermögen nachzuvollziehen sind. Doch bereits der Gedanke, die Weisheit in einer Ideenwelt zu situieren, bereitete ein Sprungbrett in den Monotheismus vor, der mit der Verachtung allen weltlichen und materiellen Geschehens eine strikte Subjekt-Objekt-Dichotomie in die Welt warf. Im Gefolge von Descartes Unterscheidung zwischen res extensia und res cogitans, prägte Kant strikte Trennung von Innenwelt und Außenwelt, Hegels Unterscheidung von Subjekt und Objekt das wissenschaftliche Weltbild der Moderne. Diese starren Unterscheidungen und Trennungen sind unter der Voraussetzung einer vernetzten Gesellschaft und der Verflechtung psychischer Systeme mit technischen und informatorischen Systemen längst nicht mehr aufrecht zu erhalten. Das soziale Gewebe, in dem sich Individuen definieren und bewegen, hört nicht an der abgrenzenden Haut auf, sondern untersteht und befördert Übertragungen, je nach Wissen und Intensität füttert es ausgedehnte energetische Felder.

Manche intuitiven Einsichten, die die Mythen und Erzählungen transportieren, um in der Theologie dann gereinigt und pervertiert zu werden, wurden von den Mystikern gepflegt, soweit es die Kirche zuließ. Doch erst im Gefolge der revolutionären Frühromantik wurde ihre Sprengkraft wiederentdeckt. Sie bereiteten die Konzeption des Freudschen Unbewussten vor oder die kosmologischen Spekulationen des vergangenen Jahrhunderts bis zu den Inspirationsquellen des New Age für die Wissenschaften. Es ist also nur stimmig, wenn es mittlerweile verschiedenste Zugänge zur Verkörperung des Geistes gibt und ganz verschiedene Wahrheiten nicht mehr im Jenseits situiert, sondern in den Reaktionsformen des Körpers oder in der Oberfläche von Medien der Darstellung aufgesucht werden.

Benjamin hat einige seiner besten Einsichten aus den Klassikern gekeltert, um mit diesem Repertoire die Ideenlehre in ein Relationssystem kanonischer Texte zu verwandeln. Diese erkenntnistheoretischen Grundlagen erscheinen noch einmal verjüngt in den Geschichtsphilosophischen Thesen, in denen spezifische historische Konstellationen präsentiert werden. Bei den in verschiedenen Formen auftretenden Reprisen des Übergangs vom Mythos zu Aufklärung gibt es Anleihen sowohl beim Mythos, wie bei der Theologie, wobei beide, wie später der Bezug auf den historischen Materialismus, nur als Relate innerhalb der Konstellation eines Denkens fungieren, damit aber zu überraschenden Einsichten führen. Angeregt von diesem Verfahren gehen wir von Erfahrungsmustern aus; der unergründliche Übergang vom Körper zum Leib wird durch die allmähliche Erschaffung junger Augenblicksgötter (Usener) geleistet; schließlich sind sich verschiedenste Traditionslinien darin einig, die unergründliche Gabe des Menschen sei die Liebe und nur das Unergründliche könne dem Unergründlichen gewachsen sein. Dieser Kontext legt es nahe, Steiners Kennzeichnung der Kritik auf das Verhältnis von Nähe und Ferne, auf das Glück des Unvorhergesehenen, auf die dauernden Interpretationsversuche zurückzubeziehen, mit denen ein Paar in der Beziehungsarbeit außer Zukunftsplanung und Selbstidentifikation, das Bedürfnis nach Vertrauen und Sicherheit, wie das auf Selbstentfaltung und Emanzipation, zu koordinieren hat. Beziehungsarbeit heißt, sich aneinander abzuarbeiten, sich in der Beschirmung der zugrundeliegenden Einsamkeiten näher zu kommen, um gerade wenn einer/m gewisse biographischen Daten zu nahe treten, eine respektvolle bis schonende Distanz einzunehmen, die zu immer wieder neuen Mühen um die Nähe der/des Anderen anspornt. Aus diesem Grund bietet es sich an, diese Konstellation mit einem weiteren Zitat in Zusammenhänge zu versetzen, die weit von jener Harmonie entfernt sind, die die Friede-Freude-Erlösungsmentalität unbeleckter Verliebtheiten projiziert. „Ich würde gern dieses Paradox entwickeln: dass das Begehren und die Vitalität der Ehe dort eine viel bessere Überlebenschance haben, wo tiefe Feindschaft herrscht.“ Steiner lässt hier unentschieden, ob es die menschheitsgeschichtlichen und genealogischen Ambivalenzen im Verhältnis der Geschlechter sind, die zu dem führen, was wir schon im ‚Altpapier‘ die Liebe als Duell genannt, über die Jahrzehnte hinweg dokumentiert, durch die Schreibe einzufangen und um dessen Energie zu erleichtern versucht haben. Oder ob damit die in der ‚Katastrophenpädagogik‘ dargestellten, gesellschaftlichen Zusammenhänge gemeint sind, in denen unter dem Schatten eifersüchtiger Mütter bereits die Zugangsbedingungen zu den Großinstitutionen, wie auch die Ausschlussbedingungen normaler Arbeits- sprich Abhängigkeitsverhältnisse, jede Exklusivität der Beziehungsarbeit permanent stören und auf die Dauer ausschließen. Ganz im Sinne des Benjaminschen Unternehmens ist also zu zeigen, wie Spannungen als Bedeutsamkeiten zu moderieren sind. Prinzipiell oder historisch vorliegende Ungleichgewichte müssen immer wieder neu in einem Mobile austariert werden, damit Widersprüche und Gegensätze auf einer übergeordneten Ebene zu einer Harmonie zusammenklingen können. Womit wir jenen menschheitsgeschichtlichen Bereich streifen, in dem neben Selbstzerstörung, Hass oder Krieg sogar Harmonien zum Tragen kommen durften. Die Liebe wächst an den Schmerzen, die zwei einander antun müssen, wenn sie zu Ende geboren werden, wenn sie jenen Punkt erreichen wollen, an dem sie abgenabelt wirklich für einander da sein können. Wer hinter diesen Schmerzen angekommen ist, stimmt ein in ein Lachen, in dem sich das Gesetz des symbolischen Tausches zu erkennen gibt. Gebe, so wird dir gegeben, verschwende dich, und du leidest keinen Mangel. Ein Paradoxon, das sich schon an der Tatsache erweist, dass sich Gefühle verdoppeln, wenn sie geteilt werden! Das bis auf die Erfahrung des Heiligen zurückgehende Gesetz dieser Welt ist der symbolische Tausch, der immer wieder eine unerbittliche Wahrheit herstellt: Es gibt nichts umsonst und nichts bleibt, das nicht vergolten wird.

Die Gesetzmäßigkeiten, die Žižek aus einem Hollywood-Melodram als Botschaft der wahren Liebe filtert, scheinen auch für unsere Liebe als Duell die Weichen gestellt zu haben, mit denen ich als Belohnung für eine verzweifelte Überlegenheit zur persona non grata erklärt werden konnte. Vergeblich habe ich um die Liebe der von mir begehrten Frau gerungen, aber weil sie in ständigen Abwesenheiten schwebte, ihr zu beweisen versucht, dass ich ohne sie überleben würde. Ich konnte ihr meine Auswanderung in die Geisteswissenschaften vorziehen, selbst wenn sie alles für mich war. Am effektivsten stellte sie diese Liebe auf die Probe, indem sie mich im entscheidenden Moment verriet. Nach dem Abschluss der Magisterarbeit und direkt vor dem mündlichen Examen gab sie vor, zu einem anderen zu ziehen. Nach dem von Žižek vorgegebenen Schema habe ich diese Negation, trotz eines schwindelhaften Sogs, der mit der Vorstellung einherging, aus dem fünften Stock zu springen, überstanden und meine Aufgabe völlig traumatisiert, aber in der Feld einer gewaltigen Virulenz so erfolgreich bewältigte, dass mir zwei Professoren Promotionsangebote machten. Dem Gesetz des Melodrams folgend habe ich mich dieser Lebensgefährtin als würdig erwiesen; sie war zurückgekehrt, um kein dreiviertel Jahr später, nach dem Abschluss der Doktorarbeit in einer abgemilderten Feuerprobe das gleiche Spiel noch einmal zu versuchen. Doch dieses Mal mit dem sich ein paar Monate nach dem Rigorosum einstellenden Erfolg, dass sie der traumatisierte Part war. Ich hatte die Spannung gehalten, mich auf meine Ausarbeitung und die Vorbereitung weiterer Themen konzentriert, hatte mir gesagt, dass sie doch machen sollte, was sie aufgrund irgendwelcher Zwänge machen musste – und sie bestrafte sich mit einer Colitis. Damit war allerdings endgültig klar, dass dieses Spiel der konfliktuellen Mimetik ein Ende haben sollte: Die schlimmstmögliche Wendung wäre gewesen, auf den Prägungsmustern imaginärer Größenvorstellungen zu beharren, auf die Frau zu verzichten und sich damit dem Verheizungsgeschehen einer Institution auszuliefern. Gegen diesen Imperativ einer delegierten Selbstzerstörung, der noch immer darauf angelegt war, mich ganz im Sinne Ortegas auszubremsen, um die Gesetzmäßigkeiten des elterlichen Signifikantennetzes zu verschonen, begann ich mich für meine Lebensgefährtin zu reservieren.  Nachdem die Weichen für eine mögliche geisteswissenschaftliche Karriere mit einem Habilitationsangebot gestellt waren, verwendete ich die ausschlaggebenden Begegnungen dazu, mich abzuseilen. Während ein ehrgeiziger Literaturprof mich regelmäßig abpasste, gab ich zweimal klar zu verstehen, für die Rolle eines Bildungsbeamten nicht geeignet zu sein: ‚Damit relativiere ich mich nicht‘. Ein Jahr lang blieb ich allen universitären Veranstaltungen fern, widmete ich mich ausschließlich der Liebe meines Lebens, half ihr, die Spannungen, unter denen sie stand, in Worte zu verwandeln und durch die Schreibe zu mortifizieren. Aber statt in die Ausbremsung durch Verzicht und Melancholie einzuwilligen, ergab sich der Ausweg, die Energien in einen gemeinsamen Roman umzuleiten. Nach Foucault entdecken wir, wenn wir verzweifelt sind, eine natürliche Verwandtschaft mit dem Wahnsinn, der die Abwesenheit des Werks ist. Wenn in vielen Fällen der Mangel an Objektivierungen des Grauens zum Absturz führt, halfen uns die Routinen über einen Abgrund hinweg, die ich die letzten zwei Jahre learnig by doing den Kursteilnehmer zum Creative writing als Selbsterfahrung beigebracht hatte. Im Laufe des Tages gingen wir die Aufschriebe des Vormittags durch, lasen uns Abschnitte gegenseitig laut vor, in denen irgendwelche holpernden Rhythmen oder seltsame Metaphern oder eklatante Widersprüche zu klären waren. Entscheidend war, dahinter zu kommen, wo die Selbstbestrafung herkam, die sich hinter dem Programm versteckte, selbst groß zu sein, auf keinen Mann angewiesen sein zu wollen. Warum lauerte hinter dem Ehrgeiz, sich selbst überall durchzusetzen, ohne auf einen Partner Rücksicht zu nehmen, tatsächlich die Angst, von eben diesem Partner enttäuscht zu werden? Aber auch, wo kam diese absurde Strategie her, sich selbst lahm zu legen und eigene Chancen als Bedrohungen zu kodieren? Um die Energie einer gemeinsamen Selbsterkundung auf beide Seiten zu verteilen, begann ich meine Aufzeichnungen über die Verführung durch einen Päderasten beizusteuern; die Winkelzüge einer Mutter aufzudecken, die mich in den Mythos des Heros und der Göttin verstrickt hatte. Deutlich wurde, wem ich den Mangel an Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht zu verdanken hatte, wie die daraus folgenden, durch die sekundäre Sozialisation am anderen Ufer bedingten Vollzugsschwierigkeiten. Wir analysierten und überarbeiteten auch diese Texte gemeinsam und griffen auf alle Aufzeichnungen aus den siebziger Jahren zurück. Unterstützt durch tägliche Massagen und Sex pur war nach diesem Jahr nicht nur die Colitis überwunden, sondern auch die Angst vor der Angst in Schach gehalten. Außerdem lag die erste Rohfassung unseres Romans ‚Altpapier‘ vor – und damit das Material, mit dem die Stuttgarter Literaturwissenschaften später objektive Gründe vorlegen konnten, um eine Intrige zu befeuern, die allein mit der gekränkten Eitelkeit eines Professors nicht zu rechtfertigen gewesen wäre. Sie zielten die Zerstörung der Beziehung und besonders meine Vernichtung an; es brauchte noch drei Jahre ständiger psychotische kleiner Nadelstiche, dank denen regelmäßig Delegierte geknickt oder aus dem Spiel gekegelt wurden, während wir uns mit einem beschränkten Verleger rumärgerten. Der hatte sich zwar sehr schnell gefunden, aber immer wieder auf neuen Kürzungen und Umarbeitungen bestanden – er war nicht der literarisch völlig unbeleckte Ignorant, auch nicht der gefühlsblinde Sadist, den er vorspielte, aber er hatte den Auftrag, sich als ebensolcher zu verhalten. Als all das nichts half, um mir den Mut zu nehmen und den Antrieb zu zerstören, lancierten die Intriganten eine Einladung zum Gründungsrat für ein Literaturinstitut in der Sächsischen Staatskanzlei. Während aus meiner Materialsammlung zum Thema Kulturarbeit und Mortifikation die nötigen Thesen für eine Neukonzeption des ehemaligen Becher Literaturinstituts entstanden, ließen sich die Krüppelzüchter absurde Zeichensysteme einfallen, um mich abzuschrecken oder einzuschüchtern, um mir auf jeden Fall nahezulegen, gar nicht erst nach Dresden zu fahren. Aus der Materialsammlung entstanden in den nächsten drei Jahren die beiden Bände ‚Philosophischen Sperrmüll‘ – und das zeitliche Umfeld des Todeslaufs in Dresden wurde fünfzehn Jahre später als ‚Literagonie‘ dokumentiert.

Žižeks Paradox besteht aus einem platonischen Sidekick. Er begründet, dass die Liebe, genau deshalb, weil sie das Absolute ist, nicht als direktes Ziel angezielt werden darf, sondern den Status eines Nebenprodukts behalten muss, das heißt von etwas, das uns als unverdiente Gnade zufällt. Diese unverdiente Gnade ist tatsächlich die der platonischen Evidenz, und weil das Auge den immateriellsten Sinn bedient, ist es eben die Frau, die auf den Status eines Nebenprodukts reduziert wird. Wenn es bei Lacan heißt, der Mann suche in der Frau alle Frauen, also die Mutter, während die Frau im Mann über den Erzeuger verfügen will, ist mit dieser Rollenverteilung tatsächlich sein Dictum eingelöst, es gäbe kein Verhältnis der Geschlechter –womit die Verabsolutierung der Liebe zwingend wird. Die Liebe gehorcht unter den Voraussetzungen des Schautriebs dem Aufgeilen und Ausreizen, dem Sachverhalt des gegenseitigen Ausspielens innerhalb der kulturschwulen Vereinigung – ich biete dir, was du gar nicht haben willst und wenn du nicht spurst, strafe ich dich damit, dass du nicht bekommst, was du gar nicht haben wolltest. Ein explosives Gemisch aus Selbstbetrug und Hochstapelei, Opferverhalten und Erpressung, das tatsächlich von einer Idealisierung der Liebe angetrieben wird, die unerfüllbares Begehren und Angst vor dem Versagen derart verschränkt, dass im Resultat Hass oder Resignation, Verzweiflung oder Abwendung, eine Quittung für das verpasste Leben ausstellen. Dabei ist die idealisierende Überhöhung durch die Vergrößerung der Abstände nicht nur ein Irrweg des Verfehlens, sondern auch völlig ineffektiv und damit überflüssig, denn das Verhältnis der Geschlechter stellt sich von ganz alleine ein, wenn das Zusammenspiel der komplementären Hormonsysteme in schöner Regelmäßigkeit hochgekitzelt wird. Durch die hinter uns liegenden familiären Verhältnisse gingen wie allerdings auch von anderen Voraussetzungen aus, als durchschnittliche Simulanten der Selbstheit, für die die Ehe jene Sicherheit und Stillstellung zu verbürgen hat, dank denen sie sich immer wieder einmal an einem Abenteuer – und wenn es nur im Imaginären abläuft – versuchen müssen. Ich hatte mit einer Mutter gebrochen, die alles für sich haben wollte und mich als ihr Eigentum betrachtete, die mir nicht einmal einen eigenen Vater gegönnt hatte – und die schließlich die erste war, die unsere noch junge Beziehung versuchte zu torpedieren. Außerdem waren wir uns von Anfang an einig, keine Kinder zu machen: meine Lebensgefährtin war sich bewusst, dass sie als Einzelkind nicht bereit wäre, mit einem Kind zu teilen, und ich hatte mich sterilisieren lassen, schon um dem Risiko zu entgehen, den Verstümmelungen meiner Kindheit in der nächsten Generation erneut zu begegnen. Natürlich besitzt die Liebe die Struktur jenes Ausnahmezustands, der viele normale Funktionsweisen des eigenen Gefühlslebens außer Kraft setzt. Sie befördert uns nach der ersten Verliebtheit aufgrund divergenter Familienromane in einen Krieg, in dem alles zu Debatte steht, mit Füßen getreten und verleugnet wird, bis das einzige, was auf der Folie der Verzweiflung wirklich zählen soll, eine idealisierte Liebe ist, die man/frau vergeblich erwartet, solange diese Exklusivität jede/r für sich beansprucht. Ohne das Schmiermittel Sex pur ist die Geschichte auf die Dauer hoffnungslos, doch mit einer Verheißung, das Paradies zu ervögeln, ergibt sich, wenn es gut läuft, der notwendige Schritt auf einander zu. Gerade die Erfahrung des Ausnahmezustands weckt die Aufmerksamkeit, um verschiedenste Beobachtungen auszuwerten. Sie erweisen, wie und warum der Krieg von all jenen ausgeht, mit den Eltern, Geschwistern oder besten Bekannten angefangen, die mangels eigener Kapazität dem Zwang unterstehen, eine exklusive Beziehung zu behindern und zu zerstören. Für den Imperativ der Vernichtung braucht es noch nicht einmal institutionell abgesicherte Intrigen – obwohl die in genau dem Augenblick zur Stelle sind, wenn das Paar durch alltägliche Verführungen oder Störungen nicht mehr erreichbar ist. Schritt für Schritt bestätigt die Fixierung und Ausarbeitung solcher Erfahrungen das Paar in einer einzigartigen Position jenseits jener Verzichtleistungen, die die sich selbst als normal definierenden Leute modelliert haben. In ihrem erinnerungswerten Text ‚Geschlecht oder Kopf‘ gehen für Cixous alle hierarchisierenden Oppositionen zurück auf die Opposition Mann/Frau, die nur aufrecht erhalten werde durch die als naturgegeben vorausgesetzte Differenz zwischen Aktivität und Passivität. Die hergebrachten Theorien der Kultur oder Gesellschaft, alle gängigen symbolischen Systeme die uns sprechen machen als Diskurs, Kunst, Religion, Familie… bauen auf Oppositionen, die zwanghaft im Zentrum des Beziehungsfelds von Paaren installiert sind. Das Paar hält diese Todesmaschinerie mit allen nur denkbaren Ambivalenzen des Dazwischen am Laufen – die einen hören schnell auf, um nach Surrogaten Ausschau zu halten, andere halten so lange durch, bis sie sich soweit ruiniert haben, dass die Resignation eine gewisse Erleichterung verspricht. Man/frau möge sich also mit den Gesetzmäßigkeiten des Paars beschäftigen, wenn sich eine unwahrscheinliche Chance einstellen soll, das komplette System aus Lüge und Verleugnung auszuhebeln. Das Paar, gerade weil es nach vorgegebener Erwartung alles andere eher sein soll, ist ein ständiger Kriegsschauplatz der Kultur, der über Abwesenheit und Begehren, Sehnsucht nach Nähe und manischen Fluchtverhalten, Geilheitsdressur und Versagensangst, jene Energien freisetzt, die die menschenverachtende Maschine antreiben, zugleich aber kaschieren, unter welchen falschen Voraussetzungen die Betroffenen zu bereitwillig mitspielen. Einer der ersten Geistesblitze, den Ambivalenzen freisetzen, könnte sich in der Einsicht niederschlagen, die Gesetzmäßigkeiten des Paars beanspruchten eine derartige Exklusivität, dass niemand anderes überhaupt die Möglichkeit haben sollte, dazwischen zu husten.

An anderer Stelle ist Žižek allerdings auf der richtigen Spur, wenn er vorschlägt, das Hohelied Salomons nicht als Allegorie zu lesen, sondern ganz wörtlich als Beschreibung eines rein sinnlichen, erotischen Spiels. Das unterstreicht nicht nur die heilsame Wirkung des puren Sex, sondern auch die energetische Blase, die sich um uns aufzubauen begann und von der viele Invektiven und üble Nachreden einfach abprallten. Lange bevor wir begannen, die damit verbundene Erfahrungen der Unangreifbarkeit und Überlegenheit aufzuschreiben und ihren Wirkungsweisen nachzuvollziehen, begann sich die Ahnung zu artikulieren, dass in der leidenschaftlichen sexuellen Interaktion bereits eine spirituelle Macht am Werk ist. Eine göttliche Energie, die wir der Offenheit für die/den Andere/n verdankten; ein Werk biomagnetischer Botenstoffe und damit der Intensität körperlicher Leidenschaften. Wie sich zeigte, besteht die eigentliche Aufgabe darin, einen Status der Befriedigtheit zu erreichen, der die Ebene der konfliktuellen Rivalität verabschiedet. Dank einer inhärenten Sinnstiftung durch diese spirituelle Dimension wird ein autopoietischer Prozess expandierender, optimistischer Selbstgenügsamkeit angestoßen. Auf einmal wird alles zu einer guten Übung und die Störversuche, die torpedierende Intrige halten dieses Programm wie von alleine in Gang: Sollten sie doch versuchen, zu was sie ihre Zwanghaftigkeiten antrieben – sie bestätigten schließlich nur, wie sehr wir uns unterschieden. Die Krüppelzüchter mochten steigern, doch dabei erfahren, wie wenig die sadistischen Bosheiten, die Versuche, uns einzuschüchtern, den Mut zu nehmen, uns tatsächlich betrafen, wenn die Körper jubelten. Die stetige sexuelle Rückkopplung erwies sich zugleich als Zugang zu einer machttheoretischen Dimension. Wir begannen, ohne dass vor den Invektiven irgendetwas von diesen Zusammenhängen zu ahnen war, die Gesetzmäßigkeiten eines blankpolierten Spiegels zu erkunden. Annäherungen an dessen Wirkungsweise waren bei Schellings von Jakob Böhme inspirierter seliger Stille zu finden, jenes Sinnens in sich selbst als Struktur der intellektueller Anschauung; anhand Schopenhauers Begriff der Kontemplation oder der Beschäftigung mit Zen war die Anregung aufzunehmen, dass schon ein gewaltiger Schritt gemacht sei, wenn sich die Einsicht einstelle, dass die Spiegel tatsächlich nichts zeigen. Die innere Anschauung der Mystik hatte wie nebenbei den Zusammenhang von Erotik und Gotteserfahrung unterstrichen; indische Logik, Metaphysik und Liebeskunst Schopenhauer inspiriert; japanischer Zen-Buddhismus gelehrt, dass alles was uns umtreibt, nur Vorstellungen sind. Wir sind Spiegel, wir sind Masken, doch jenseits dieses Bezugs auf die anderen ermöglicht die von Schopenhauer beschriebene Kontemplation einen ästhetischen Zustand, während dem ein Subjekt das Objekt aus allen raumzeitlichen Bedingungen herauslöse und isoliert als Repräsentant seiner Verweisungszusammenhänge vor sich sehe. Die gewöhnliche Betrachtung der Dinge hört auf, wenn wir uns in einem Gegenstand verlieren, wenn individuelle Erwartungen und das Begehren hinter dem Gegenstand verschwinden. Intentionale, teleologische oder psychologische Akte gehen in einer Zeitlosigkeit verloren, bestehen bleibe also nur noch das Objekt im klaren Spiegel eines reinen Subjekts. Er beschreibt ein Als-ob, in dem ein Gegenstand ohne den ihn Wahrnehmenden allein da wäre, also nicht mehr zwischen Anschauendem und Angeschautem zu trennen ist. Mit diesem in eine mimetische Frühzeit des Nachahmungszwangs zurückreichenden Bombast war immerhin ein Repertoire zur Verfügung,  mit dem nach und nach gewisse Gesetzmäßigkeiten klar wurden. Allerdings umkreiste eine Ahnung, was die Wirkungen eines  blankpolierten Spiegels ausmachte, komplementäre Funktionen dieser Gesetzmäßigkeiten. Nicht wir schauten in den Spiegel, um mühsam zu lernen, dass er nichts zeigte! Sondern die Leute, die anfangs gemeint hatten, uns nach ihrem Bilde zu modellieren, uns mittlerweile vernichten wollten, weil wir nicht mitspielten, schauten in einen Spiegel, der ihnen nichts von uns, sondern lediglich die eigene Bosheit und Zukurzgekommenheit zeigte. Immer dann, wenn wir einen Status der Bedürfnislosigkeit erreichten, dank dem uns kein Begehren, keine Bewunderung, keine fehlerhafte Identifikation und auch kein Wunsch nach Anerkennung mit jenen Leuten verband, die uns schaden wollten, fanden die bösen Wünsche keine Ähnlichkeit, an der sie sich festklammern konnten. Sie wurden zurückgespiegelt. Wir relativierten uns nicht mit akademischen Bonsaigärtnern, die meinten unsere Gegner sein zu müssen und an den Fäden delegierter Marionetten zogen; sie interessierten uns nicht, ein befriedigter Status verbürgt die Nichtkonfliktualität. Wie aus verschiedenen Andeutungen zu erschließen ist, kann über einen blankpolierten Spiegel nicht verfügt werden, doch gelegentlich verwandelten wir uns in einen. Für ein Nu stellten sich die psychischen Voraussetzungen jenseits der narzisstischen Selbstbezüglichkeit ein, an denen das Ich sich derart verflüssigte, dass es für Momente von allen Bedürfnissen und Abhängigkeiten gelöst und deshalb für Invektiven oder verführende Selbstdefinitionen nicht mehr erreichbar war. Was anfangs noch das staunende Gewahrwerden bewirkte, sich aus irgendwelchen Gründen in einer schützenden Sphäre zu bewegen, die das Glück des Unvorhergesehen transportierte, den Zufall für uns arbeiten ließ, erwies sich mit der stetigen Übung als Schutzschild, der unsere effektive Verteidigung übernahm, indem er negative Energie retourniert: Annahme verweigert, zurück an den Absender. Natürlich könnte man argumentieren, wie seien bestraft und beschädigt worden, weil wir für eine schmerzhaft lange Zeit in der Luft hingen und keine Ahnung hatten, wie es weitergehen sollte – und dennoch weitergingen, obwohl so gut wie keine Chance bestand, ohne irgendwelche Unterstützung irgendetwas zustande zu bringen. Immer wieder einmal höre ich die Behauptung, das ganze Theater habe nicht dazu getaugt, uns mit einem sicheren finanziellen Hintergrund, also einem stabilen Arbeitsvertrag in der verwalteten Welt zu versorgen. Aber hatte ich das jemals gewollt? Wenn ich mir darüber Gedanken machte, dann vielleicht, weich ich mitbekam, wie die Sicherheit des Arbeitsverhältnisses manche Begabung in einer  Sucht stranden ließ, wie ehrgeizige Gelehrte vom Krebs ausgeknockt wurden oder der Alzheimer namhafte Profs isolierte. Viel eher hatten mich Abhängigkeitsverhältnisse zurückgeschreckt – und nichts lehnte ich derart ab, wie die ständigen Ausbremsversuche von Bildungsinstitutionen. Was wir dann in die Wege leiteten, um bis dahin unvorstellbare Umsätze in Bewegung zu setzen, fand über sechs Jahre oft am Rande der Legalität statt. Im Nachhinein erwies sich das Ergebnis als fast absurd. Die Inszenierung des Gründungsrats in Dresden wurde notwendig, weil wir keine anderen Zugriffsmöglichkeiten mehr übrig gelassen hatten; sie war als letzte große Falle dazu gedacht, den Willen zu brechen und mich in eine Einbahnstraße der Selbstzerstörung umzuleiten. Danach blieb uns gar nichts anderes übrig, als auf ein Maximum an Unwahrscheinlichkeit zu setzen. Den Mut, auf einem Hochseil zu balancieren, bei dem keine Fixpunkte einen festen Halt garantierten, hätten wir von alleine sicher nicht gehabt. Aber weil es eben nicht anders ging, sorgte der von den Körpern freigesetzte jubilatorische Effekt nicht nur für eine Widerlegung der pädagogischen Krüppelzüchter, sondern dazu noch für viele kleine aber wichtige Schritte, die aus der Region des verordneten Elends hinausführten. Schritt für Schritt, nichts anderes geschieht noch immer mit jedem weiteren Buch.

 

Für Steiner ist die Poiesis das Resultat einer konfliktuellen Mimetik, eine Nachahmung der Schöpfung, die diese zu übertreffen suche und eben deshalb mit ihr rivalisiere: Dichter, Künstler und Komponisten arbeiten sich an Gegenschöpfungen ab. Doch ist das stimmig, widerspricht es nicht jeglicher Logik, wenn die Kopie der psychotischen Anmaßung untersteht, besser als das Original zu sein? An anderer Stelle heißt es, man müsse sich eine Form geben, Form sei die Wurzel der Ausführung – doch wie oft ist das nicht mehr als die Kompensation von Potenzstörungen. Heißt es doch, in einem fundamental pragmatischen Sinne werde das Gedicht, die Statue, die Sonate nicht so sehr gelesen, angeschaut oder gehört als vielmehr gelebt, womit der Surrogatcharakter der Künste besonders deutlich wird. Die Vertreter eines solchen Kulturbegriffs sind tatsächlich Schmarotzer und Vampire, ‚der Meister und sein Schüler‘ plädiert eindeutig für die Opferung der Schüler zugunsten der Macht und Einsicht der Meister, wobei das bevorzugte Schmier- und Antriebsmittel dieses Prozesses vor allem der Kult jener großen Künstlers ist, die sich für ihr Werk geopfert haben. Nach Gumbrecht scheinen mimetische Rivalität und eifersüchtiger Gott den zentralen ästhetischen Zugang auszumachen, sei es beim Football, sei es im Museum, tatsächlich lehnten sich in den menschlichen Schöpfern wütende Fröhlichkeit und liebender Zorn gegen die ambivalente Einsicht auf, dass sie nur Nachfolger sind – welche immanente Parallele zu einer Liebe als Duell! Der symbolische Tausch mag einst aus dem Todesritual einer sich durchsetzenden Entdifferenzierung hervorgegangen sein, um später den Traum von oder die Sehnsucht nach einer ohne Unterschiede vollständigen Reziprozität zu prägen, die keine akkumulierbaren Reste zurücklässt. Für Bohrer verwirklicht sich Hofmannsthals große Wahrheit und damit das Mysterium der Poesie, wenn sich das Dasein des Dichters oder Rezipienten für die Dauer eines Atemzugs in einem fremden Dasein auflöst. Die Macht der Symbole, die uns bezwingen, beruhe auf einem Zurückkehren der archaischen Natur, die uns an sich reiße. Wie sich der vorgeschichtliche Jäger für einen Augenblick im sterbenden Tier aufgelöst hat, selbst das sterbende Tier war, so löst sich der poetisch ergriffene Mensch in den Symbolen auf. In den aggressiven und ängstigenden Spannungen menschlicher Gemeinschaften  beendet wie Girard zeigte ein Opfertausch – eine/r für alle  – den mimetischen Taumel; sein Zauber beruht auf der Täuschung, mit dem wie von selbst hergestellten Tod die Angst zu besänftigen. Der im Nachhinein vergöttlichte Sündenbock hat sie von da an fernzuhalten: Was wir selbst gemacht haben, glauben wir mit der Einsicht Vicos nicht fürchten zu müssen!

Wenn uns als Leser, Hörer oder Betrachter der Eintritt des Ästhetischen in unser Dasein erfahrbar wird, geben sich Züge der Schöpfung in ihren formalen Gegebenheiten zu erkennen. Innerhalb der Grenzen unser eigenen Kreativität vollziehen wir beide Gegebenheiten unserer existentiellen Gegenwart in der Welt nach: die des Wunders der Geburtlichkeit und die der Ungeheuerlichkeit des Todes. In diesem Sinne verschmilzt das ästhetische Objekt das Erlebnis einer Gestaltwerdung der Negation von Sterblichkeit anhand der Extremwerte der Andersheit, die eine immer wieder erneuerte Spur des niemals ganz zugänglichen Moments der Schöpfung suggeriert. Und wieder findet sich hier ein Bezug auf die Liebe, wenn die Andersheit eine schamhafte Selbstverhüllung und Beschirmung der/s Anderen empfiehlt. Wir sind immer auf die Spielräume einer Freiheit von dem was wir zu lieben und am besten zu kennen glauben angewiesen, ganz zu schweigen von dessen Aura des Schreckens. Der Motor der ursprünglichen Verliebtheit, von der alles seinen Anfang nahm, wurde schließlich von der Angstbewältigung gespeist

In solchen Zusammenhängen bietet sich die Schlussfolgerung an, Musik, Metaphysik und religiöses Gefühl seien fast immer in einer mehr oder weniger diffusen Einheit zu erfahren gewesen. Schon für die Pythagoreer versprachen mathematische Regelhaftigkeiten in der Natur einen tieferen Sinn, der über die materielle Wirklichkeit hinaus auf eine göttliche Intelligenz verwies – die Entdeckung der mathematischen Proportionen in der musikalischen Harmonielehre wurden als spirituelles Muster einer religiösen Offenbarung empfunden. Als Gegenbewegung zur natürlichen Erdverbundenheit erleichtert die Musik noch Jahrtausende nach dieser Entdeckung in liturgischen Zusammenhängen die Erhebung über die Schwere der materiellen Zusammenhänge. Dabei sind wir in und durch Musik am unmittelbarsten in Gegenwart der logisch und verbal nicht auszudrückenden, uns jedoch ergreifenden Daseinsenergie, die den Sinnen und der Reflexion vermittelt, was vom noch keinen Definitionen unterstehenden Wunder des Lebens zu fassen ist. Musik wird zum Spiel mit der Unnennbarkeit der Benennung des Lebens – jenseits irgendwelcher theologischen Spitzfindigkeiten. Bereits lange vor der Konzeption der Turingmaschine wurde die Musik von Leibniz als geheime Arithmetik der Seele bezeichnet: Sie entzücke uns, obwohl ihre Schönheit nur in der Übereinstimmung von Zahlen und der Berechnung von deren Verhältnis bestehe! Die Tatsache, dass die Musik nur zähle, werde uns nicht bewusst, doch gerade deshalb sollte bedacht werden, dass syntaktischen Relationen keine Sphäre erreichen, innerhalb derer Bedeutungen kodifiziert sind. Es ist zu vermuten, dass sie frei fluktuierende Bedeutsamkeiten zu Mustern kombiniert, die in irgendeiner Ähnlichkeit zu früheren Erlebnissen oder Erfahrungen stehen. Wenn sich bei Steiner dagegen die Anregung findet, die Musik sei voller Bedeutungen, die sich nicht in logische Strukturen oder verbalen Ausdruck übersetzen lassen, weil in der Musik Form Inhalt ist und Inhalt Form, so mag dies einen weiteren Zugang zur Mustererkennung anbieten. Die Musik sei nicht nur in höchstem Grad zerebral, sondern zugleich auch somatisch; Musik versuche sich an einer körperlichen Resonanz, auf der tiefer als Wille oder Bewusstsein liegenden, fleischlichen Ebene. Sie mache äußerst substantiell, was die reale Gegenwart von Bedeutung umreiße, denn sie bringe in unser tägliches Leben die unmittelbare Begegnung mit einer Logik der sinnlichen Erfahrung. Eine Logik, die eine andere ist als die der Ratio, die in den Quellen des Seins am Werk und in der Lage ist, lebensvolle Formen hervorzubringen. Wenn es heißt, das undefinierbare und ungeheure Wesen der Musik bringe unser Sein als Menschen in Berührung mit dem, was das Sagbare transzendiert, was das Analysierbare hinter sich lässt, versucht er eine Erfahrung einzukreisen, ohne sie auf einen Nenner zu bringen. Viele nach der Einschätzung von Foersters durch Bildung verstümmelte und um die Erfahrung des Wunderbaren reduzierte Menschen erfahren nur durch Surrogate gefiltert, wie das Unergründliche der Körper kommuniziert, also vom Unergründlichen erfasst wird. Vielleicht gerade deshalb liefert die Musik den Grundstock einer Religion für Menschen, die jenseits der Institution Kirche einen Glauben finden. Selbst bei den Ekstasen von Pop und Rock, die Steiner ablehnt, ist für ihn eine schrille Überschneidung bemerkbar. Für ihn übersetzen Künstler, Dichter und Musiker ein Etwas in lebendige und gelebte Formen, die auf Gott oder Transzendenz verweisen. Er nennt den durch die dichte Schicht alltäglicher Zusammenhänge dringenden Schimmer bereits Erkenntnis, ästhetische Erscheinungen werden also zur formgewordenen Epiphanie. Dieser minimalistische Gottesbeweis wird von der Frage getragen, was dieses Etwas in uns sei, wenn wir Menschen meinen zu wissen, es könne ohne uns sein, über oder jenseits von uns, wir aber nicht nachzuvollziehen wissen, wie es in uns gelangt ist. Wenn er gewissen Anregungen des von ihm geschätzten Benjamin über das Zeitalter eines Zwangs zur Nachahmung und ein ihm folgendes mit der Suche nach Ähnlichkeiten bereits der Emanzipation unterstehenden Zeitalters gefolgt wäre, hätten sich vielleicht jenseits des Gottesbezugs noch andere Unwägbarkeiten ergeben. Die einer archaischen Mimesis unterstehenden Spiegelneuronen mögen privilegierte Momente einer umfassenden Kommunikation eröffnen, uns mit einer Gesamtheit des Bestehenden kurzschließen; sie sind das für die Erfahrung der Normalität Ungreifbarste, weil gerade die dauernde Simulation der mit der Sozialisation verinnerlichten Norm mehr oder weniger hilflos versucht, ekstatische Extreme und jeglichen Überschwang auszuschließen. Musik als Energie stellt uns in eine Beziehung zu jener Energie, die das Leben ist; wenn wir in ihr ein Nachklingen der ursprünglichen Situation im Mutterleib erfahren, versetzt sie uns in einen unmittelbaren Bezug zu jener abstrakt und verbal nicht zu kommunizierenden, primären Tatsache der Lebendigkeit. Wenn Musik zu einer Bedeutsamkeit wird, die gänzlich musikalisch ist, stellt sie für eine momentane Erfahrung jene Ähnlichkeit von Welt und Musik her, dank der wir das Spannungsvolumen eines Mysteriums somatischer und spiritueller Erkenntnis empfingen, obwohl es auf einer anderen Ebene liegt, als alle biologische und psychologische Bestimmung. Sowie diese Form der Kommunikation den Status des Heiligen streift, klingen in ihr Kittlers ewige Schwingungen des Sinus mit. Für Bohrer scheint die entscheidende Neuigkeit der Internetkommunikation die Aufhebung der Differenz zwischen Sender und Empfänger, wenn in der Gleichzeitigkeit die Kommunikation des einen mit der des anderen  zusammenfällt und damit die Zeit des ursprünglichen Jetzt gelöscht wird, in der man sich eben aus der Zeitspanne des Alleinseins mit sich selbst besonders und anders fühlt. Damit kommt er dem ursprüngliche Ansatz der ihn nicht überzeugenden ‚Aufschreibesysteme‘ recht nahe; das Medium ist die Botschaft, weil es bereits unsere Wahrnehmung strukturiert, also darüber entscheidet, was wir vernehmen. Aber er sieht wohl nicht mehr, wie sich nach einer ersten Emphase der Internetkommunikation regelmäßig die Enttäuschung über die Nichtssagendheit und Leere bemerkbar macht. Auch das ist ein Einfluss dieses umfassenden Aufschreibesystems – es müsste den Konsumenten eigentlich zeigen, mit welcher Inbrunst sie dem Nichts hinterher hecheln und prompt weichen sie in einen totalitären Aktivismus oder in selbstzerstörerische Innerlichkeitsemphase aus. Dabei kann in den biographischen Zusammenhängen des 21. Jahrhunderts die eine/n ergreifende Erscheinung des Schönen eine Epiphanie des Göttlichen werden: Auf den biomagnetischen Feldern des Heiligen wird das Schöne nicht allein als Erscheinung zugänglich, an der sich das Begehren entzündet, sondern es zeigt eine Macht, die die Intensitäten des Lebens stimuliert, die immer wieder neu in der Lage ist, enorme Energien freizusetzen. Die Formulierung des jungen Schelling, Schönheit sei die Sprache des Absoluten, kommt einer Wahrheit ganz nahe, die wir nur für Sekunden ertragen, um dennoch an ihr zu gesunden. Der sinnliche Impuls landet in der Amygdala, springt dann vom Gefühlskern des Gehirns zum Hippocampus, um als Erlebnis verarbeitet und zu Erinnerungen geformt zu werden – wenn uns dieses Ereignis ergreift, fördert es vor allem eine umfassende Bejahung des Lebendigen mit allen dazu gehörenden Widersprüchen und Prüfungen.

 

Steiner situierte sich in generationsübergreifenden Zusammenhängen der schützenden Fürsorge, profitierte von Empfehlungen innerhalb gewachsener Beziehungen – auch dieses Feld kann die Bereitschaft stimulieren, an ein gnädiges übergeordnetes Sein zu glauben. Jenseits solcher privilegierter Kontexte kann der Autor als Sozialisationsprodukt eines Hilfsarbeiters auf ganz konkrete Anlässe verweisen, sei es eine Verführung, sei es ein Todeslauf, während denen er den Boden unter den Füßen verlor und unter Qualen zu lernen hatte, zwischen mehreren Welten hin und her zu springen, ohne noch in einer wirklich zuhause zu sein. Die Winke und Ahnungen, die die Sozialisationsprodukte einer großbürgerlichen Elite in Kunstwerken zu kennenzulernen hatten, später dann als kulturellen Urlaub vom Realitätsprinzip aufzusuchen wussten, wurden häufig genug erst durch die Askese gekeltert. Dabei verdankten diese Leute die genuine Erzeugung kultureller Werte häufig genug den Süchten und Wahnvorstellungen von Exponenten ihrer Klasse, die am Status Quo verzweifelten und die Last ihrer Familienverhaftetheit oder der damit verbundenen Widerholungszwänge abzuwerfen suchten – also den Restbeständen eines schamanistischen Erbteils. Die Massenunterhaltung liefert seit geraumer Zeit jenseits der Zugangsriten der hohen Kultur fast kostenlos, was wir für den Urlaub vom Ich und für manches Erhebungsmotiv benötigen – aber dafür zahlen die Konsumenten solange mit Jugend und Enthusiasmus, bis im besten Fall eine ausgepowerte Nüchternheit übrig bleibt und im schlechtesten das hasserfülltes Ressentiment sexualgestörter Terroristen. Dabei könnten jenseits einer Konsumwelt körpereigene Drogen aus der Erfahrung von Elend und Ausgeliefertheit, wie schon vor Jahrtausenden, das Sprungbrett eines neuen Glaubens machen, und wenn es der Glaube an göttliche Kräfte ist, die wir in Grenzerfahrungen freisetzen. Man muss sich nur beschissen genug fühlen und völlig am Ende sein: Die Gewissheit, dass es höchstens das Leben kostet, wenn es auf einmal nötig wird, um das eigene Leben zu rennen, kann eine fast gleichgültige Kälte gegenüber der Gefahr bewirken. Als mir jene Gewalten begegneten, hieß es, die Spannung urweltlicher Kräfte zu halten, die Assoziationsmuster durchzuarbeiten, bis anonyme Geistesblitze zündeten. Nun erwies sich, dass nur ein befriedigter, mit sich einiger Körperbezug in der Lage ist, diese Kräfte zu akkumulieren, ohne die Energie in Kurzschlüssen abzufahren. Wenn alles auf dem Spiel steht, können auf einmal kleine Beobachtungen bei zufälligen Beobachtungen bedeutsam werden – das Zittern eines Augenlieds, das Stocken und hässliche Ratschen eines hohen Stöckelschuhs, die vibrierenden Pliseefältchen über der Oberlippe der starken Frau, die hinter den intriganten Strategien eines Professors stand. Die plötzliche Einsicht, die scheinbar nebensächliche Begegnungen vermittelte, konnte eine gewaltige Ruhe und Stärke verleihen. Bohrer nannte als Wirkungsgewalt von Ereignishaftigkeit, dass selbst banale Vorgänge, wenn sie einen unter Spannung setzen, über die mutmaßliche Sinnlosigkeit von allem hinwegtäuschen können. Selbst die tägliche Beobachtung von Personen und Vorgängen kann in dem Augenblick, in dem sie als Fremde wahrgenommen werden, einen phänomenalen Effekt auslösen. Wer nicht im eigenen Land lebt – und ich hatte mich bereits in der Familie als Fremdkörper gefühlt und diese Fremdheit in keiner der späteren Zusammenhänge verloren –, erfährt das Alltägliche wie das Nichtalltägliche immer wieder unter symbolischen Vorzeichen. Die Sinne stellen nur unvollkommene Bezüge zum eigenen Wissen her, produzieren dafür umso mehr an Bedeutungen, umso mehr das Neue mit dem Symbolischen verknüpft wird. Der Todeslauf, der mich aus fast allen gewohnten Lebensvollzügen heraus katapultierte und unter enorme Spannungen setzte, weckte nicht nur andere Wahrnehmungsformen und der Verfremdung entsprechende Schlussfolgerungen; die damit verbundene extreme Entfremdung potenzierte zudem das Lernvermögen, befreite mich vom Zweifel an der Sinnhaftigkeit meiner Existenz. Ein Paradox: Das Ausschlussverfahren sprengte die Antriebsstörungen, die bis dahin in allen möglichen Lebenszusammenhängen für jene Ungewissheit gesorgt hatten, die einen nötigen sollte, sich den Verfahrensordnungen von Institutionen anzuvertrauen. Die durchschlagendste Erfahrung war vermutlich, wie mit dem der Gleichgültigkeit und Kälte verdankten Aussetzen der konfliktuellen Mimetik die Gesetzmäßigkeiten eines blankpolierten Spiegels zu wirken begannen – jenseits eines Sich-wehren-Wollens, doch als Resultat der aus einem Nichttun resultierenden Abstände. In Lebenszusammenhängen, die einen dazu nötigten, jede Mark zweimal umzudrehen, weil den akademischen Intriganten selbst für Hilfsarbeiten die Flüsterpropaganda nicht zu schade ist, kann es erhebend sein, wenn einem der Wind mit einigen Fetzen aus der Tageszeitung zuträgt, welche Einschläge auf der Gegenseite zu verzeichnen waren, wie es wieder einen Delegierten der Krüppelzüchter umgehauen hat.

Wenn es bei Steiner heißt, es bedürfe einer ungeheuren Stärke und Enthaltsamkeit gegenüber dem Wiedererkennen, gegenüber einer impliziten Referenz, um die Welt zu lesen und nicht den Text der Welt, wie er schon zuvor für uns enkodiert wurde, mag das in den wohlgeordneten Abhängigkeiten so sein, aber nicht nach Erfahrungen, die eine/n durch alle institutionellen Register rauschen ließen, um die Gewissheit einzupflanzen, dass nichts gewiss ist. Wenn er spekuliert, es könne sein, dass ein Vergessen der Frage nach Gott der springende Punkt jetzt im Entstehen begriffener Kulturen sein werde, dass vertikale Bezüge auf höhere Dinge, auf das Ungreifbare und Mythische, die noch immer in unseren Metaphern oder in den Tiefen der Grammatik transportiert werden, aus der Sprache verschwinden, übersieht er die Allgegenwart des Elends in unseren Weltzusammenhängen. Es muss eine/n nur im entscheidenden Moment ergreifen, und selbst der Computer wird zu einer metaphysischen Prothese. Schließlich ist an der Verwandtschaft der religiösen Gefühle mit der von Kamper verfolgten Beziehung zwischen Ausgeliefertheit und Fantasie – im Kerker werden die Träume überlebensnotwendig – anzusetzen, um für eine Kunst der Phantasielosigkeit zu argumentieren. Falls etwas verschwindet, wird es sehr wahrscheinlich der Niederschlag jener wohlgefederten Abhängigkeiten sein, deren Schlagschatten seit ein paar Generationen wieder den Nachwuchs ausbremst und klein hält. Währenddessen kommen die tragischen Verwicklungen, die die großen Mythen transportiert haben, nach und nach deutlicher zum Vorschein – in der Massenunterhaltung sind sie bereits seit geraumer Zeit präsent. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass jene Mutationen des Bewusstseins und des Ausdrucks in den Codes künstlicher Intelligenz dafür sorgen, die ontologische Garantie der Bögen der Metapher und die Formen ästhetischen Schaffens, wie wir sie gekannt haben, lahmzulegen. Viel wahrscheinlicher wird ihre technische Reproduzierbarkeit, verstärkt dank einer Perfektionierung durch Künstliche Intelligenz, ungeahnte sinnliche Überzeugungsgrade erreichen. Schließlich bringt die Industrialisierung der Fantasie durch eine rechnergestützte Filmindustrie und ihre Anknüpfung an klassische Mythen enorme Erweiterungen zustande – die primären Inhalte eines neuen Mediums waren immer die vorangegangenen Medien. Außerdem ist bereits zu sehen wie Anregungen aus Subkultur, Comic und den mittlerweile dominanten sozialen Medien Menschheitsthemen recyceln, die die Regression in den Dienst an der Verarbeitung neuer Umweltanforderungen stellen.

Bohrer wurde im fortgeschrittenen Alter von einer  erotischen Faszination gestreift, die die nackten Körper der Göttinnen und der irdischen Schönen in der Kunstgeschichte auf den Betrachter ausüben, doch das ist wohl weniger den Hormonen und mehr einem plötzlichen Staunen über die Kodifizierung von Sehgewohnheiten zu verdanken. Während er an Baudelaires Sprachkunst bewunderte, wie das Eine, die Fähigkeit zu spirituellen Sublimationen, mit dem anderen, den geistfernen Empfindungen des wollüstigen Körpers, zusammenhing, meinte er, in der ausgebreiteten Darstellung des weiblichen Sexualkörpers eine Art Huldigung an etwas Erhabenes, Unheimliches entdecken. Im Gegenzug begegnet er in Kunstausstellungen der Erkenntnis, dass nackte Schöne erregen können, um dann die Komik zu bemerken, wenn Leute vor diesen wunderbaren Leibern, vor ihrer erotischen, sogar sexuell einladenden Körperhaltung mit ernster Miene stehen, als beobachteten sie lediglich Kunstwerke. Mit Warburg drängt sich doch eher die Erklärung auf, sie schützen sich vor einer Überwältigung durch den sinnlichen Reiz. Sie waren sicher nicht so befriedigt und abgeklärt, dass bereits Malweise und Perspektive alle Aufmerksamkeit okkupierten, sondern viel eher flüchteten sie in die Selbstdarstellung der Kennerschaft, zogen also die Besetzung vom sinnlichen Objekt ab, um sie auf die zensierende Beobachtung des eigenen Ausdrucks zu verlagern. Wie die Schreibe in der Lage ist, mit jedem weiteren Bearbeitungsvorgang mehr von den Besessenheiten zu mortifizieren, ist anzunehmen, alle künstlerischen Darstellungen leiteten dank der formvollendeten handwerklichen Brillanz die Erregung um oder sogar ab. Kunst in der richtigen Dosierung dient damit der Selbstimmunisierung der Betrachter aufgrund der sedierenden Wirkungen eines ganzen Katalogs von Betrachtungsanweisungen, während hochkomplizierte Pornographie, die trotz des technischen Apparats eben die Herausgehobenheit in einen künstlerischen Rahmen verleugnet, bereits die Gefahr der sinnlichen Überwältigung transportiert, sich aufgrund eines dauernd frustrierten Triebgeschehens nicht beherrschen zu können. Wenn ich Bohrer also weiterdenke, ist sein Staunen der späten Erkenntnis zu verdanken, dass die Kunst dem Verpassen dient – in literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen der Avantgarde hatte er die ästhetische Negativität sogar als Ausweichreservat vor dem ermüdenden Alltagstrott und der standardisierten Wahrnehmungen wie der Normalität der Empfindungen gekennzeichnet –, sie hat gerade das Erschrecken und den Angstimpuls seiner in der Fiktion gesuchten Plötzlichkeit abzupuffern. Dagegen erinnere ich mich noch recht genau, wie nach der Verführung mittels holländischer Hochglanzmagazine durch einen Päderasten Pornos eine sekundäre Sozialisation ankurbelten, die mich nach und nach zur intensiven Beschäftigung mit sogenannter Hochkultur führte, die als Aufhänger oder Motor noch immer Sex and Crime nötig hatte. Meine erste Begegnung mit dem Glück des Unvorhergesehenen, denn unter den sozialen und finanziellen Einschränkungen und Denkbehinderungen meiner Elternwelt wäre ich schnell abgestumpft und verkümmert oder hätte mich in einem zeitbedingten, aber blinden Protest den verschiedenen Selbstzerstörungen gewidmet. Mit der nötigen Übung wurde der ursprünglich unbeherrschte sexuelle Impuls bis zur Sublimierung eines abstrakten Wissenwollens geführt. Ich wollte immer noch sehen, das Geheimnis des Lebens, aber nun in jener Potenzierung des antiken Sehers – und landete in der Philosophie. Doch alles theoretische Wissen war nichts gegenüber der körperlichen Erfahrung mit einer Frau, die aktiv am Ende der Freundschaft mit dem Päderasten beteiligt war. Sie ließ die sexuelle Erfüllung heilsam auf die Freude am Risiko des Verbrennens am entfesselten Antrieb einwirken, ohne tatsächlich zu wissen, welchen Zauber sie damit ausübte. Als sie die unliebsame Konkurrenz des Päderasten ausgeschaltet hatte, begann sie sich, ohne große Rücksicht darauf, ob es mich störte oder mir wehtat, ihrem Egotrip zu widmen. Und ich spielte mit, um immerhin wieder und wieder an einer Zaubermöse zu gesunden. Es gab sonst keine wirklich gemeinsamen Interessen, für die Zeit nach der ersten Verliebtheit war es also alles andere als gut gelöst, aber schon die freigesetzten Bindungskräfte bewirkten die später im ‚Altpapier‘ dokumentierte Störversuche aus allen möglichen Richtungen. Seltsamerweise hatten alle Leute, mit denen wir zu tun hatten, beste Freunde oder Verwandte eingeschlossen, Interesse an der Störung dieser so unkonventionellen Beziehung zwischen einer Beamtentochter und dem Sohn eines ehemaligen Hilfsarbeiters, der sich bis zum Geschäftsführer einer Chemischen Reinigung hochgearbeitet hatte. Vielleicht sorgte dieser unterschwellige, noch nicht wirklich bewusst gewordene Kampf für weitere Bindungskräfte. Als ich mich in Seminaren zu profilieren begann, zeigten sich auch im akademischen Umfeld enorme Widerstände und libidinöse Versuche, die Beziehung durch lancierte Gegenbesetzungen zu sprengen. Wie später nachzuvollziehen war, als die von interessierten Profs vorhergesagte, akademische Zukunft bereits vor dem Start hinter mir lag, gehorchten die Intrige und der Vernichtungsimpuls innerhalb der Abhängigkeitsverhältnisse von Bildungsbeamten der geheimen Entwicklungslogik einer Großinstitution. Genau die Fähigkeit, das Begehren zu binden, um aneinander zu gesunden, stellte den institutionellen Anspruch in Frage, das Begehren zu diffundieren und für den Apparat zu reservieren. So war es genau jene Kompetenz der erfüllenden gegenseitigen Befriedigung, mit der es gelang, die Richtung einer fremdgesteuerten Vernichtung umzukehren und auf jene Instanzen zurückzuleiten, die uns zerstören wollten.

In Steiners ‚Logokraten‘ habe ich einige Formulierungen gefunden, die diesen Anspruch, über die Libido der Anempfohlenen zu verfügen, in den verschiedenen Abschweifungen über die Musik verbergen. In den Büchern der letzten zehn Jahre wurde das meiste an den verschiedensten Stellen bereits berührt, aber aus einer anderen Perspektive. In gegen den Strich gelesenen, konservativen Traditionszusammenhängen ist es erhebend jenen anarchistischen Interpolationen zu begegnen, die mich bewegt haben. Wichtig ist dabei die Kennzeichnung eines in der Musik ausgefochtenen, antagonistischen Verhältnisses der Geschlechter, die Spiegelung des Verhältnisses von Musik und Poesie im Verhältnis von Natur und Kultur und die virtuell immerhin mögliche, harmonische Übereinkunft in Kontexten, die vor aller Semantik angesiedelt sind. Gerade wenn es um die Beziehungen zwischen Sprache und Musik geht, sind die archaischen Mythen unserer Kultur durch extreme Formen der Gewalttätigkeit gekennzeichnet. Später, in dem Gespräch mit Ronald A. Sharp heißt es: Der Tod hänge eng mit dem zusammen, was er als eine von der Musik transportierte Wahrheit empfinde. Der ursprünglich durch die Konfrontation mit dem Tod ausgelöste Schrecken mag die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins befördert, komplementär dazu aber ein Gefühl für das Ende der Zeit und des persönlichen Lebens eingeschrieben haben, das in der Musik wieder präsent werde. Schweigen und Stille spielen nicht nur in der Redegewalt eine entscheidende Rolle, sie unterstreichen die Bedeutsamkeit einer in sich stimmigen Musik. Sie veranschauliche vor allem jene Kategorie des Sinns, die man nicht übersetzen, nicht paraphrasieren, nicht in irgendwelche anderen Termini übertragen kann, die aber zutiefst bedeutsam ist. Musik als die aufregendste, zentrale menschliche Aktivität, die sich dennoch unseren Erkenntnissen entzieht – in verschiedenen Zusammenhängen zitiert er Lévi-Strauss, für den die Erfindung der Melodie das höchste Geheimnis alles menschlichen Lebens ist. Die Wahrheiten eines ordnungsgebundenen Fühlens in der musikalischen Erfahrung sind nicht irrational, aber sie sind nicht auf die Ratio zurückführbar. Wenn das fundamentale Modell des Sinns die Übersetzung ist, dann stellt sich die Frage, warum wissen wir, dass die Musik etwas bedeutet, wenn sie nicht paraphrasierbar ist. Für Steiner sind Gott oder kosmische Ordnung mit Warburg im Detail zu entdecken und die Bereiche des menschlichen Wissens verschwindend gering gegenüber dem, was wir alles nicht wissen können. Dagegen ist die Musik der Ort für einen intensiven Sinn, den wir nicht verstehen, aber der uns ergreift und mitnimmt; sie bestätigt die Stimmigkeit des Gefühls für ein mysterium tremendum in den Künsten. In Literatur, Musik und Kunst werden Spuren oder Umrisse einer Gegenwart transportiert, die dem Bewusstsein und der Rationalität vorausgehen, Überreste einer prä-logischen, einer prä-grammatischen Ablagerung visueller und auditiver Materie, die Anfänge der menschlichen Selbstgewahrwerdung vermitteln und in gewissen musikalischen oder erzählenden Sequenzen noch immer transportiert werden. Die Anfänge menschlichen Bewusstseins, die Entstehung von bewusster Wahrnehmung, umfassten eine lange Periode der Kondensierung, in der sich um unergründliche Knoten bei der Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem anderen, während der Entdeckung des Skandals, den der Tod darstellt, Wunder und Schrecken zwischen Sein und Nicht-sein abgelagert haben.

Zwei Jahre nach Abschluss der ‚Katastrophenpädagogik‘ stieß ich in einem Sammelband auf eine erhellende Arbeit Runias, für den die Gesetzmäßigkeiten einer kulturellen Evolution aus der Erfahrung mehr oder weniger selbst hergestellte Katastrophen folgen. Nach Freud wird der psychische Apparat durch das Vermeiden oder die Ableitung unlustvoller Spannungen reguliert. Die Gesamtheit psychischer Aktivitäten folgt dem Telos, Unlust zu vermeiden und Lust zu verschaffen, wobei Unlust aus der Erhöhung der Erregungsquantität, Lust dagegen aus deren Verminderung resultiert. Diese ökonomische Gesetzmäßigkeit mag erklären, warum Menschen, wenn man sie nur ließe, glücklich aber nahe am Verblöden und Vegetieren wären. Freud weist allerdings in verschiedenen Zusammenhängen darauf hin, dass es lustvolle Spannungen gebe, die, auf das relative Niveau der Besetzungen bezogen, bewusst herbeigeführt und systematisch gesteigert werden. Erotische Anziehungskräfte und sexuelle Techniken, den Reiz hochzukitzeln und für Augenblicke ein Niveau kurz vor dem Zerplatzen zu erreichen, haben sicher nichts mit der Reduzierung von Erregungen zu tun. Trotzdem führte die Frage nach einem Jenseits des Lustprinzips zu der weiteren, warum Kulturarbeit an Askese und Selbstzerstörung gebunden ist, warum die Menschheit sich das Leben selbst schwer bis unerträglich mache. Runias ‚Kurzschluss in der Lustmaschine‘ stellt einige überzeugende Argumente zusammen, die jene Ebene kennzeichnen, auf der das Überleben des Menschen nicht mehr allein von der Anpassung an die äußeren Umstände abhing und trifft sich mit dem konstruktivistischen Ansatz eines von Foerster. Die ersten Funken sprühten bereits, als sich erwies, wie diese Aufgabe wesentlich ökonomischer durch eine Zähmung der Umwelt umzusetzen war: Sie war dem menschlichen Phänotyp anzupassen. Diese Umformatierung führte zu einer selbst geschaf­fenen Umwelt, die als Kultur übertragen und vermittelt werden konnte. Die Gesetzmäßigkeiten einer genetischen Evolution wurden weitgehend stillgestellt und von einer kul­turellen Evolution überlagert, die kein zielgerich­teter Prozess war, sondern nur im Rückblick eine Richtung, eine diese Entwicklung fördernde Bestimmtheit be­saß. Die kulturelle Umwelt verlangsamte die Entwicklung nicht etwa, wie dies aufgrund des nachlassenden Drucks zu erwarten wäre. Denn in dem Maße, in dem Menschen die Natur entwaff­net haben, wurde ein Wettstreit zwischen Gattungen durch stets neue Formen des Wettstreits innerhalb der eigenen Gattung ersetzt. Der Kampf gegeneinander und die konfliktuelle Infragestellung erwiesen sich als vorteilhaft für die Entwicklung. Damit entstand der Luxus einer unbeirrbaren Besessenheit, uns selbst das Leben schwer zu machen und jene Selektivität, die wir der Natur genommen haben, im Rahmen der Kultur zu potenzieren. Die kulturelle Evolution resultiert aus Erfindungen, hinter die nicht zu­rückgegangen werden kann, die uns keine andere Wahl lassen, als ihren Anfor­derungen zu entsprechen. Und ebendieser Zwang, Anforderungen gerecht zu werden, die wir uns selbst aufgehalst haben, mag zum Besten der Gattung dienen, solange sie die dabei entstandenen technischen Möglichkeiten der Selbstauslöschung nicht ausreizt – leider aber nicht zum Besten der Einzelnen.

Die Zähmung der Natur, während die Selektivität bewahrt und das Unvereinbare vereinig wird, macht die kulturell vermittelte Evolution zu einer mächtigen Waffe – die Menschheit hat bisher mehr Gattungen ausgerottet, als größere Kometeneinschläge. Dieser die Generationskette übergreifende Kopierprozess für ethnosemantische Inhalte ist viel effizienter als langsame, genetisch vermit­telte Reproduktionen. Doch die zugrunde liegende Ambivalenz bleibt in allen daraus folgenden Errungenschaften erhalten. Sie besteht zum einen aus der Kompetenz, eine Umwelt zu schaffen, die die Menschen vom Zwang zur Anpassung an die Natur befreit, zum anderen aus der Aufrechterhaltung und Beschleunigung evolutionärer Gesetzmäßigkeiten, indem Menschen untereinander in Rivalitäten verstrickt werden. Die Menschheit ist für ihre Entwicklung selbst verantwortlich geworden, wird aber in ihren Möglichkeiten durch deren Eigendynamik eingeschränkt, denn vorausschauende Anpassung wie selbstauferlegte Selektivität sind von den daran Beteiligten unabhängig. Geschichte als kulturell vermittelte Form der menschlichen Evolution unterscheidet sich von der natürlichen Artenauswahl, weil wir uns als Gattung ständig zwanghaft den Boden unter den Füßen wegziehen, also die uns in die Zukunft treibenden Katastrophen selbst erzeugen. Die Entwicklung wird durch Ereignisse vorwärtsgetrieben, die als Unfall oder der Katastrophe erfahren werden, die sich seltsamerweise aber durch die Tatsache verwandeln, dass sie geschehen, damit es kein Zurück mehr gibt. Die Mutationen, denen wir unseren evolutionären Erfolg verdanken, stellen sich im Rückblick als Fortschritt dar. Die von Benjamins Engel wahrgenommene, fortwährende Katastrophe sollte uns nicht vor der Größe der eigenen Aufgabe zurückschrecken lassen und damit für künftige Entscheidungen ausbremsen. Gerade wenn wir keine Wahl haben, wachsen wir über uns hinaus, oft stellt sich nur dann das Glück des Unvorhergesehenen ein. Aber was ist das Glück eigentlich anderes! Wir begegnen ihm nicht, wenn wir reglementierenden Ratgebern für Bedürftige folgen, die psychische Ökonomie einer zwanghaften Planwirtschaft unterstellen. Schließlich ist das Glück nichts, das unserem Willen, der richtigen Strategie oder dem Sparsamkeitstick unterstellt ist, sondern wir tauschen Erwartungen und Sehnsüchte, Ängste und Begehren gegen etwas ein, das uns auf unvorhersehbare Weise überrascht.

Notwendige Entscheidungen, mit denen die Umwelt unseren Bedürfnissen angepasst wird, beruhen häufig genug auf in ihren Folgen nicht absehbaren Improvisationen, die Sprünge innerhalb der Kultur anstoßen. Eigentlich sollten gewisse Vorgänge erleichtert werden oder sicherer oder befriedigender zu erledigen sein, doch diese oft nur geringfügigen Änderungen werden von einer drastischen Verschärfung der Selektivität begleitet, mit der das Leben oder Überleben erst einmal erschwert wird. Je mehr die Folgen dieser Veränderung von Erwartungsmustern und Handlungsroutinen überraschen, je weniger die dadurch geschaffenen neuen Anforderungen zu verleugnen sind, desto mehr Komplexität muss tatsächlich reduziert werden. Die Neigung, Überzeugungen, Werte und Identität den tatsächlichen Folgen dieses Handelns anzupassen, sorgt erst einmal für eine psychische Stabilisierung, oft werden diese Akkomodationen als Opferverhalten oder Strafbedürfnis interpretiert und einfach akzeptiert. Die erzeugten Dissonanzen dienen der Erhöhung von Komplexität und scheinen dazu angelegt, die weitere Selektivität zu gewährleisten. Mit Luhmann wird das System durch die Entsorgung von Risiken und die Lösung von Problemen in Gang gehalten, die es durch die Entsorgung von Risiken und die Lösung von Problemen selbst erzeugt hat. Menschen be­ginnen keine Revolution, um die Komplexität zu steigern, sondern ein­schneidende historische Ereignisse motivieren Fluchtbewegungen in eine unbestimmte Zukunft. Bewirkt wird dies durch das Gespür, ungewissere oder gefährlichere Umstände wären mit einem Vorteil verbunden oder mit der Hoffnung, die Dinge außer Kontrolle geraten zu lassen, um gegen Verwaltungsvollzüge und Ausbremsungen die Flucht nach vorn anzutreten. Aus dieser Perspektive betrachtet stellen sich Revolutionen als Blasen der Komplexitätserzeugung dar – in denen sich die Beteiligten wechselseitig auf immer höhere Stufen der Selektivität treiben.

Der beste Weg zur Komplizierung einer Situation besteht in dem Versuch, sie zu vereinfachen. Man wirft alle Bedenken über Bord und reißt sich von einem in Konventionen, über­lieferten Auffassungen und anderen uns selbstverständlich scheinenden Dingen los, verabschiedet Teile eines gespeicherten Systems der Komplexitätsreduktion. In dieser kulturevolutionären Phase resultieren neue histo­rische Entwicklungsstufen nicht etwa aus vorgefassten Plänen, sondern aus Ergeb­nissen der Taten, die wir taten, ohne recht zu wissen, was wir tun. Auf der Gattungsebene werden einschneidende Ereignisse in einem Status der Ab­wesenheit oder Zerstreuung gebo­ren. Viele historische Größen haben gemeinsam, dass sie sich in Ausnahmezuständen bestimmter Konventio­nen oder überlieferten Auffassungen entäußerten. Diese hergestellte innere Leere kann, indem sie latent Gegenwär­tiges freisetzt, einschneidende historische Ereignisse bewirken, die die Komplexität steigern und einen Bruch mit dem Selbstver­ständlichen darstellen. Im Resultat ergibt sich in historischen Augenblicken eine Wiederverzauberung der Welt durch eine Steigerung der Selektivität – wobei das Prinzip Hoffnung oft ganz nah am Alptraum der Abgründe liegen kann.

Die Schönen Künste haben sich als Veranstaltungen des gezähmten Schreckens erwiesen: In Literatur und Kunst werden extreme psychische Besetzungen verarbeitet und modelliert, um sie für Alltagssituationen ertragbar zu machen. Mit Bohrers Thematisierung des Erschreckens kommen wir ganz nah an eine Wirkungsgewalt, die mit variantenreichen Tricks und unendlichen Verfahrensordnungen wie Sindbads Dschinn in einer verkorkten Flasche gefangen gehalten wird. Was uns erschrecke, sei das transpsychologische Geschehen, die Plötzlichkeit überfahre das Puffersystem der Wahrnehmungsgewohnheiten und sprachlichen Klischees  – poetologisch wird die Metapher zum Wahrnehmungsereignis. Je stärker die Metapher die Referenz verdrängt, desto mehr gerät jeder Inhalt unter das Zeichen des faszinierenden und bedrohlichen Signifikanten. Ein extremer, intensiv erschreckender literarischer oder künstlerischer Inhalt verwandelt seinen Realitätsstatus; der Inhalt und damit seine Wirklichkeit wird von einer Über-Wirklichkeit überlagert. Offenbar liegt eine Ästhetik des Schreckens als plötzliche Epiphanie von Intensität und Geheimnis der Kunst selbst als Bedingung zugrunde – jenseits der historisch-sozialen Umstände. Genau diese Schlussfolgerung führt zu Warburgs kunsthistorischem Interpretationsansatz: ‚Du lebst, aber Du tust mir nichts‘. Die Menschheit verfügt über die Institution Kunst, damit Kunstwerke vor einer Überwältigung durch den sinnlichen Reiz schützen. Fetischformen der magisch-animistischen Kulte stehen am Anfang der rituellen Fernhaltung und Vergegenständlichung von Erregungsobjekten. Warburgs Bildtheorie verortet jene Verarbeitungsmuster der Immunisierung auf einer ästhetisch-symbolischen Achse. Nach und nach wurden Fetische zu Zeichensystemen, mit denen wir die Welt strukturieren, um in ihr und über sie zu kommunizieren. Bei jedem Fankult, bei politischen Propagandaveranstaltungen oder ungesteuerten Massenpaniken wird jener durch affektneutralisierende Abstraktionen aufrechterhaltene Mittelraum zwischen Fluten von Angst, von Besessenheit oder überwältigendem Glück durchbrochen. Zeichen werden dann wieder zu Kräften, jede kodifizierte Bedeutung kann unter solchen Einflüssen wieder zur Kraft werden und energetische Bedeutsamkeiten entfesseln, die sich verselbständigen.

In Zusammenhängen der Subversion von Stillstellungsimperativen einer verwalteten Welt wurde einmal die Kennzeichnung ‚Schreckliche Künste‘ geprägt. Gegenüber der Entmündigung und Entlastung durch Institutionen war festzustellen, dass gewisse in der Erotik gründete Gesetzmäßigkeiten des Paars bei den Funktionären der Ausbremsung Gefühle der Ausgeliefertheit, Erschrecken und Erstarren freizusetzen vermögen. Ein vergleichbarer Panikimpuls wird bereits von der erotischen Schönheit freigesetzt, die einem den Atem nehmen oder das Herz bis zum Hals hochschlagen lassen kann. Das ist kein willkürlicher Sprung, denn die Künste sind der erste und naheliegenste Nebenkriegsschauplatz der Erotik, in vielen Fällen ist die Kunst nicht nur durch puren Sex inspiriert, sondern wurde zu einer verlängernden Objektivierung der ursprünglichen Ekstase. Woher kommt der Imperativ, eine Frau erobern zu müssen, wenn bereits jeder nicht dem Verkauf oder reibungslosen Geschäftsablauf dienende Flirt als Angstbewältigung zu interpretieren ist. Richtig sortiert, in einer nachvollziehbaren Reihenfolge zusammengestellt, sollte zu zeigen sein, wie der Anlass immer wieder die Zähmung biomagnetischer Kräfte ist, die Eingrenzung und Kolonisierung einer vorpersonellen Magie, die ungefragt über uns verfügen kann, wenn nicht im entsprechenden Rahmen dafür gesorgt ist, sie zur Ader zu lassen oder uns den nötigen Abstumpfungen auszusetzen, uns unwillkürlichen Immunisierungen zu unterwerfen. Bereits die großen theologischen Gedankensysteme sind als Anstrengungen zu interpretieren, die auf ein erfülltes Begehren zurückgehenden Formen der Magie zu pervertieren und in Riten zu instrumentalisieren. Allerdingt neigen asketische und zölibatäre Grundsätze in dem meisten Fällen dazu, Hingabe und Lassenkönnen zu verfluchen, als Teufelswerk zu tabuisieren, als überkommenen Aberglaube abzuwerten. Auch mit der religionskritischen Aufklärung hat sich an dieser Ausgrenzung des Sich-Öffnens gegenüber allem anderen als der kanonisierten Lehre nichts geändert; die im Gefolge entstandenen Wissenschaften definieren sich über die Ignoranz möglicher Infragestellungen. Was passiert, wenn es zwischen Menschen knistert – mit allen Folgen, wenn die Funken sprühen? Von hier aus erweist ein Blankpolierter Spiegel in zwischenmenschlichen Beziehungen, besonders wenn es um Macht und Abhängigkeit geht, eine Inversion der Gesetzmäßigkeiten schrecklicher Künste. Die Barrieren der Abgebrühtheit und des Zynismus, der Routinen des Business as usual oder der dumpfen Untertanenmentalität können in gewissen Augenblicken einfach durchbrochen werden; die Sicherheit eines Amts wird weggesprengt – die Leute, die ihre Macht bis dahin daraus gewonnen haben, andere zu behindern und auszubremsen, ihnen die Lust am Leben zu nehmen, obwohl sie nur unterdurchblutete Arschlöcher und Mitläufer sind, stellen im blankpolierten Spiegel eines ungerührten psychischen Systems fest, wie machtlos und verquält sie aussehen, wie hilflos sie einer erfüllten Sexualität gegenüber absausen. Wer die eigene Missratenheit und Verstümmeltheit gelernt hat, auszuhalten indem er/sie jede Gelegenheit dazu verwendet, andere mit diesem Manko zu schlagen, kann nicht schlimmer gestraft werden.

Wir müssen in der Lage sein, die Spannung zu halten, um in der Wirklichkeit des Paars andere Prioritäten zu setzen. Dank der Lustpolitik sind Spannungen hochzukitzeln, bis die Selbstimmunisierung ein energetisches Level erreicht, auf dem böse Wünsche oder vergiftete Eingaben abprallen und nach Naheliegenderem, ihnen ähnlichem zielen. Erfahrungen des sozialen Todes verdanken wir als Schwellenwesen kreative Spielräume, komplexere Horizonte in einem Medium des Dazwischen. Der begrenzte Rahmen des Lebens wurde zu einem schwingenden Gedächtnis, das in der Lage ist, die Zeitachse zu manipulieren. Das Glück des Unvorhergesehenen ist Ausdruck einer vorpersonellen Macht, über die nicht zu verfügen ist, die Anschlüsse herstellt, aber nicht zu erarbeiten oder zu erpressen ist, die man/frau nur gewähren lassen kann. Wobei hier nicht einmal Kittlers technisches Relativitätsprinzip: ‚Nur was schaltbar ist, ist überhaupt‘ herangezogen werden muss, denn bereits die Echtzeitanalysen biologisch fundierter Wahrnehmungen beruhen auf diskreten Zeitachsenmanipulationen. Für eine nachvollziehbare Umsetzbarkeit spricht der historische Standindex – der Reversibilität des Computers verdanken wir zusätzliche Komplexitätssteigerungen. Multimediale Prozesse beschleunigen das Lernvermögen, die Verabschiedung fester Wertvorgaben führt zu einer reflexiv gefederten Fehlerkultur. Am Computer verarbeiten sich erst einmal Erinnerungen, aber mit dem Dazwischenschießen objektiver Fäden aus der Zeitgeschichte und den verschiedensten wissenschaftlichen Abschweifungen, mit denen vor Jahrzehnten eine wacklige psychische Konstruktion stabilisiert werden musste, werden mit jedem weiteren Durchgang, mit dem Schneiden und Versetzen von Einheiten der Selbsterlebensbeschreibung, nicht nur die damaligen Unvorhersehbarkeiten nachvollziehbar. Hin und wieder ist auch ein Zipfel des Lacanschen Realen zu erhaschen und zu verarbeiten, um künftige Unvorhersehbarkeiten vorhersehbar werden. Die Digitalisierung kommt jenem Kurzschluss in der Lustmaschine auf die Spur, dem wir die dauernden Interventionen des Imaginären verdanken. Es sind die Vorstelllungen, die uns der konfliktuellen Mimetik ausliefern, mit denen wir den irrwitzigsten Zielen nachjagen, nur um nicht bei uns selbst zuhause zu sein oder in den Unwahrscheinlichkeiten der Beziehungsarbeit festzustellen, welche Unmenge Scheiß wir bisher für uns selbst gehalten haben. Auch bei Kittler ist einmal von einem Kurzschluss die Rede, der in diesem Fall von der Digitalisierung ausgelöst wird, die durch eine Überbrückung alles Imaginären das Reale in seiner Kontingenz für Manipulationen durch symbolische Prozeduren aufschließt. Das ist vielleicht kein Zufall, denn was der erste Kurzschluss an sublimierender und abstrahierender Kulturarbeit in die Wege geleitet hat, wartet ab einem gewissen Level nur darauf, durch einen weiteren Kurzschluss korrigiert zu werden. Die diskret gemachte Zeit erlaube manipulierende Verarbeitungen des Realen, wie sie ohne den Computer nur innerhalb des Symbolischen möglich sind. Diese an den Medien Film und Musik gewonnene Beobachtung ist sicher nur partiell übertragbar, aber immer wenn wir uns für einen zeitlosen Moment in der Präsenz aufhalten, bringen wir Bedeutsamkeiten mit, die die Selbsterlebensbeschreibung um Gesetzmäßigkeiten bereichern. Baudrillard kennzeichnet den Computer einmal als ein wundersames Instrument exoterischer Magie. Nicht nur läuft jede Interaktion auf ein endloses Zwiegespräch mit der Maschine hinaus – auch diese Selbstverschaltung wird als Kurzschluss gekennzeichnet. Sie sorgt zudem dafür, über den Umweg der Maschine an sich selbst angeschlossen zu sein. Dieser momentane und immer wieder gleichzeitige Anschluss an ein Informationsnetz setzt Sinne frei, die unter den Bedingungen des Imaginären nicht zugänglich wären. Ein Effekt äußerster Selbstreferenz bezeugt die Bedeutungslosigkeit der Innerlichkeit, während der Kurzschluss, mit dem das Gleiche unvermittelt ans Gleiche angeschlossen wird, taktile Oberflächenintensitäten freisetzt, mit denen wir uns zu Wahrheiten vortasten, die die ausgeschnittenen, hin und her kopierten Textfragmente ergeben. Wir wissen viel mehr, als uns bewusst sein darf, wir müssen nur unter Zuhilfenahme der nötigen Verfremdungen, durch eine exzessive Entsublimierung des Denkens, darauf gestoßen werden.

Die Chancen, die mit der Erfahrung eines sozialen Todes verbunden sind, ergeben sich häufig aus der Fähigkeit, die Erfahrung einer Ausgeliefertheit, eines Scheiterns, als Sprungbrett für eine Repertoireerweiterung zu interpretieren. Die Möglichkeiten, auf einen anderen Kontext auszuweichen, verweisen auf jene menschheitsgeschichtlichen Sprünge, mit denen eine wache Intelligenz aus den gewohnten Lebensumständen unter Schmerzen und dem Druck der Verzweiflung in den Kontext dieses Kontextes zu wechseln wusste, wenn sie nicht bereit war, in ihre Auslöschung einzuwilligen. Wenn Sloterdijk nachvollzieht, wie einst in Grenzsitua­tionen der Ausgeliefertheit gegenüber dem Unverständlichen des Jenseits der Geburt oder der des Todes ein Kurzschluss zwischen den Bereichen kommunizierender Dunkelheiten die erwachende menschliche Intelligenz puschte, erklärt er nicht nur das ambivalente Faszinosum des archaischen Logos, das später durch Hochreligionen und philo­sophische Metaphysik zum Jenseits rationalisiert wurde. Er deckt damit jenen Zwischenbereich der Latenz auf, der in jedem Weltverständnis eine archaische Integralrechnung vollzieht. Das Wort »Welt« bezeichnet mit Wittgenstein alles, was der Fall ist – wobei Weisheit mit dem Bewusstsein verbunden ist, stets mit den Mög­lichkeiten der Aktualisierung des aktuell nicht Manifesten rechnen zu müssen. Schon in den Anfängen der Selbstreflexion wurde auf die Tatsache Rücksicht genommen, dass der erfahrungsgesättigte menschliche Intellekt nur über einen begrenz­ten Horizont an Wahrnehmungen und Kenntnissen verfügt. Was diesem erschlossen ist, summiert sich zu dem, was hinter einem Horizont an potenziell erfahrbaren Geschehnissen zu erwarten ist. Die zugrundeliegende, primitive Integralrechnung verknüpft das Bekannte und Manifeste mit dem Unbekannten und Latenten im Symbol Welt zu einer kompakten Totalität. Die weise Mahnung, nie zu vergessen, dass alles menschliche Wissen immer nur beschränkt sei, darf unser Lernvermögen nicht unter der Vorgabe eines uneinholbaren Ganzen ausbremsen, denn dieses Ganze ist ein Produkt der Vorstellung und wurde zum Machtmittel von Priestern, Metaphysikern und Theologen. Selbst die Übersetzung ins Philosophische, die uns in der Mitte zwischen den Göttern oben und den Tiere unten situiert, setzt das Koordinatensystem einer imaginären Totalität voraus, das davon abhalten soll, uns als Tiere mit göttlichen Fähigkeiten zu entdecken. Die Projektionen auf ein Ganzes setzen jeweils eine Basisunterscheidung voraus, von der ausgehend bereits ein beschränkter aber ausschließlicher Weltentwuf durchgesetzt ist. Erst wenn wir uns auf die Gesetzmäßigkeiten des Lernens des Lernens einlassen, fällt der imaginäre Bezug auf das Ganze oder Absolute weg. Die Möglich­keit eines gelingenden Lebens wird durch Kontextsprünge eines virtuell unbegrenzten Lernens angestoßen, das die Selbstimmunisierung gegen harte Programmierungen freisetzt. Wie begegnen dem Glück des Unvorhergesehenen nur dank einer um das Unbekannte ergänzten Welterfahrung, in der die Homöostase des familialen oder sozialen Elends kein Mitspracherecht mehr hat. Sloterdijks Philosophie der Latenz setzt im Weltbegriff die selbstheilende Vermittlung eines universalen Integritätsgeschehens frei, dank dem die Möglich­keit eines gelingenden Lebens erhalten bleibe, das offenkundige Unheil also nicht das letzte Wort habe.

In solchen Zusammenhänge sind Beobachtungen oder Einschätzungen Steiners bedenkenswert, gerade weil sie auch jenseits von Transzendenz und Traditionsverhaftetheit greifen. Für ihn ereignet sich eine Modulation des Semiotischen im Organischen durch den Zusammenprall materiell handhabbarer Formen mit der prinzipiellen Andersheit von Bedeutungen. Unser Menschsein erweise sich an dem Paradoxon, dass wir bei genauer Hinsicht nie wirklich wissen, was es ist, was wir erfahren und worüber wir reden, wenn wir erfahren und darüber reden, was ist. Kein menschlicher Diskurs, und sei er noch so analytisch, könne letztlich den Sinn von Sinn selbst ergründen. Unsere Existenz übersteigt in vieler Hinsicht jede Möglichkeit der Bewahrheitung. Weil die Unerklärbarkeit der wesentlichen Setzungen den Imperativ zum strebenden Suchen impliziert, der den Kern des Menschen ausmache, erkläre dies die enge Nachbarschaft zur Transzendenz, deren Medium Dichtung, Kunst und Musik ist. Natürlich ist einzuwenden, nachdem es nicht mehr die Theologen sind, die der Wahrheit oder dem Bedeuten Schönheit zuschreiben, solche rhetorischen Floskeln transportierten noch immer ein Stück Theologie. Auch das Menschenbild des strebenden Suchens ist schon deshalb fraglich, weil sowohl die Theologie wie der später an ihre Stelle getretene wissenschaftliche Anspruch gerade von dem Sendungsbewusstsein angetrieben werden, den sinnlosen Wahn dieses Strebens abzustellen.

Für die Paradoxien des Wissens, für die Suche nach sicheren Interpretationsanweisungen, lohnen sich einige Anleihen beim Konstruktivisten von Foerster, der sich von der Absolutheit des Wahrheitsbezugs verabschiedet hat und jeglichen argumentativen Rückzug auf das angeblich Tatsächliche infrage stellt. Während er sich mit dem Rätsel des hermeneutischen Zirkels beschäftigt, reklamiert er vor allem ein Missverstehen des Verstehensvorgangs. Wenn es heißt, nach der Bedeutung der Wörter müsse im Satzzusammenhange, nicht in der Vereinze­lung des Wortes gefragt werden, stelle sich doch die Frage, wie der Satz­zusammenhang zu verstehen sei, wenn nicht durch die Worte? Diese grundsätzliche Fragstellung der Hermeneutik, vor dessen Einschätzung als circulus vitiosus bereits Heidegger gewarnt habe, thematisiert überhaupt die Kompetenz des Verstehens. Wer den Verweisungszusammenhang als Teufelskreis abwerte und danach trachte, ihn zu vermeiden oder als unvermeidliche Unvollkommenheit zu empfinden, habe die Kunst des Verstehens von Grund auf missverstanden. Von Foerster geht vom Menschen als Kulturprodukt aus, das längst keine Anpassungsprobleme an eine Umwelt habe; als deren Erfinder und Erzeuger wird ihnen eben diese selbst geschaf­fene kulturelle Umwelt keine Anpassung aufzwingen. Sie wissen effektiver und ökonomischer damit umzugehen, ohne aufgrund der Selbstverständlichkeit überhaupt zu wissen, wie diese Kompetenz zustande gekommen ist. Er nennt die genetische Erkenntnistheorie eines Piaget, die Konstruktion der Wirklichkeit in der kindlichen Entwicklung, als gutes Beispiel für die Auflösung der Problematik des Verstehens. Erst wenn wir glauben, die Bedeutung ent­ziehe sich uns, schlüpft sie durch unsere Maschen – es geht uns dann, wie Augustinus gegenüber der Frage nach dem Wesen der Zeit. In der Regel merken wir nicht das Unglaubliche, das Rätselhafte, das Ungeheuerliche, das Er­staunliche, das Wunderbare in den alltäglichen Gesprächen und Reflexionen. Erst wenn dieser Strom von Selbstverständlichkeit gestört wird, stehen wir staunend vor einem Wunder, das erst durch die verschiedensten Assoziationsmuster der Kognitionsgeschichte aufzulösen wäre. Bateson hat den Schlüssel der notwendigen Einheit von ‚Geist und Natur‘ auf den Nenner Mustererkennung gebracht – und wenn Jahrzehnte später feststeht, mit welchen Erkenntnisleistungen künstliche Intelligenz unsere theoretische und praktische Arbeit bereichert, hat die Mustererkennung einen wesentlichen Anteil daran. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, doch die einzelnen Teile erfahren ihren Sinn, ihre Funktion erst über holografische Muster des Ganzen.

Anderthalb Jahrtausende haben die Kirchen das Wissen verteufelt. Die Menschen sollten glauben, alle Versuche des Verstehens grenzten bereits an Ketzerei. Diese Basisprogrammierung hat sich unter den verschiedensten Verkleidungen der Autoritätshörigkeit von der Aufklärung bis zur Wissensgesellschaft durchgehalten. Das Resultat von Predigten der Normalität erledigt für die meisten Menschen jedes strebende Suchen, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind, wenn mit irgendwelchen Ablenkungen oder Besessenheiten die Zeit rumzubringen ist. Für jene, die damit nicht stillzustellen sind, stehen die nötigen Süchte und Manien bereit, an denen sie sich bis zur Erschöpfung abstrampeln können oder verzweifelt aufgeben. Die wenigen, die bei den anfänglichen Versuchen, sich das Paradies zu ervögeln, während der Übungen zur allmählichen Erschaffung junger Götter Ekstasen erreicht haben, die das Begehren für eine gewisse Zeit löschten, erübrigt sich die Frage nach dem Sinn des Unternehmens. Die kurze Zeitspanne, in der wir zwischen Geburt und Tod ohne Handbuch oder passabler Arbeitsanweisung an der Verkörperung von Lebendigkeiten experimentieren, gewinnt an Bedeutung, solange uns ein unerfüllbares Begehren antreibt. Auch in diesen Zusammenhängen findet sich eine inverse Übersetzung der Besessenheit durch die Wirkungsweisen eines blankpolierten Spiegels. Für Steiner, der ekstatische Benetzungen und mimetische Überformungen dem Bereich der ultimativen Negation zuordnet und damit ausschließt, resultiert die unvordenkliche Logik der Beziehungen zwischen Musik, Dichtung und Kunst auf dem Affront des Todes. Im Tod erhält die schwer zu greifende Konstanz des anderen, auf die wir nicht einwirken können, ihre deutlichste Verdichtung. Die Faktizität des Todes mache uns zu Grenzgängern, weil sie sich Vernunft, Sprache und Selbstoffenbarung widersetzt. Aus diesem Grund könnte zu schließen sein, dass bereits der „kleine Tod“ eine Vorschule jener Gelassenheit ist, der es auf den Tod nicht mehr ankommt; die Erfahrung eines sozialen Todes vergrößert die Abstände zu jener hysterischen Todesverhaftetheit, von der vor allem jene Großinstitutionen profitiert haben, die die Menschen mit Paradiesvorstellungen geködert haben, um über sie als Letztmaterie zu verfügen. Wenn wir im Leben nicht auf den Dreh kommen, uns hinzugeben um den Augenblick auszukosten, wird es uns auf die Dauer nur hart und böse, egoistisch und unerbittlich machen. Doch genau das hilft nichts, denn alle Verleugnung sorgt auf die Dauer nur für die unerbittliche Wiederkehr dessen, was verdrängt werden sollte. Die Angstbewältigung sorgt mit jedem Durchlauf für den Zwang einer höheren Dosierung und damit für eine Bestätigung der Angst. Aus diesem Grund versuchen sich Menschen durch irgendwelche kulturellen Artefakte mit der Unaufhaltsamkeit des Eintretens des Todes zu versöhnen, indem sie Werke schaffen, in denen sie sich verewigen. Für Steiner erzeugt die luzide Intensität der Begegnung mit dem Tod in ästhetischen Formen jene Aussage von Vitalität und Lebensgegenwart, die ernstes Denken und Empfinden vom Trivialen und Opportunistischen unterscheiden. Der Tod räume den Künsten Gelegenheiten auserwählter Begegnungen ein, besser noch, sie üben den Zwang aus, ihm Werke abzupressen, wie dies weder Wissenschaft noch Politik können. Nehmen wir noch einmal die Argumentationsfigur der Komplexitätsreduktion des Süchtigen auf, so bietet sich allerdings eine lebensfähigere Alternative zu diesen stellvertretenden Figuren des Opfertods an. Angemessener wäre es vielleicht, sich auf die Gegenwart einzulassen und ein vertretbares Maximum an Empfindung und Erfahrung auszureizen – allerdings muss man/frau das erst einmal können.

Steiner schreibt der sublimierten Schönheit Wahrheiten und Bedeutungen zu und hält sich an einer Resttheologie fest. Tatsächlich machen viele Einsichten, die verschiedensten Fakultäten entstammen, nachvollziehbar, wie die Theologen erst mit der Tabuisierung der Sexualität jene ursprüngliche Überzeugungskraft erotischer Schönheit usurpieren konnten. Dafür mussten sie deren Wahrheit, die einer Logik der Todesverhaftetheit überlegen war, durch die Ontologisierung der Begriffe von allem Schmutz körperlicher Bindungen befreien. Allerdings hat sich erwiesen, wie die Fundierung aller Bedeutungen in Gefühlen geleistet wird. Wenn es heißt, erst die Form verbürge die Verweisung oder Selbstverweisung auf eine transzendentale Dimension, wobei dies Kunst von Anfang an geprägt habe, ist bereits jener Zwangsmechanismus vorausgesetzt, der vom man-muss-sich-eine-Form-geben bis zur Einsetzung eines Gottesstaats reicht. Der Phallozentrismus mag ursprünglich einer Erektionssublimation entspringen, doch in Großinstitutionen wird er zum Potenzersatz sexuell Behinderter. Was bleibt von einer Freude an der Lebendigkeit, von den wachen und aufmerksamen Vollzügen einer Mimesis, mit denen erst eine Welt entsteht, in der die Möglichkeit gegeben ist, mit der sich der Mensch als Schöpfer dieser Welt entdeckt und trotzdem das ozeanisch Gefühl des Einsseins und der Verschmelzung mit dem anderen oder einer Ganzheit der Welt kultivieren kann.

In ‚Von realer Gegenwart‘ steht der Bereich der Musik im Zentrum des Bereichs der Sinnerfahrung des Menschen – mit der Frage, was ist der Mensch? werden Mensch und Musik zu Synonymen. In ‚Blaubarts Burg‘ heißt es, dass die Musik von Kierkegaard und Nietzsche als Hauptträger von Energie und Sinngebung eingeschätzt wurde, dass nach der Bloßstellung aller Sprachverlogenheit durch Psychoanalyse und Massenmedien die Musik im Begriff stehe, ihren uralten Boden wiederzugewinnen – jenen Boden, der ihr durch die Dominanz des Wortes entrissen worden sei. In diesem Zusammenhang könnte die Biochemie ein tragfähiges Fundament liefern, die subliminale Wirklichkeit der Peptide. Ergänzend zu dem in den Ausführungen zu ‚Lust- gegen Machtpolitik‘ interpretierten kulturschwulen Motor des Orpheusmythos verweist Steiner auf das Koordinatensystem der ursprünglichen Motive, welche die Verfassung des Künstlers und des Werkes, seiner Schöpfung und dessen Rezeption kennzeichnen. Wir sind Sprach- und Bildtiere, unsere Anfänge und die Überlieferung des Mythischen bewohnen die Sprache bereits, bevor wir ins Leben entlassen werden. In den meisten Fällen wird der größere Teil unserer persönlichen und gesellschaftlichen Existenz bereits in Sprachgirlanden vorweggenommen, muss durch Lernprozesse und Erfahrungen angeeignet werden. Und doch sind wir offen für Neues, partizipieren an einer welterobernden Kapazität, die uns Künstler und Wissenschaftler vormachen. Doch dieser Lernprozess ist nicht ungefährlich, denn für alles Neue durchlaufen wir Phasen des Absterbens: Wir müssen für einen Moment vergessen, was uns wichtig sein sollte, verraten, was wir geliebt haben, verlieren, an was wir einmal geglaubt haben.

Den narzisstischen Dichter gefährdet die Todessehnsucht, denn der Tod prägt die Bedeutung und verspricht die Unsterblichkeit – während beim Wissenschaftler Konkurrenzdenken und Machttrieb über Umwege vergleichbare Besetzungen der Selbstzerstörung stiften. Aber beiden gestattet dieser Antrieb zugleich, dem Vergessen und der Negation des Seins zu trotzen. Außerdem illustriert der narzisstische Bezug das grausame und zwiespältige Mysterium des vom  Orpheusthema thematisierten Zusammenstoßes zwischen Mann und Frau: Den Widerstreit zwischen Eros und Tod, Sehnsucht und gegenseitigem Hass. Auf dem Terrain der Poiesis, für welche die Frau häufig Ursache und Zerstörerin zugleich ist, werden Intuitionen freisetzt, die zu den ursprünglichsten Erfahrungen der Menschwerdung zurückführen – ein wesentlicher Schritt auf dem Weg der Kulturalisierung wurde durch die sexuelle Sozialisierung des männlichen Nachwuchses geleistet. Zugleich werden Erinnerungen an früheste Konflikte zwischen einem auf der Gefühlsebene klingendem Gesang und der objektivierenden und damit distanzierenden Sprache freigesetzt, ganz früh ist dies der Widerstreit zwischen Musik und Poesie. Zu den Ambivalenzen zwischen Gestaltbild und sprachlich kodifizierter Bedeutung passt bereits Steiners Beobachtung, dass sexuelle Begegnungen in einer anderen Sprache einen anderen Eros freisetzen – der Atemrhythmus variiere in den verschiedenen Sprachen, beeinflusse das Vorspiel wie den Sexualverkehr. Im parasympathischen Nervensystem verzahnen sich Leib und Denken ineinander. In diesem osmotischen Feld vermutet er die teils bewussten, teils unbewussten Rezeptionsformen der Sexualität, die nicht nur auf visuelle Reize, sondern bei den meisten Menschen auf verbale Stimulierungen ansprechen.

Die griechischen Sänger, Dichter und Metaphysiker des Seins gehen als Kinder der Musen von der Weisheit aus, eine harmonische Musikalität als Grundlage der auf  Eintracht zielenden politischen Verfassung, der würdigen Architektur und selbst der wohlgeordneten Kriegsführung zu setzen. Die Kennzeichnung der Erinnerung als Mutter der Musen zeige eine fundamentale Einsicht in das Wesen der Kunst und des geistigen Vermögens, denn die Kultivierung eines gemeinsamen Erinnerungsvermögens setze eine Gesellschaft in ein natürliches Verhältnis zu ihrer eigenen Vergangenheit. Sie bilde durch die Überlieferung sogar eine Schutzimpfung für den Kern der Individualität, für Picht ein immunisierendes Puffersystem der Psyche. Im Konflikt zwischen sinnlicher Empfindung und kodifiziertem Sinn spekuliert Steiner nun, der Dichter, Musiker und Schamane Orpheus befreie Eurydike durch seinen Gesang aus der Unterwelt, aber diese wende sich an der Schwelle zum Licht ab, weil sie in der Erinnerung eine Musik bewahre, von den fernen Schatten aufsteigen höre, die für die Seele noch verführerischer, noch reizvoller sei, als die des Orpheus. Diese Verführung geht von der Perfektion und Stimmigkeit eines Zustands aus, der vor den Nöten, Bedürfnissen und Begehrlichkeiten der Lebendigkeit anzusiedeln ist – wir haben noch einen Rest davon in jenen Rauschzuständen, denen die Metapher stoned zu verdanken ist: Als Sein ungerührt, perfekt aber tot zu sein, von Veränderungen nicht erreicht zu werden. Im Kontext der Zerstückelung des Orpheus vermutet Steiner eine mörderische Polemik zwischen einer Kunst, in der Wort und musikalischer Klang verschmelzen, also sprachliche Grammatik und musikalische Syntax zu einer Einheit werden, gegenüber einer reinen, totalen Musik der Stimmentfaltung, die frei von aller sprachlichen Semantik ist, wie dies die Schreie der Bacchantinnen, das Bellen Kassandras bei Aischylos, die rhythmischen Schreie der Bacchusjüngerinnen bei Euripides sind. Der reine und unverfälschte Klang widerrufe die sprachliche Menschlichkeit im ekstatischen Namen von allem, was älter ist als der Mensch: Töne ohne Worte, Schreie der Liebe und des Krieges. Die brutale Unschuld des Organischen wird durch die nicht weniger grausame apollinische Klarheit verdrängt, womit der sadistische Triumph des Mythos den Übergang der Musik zum Sagen verkündet. Vergeblich opponiert die mimetische Verspottung der menschlichen Stimme, die imitative Verherrlichung des Gesangs der Vögel dagegen. Mit der Wendung gegen den unreinen, aber unverfälschten Klang, der noch lange keine Musik ist, wird jene Schwelle zum Licht gekennzeichnet, die die Abwendung Eurydikes erklärt: Der Verrat am Klang zugunsten von Sinn und Bedeutung. Mit dieser Erinnerung an die Niederlage einer in kreisläufige Naturprozesse eingebundenen weiblichen Mimetik gegenüber den Abstraktionsleistungen einer stumpfen, männlichen Welteroberung. entfernt sich eine abstrahierende Welthaltung, die mit Wert und Bedeutung einem Vektor folgt, immer weiter aus den natürlichen Lebenszusammenhängen. Apollons Kunst und Ästhetik verkünden wie der Gesang eines Orpheus die Einheit der Musik und der Sprache, von Klingendem und Logos. Im Kampf einer sprechenden Musik gegen die nackte Tonalität, eines menschlichem Maßes gegen den unregulierten, aber umfassenden Klang, siegt die mathematische Last des grammatischen Sinns als Absage an die Universalität eines ewig klingenden Sinus. Vergleichbar verleihen die Sirenen der Natur als Schwestern von Stimme und Vers die harmonische Ordnung eines höchsten und vollkommenen Einvernehmens: Ihr Gesang suggeriert selbst noch, alles von Odysseus zu wissen und ihn alles erfahren zu lassen, was geschehen ist, was geschieht und was sein wird. Demgegenüber hat die Dame Vernunft die Lügenhaftigkeit dieser Verheißung zu offenbaren und an eine der Sprache und der kodifizierten Bedeutungen zu erinnern. Für Odysseus‘ gefesselte Aufmerksamkeit, eines Mannes der Sprache und der Listen des Logos, verwandelt sich der göttliche Gesang der Sirenen in ein Trugbild, eine Bedrohung, die die Abstände erhöht Sein Mangel an Resonanz stürzt sie in jene Verzweiflung, die bis dahin den Menschen vorbehalten war, sie gehen in der Tiefe ihres Gesangs unter. Der Mythos thematisiert den gewaltsamen, infernalischen Charakters des Gesangs, aber er läutet das Bündnis zwischen Musik und Sprache ein, indem er ihre ursprünglichen Rivalität auf den Nenner bringt, den Todeslauf ihrer Koexistenz in jeder Vertonung des Wortes. Doch das ist nicht alles, sondern Resultat einer extremen Epoché unserer natürlichen Verhaftetheit, denn tatsächlich bleibt davon etwas erhalten. Was ist mit der Sprachmelodie, mit der von Barthes gekennzeichneten, körperliche Wahrheiten transportierenden Rauheit der Stimme, mit dem spezifischen Klang unseres Sprechens, an dem sich Echtheit, Individualität und Inkommensurabilität erweisen?

Die früheste Erfahrung einer Einheit liefern uns die Töne und Rhythmen der ursprünglichen Symphonie des Geschehens im Mutterleib, deren Erforschung sich Tomatis im ‚Klang des Lebens‘ gewidmet hat. Wir hören die umfassende, körperliche Lebendigkeit unserer ersten Bezugsperson, sind durchdrungen von ihrem Sound, sind also für das Gefühl einer Einheit unseres Selbst nicht auf spätere, immaterielle Rückwirkungen eines Spiegelbilds angewiesen. Dieser Sound wurzelt im Ursprung unserer Paradiesvorstellungen, auch wenn er gelegentlich von stressigen Kakophonien und dramatischen Panikattacken überlagert wird oder sich später während verschiedenster Emanzipationsbestrebungen als ausbruchssicheres Gefängnis einer verhärteten Identität erweist. Im Leben verhören wir uns gar zu gern, um diesen Basisprogrammierungen nachträglich ein Recht einzuräumen, das uns keines mehr lässt. Eine von Sonnemann angeregte Korrektur verweist vor allem auf das Labyrinth des Ohrs, dessen einschließender und bannender Wirkung wir nur mit einer Ariadne gewachsen sind – die Liebe als Aktualisierung der verdrängten Erinnerung an einen gemeinsamen Körper ist in der Lage, die ursprüngliche Abhängigkeit zu sprengen; sie verflüssigt die libidinöse Verhaftetheit, öffnet Passagen in die Erfahrung einer Welt, die neue und dynamische Selbsterfahrungen jenseits von identifikatorischen Besitzansprüchen und Machtfantasien des Ich ermöglicht. Tatsächlich taucht der aus dem Labyrinth führende Faden in einem kulturellen Rahmen auf, der ex negativo die Beziehungsarbeit der Geschlechter als Oberbegriff vorgeführt hat. Das tragische Fundament der abendländischen Kultur hat aufbewahrt, wie diese Gesetzmäßigkeit nur die Frau beherzigt hat, während der Mann als kultureller Heros meinte, sich mit Hilfe des Frauenopfers über eine der umfassendsten Weisheiten hinwegzusetzen – für Kamper haben die Folgen der daraus entstandene Schuld offensichtlich zur Perpetuierung und zu Wucherungen des Opferverhaltens in der patriarchalischen Kultur geführt.

Saner unterstrich mit der ursprünglichen Verschwisterung der weiblichen Wesen Liebe und Tod die Spekulation, der Mythos von der todesbezwingenden Kraft von Liebe und Musik sei älter als der männerrechtliche Systemwechsel der Kultur, den der Orpheus-Mythos dokumentiere. Die den Menschen ergreifende Musik übersteigt wie die Schönheit die Kraft der Worte, sie stifte eine Welt jenseits der Antagonismen und Zwiste. Dagegen modifizieren die klassischen Versionen des Orpheus-Mythos das Ergebnis durch den unaufhebbaren Antagonismus von Liebe und Tod, nichts weist mehr auf ihre Verschwisterung hin. Musik oder Kunst werden umso ergreifender, umso mehr sie sich der vergeblichen Liebe, der Trennung und Abwesenheit der Geliebten widmen, geraten zum wehmütigen oder schwülstigen Surrogat des realen Vollzugs. Bohrer hat die ‚ästhetische Negativität‘ als Ausweichbewegung gekennzeichnet, die eine aus verpassten Vereinigungen der Liebenden resultierende Melancholie in ästhetisches Pathos und die Wollust der Darstellung der erfahrenen Schmerzen transformiert. Seit dem der Mystik verdankten Erhebungsmotiv der abendländischen Lyrik, mit dem die Ursprünge der modernen Subjektivität entstehen, werden Geliebte umso begehrenswerter, umso unerreichbarer sie sind. Mit der romantischen Liebe hat sich der Liebeswunsch im schmachtenden Begehren derart zu verzehren, dass jede Erfüllung nur mit Enttäuschungen aufwarten kann, ihr aus diesen Grund durch Partnervermeidungszwänge ausgewichen wird. Dabei ist die Regel der Entmaterialisierung uralt: Orpheus wird im noch jungen Patriarchat bereits durch die Versuchung, den Logos zu transzendieren, zu den Verzichtleistungen der kulturschwulen Vereinigung geführt, die schließlich mit der Vernichtung des Heros endet. Die Rettung Eurydikes misslingt aufgrund des kontrollierenden Blicks zurück – für Lacan ein Beispiel für die notwendige Verfehlung des Anderen, denn das Auge will beherrschen. Dieser narzisstische Machtanspruch ist ein Resultat der Mutterabhängigkeit, betrifft gerade deshalb das geliebte Objekt. Orpheus‘ Versuch, unter Verzicht auf die weibliche Welt mit Jünglingen ein der sublimierten Kunst Apollons gewidmetes Leben zu gestalten, nimmt ein tragisches Ende durch den Dionysos begleitende, rasende Mänaden: durch orgiastische Frauen! In diesem gedoppelten Scheitern könnte eine Bedienungsanleitung aufgeschlüsselt werden, wie die Spätfolgen eines Kampfes der Geschlechter zu bearbeiten sind. Vorerst ist hier nur zu unterstreichen, warum dem Sänger der apollinischen Musik ein dionysisches Schicksal bereitet wird. Der Vater des Gesangs hätte ein verfeindetes Doppelreich von apollinischen und dionysischen Energien harmonisch zu organisieren gehabt – maximale Gegensätze in einer Harmonie zu vereinen, macht den Reiz und die Kraft großer Kunst aus, die damit noch immer an der Weisheit eines Heraklit partizipiert. Was unauflösbar in Gegensatz und Streit verflochten ist, wird sich auf die Dauer aber unbarmherzig gegen jeden Orpheus wenden, der sich für nur eine der beiden Seiten entscheidet. Der Kampf der Geschlechter kann dagegen über ein Lernen der Gesetzmäßigkeiten des Lernens immer wieder lustvoll verpuffen, wenn sich auf einer Ebene, die bereits den Regeln von Batesons Lernen 3 entspricht, Kontraste und Gegensätze zu einem momentanen harmonischen Ganzen zusammenklingen.

Musik als rhythmische Modulation des Lautstroms oder als instrumentale Bearbeitung von Objekten ist ein universelles Faktum der menschlichen Geschichte. Jahrtausende vor der Erfindung der Schrift dienten Mythen und Fabeln der Überlieferung religiöser und magischer Lehren, wurden Zaubersprüche und Verfluchungen mündlich weitergegeben, wobei Rhythmus und Wiederholung als Erinnerungshilfen dienten. Etwas auswendig zu können bedeutete, von dem Gegenstand Besitz zu ergreifen aber auch, von ihm besessen zu sein. Die Musik war das grundlegende Medium für Sensibilität und Sinn. Ein großer Teil der Menschheit musste sich mit rudimentären Aufzeichnungen begnügen, wobei Lesen und Schreiben getrennte Routinen waren; selbst als es Handschriften und erste Bücher gab, blieb dies wenigen Berufszweigen vorbehalten. Mit Worten nach etwas zu fragen, das vielleicht vor den Worten liegt, wie das Ding-an-sich vor der semiotischen Verarbeitung scheint unmöglich; doch Musik tut genau dies: Deshalb wurde gesungen und getanzt. So staunt Steiner in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder, warum niemand je erklärt habe, aus welchem Grund Lévi-Strauss die Erfindung der Melodie als das höchste Geheimnis allen menschlichen Wissens bezeichnen konnte. Vielleicht liefert die Alternative zur Fixierung auf Sprache, Schrift und kodifizierte Bedeutungen bereits eine brauchbare Erklärung – alle performativen Formen, mit denen die Sinne angesprochen werden, mit denen keine Konvention die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten ausklammert, haben an diesem Geheimnis teil. Während Musik einerseits in ihrer Tongebung höchst metaphysisch ist und am tiefsten in die erleuchtete Nacht der Psyche eindringt, ist sie zugleich der fleischlichste, der somatisch am ehesten nachweisbare aller bedeutungstragenden Akte.

Die sokratische Form charakterisiert eine Methode des gesprochenen Wortes, das durch Gestik und Mimik unterstrichen wurde, also eine Zusammenkunft von Gesprächspartnern voraussetzte. Der charismatische Zauber eines Sokrates beruhe auf Stimme und Haltung, auf Szenarien der Exzentrizität, die seine Botschaft in vielen Varianten schillern ließ und sie mit einem eigenen Leben versah. Der geschriebene Text dagegen impliziert durch seine fixierte Überlieferung Autorität, beanspruchte einen Sinn zu transportieren, der unumstößlich war. In ihrem tiefsten Wesen ist die Schrift normativ, Autor und Leser sind durch einen Halt und Wahrheit verheißenden Sinn verbunden. Schreibakte bringen Gewaltakte und das Resultat ihrer Anerkennung als Macht zum Ausdruck. Die Tatsache, dass ein Text im Besitz einer herrschenden Elite ist und von ihren Priestern und Verwaltern verwendet wird, impliziert Autorität, ist ein Synonym für Macht. Noch heute machen Menschen die Erfahrung, dass die Schreibe mortifiziert, dass sie Erregungen zur Ader lässt und jenes abgeklärte Maß an Distanz zu erreichen hilft, dank dem bösartige Strategien oder verwunschene Wiederholungszwänge nicht an den Betroffenen hängen bleiben, sondern sich ein Ziel suchen, das ihren negativen Spannungen eher gehorcht. Aus diesem Grund wird der Schreibakt im Sinne eines symbolischen Tauschs auch gegen diese Kulturtechnik der Mortifikation einzusetzen sein.  Jeder Sprech- oder Schreibakt entspricht einer Encodierung, deren performative Elemente eine Formalisierung beanspruchen und innerhalb gewisser Grenzen eine systematische Entzifferung ermöglichen sollen. Solche Voraussetzungen versagen allerdings entscheidend in jenen menschlichen Zusammenhängen, in denen Bedeutung zu formalisiert ist, denn alle menschliche Geschichte ist eine Geschichte des Bedeutens. Keine Formalisierung ist in der Lage, die semantische Breite und Tiefe einer Kultur gerecht zu werden, dem Reichtum an Denotationen, Konnotationen, tonaler Registerbreite, impliziter Bezugnahme und tabubedingter Auslassung. Wenn wir die Komplexitätsreduktion verabschieden und uns auf das Spiel der Wissensweisen einlassen könnten, wäre der explikative Kontext, der umfassende Horizont relevanter Werte, die die Bedeutung der Bedeutung jedweder verbalen oder schriftlichen Äußerung jeweils umgeben, der des Universums, soweit es von Menschen als sprachbegabten Wesen bewohnt wird.

Zitate von Sloterdijk und Menninghaus zu Latenz und Tradition, Werten und Vorlieben.

 

Nach und nach mag deutlich geworden sein, warum sich im Laufe der Jahre symbolischer Tausch und Gerechtigkeit als die eigentlichen Grundlagen der Lebendigkeit erwiesen haben. Bateson hat einmal das grundlegende Organisationsprinzip auf den Nenner gebracht: Jenseits der Subjekt-Objekt-Dichotomie und der Einkerkerung des Denkens in vereinzelten Köpfen ergibt das Gefühl oder Gespür für Mustererkennungen ein Muster der charakteristischen Muster eines Kontextes. In vielen zwischenmenschlichen Zusammenhängen führt dieses Metamuster auf den symbolischen Tausch, obwohl jeder Krüppel ohne Mühe oder große Schmerzen täglich dagegen verstoßen kann. Damit erweisen sich die zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten als die der Wirklichkeit des Paares, selbst wenn sie sich in vielen Fällen nur ex negativo aus der Verleugnung erschließen lassen. Der symbolische Tausch arbeitet für uns mit, prägt ein in der Beziehungsarbeit entstehende Feld der Präsenz einer durchdringenden, von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen reichenden Geistesgegenwart. Wenn wir versuchen, seinen Gesetzmäßigkeiten zu gehorchen, wird schnell klar, dass wir vieles erst anhand unserer Fehler und Irrtümer entdecken. Von alleine geben sich die Muster nicht zu erkennen, bis zu einem gewissen Alter und auf einem relativ geringen Energielevel handelt es sich um ein sehr fehlertolerantes System – erst auf dem Weg zur Ranghöhe einer personellen Macht wird ein makelloses Verhalten notwendig. Wer erst einmal auf die wichtigen Unterscheidungen gestoßen ist, kann feststellen, dass einigen Biographien das Zurückschrecken vor dem Vergleich und vor der Verdinglichung abzulauschen ist. Das Bejahen des Unvorhergesehenen ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Resultat der Erkenntnis, dass das ‚Ich‘ ein Anderer ist und häufig genug der wachen Lebendigkeit im Weg steht, damit also der Beginn eines Läuterungsprozesses.

In der sympathischen Tugendlehre Seels, die ein harmonisches Austarieren der mehr oder weniger ambivalenten Folgen von über 500 Tugenden und Lastern empfiehlt, finden sich mehrere Anknüpfungen an Aristoteles‘ Nikomachische Ethik. Bei den Differenzierungen des Begriffs der Gerechtigkeit sind Anklänge an die Wirkungsweisen der Erfahrung des symbolischen Tauschs zu bemerken. Einerseits wird Gerechtigkeit als eine unter anderen Tugenden verstanden, allerdings als ein gewichtiger Teil der Tugend. Andererseits wird sie aber auch als Inbegriff der Tugend aufgefasst. In dieser allgemeinen Bedeutung gilt sie als diejenige Tugend, in der die dem Menschen erreichbare Vortrefflichkeit kulminiert, weil sie die Trennung von Selbstsorge und Fürsorge übergreift – den Selbstbezug also in Erkenntnis- und Verhaltensformen der Selbstdistanzierung verwandelt. Die Notwendigkeit einer solchen Distanzleistung wird auch von Sennetts Analyse der ‚Tyrannei der Intimität‘ unterstrichen. Die durch den Wachstumsimperativ der Überflussgesellschaft geförderten Narzissmen setzen nicht nur Umsatz frei, sondern als Folgeschaden werden große Teile der westlichen Gesellschaft in Suchtverhalten und Selbstbezogenheit getrieben, der sie weitgehend unfähig zu Hingabe und Lustempfinden macht. Der Narzissmus produziert die Ambivalenz, zum einen das Begehren und die Bedürfnisbefriedigung des Selbstbezugs zu verstärken und zum anderen eine wirkliche Erfüllung zu blockieren. Der Konsum als Existenzbeweis wird zu einer Form der Selbstzerstörung, während die erotischen Quellen göttlicher Energien versiegen. Im Rahmen eines von Boehm herausgearbeiteten ‚Radikalen Universalismus‘ wird Gerechtigkeit als umfassende Reziprozität die einzige Idee genannt, der es gelingen könnte, nihilistische Aspekte des Rechts und der Ökonomie zu überwinden. Die Errungenschaft des Monotheismus liege nicht etwa in den enormen Abstraktionsleistungen, die aus den vielen Naturgottheiten den einen Gott geformt haben, sondern in der Erkenntnis, dass die Gerechtigkeit noch über diesem einen Gott anzusiedeln sei. Ein ungerechtes Gesetz taugt nicht zum Gesetz, ein Profit ausspuckender ökonomischer Tausch widerspricht den Gesetzmäßigkeiten des keine profitablen Reste abzweigenden symbolischen Tauschs. Die Auszeichnung der Gerechtigkeit verweist auf das dynamische Verhältnis der vielen Tugenden und Laster, wenn sie miteinander in einem Mobile verknüpft, zu einem gemeinsamen Leben in Selbstbestimmung und Selbstachtung befähigen sollen. Die Verwandlung dieser Bewegungen zwischen Extremen zu einer abstrakten Theorie hat zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn sie ambivalent und offen bleibt, ein Motiv oder Antrieb des Denkens. Wir leben in keiner starren und hierarchisch geordneten Welt mehr, in der die Freiheit und Selbstdefinition einer kleinen elitären Gemeinschaft durch ein Sklavensystem ermöglicht wurde. Doch sehr wahrscheinlich durfte der symbolische Tausch schon damals weder ertrickst noch erzwungen werden, er untersteht keiner planbaren oder berechenbaren Strategie, sondern zeigt unter den genannten Einflüssen eine schelmische, unerwartete und unwahrscheinliche Form der Gerechtigkeit, die die Konstellation völlig verändert und sich innerhalb des Signifikantennetzes wie von selbst einzustellen scheint. Er kann sich in eine Waffe verwandeln, wenn von einem selbst keine Negation ausgeht, keine bösen Wünsche, kein verlogenes Theater, kein selbstgerechtes Auftreten. Aber das Geschehen ist längst nicht steuerbar und sucht seine eigenen Wege, wenn unwillkürlich Kräfte freigesetzt werden und bei Leuten reinschlagen, bloß weil sie eine/n ein bisschen ärgern wollten oder uns im falschen Augenblick in einer Wolke von Eifersucht oder Neid über den Weg gelaufen sind.

Mit Žižek ist eine weitere Erdung jener ursprünglichen theologischen Setzungen nachvollziehbar; er liefert sogar Zugänge und Anregungen zur Verkörperung göttlicher Energien. Das Verhältnis zwischen Polytheismus und Monotheismus muss nicht unbedingt als das zwischen der Vielheit und seiner tyrannischen Totalisierung durch das ausschließende Eine verstanden werden. Gegen den Machtanspruch kirchlicher Dogmatik setzt der Polytheismus eine Vielfalt existierender Göttern voraus, während nur der Monotheismus die Lücke als solche, die Lücke im Absoluten selbst thematisiert, die nicht nur den einen Gott von sich selbst trennt, sondern die Lücke, die der Gott ist. Unter dieser Perspektive wird der Monotheismus zu einer konsequente Theologie der Zwei – die Gesetzmäßigkeiten jener Einheit des Paars folgen aus einer radikalen Differenz des Einen im Hinblick auf sich selbst. Als Lehre aus der Dreieinigkeit ist also für Žižek zu folgern, dass Gott völlig mit der Lücke zwischen Gott und Mensch koinzidiert, weil er diese Lücke ist. Wenn wir einer Feuerbachschen Schematik folgen, beruht diese Gottesvorstellung auf der Projektion jener Gesetzmäßigkeiten der Beziehungsarbeit, für die man/frau sich selbst zu klein und nicht verantwortlich fühlt. Dann bietet sich sogar die Folgerung an, dass das, was das Leben lebenswert macht, ob wir nach seinem Bilde geschaffen sein sollten oder nicht, ein Gottesbild jene energetischen Besetzungen vertritt, die für uns den Exzess des Lebens bedeuten. Das Bewusstsein, dass es etwas gibt, für das man bereit wäre, sein Leben zu lassen, dieser Exzess kann Freiheit, Ehre, Würde, Autonomie heißen, doch nur wenn wir bereit sind, dieses Risiko auf uns zu nehmen, sind wir wirklich lebendig.

In der von Benjamin angeregten Interpretation Agambens der paulinischen Liebe zählt nicht die Tilgung oder destruktive Negation des Gesetzes, sondern seine Vollendung im Sinne von ‚Aufhebung‘, bei der das Gesetz gerade durch seine Suspendierung als untergeordneter (potentieller) Moment einer höheren tatsächlichen Einheit bewahrt wird. Der Bezug auf Carl Schmitts Begriff des Ausnahmezustands ist offensichtlich, womit die Liebe die Struktur eines Ausnahmezustands oder Notzustandes besitzt, welcher die normale Funktionsweise des Gefühlslebens außer Kraft setzt. Aus der Sicht von stillgestellten Ordnungsfanatikern gerät das psychische Gleichgewicht wie im Krieg durcheinander; das normale Leben wird aus der Bahn geworfen, Logos verwandelt sich in Pathologie, das neutrale Reflexions- und Urteilsvermögen geht verloren. Alle der Autonomie gehorchenden Fähigkeiten werden unter der Wirkung eines hormonellen Cocktails suspendiert; der Erwartungshorizont des eigenen Lebens wird von einer/m Anderen überformt, ohne Alternativen dem Ziel seiner/ihrer Eroberung untergeordnet. Wenigstens macht sich dies in Weltzuständen des Mangels an Erfahrung mit dem anderen Geschlecht oder der sexuellen Ausgehungertheit so bemerkbar. Doch entgegen der totalitären Rechtssetzung Schmitts gibt es gerade in der Entfesselung biomagnetischer Kräfte eine anarchistische Variante des Ausnahmezustands, die dem Recht nicht nur widerspricht, um eine stabilere Renovierung des Rechtssystems in Gang zu setzen, sondern die die Kräfte des Subjektiven freisetzt, um jenseits der Indoktrinierungen und Verbote anzukommen, die tatsächlich jene Besessenheiten über uns verfügen, mit denen wir im falschen Bewusstsein einer freien Wahl in die Unfreiheit einwilligen. Im Gegenzug zum vorhistorischen Schuldzusammenhang des gesellschaftlichen Fundaments der konfliktuellen Mimetik braucht es ein lustvolles Geschehen, das die Liebe wach und aufmerksam erhält, weil sie das Kraftwerk des Selbst befeuert, das Bewusstsein erweitert, die Aufmerksamkeit füreinander freisetzt und damit die energetische Kapazität ankurbelt. Die Metapher der Seele steht für nichts anderes als für ein Medium des unzerstückelten, des ganzen Körpers. Aus diesem Grund wächst sie mit den positiv kodierten Erfahrungen, die sich der Routine eines umfassenden Ja verdanken, einer Intensität der Selbstverschwendung, die sich aus der Notwendigkeit ergibt, den Imperativen der Verführung oder der Zerstörung von Bindungsenergien standzuhalten. Entscheidend ist eine Beziehung zwischen Gleichen, die sich nicht gleichen, ein symbolischer Tausch, der Reibungsenergien freisetzt und für ein energetisches Spektakel sorgt, demgegenüber dem narzisstischen Selbstbezug die Luft ausgeht. Ab einer gewissen Spannung springen die Funken über; mit der nötigen Übung wird eine Ranghöhe erreicht, die Geistesblitze freisetzt. Im besten Fall sind wir zu selbsterfüllenden Prophezeiungen in der Lage, mit deren Hilfe die biographischen Verwicklungen in Aufgaben münden, die fast von allein zu einer Lösung finden. Es ist eben nicht nur Bions Katastrophe, sei es Verzweiflung oder extreme Ausgeliefertheit, die zum Wirkungsgeschehen Schneller Brüter führen: Ein die körpereigenen Drogen befördernde Spiel mit den Partialobjekten kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Wirkungsweisen eines schnellen Brüters setzen Energie frei, die bis dahin von den Bindungskräften der Konvention absorbiert wurde. Wenn diese fluktuiert, wird die Welt für Augenblicke leicht und hell; wir beginnen zu lachen, wenn auf einmal die lächerlichen Wahrheiten zu durchschauen sind, um die bisher ein Mordszinnober gemacht wurde. Von einem Bezug zwischen Witz und Geschlecht geht bereits Durrell aus. In der Regel bezieht sich die Trennung zwischen sinnlicher und kognitiver Wahrnehmung auf ein bestimmtes Objekt oder Objektfeld und dessen kognitive Kodierung. Wenn die Besetzung abgezogen wird, gibt es nicht unbedingt eine Kettenreaktion, denn wir neigen dazu, den verlorenen Halt zu kompensieren und uns sofort an neuen Objekten festzukrallen. Damit sich die Gesetzmäßigkeiten eines Schnellen Brüters verselbständigen, also immer mehr Besetzungen abgezogen werden und eine immer größere energetische Masse zur Verfügung steht, sind noch andere Voraussetzungen einzuhalten, die Durrell spielerisch auf einen Nenner gebracht hat: „Der Akt der sexuellen Zusammenkunft als Geist-Entfalter, als Ideen-Ausbrüter ist die Quelle aller Wissenschaft, aller Kunst, aller Informationen, deren der Geist als Nahrung bedarf. Das seelische Wachstum wird durch ihn gefördert. Er reinigt den Geist, schärft die Intuition, führt die Zukunft herbei. Doch um sich selbst und seine Aufgaben zu erfüllen, muss er Teil eines doppelten Akts sein, eines harmonischen Akts. Am stärksten ist seine Wirkung, wenn er von dem Tier mit den zwei Rücken praktiziert wird.“

Wenn ich Baudrillard weiterdenke, machen wir mit dem Vertrauen auf die Verwirklichung des hormonellen Geschehens das Göttliche zu einem Spieleinsatz. Damit wird etwas angestrebt, das mehr ist als die Äquivalenz von Wertsystemen, also ein Prozess, der den ökonomischen Tausch überschreitet und in den Bereich der Magie und Bezauberung reicht. Pfallers ‚Interpassivität‘ bemüht für meinen Geschmack zu viele von der französischen Psychoanalyse unterfütterten Umwege und zeilenschindenden Wiederholungen, um die schlichte Tatsache auf den Nenner zu bringen, dass für Arschkriecher der Satz Was-sollen-denn-die-Leute-denken ein ganzes Lebenssystem des Verpassens beschreibt. Doch die Mechanismen einer gesellschaftlich geforderten Sozialisation zur Stillstellung, dank denen Desensibilisierung und Antriebsstörung als Normalität propagiert werden, hat er in „Die Illusionen der anderen‘ pointiert auf den Nenner gebracht. In diesen Zusammenhängen findet sich sogar die folgende bestätigende Anregung: „Den sogenannten ‚Wilden‘ scheint es klar zu sein, was sie tun, wenn sie zaubern. Die sogenannten ‚Zivilisierten‘ zaubern, ohne es zu bemerken.“ Schon an jeder Verliebtheit ist zu sehen, warum die symbolische Wirksamkeit die Existenz eines anderen Zirkulationsmodus der Zeichen und Zuwendungen voraussetzt. Wenn der Funke überspringt, magnetisiert die Verführung die psychische Ökonomie. Die Macht und Wirksamkeit des Äquivalenzgesetzes ist zu diesem Zeitpunkt längst überformt, wird in den besten Fällen zugunsten eines anderen Spielfelds zurückgelassen. Sammler und Spieler, Huren und Stars repräsentieren eine Faszination, die eine Ahnung davon vermittelt, wie abgeleitet und sekundär der ökonomische Tausch tatsächlich ist, wie parasitär und destruktiv Geld als bare Münze des Apriori die symbolischen Kreisläufe pervertiert. Das generalisierte Tauschmedium funktioniert nach wie vor aufgrund der ursprünglichen Gesetzmäßigkeiten des symbolischen Tausches: Achtung und Vertrauen. Die Stabilität des Werts, die Reziprozität der Bezüge und der Bezug auf das rechte Maß entsprechen der Bedeutsamkeit des verhandelnden Gegenübers, der Aufmerksamkeit, die wir einander reservieren. Sie können vergessen, übersehen oder mit Füßen getreten werden, wenn Abstraktion, Generalisierung und Spekulation die Ablösung von den realen Vollzügen durchgesetzt haben, aber sie verschwinden nicht aus der Welt. Der symbolische Tausch – Gabe gegen Gabe und damit der Bezug auf Reziprozität, volles Sprechen und einlösbare Gebrauchswerte – ist mit Sicherheit in der Erfahrung des erotischen Paar fundiert, denn das Erfolgsrezept von Psychotikern und Simulanten der Selbstheit beruht darauf, blind und taub für diese Gesetzmäßigkeiten zu sein. Hin und wieder bringen Paare eben doch jene Vereinigungsmenge zustande, in der Haben und Sein zusammenfallen, also eine personale Identität jenseits der verabsolutierten Rollendefinitionen befördert wird. Die Masken fallen, die Rollen werden in ihrer Funktion offensichtlich, die aus diesem Prozess resultierende psychische und emotionale Nacktheit mündet in einer Bindungsintensität, die auf den konventionellen Halt verzichtet und nichts Äußerliches mehr hat.

Ein symbolischer Tausch der Worte, Versprechen und Eide funktioniert nur dann wirklich ohne Rest und Stolperstein, wenn auf der sexuellen Ebene die Gesetzmäßigkeit des vollendeten Austauschs gefunden worden ist. Im besten Fall der jauchzenden Selbstverschwendung wird der symbolische Tausch wieder in sein ursprüngliches Recht versetzt. Wenn Bolz die lacansche Resignationsformel für das Fehlen eines Verhältnisses der Geschlechter mit der Behauptung unterschreibt, „es kann einfach nicht gehen“, beruht diese Einwilligung auf der vorausgesetzten Subjekt-Objekt-Dichotomie. Wenn das Begehren immer das Begehren des anderen ist, soll das Scheitern schon darin begründet liegen, eine Anerkennung unseres Begehrens zu erwarten. Ein vom Bild der bürgerlichen Persönlichkeit geprägtes Modell, dessen Suche nach einer Ganzheit tatsächlich von narzisstischen Projektionen unmöglich gemacht wird. Wenn allerdings davon auszugehen ist, dass Partialobjekte miteinander spielen und im wechselseitigen Konsum einen gemeinsamen Wahrheitsgehalt freisetzen, der jenseits des eingemauerten Subjekts in den interobjektiven Wirkungsweisen eines evolutionären Geschehens verankert ist, ist es nicht zwingend, sich auf die Folgen des Spiegelstadiums, auf Bilder und Projektionen zur Selbstvergewisserung zurückziehen. Sex ist vorpersonell und wird während einer Erfahrung der Reziprozität zur Teilhabe an der Erfahrung des Göttlichen, das uns in der Welt und nicht in ihrem Jenseits begegnet. Wenn diese sich im Feld des symbolischen Tauschs entfaltet, ergeben sich unmittelbare Zugänge zu den Lebendigkeiten; es werden jene Intensitäten freigesetzt, die den Spiegel blank putzen, uns von der Verstrickung in imaginäre Leidenschaften erlösen. Erst die Bildwelten und Projektionen, die sich dem Verzicht und dem Tabu verdanken, haben jene Charakterstruktur der Persönlichkeitsdarsteller geprägt, der es auf Besitz und Verfügungsgewalt ankommt.

Die Negativität, die uns angetan worden ist und die wir blind übernommen haben, um uns gegenseitig zu behindern, gilt es dahin zurückzuschicken, wo sie hergekommen ist. Nicht als Kritik, nicht als Auseinandersetzung mit Funktionsträgern, die allein aufgrund ihres Amtes in der Lage sind, uns zu Kompromissen zu nötigen, obwohl sie im Unrecht sind. Wenn sie im Nachhinein, wenn es zu spät ist, mit brechender Stimme sagen, man hätte doch über alles reden können, plaudern sie nur aus, wie sie sich bisher an der Macht halten konnten. Reden heißt in ihrem Sinne Zerreden; mögen sie Schuld auf sich geladen, anderen einen irreparablen Schaden zugefügt haben, war das vielleicht bedauerlich, im Regelfall aber nicht zu ändern und solange sie über die Schwere des angerichteten Schadens verhandeln durften, blieb an ihnen nichts hängen. Wenn dem Prinzip Delegation eine Technik des blankpolierten Spiegels antwortet, werden die Mandatsträger der großen Institutionen mit genau jener produktiven Imagination entmachtet, die diese einmal hervorgebracht haben. Natürlich wird eine Souveränität dokumentiert, die nicht von dieser Welt ist, wenn ein Religionsgründer zum Start den Satz: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ in die Welt wirft. Doch das ist noch immer leicht gesagt, wenn man danach stirbt. Aber wenn man in dem Bewusstsein weiter leben soll, dass niemand für die Schmerzen und Demütigungen zahlen wird, die einer/m angetan wurden, bietet sich vielleicht auch der Modus einer überzeugenden Ignoranz an. Warum überhaupt mit diesem ganzen Schwachsinn, diesen Zeugnissen der Minderwertigkeit beschäftigen. Das biblisch-theologische Menschenbild war derart pessimistisch, dass sich schon wieder alles rechtfertigen ließ – wozu hatte man den Teufel. Die durch die Hochreligion vorgenommene Delegierung ist das schönste Modell späterer Systemtheorien, sie können gar nicht zynisch genug sein. Je armseliger das Menschenbild war, je besser taugte es zur Legitimierung der Hierarchien, je nützlicher sorgte es für die gewissenhafte Verinnerlichung der Ordnungsmächte: Was den Menschen auszeichnet (als Aufgabe, nicht als Ruhepolster der Einzigartigkeit), sein Orientierungsbedürfnis und Lernvermögen, musste in einer typisch psychotischen Verkehrung als Mangel ausgegeben werden. Also braucht es immer wieder neue Varianten, mit denen die verschiedensten Institutionen den Leuten vorbeten, was sie zu wissen und was sie zu empfinden haben, wenn sie das tun, was mehr oder weniger alle tun (sollen). Dieser Zugriff auf fundamentale Bedürfnisse der Selbstvergewisserung lässt sich beliebig totalisieren. So groß die Chance ist, die hier verborgen liegt, so wenig scheint sie in Zeiten zu nutzen, die nicht die ganze Energie ins Überlebensnotwendige investieren müssen.

Der Anspruch, die eigene Existenz durch Andere zu bestätigen, beruht auf dem Konformismus eines auf Sprache angewiesenen Wesens. Sprache dient nicht nur zur Weltorientierung und Selbstdefinition; über die Grammatik und das transportierte System von Werten und Moralvorstellungen bewohnt sie uns, sorgt für eine mehr oder weniger unterschwellige Entfremdung von den Intensitäten aller Echtheit, die der Körper transportiert. Dieser Mangel an Abgrenzung untersteht einer eigentümlichen Drohung. Weil unsere soziale Existenz mit der Namensgebung bestätigt wurde, sorgt die damit gegebenen Widerrufbarkeit für Ausgeliefertheit und Willfährigkeit. Eine latente Angst imprägniert den Bezug auf Andere, weil Sprache die eigene Existenz nicht nur als aufhebbar erweist, sondern uns in permanente Konflikte verstrickt. Die Wirkung archaischer Ausschlussverfahren, der durch einen Voodoozauber bewirkte Vagustod, zeigen im Extrem, warum das Leben ab einem gewissen Grad der Unsichtbarkeit schwindet. Diese Anfechtbarkeit muss nicht bewusst werden, aber sie wirkt und macht sich in einer ständigen Bereitschaft bemerkbar, irgendwelche Zugeständnisse zu machen oder Liebgewonnenes zu opfern. Die Verwobenheit unserer Selbstdefinition mit der Anerkennung durch andere ist für eine konfliktuelle Mimetik verantwortlich, die in persönlichen Belangen für böse Verwundungen sorgt und in manchen sozialen Zusammenhängen erst hinter der Vernichtung haltmacht. Also sollten wir früh genug lernen, in verschiedenen sozialen Kontexten, also in mehreren Welten, zugange zu sein.

In Sloterdijks 'Der Denker auf der Bühne' kann das Risiko des sozialen Todes in einem ersten Schritt noch relativ harmlos in „Exzesse der Ernüchterung“ münden. Die Welt ist voller Inkompetenz, Simulanten der Selbstheit führen ständig vor, was jenseits des Schauspiels nur unerreichbar und in vielen Fällen zu schmerzhaft wäre. Damit diese Show des Als-Ob glaubhaft rüberkommt, haben sich Lügner mit Lügnern auf die Wahrheit geeinigt, Lügner Lügner zu nennen, um sich von diesem Urteil aufgrund ihres so treffenden Urteils ausnehmen zu dürfen. Dagegen  setzt eine existentielle und philosophische Infragestellung die notwendige Trennungsarbeit und Distanzleistung frei, die in ein dauerndes Einsamkeitstraining mündet. Währenddessen erfahren wir, warum das Bedürfnis, alles gefühlt Lebenswichtige erst einmal selbst zu entwickeln, in den institutionalisierten Bildungs- und Behinderungssystemen unerwünscht ist, weil unter solchen Einflüssen kein Zusammenspiel zwischen kollektiven und persönlichen Lebenslügen mehr rund oder sogar Gefahr läuft, ins Stocken zu geraten. Doch gerade die Kennzeichnung gemeinsamer Werte als Resultate von Unredlichkeit und Verlogenheit, auf deren konformistische Einigung der soziale Frieden und ein geregeltes Zusammensein von Schopenhauers Stachelschweinen erzwungen wird, offenbart gewisse Tricks, mit denen dem Selbstschutz gehorchende Ventile des Solipsismus zu schließen sind: Der Wichtigste ist, sie wörtlich zu nehmen und damit den Konformismus auszuhebeln. Eins allein ist eine Null – die Zahl, die alle anderen erst groß und mächtig macht –, aber eine weitere Eins schließt bereits die Unendlichkeit auf. Aus diesem Grund befähigt das eins & eins als Triade – die Kopulation sollte immer als gleichberechtigtes Relat akzeptiert und nicht einfach ausgeblendet werden – bereits die Lernvorgänge und Erfahrungen eines Paars. Nach und nach stellt sich eine Ebene jenseits der Panzerungen des bürgerlichen Individuums ein, auf der beide Beteiligte die Inkommensurabilität und Singularität akzeptieren und in kreativen Prozessen der Beziehungsarbeit adäquat umzusetzen versuchen.

Im Gefolge solcher Lernprozesse sind biographische Stolpersteine wegzuräumen und institutionelle Behinderungssysteme zu sprengen. Wer sich nach Sloterdijk auf einen „psychonautischen Zirkel“ einlässt, um sich jenseits von Lebenslüge und Verzicht zu finden, wird mit der Erfahrung des sozialen Todes konfrontiert. Dann hilft kein Festhalten an Benimmregeln oder Lebensweisheiten, kein aufmunterndes Zureden von Mitläufern, keine Flucht in die Abstraktionsleistungen des von allen Lebensvorgängen abgehobenen Allgemeinen. Es helfen lediglich die Routinen des bereits habitualisierten Einsamkeitstrainings, die eine/n eben nicht zur Einsamkeit verurteilen, wenn die Erfahrung des Paars zu einem Neuanfang jenseits des gesellschaftlichen Ausschlussverfahrens befähigt: Zwei, die sich in ihrer Einsamkeit gegenseitig stützen und beschirmen. Die Singularität biographischer Zusammenhänge resultiert eben nicht aus einer solipsistischen Abkapselung, sondern aus einer intensiv durchdrungenen Vernetzung aller entscheidenden Einflusssphären der Biographie. Wir eroberten die Offenheit für die Inkommensurabilität der eigenen Lebendigkeit zurück, indem die Organisation unserer Erinnerungen auf Sinn einzustellen und über Speichermedien an diesem Sinn zu arbeiten war. Gerade weil sich die Befriedigung ursprünglicher körperlicher Bedürfnisse für Augenblicke zwischenmenschlicher Erfüllung dem Geldnexus zu entziehen vermag, erhalten sie eine Bedeutung, die sie außerhalb aller Vergleichbarkeit situiert. Noch dazu  bestätigten verschiedene Beobachtungen, wie die Abstände zu den Leuten, die uns abpassten oder in ihren Abhängigkeiten verwickeln wollten, größer und größer wurden, je weniger diese von einem blinden Begehren angetriebenen Begegnungen ein reziprokes Begehren freisetzten. Während in Not und Ausgeliefertheit das Gewahrwerden des Außergewöhnlichen und Inkommensurablen durch die Wahrnehmung eines Bebens im Körper, eines staunenden Schauders, Einlass fand, wurde die Welt auf einmal leicht, die Farben bunter, kontrastreicher und heller. Dank einem freudigen Gefühl, an der Erfahrung von Einzigartigkeiten teilzuhaben, begannen uns Inkommensurabilitäten zu schulen, wir spezialisierten uns auf maximale Unwahrscheinlichkeiten. Mit jeder bestandenen intriganten Prüfung, jedem abperlenden Verführungsversuch, näherten wir uns für Augenblicke einem optimalen Status menschlicher Unwägbarkeiten. Sicher stimmt die Feststellung, wirklich zu denken heiße, keiner Tradition mehr verhaftet zu sein. Doch das bedeutet noch lange nicht, selbst zu denken, sondern vielmehr, sich in den verschiedensten Konstellationen und Verwandtschaften wiederzufinden. Die Erfahrung des sozialen Todes bringt den Vorteil mit sich, den solipsistische Status des Denkens verlassen zu müssen. Mit Bateson ist daran zu erinnern, dass ein Großteil des Denkens außerhalb der Singularität des Kopfes in kulturellen Archiven und institutionalisierten Techniken zu Hause ist – ein weit lebendigeres und beweglicheres Denken, als es die Konzeption eines objektiven Geistes bei Hegel zuließ. Das erfahrbare Selbst ist erst einmal Konverter der energetischen Besetzungen von Memen und Bedeutsamkeiten, die jene Blase ausmachen in der jemand aufgewachsen und gewohnt ist, sich zu bewegen. Subliminal ist die früher als Seele bezeichnete Instanz ein Fließgleichgewicht jener körpereigenen Drogen, das im besten Fall wie eine gelungene musikalische Improvisation auf die Grundlage der im Laufe eines Lebens dichter und tönender werdenden Harmonie antwortet, im schlechtesten Fall aber eine Homöostase des Elends als Kakophonie dröhnen lässt. So, wie sich die Vernetzungen stabilisieren und Bahnungen einbrennen, mag die erfahrene Welt sicherer wirken, aber der Preis dieser scheinbaren Geborgenheit ist, dass sie immer enger und kleiner wird. Authentizität gehorcht selten den tradierten Bedeutungen, aber Neubeginn und Selberfühlen entspringen den Bedeutsamkeiten, die an Partialobjekten ansetzen. In diesen Konstellationen und putativen Bündnissen gelingt es hin und wieder, hinter dem Wahn der Selbstheit aufzutauchen: In der Synthese von Kreativität und Beziehungsarbeit – der Rest werden dann neu erworbene Gewohnheitsmuster sein. Nach der Verabschiedung eines Substanzdenkens wird die sprachliche Orientierung weit mehr vom Ausdruck, von Gebärden und Bewegungen, von unwillkürliche Assoziationen ausgelöst oder von körperlichen Erregungen bestimmt werden, also von impulsiven Kräften in den Echokammern des Selbst. Einer/m Einzelnen erschließen Herzklopfen, Hitzewellen, Atemrhythmen oder Kälteschauer nur in seltenen Augenblicken ihre Bedeutsamkeit, doch in den Erfahrungen des Paars ist diese immer wieder als Heiligkeit des Augenblicks gegenwärtig. Die in den Hochreligionen verdinglichten Theologismen, die einmal den Schauder und das Beben auf den Nenner der Substantialisierung zu bringen hatten, können mit dem hormonellen Register für ganz andere Trainingsläufe umgesetzt werden.

Für Bohrer enthält Nietzsches Definition des Dionysischen die entscheidenden Merkmale der plötzlichen Zeitlichkeit des Kunstwerks: Schrecken und Auflösung des Individuationsprinzips. Lyotard erklärte das Erhabene des modernen Kunstwerks nicht mit der Plötzlichkeit, sondern ging vom Jetzt eines Ereignisses aus. Kennzeichnend für beide wird die Erfahrungen einer von allem Inhalt entleerten Entität, während die von keiner Reflexion getrübte Wahrnehmung zählt, dass es sich ereignet, die existenzielle Notwendigkeit des reinen Jetzt. Für Bohrer geht es eben nicht um die Erfahrung einer stabilen Ich-Identität, sondern um ein spezifisches Verschwinden der Ich-Gewissheit hinter Empfindungen eines gesteigerten Daseins, die eine/n erfassen und überwältigen, deren Evidenz einer Erfahrung eine komplexe Wollust ohne das Dazwischentreten einer moralischen Zensur freisetzt. Eine Chemie des plötzlichen Ereignisses befördert jenes Glück des Unvorhergesehenen und das hat viel mit den Gesetzmäßigkeiten der Sprache zu tun, die wesentlich mehr weiß, als wir mit ihr verbinden, weil gerade das Eigentümliche der Sprache ist, dass sie sich wesentlich um sich selbst kümmert und ihre Verweisungszusammenhänge die kodifizierten Bedeutungen weit hinter sich zurücklassen. Was das Eintreten des Unvorhergesehenen in den Texten Schlegels und Kleists in Bewegung setzt, vollzieht sich bei Hölderlin als erhabenes Sprechen. Der Gedanke eines überraschenden Ereignisses gewinnt für das Verständnis des richtigen Lebens immer mehr die Oberhand. Diese Konzeption trifft sich mit unserem Glück des Unvorhergesehenen – zu Zeiten der Arbeit am Altpapier, während denen sich das Unvorhergesehene als wesentlicher Antrieb unserer gemeinsamen Geschichte erwies, haben wir Bohrer vielleicht im konservativen Kontext von Poetik und Hermeneutik zur Kenntnis genommen, aber längst nicht daran gedacht, mit seinen Texten zu arbeiten. Für Bohrer war es erst einmal eine an Heine und Baudelaire gewonnene nostalgische Idee, die Langeweile des bürgerlichen Lebensalltags, die Inhaltsleere der Normalität durch Fantasien von anarchistischen Erscheinungen zu unterlaufen. Es ging letztlich nicht um kulturelle Urteilskriterien, sondern um das Selbst in einer unerträglich gewordenen Übermacht der Alltäglichkeit, gegen die es Gefühle einer maximal gesteigerten Lebendigkeit des Lebens beschwor oder freisetzte. Das obsessive Interesse an der Fantasie machte eine ganz andere Begierde deutlich, nämlich nach dem, was man das ‚höherer Leben‘ nannte. Die Gegenwart müsse um ihrer selbst willen erlebt werden, sie dürfe keinem Zweck, also auch nicht der Zukunft unterworfen werden.

Es sind die Abstände zu dem, was als konventionalisierte Welt der Fall sein soll und sich in vielen Fällen als Resultat eines Sammelsuriums sinnentleerter Phrasen erweist; es ist das von all dem warmen Wind ausgelöste Befremden, das uns mit der Materialität der Erfahrbarkeit in Verbindung bringt. Distanz heißt das Zauberwort; paradoxerweise ermöglicht erst der richtige Abstand, an Intensitäten eines Augenblicks teilzuhaben, sich  der unvermittelten Nähe einer/s Anderen auszusetzen. Ab diesem Repertoire von Erfahrbarkeiten beginnen Eigenzeit und Eigenarbeit wertvoll zu werden. Wer völlig in einer Tätigkeit aufgeht, selbstvergessen mit den Routinen verschmilzt, die der Materialität eines Gegenstands oder den Gesetzmäßigkeiten einer Situation entsprechen, überlässt sich vorindividuellen, mimetischen Impulsen. Schon diese Routinen taugen zur infinitesimalen Annäherung an die Unmittelbarkeit der Präsenz, während die geduldige Übung am Sex pur näher an die Punktualität des Jetzt herankommt. Ein emphatisches Tun und Erleben überformt den Verweisungszusammenhang zwischen gleich und geradeeben, bis das Subjekt in einer Woge des Mitgerissenwerdens verschwindet. Was einmal als Seele bezeichnet wurde, ist als Fließgleichgewicht jener körpereigenen Drogen zu verstehen, das im besten Fall wie eine gelungene musikalische Improvisation auf die im Laufe eines Lebens dichter und tönender werdenden Harmonien antwortet. Im schlechten Fall reproduzieren wir als Kakophonie eine dröhnende Homöostase des Elends. Eine katastrophale Erfahrung der Nichtung des Ichs bewirkt dagegen den Absturz in eine unendliche Stille, die immerhin gelegentlich die Chance einer Erleuchtung transportiert.

Der konstatierte Riss zwischen der Aktualität der Präsenz und ihrer Repräsentation in Wahrnehmung und Bewusstsein muss kein hoffnungsvolles Verpassen, kein wahnhaftes Hinterherrennen prägen, wenn traditionelle Besessenheiten dank medialer Spielräume jenseits der Gutenberggalaxis zu verabschieden sind. Die ursprüngliche Abwesenheitsdressur der Schrift erfüllte sich an den ins Imaginäre abfließenden Bindungsenergien, wobei die von ihr beschworenen Vorstellungen für die Angst sorgten, vom leiblichen Gegenüber enttäuscht zu werden oder gar auf eine Reaktion der Enttäuschung zu stoßen. Die von der Literatur gespeisten großen Erwartungen sorgten häufig genug für Ausweichmanöver, für eine Vergrößerung der Abstände und eine Liebe aus der Ferne. Mittlerweile haben soziale Medien diese Formen der Abwesenheitsdressur in einem Maße potenziert, mit dem deren Glaubwürdigkeit nur aufgrund der naiven Bedürfnisstruktur eines pubertären Überdrucks und dem Mangel an echter Erfahrung aufrechterhalten werden kann. Im Gegenzug sind allerdings aufgrund der technischen Entwicklungen digitale Systeme entstanden, mit denen die Inkommensurabilität des Individuellen zu speichern ist. Ein Antidot gegen imaginäre Ausweichmanöver und die Flucht ins Ungefähre der Vorstellungen; Aufzeichnungen beugen auf einer fundamentalen Ebene dem Vergessen vor. Wir müssen nicht mehr ständig Jetztzeit gegen die Arbeit an Erinnerungsmalen tauschen; außerdem hat die durch das Internet ermöglichte, jederzeit abrufbare Gegenwart pornographischer Bildwelten den Stecker aus den schriftlich induzierten Vorstellungswelten gezogen. Libidinöse Energien bringen ohne den Knebel der Ehe oder den moralischen Bann der Kirche in den wenigsten Fällen eine ernstzunehmende Bindung zustande; schließlich offenbaren die Möglichkeiten der Wahl, an wie vielen Schauplätzen der Besessenheit man/frau sich zu Beginn austoben kann. In einigen Fällen wird sich, obwohl das traditionelle Erpressungssystem Schwangerschaft an Zugkraft verloren hat, doch das Bedürfnis nach einer/m exklusiven Partner/in einstellen. Vor allem werden die Protagonisten nicht zwanghaft durch eine mögliche Entscheidung blockiert oder unversehens mit der Angst vor dem Zusammenstoß mit der Wirklichkeit konfrontiert. Haptische und rhythmische Erfahrungsmuster führen in Routinen der Präsenz zurück; unterschwellige Wahrnehmungen, freie Assoziationen, unwillkürliche Erinnerungen befördern Fähigkeiten wie Achtsamkeit, Körperbewusstsein, Geistesgegenwart, die die Abstraktionsleistungen der Schrift und die Generalisierungen der Wissenschaften ausgedünnt haben. Der Arbeit mit digitalen Speichersystemen verdanken wir die Einsicht in Gesetzmäßigkeiten der bisherigen Lebensgestaltung. Die offensichtliche Hohlheit und Verbogenheit eines Zwangssystems aus Verboten und Geilheitsdressuren stellt ex negativo Regeln zur Verfügung, mit denen eine Neuformatierung biographischer Wiederholungszwänge möglich wird. In Zusammenhängen der geduldigen Wiederholung und des Durcharbeitens, nach der dem Durchlaufen unzähliger Ergänzungen und Überarbeitungen des gespeicherten Materials verdankten Distanz, wird ein Kontext des biographischen Kontextes greifbar, es entsteht ein aktueller Rahmen für eine nonkonfliktuelle Ausrichtung von Gesten und Sprachformen. Noch dazu werden multimediale Intensitäten des Jetzt zugunsten der Arbeit an den eigenen Geschichten ausgehebelt; Der Stellenwert kreativer Eigenarbeit bekommt ein ganz anderes Gewicht, wenn wir regelmäßig für kleine Ewigkeiten die andere Seite des kulturellen Lattenzauns aufsuchen. Die erfahrenen Intensitäten bewirken eine Umkehrung des verdrängten aber unterschwellig wirksamen Opferkults. Die damit verbundene Grenze der Trauerarbeit verläuft mitten durch alltägliche Belange; ästhetische Erfahrung gestaltet die Grenze in Metaphern der Überschreitung, doch dank der erotischen Praxis eines Paars wird die gemeinsame Gestaltung des Hier und Jetzt als Resultat von Passagen und Wiedergeburten möglich.

Rougemonts antiquierte Gegenüberstellung von Agape und Eros lieferte zu Beginn unserer gemeinsamen Produktion mit einer seltsamen Formulierung den Hinweis auf eine der Beziehungsarbeit verdankte Form von Souveränität. In ‚die Liebe und das Abendland‘ hieß es, Agape räche sich an Eros, indem sie ihn erlöse, weil sie nicht zerstören könne, selbst das nicht, was zerstört. Sie stehe für ein Wissen, demzufolge das irdische und zeitliche Leben weder angebetet noch getötet, sondern angenommen zu werden verdiene. Was ist das für eine Rache, die erlöst, statt zu rächen? Erinnert dieses Schema nicht an eine Überlegenheit, die wir im Laufe der Zeit immer häufiger der Erotik verdankten? Keinem Eros, der sich in einer begehrenden Dürftigkeit verzehrte, manische Vorstellungen und die Besessenheit antreibende Sprachfiguren produzierte. Sondern dank Sex pur aus der eingegrabenen Spur einer mimetischen Rivalitätsstruktur zu springen, also keinen Delegationen mehr zu gehorchen, sondern ihren Antrieb zu durchschauen. Dank einer erfüllten Körpererfahrung frei von Negationen zu sein, den rechten Augenblick zu nutzen, um im Hier und Jetzt Fuß zu fassen, die Fähigkeiten Vertrauen und Gelassenheit weiter zu kultivieren. Zum Paradox Bergpredigt wäre der Verdacht anzumelden, dass die Forderung nach Gewaltlosigkeit unter den Vorgaben der Institution Kirche zur Verkennungsanweisung für Subalterne und Dumme geworden ist. Erst einmal muss durch die nötigen Institutionen jenseits von Waffengewalt und Krieg gewährleistet sein, dass die Gewaltlosigkeit als Entscheidung überhaupt akzeptiert wird. Wenn eine/r dann wirklich die andere Wange hinhält, ist von einer wirklichen Überlegenheit auszugehen, Beleidigungen als Witze behandelt und über Einschüchterungsversuche lacht, wer schlicht keine Resonanz auf Kränkungen oder Demütigungsversuche zeigt, wird sich auf der Ebene der Mimesis in ein ungreifbare Bedrohung erweisen.  Was macht ein Aggressor, der sich unterlegen und ausgeliefert vorkommt anderes, als in Formen der Selbstbestrafung auszuweichen. Wenn also von einer/m keine Negation ausgeht, wenn das Richtige zu tun und abzuwarten ist, bringen sich mit der nötigen Geduld die Leute mit den bösen Wünschen selbst zur Strecke. Das ist ein Mittel, mit dem souveräne Machttechniken der Kontextebene wirken, die der Volksmund zwar zur Sprache bringen kann, aber unter den schlechten Einflüssen autoritärer Institutionen nicht beherzigen darf: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein! Auch jene Definition des Eros als Leidenschaft, als Verlangen nach dem, was uns verletzt und vernichtet – eine Beziehung, die uns nicht das Leben kosten kann, sei nicht viel wert –, streift wieder ein Geheimrezept uralter Kontextwahrheiten im Modus des Verpassens! Noch die Formel: Liebe deine Feinde, verweist eher auf die Neutralisierung der negativen Kräfte, als auf eine libidinöse Besetzung bösartiger Invektiven. Wer eine/n Betreffenden hasst, wer einen Todeswunsch auslebt, identifiziert sich schon deshalb, weil man/frau sich im Focus von deren Aufmerksamkeit wähnt, damit aber der Wirksamkeit des symbolischen Tauschs untersteht. Der narzisstische Bezug erklärt, weshalb ein Teil der Negation überspringt; Hass und Rachegelüste sind mimetische Standleitungen; man/frau muss sie Gott oder dem Signifikantennetz überlassen, sonst nehmen sie einer/m auf Dauer die Luft zum Atmen. Wer nicht reagiert, wer keine negative Reaktion zeigt, setzt eine positive Resonanz voraus, wer verzeiht oder eine Erklärung findet, warum die Negation auf einem Irrtum beruht, gibt die Möglichkeit vor, sich einigen zu können – doch wenn weiterhin Negationen produziert werden, wird der Sender mangels Resonanz von ihnen zerfressen. Für unsere Welt der informalisierten und allgegenwärtigen Abhängigkeiten, hinter denen die alten Machttechniken verborgen wirken, hat das Prinzip blankpolierter Spiegel ganz unerwartete Folgen. Er erweist sich als mindestens so unsichtbar, wie die Zugriffsformen der Macht: Wer sich mit den Möglichkeiten einer das Begehren stillenden Beziehungsarbeit für entscheidende Augenblicke in einen blankpolierten Spiegel verwandelt, umgeht die schuldhafte Verstrickung, schaltet die aus Abhängigkeitsbeziehungen resultierende mimetische Rivalität aus, lässt die Kräfte der Aggressoren für sich arbeiten. Die älteste Weisheit des Menschen resultierte bereits aus der Umsicht, Feinden und Gefahren so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Bewusst vorgenommene Abstände gegenüber der Verstrickung in den Abhängigkeiten einer Bildungsbehörde haben noch immer Teil an dieser Weisheit. Der blankpolierte Spiegel resultiert aus einer Kunst der Distanz, die in der Fähigkeit fundiert ist, sich befriedigenderen Tätigkeiten zu widmen. Erst wenn die psychischen Besetzungen nicht mehr von der Frage warum-tun-die-das-überhaupt abhängen, wenn die nötige Lustpolitik dafür sorgt, die von Neidern oder Intriganten ausgehenden Negationen nicht zur Kenntnis zu nehmen, ergibt sich wie von allein die Möglichkeit, ihnen zu präsentieren, wie schlecht sie in ihrer Bosheit aussehen. Putative Bündnisse – vor allem zwischen den Geschlechtern, denn nichts hat den genealogischen Ordnungshütern solche Angst gemacht, wie gerade diese Möglichkeit, eine andere Ordnung zu setzen, indem zwei einander erkennen im Sinne des Alten Testaments – stellen mit einer Formulierung aus Rilkes Briefen eine Form der Wiedergeburt auf einem anderen Signifikantenniveau dar: Zwei Einsamkeiten, die einander schützen, grenzen und grüßen. Den bisherigen Abhängigkeiten werden die Zugriffsmöglichkeiten entzogen, der gemeinsame Bund genügsamer Gelassenheiten erweist sie wie die Invektiven als nichtig.

Die Kunst, Gegner oder Behinderer ins Leere laufen zu lassen, setzt eine rücksichtslose Beziehungsarbeit voraus, denn solange wir unsere Träume, Sehnsüchte, Ängste und Vorbehalte noch schonen, sind wir viel zu leicht zu verletzen. Erst wenn die imaginären Fühlfäden des Begehrens geklärt sind, wenn keine offene Nabelschnur mehr nach der idealisierten Steckdose sucht, damit also der notwendige Resonanzraum wegfällt, bringen sich selbsternannte Gegner mit dem Schwung der ihnen eigenen, der Rivalität gehorchenden Dummheit und Boshaftigkeit zu Fall. Entgegen einer von der kulturschwulen Mimesis vorausgesetzten fehlerhaften Identifikation bejahen wir die Unterschiede, benutzen die Reibungsenergien; eine Anerkennung des sexuellen Dimorphismus wie die Anerkennung einer wechselseitigen Ergänzung sind immer schon weiter, als der zwanghafte Versuch, durch Vereinheitlichung über tatsächliche Vielheiten hinwegzutäuschen, durch Opfer zu identifizieren, das Außen zu leugnen oder die/den Andere/n durch klebrige Familienabhängigkeiten zu vereinnahmen. Wenn keine Negation, keine bösen Wünsche, keine zwanghafte Anähnelung von den leiblichen Zentren der Beziehungsarbeit ausgehen, wenn zwei sich in ihren Unterschieden zu genießen wissen, bleibt auch keine Negation hängen, dann fallen die bösen Wünsche auf ihre Urheber zurück. Blankpolierter Spiegel und Beziehungsarbeit bedingen sich gegenseitig: Die an den eigenen Geschichten entzündete, gemeinsame Trauerarbeit stellt die innere Leere her, jenseits von Bildwelt und Angstbewältigung. Auf diese Weise wird die von Girard in ‚das Heilige und die Gewalt‘ herausgearbeitete dritte Instanz, aus der der nachahmende Wunsch entspringt und die sich über den Umweg des Subjekts selbst begehrt, ausgeschaltet. Die mimetische Instanz des Prinzips Sippe, Gemeinschaft oder verjüngt: Familie steht in Konkurrenz zum Dritten jener kommunikativen Prozesse, dank denen ein Paar sich dank den Sprachen der Körper zusammenrauft, also nach und nach eine Vielzahl von Ambivalenzen integriert. Aus der Beziehungsarbeit entwickelt sich eine Form der klugen Selbstverteidigung, die zwar gewaltfrei ist, aber gerade durch die Selbstgenügsamkeit der Beziehung, durch den vermittelten Mangel an Resonanz, durch die Unerreichbarkeit und Ungerührtheit der psychischen Ökonomie dafür sorgt, dass sich Aggressoren und Störenfriede aus Gründen der Angstbewältigung selbst bestrafen, verstümmeln und zu Fall bringen. Der Teufel einer konfliktuellen Nachahmung produziert reihum Delegierte. Er steckt im Fundament aller Institutionen und expandierte laut Böhme seit dem 18. Jahrhundert mit Hilfe der Einbildungskraft. Nach der Familiarisierung der Welt durch die Massenmedien ist er allgegenwärtig, darf sich aber nicht mehr blicken lassen deshalb fürchtet er nichts so sehr, wie die Nennung seines Namens, die Begegnung mit dem Ebenbild der bösen Wünsche im Spiegel der Kommunikation.

Beziehungsarbeit wird zum Fundament einer notwendigen Kritik, die nicht mehr auf magische Konsensimperative hereinfällt. Auf der Fähigkeit, nein zu sagen, lässt sich ein funktionaler und relationaler Identitätsbegriff begründen. Wir wissen oft nicht, was wir wollen, manchmal können wir dies gar nicht wissen, weil es ein Wissen ist, das erst aus der Zukunft auf uns zu kommt. Aber wir können in der Regel sehr genau angeben, was wir nicht wollen. Der empfundene Mangel liefert die Grundlage, stellt die erste konkrete Negation dar, schon daraus resultiert das Wissen, welchen überflüssigen Plunder wir nicht brauchen, auf welche Techniken der Abwesenheitsdressur besser zu verzichten ist. Gegenüber Charakterlosen charakterlos zu sein, ohne sich mit diesem Mangel zu identifizieren; Zyniker zynisch abfahren zu lassen, ohne durch den Ähnlichkeitsbezug zu verhärten; Infantile wie bockige Kinder zu behandeln, ohne sich von ihrer Verblödung durch den Ärger über diese Zumutung anstecken zu lassen – zu diesem Repertoire gehört natürlich die von Machiavelli empfohlene hohe Kunst, Betrüger mit ihren eigenen Mitteln auszutricksen. Die bürgerlichen Charaktermasken beruhen nicht nur auf einer anmaßenden Simulation von Wahrheit, die tatsächlich lebensfremd ist; sie schreiben zudem einen Selbstbetrug immer weiter ein, der im Medium des schlechten Gewissens willfährige Untertanen modelliert. Wir sind Spiegel, wir sind Masken, eines nicht ohne das andere. Der Mensch ist ein Relationswesen, Schnittpunkt von Kräftefeldern, dialektische Durchgangsstation von Informationsströmen. Aber er ist auch ein unendlich fein vernetzter Wissens- und Erinnerungsakkumulator. Diese Funktionen werden durch die Fähigkeit nein zu sagen, aufeinander abgestimmt. Eine der ältesten Weisheiten der Menschheit könnte reformuliert heißen: Beuge dem Vergessen vor, meide Abhängigkeiten popularisiert: Fliehe die Dummheit, nichts ist so ansteckend postmodern: Lerne Machtspielen aus dem Weg zu gehen. Wenn eine/n die Negativität der anderen nicht mehr trifft, wenn all ihren Verwünschungen ruhiger Gleichmut antwortet, vielleicht sogar ein Lächeln und unverrückbar gute Laune, dann fällt diese Negativität aufgrund des blankpolierten Spiegels mit unverminderter Kraft auf sie zurück. Sie bestrafen und behindern sich selbst; es dauert nicht lange, und sie erschrecken schon, wenn sie eine/n nur sehen.

Wichtig scheint vor allem die Bewährung in Alltagssituationen. Der Bezug auf lebensferne Ideale, eine abstrakte Moral oder großen Vorbilder erweist sich nicht nur als Fluchtbewegung vor der Auflösung biographischer Inkliniertheiten, sondern als Schulungsgang des pragmatischen Zynismus: Lebensfremde Werte zu beschwören, um den eigenen Schweinehund auszuhalten, der Tag für Tag in nebensächlichen aber auch bedeutsamen Belangen ständig gegen kleinste Ansätze verstößt, diese Werte zu beachten. (Du sollst nicht lügen, aber wie soll unter dieser Voraussetzung ein Selbstwertgefühl aufgebaut werden; Du sollst nicht Ehebrechen, doch wie soll sonst eine Ehe auf Dauer auszuhalten sein; Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, aber wie soll unter dieser Voraussetzung eine Karriere als Arzt, Anwalt oder Politiker zustande kommen; Du sollst nicht stehlen, doch unter solchen Bedingungen wird niemals ein nennenswerte Vermögen vorzuweisen sein…) Auf mystische Offenbarungen oder extraordinäre Grenzerfahrung kann man/frau ein Leben lang warten, um die in der Biographie versteckten Möglichkeiten der Erweiterung und Veränderung der eigenen Rolle und deren Spielräume nur um so gründlicher zu verpassen. Priester, Dichter oder Stars, Gurus oder Gelehrte liefern dank ihrer Position der Stellvertretung alle Gründe, die Rhythmen und Erfahrungsformen der eigenen Lebendigkeit zu verpassen oder gar zu fliehen. Und sie haben es leicht, denn die Angst vor der Verantwortung für das eigene Leben sorgt für die verschiedensten Umwege und Entschuldigungen, um selbst noch das Genießen und die Befriedigung zu delegieren. Dabei muss man/frau genau dies selbst und eigenverantwortlich zustande bringen, Möglichkeiten der Veränderungen stehen gerade an den kleinen Begebenheiten zur Verfügung, an den in alltäglichen Zusammenhängen notwendigen Änderungen der eigenen Wahrnehmungsmuster und Verhaltensgewohnheiten – in vom gewohnten Kontext abweichenden Handlungen, modifizierten Gesten und Sprechweisen. Am Rande der symbolischen Ungewissheiten, die sich zwischen beengenden und einander widersprechenden Schemata ergeben, ist das Glück des Unvorhergesehenen zu finden. Der Stellenwert kreativer Eigenarbeit kann nicht hoch genug angesetzt werden, wenn die Erfahrung des soziales Todes auf diese Umkehrung des in Familie und Institution verdrängten und deshalb ständig wirksamen Opferkults bezogen ist. Ekstase und Kreativität sind Formen einer Trauerarbeit, die aus Erfahrungen der Grenze resultiert: der soziale Tod demonstriert, wie die Grenze durch die alltäglichen Belange verläuft; ästhetische Erfahrung gestaltet die Grenze in Metaphern der Überschreitung, erotische Theorie als Resultat von Passagen und Wiedergeburten wird erst an dieser Grenze möglich. Wenn allerdings statt der Grenze das Dazwischen wirksam werden kann, beginnt das Kraftwerk der Liebe Energien zu liefern: Vermutlich hat das dank der Beschäftigung mit Witz, Komik und Humor entfesselte Potential eines Schnellen Brüters, der die Imperative von Antriebsstörung und Melancholie spaßig und lustvoll verpuffen ließ, bereits die Stufen auf dem Weg zu einer Konzeption blankpolierter Spiegel bereitgestellt.

Die Bejahung der Kräfte der eigenen Lebendigkeit sollte also immer der Oberbegriff sein, nicht die Betonung der Mauern und Panzer des Ich. Lebens- und Betätigungslust, Freude an den Intensitäten des Augenblicks, ein Optimismus, der eingedenk aller Fraglichkeiten und Bedrohungen von der erotischen Erfüllung gespeist wird. Unter diesen Voraussetzungen zeigen sich bereits mit Bataille Wege ins Ungewordene und Unregulierte, deren Gesetzmäßigkeiten bislang unter den kulturellen Anleitungen nur geflohen werden sollten: Die Bejahung des Lebens bis in den Tod hinein führt zu einer souveränen Form der Verweigerung von Macht. Bataille hat den Souveränitätsbegriff mit der Subversion verklammert! Die Entscheidung für das Leben und Überleben stellt jenseits der Klage „Das-kann-man-mit-mir-nicht-machen“ Techniken zur Verfügung, dem Opferkult ein Schnippchen zu schlagen. Die notwendigen Tricks, dem verordneten Tod oder dem programmierten Untergang auszuweichen, stellen sich erst unvorhergesehen ein. Entgegengesetzten Kräftepfeile oder Tendenzen sind also miteinander zu verspannen und für die Qualitäten des Subjektiven stark zu machen – was in den verschiedensten bedrohlichen Lebenssituationen als Gesetzmäßigkeiten eines Blankpolierten Spiegels zu erfahren war, hat diese Regelhaftigkeiten zum ersten Mal auf einen halbwegs zusammenhängenden Nenner gebracht. Im Kontext der Arbeiten, aus denen die in Dresden vorgestellte Neukonzeption für das ehemalige Becher-Literaturinstitut entstanden ist, findet sich bereits ein Schlüssel: Der Sparsamkeitstick der Autonomie und die Verschwendungssucht der Souveränität sollten parallel ausgeübt werden – aber eben nicht, um einander in Schach zu halten, sondern um auf verschiedenen Ebenen die Anpassungszwänge des gesunden Menschenverstands, wie die Verführungen des Kapitalmarktes in ihre Schranken zu weisen. Anhand des Geldes zeigte Hörisch, wie gültiges Erkennen zur Täuschung über Sachverhalte wird, wenn das Konstitu­tionsverhältnis der Erkenntnis ein Verweisungszusammenhang der Verkennung ist. Die Komplexität des Geldes erklärt sich durch den Bezug auf ein Symboldenken, das ursprünglich aus der ambivalenten Erfahrung des Heilig/Verfluchten erwächst – das Symbol ist kein Werkzeug der Rationalität, sondern ein Kennzeichen des Sakralen. Die Überzeugungskraft des Geldes resultiert weniger aus dem Tauschwert, als aus der Potentialität, für alles stehen zu können und damit aus seiner Beziehung zur Macht, die menschheitsgeschichtlich im Sakralen verwurzelt ist. Dagegen sind die elementaren Formen des Denkens Epiphänomene des Äquivalententauschs, womit eine Kritik der politischen Ökonomie zur Kritik der unrei­nen Vernunft werden sollte. Wir haben nicht nur vergessen, warum der pure Sex die Verwirklichung des Symbols ist und es um das schmutzige Heilige im Leben geht; wir sind sogar noch dazu verdammt worden, dieses Vergessen gründlich zu vergessen. Damit diese Verkennungsanweisungen aufzulösen sind, muss sich eine geistesgegenwärtige Erfahrung des Körperbewusstseins einstellen. Eine Einheit, die Zwei ist und zwar als Drittes! Der Ich muss in einer Beziehung verloren gehen, um eben für diese Beziehung eine Autonomie zu erlangen, die gegenüber den Anforderungen einer wahnwitzigen Welt und den Verführungen Zukurzgekommener, anmaßender Psychotiker einen neuen Status der Souveränität gegenüber allen Anpassungsimperativen ermöglicht.

Freiheit als Autonomie mag sich in ein Wettrüsten der Emanzipationszwänge verfangen – Freiheit als Souveränität ins anomisch Monströse übergehen. Die Zuordnung von Autonomie als Selbstbestimmtheit und Abstraktion von der Freiheit des Anderen zur bürgerlichen Gesellschaft, und die der Souveränität als unbeschränkter Verfügungsgewalt theatralischer Selbstinszenierungen zum Feudalismus, spielt mit einem Erklärungsanspruch, der eben nicht einlöst, was er verspricht. Für Kamper erweist sich der Riss zwischen rechtlicher Autonomie und singulärer Souveränität, Authentizität, Individualität als der Grund-Riss der Subjektivität, in der das Fremde wuchert und das Eigene abnimmt. Für die Freiheit der Souveränität taucht der Feind oder Gegner nicht an der Grenze zum Anderen auf, sondern schon an der historischen Gewordenheit einer Zerrissenheit des Selbst. Autonomie und Souveränität als die beiden Arten der menschlichen Freiheit sind nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Prozesse der Selbsterhaltung und der Selbstverschwendung dürfen nicht verwechselt und nicht miteinander verrechnet werden. Sie sind in ganz verschiedenen Lebensbereichen zu Hause, auch wenn sie im ambivalenten Fetisch der Macht eins zu werden scheinen. Es sind die immanenten Spaltungen und Verdopplungen der Souveränität, die ein selbstabschließendes Geschehen der Autonomieanstrengungen des Individuums in Gang gesetzt haben. Zur Lippes Kennzeichnung der bürgerlichen Zwänge, durch die Autonomie und Selbstzerstörung zwangsneurotisch verklammert werden, findet in der historischen Verhaltensforschung manche Bestätigung. Die Entwicklung der letzten zweihundert Jahre zeigt zudem, dass es eben die Fröste und Einsamkeiten der Moderne sind, an denen das Modell der absolut gesetzten Autonomie zu Bruch geht.

Eine argumentative Zuspitzung, die gegen Institutionstheoretiker – nicht nur gegen den einer bürgerlichen Demokratie, in der die Rede das Handeln ersetzt, sondern auch gegen den autoritärer Regime, bei denen ein blinder, den Mächtigen gehorchender Aktionismus die Rede unterdrückt – gerichtet ist, war Carl Schmitt zu entwenden: Souverän ist, wer in Situationen und Momenten, in denen keine Wahl mehr möglich scheint, über den Ausnahmezustand entscheidet. Als alle Sicherheiten weggeflogen waren, stellte sich wie von alleine jene energetische Struktur ein, die aus subliminalen Wahrnehmungen Begegnungen machte, also Wahrheitswerte transportierende Beobachtungen beförderte. Ich war oft kurze Zeit vor jenen Leuten zur Stelle, die eine Falle für uns aufbauen sollten oder regierte pünktlich auf Schreiben, die nicht abgeschickt, auf Telefonate, die nur fingiert worden waren. Bei den alltäglichen Begegnungen verraten die Leute wesentlich mehr über sich, als trainierte Selbstdarstellung und sprachliches Repertoire gängiger Klischees verdecken können – gerade diese Begegnungen versorgten uns mit einem Wissen, das unter der Bewusstseinsschwelle den Generator für böse Witze und kluge Zynismen speiste. Wir schrieben einen Beschwerdebrief, in dem wesentlich mehr stand, als wir zur dieser Zeit wussten, an einen Volkshochschuldirektor, dessen Vorstand sich mit den delegierten Störungen durchschaut und bedroht fühlte; ich brachte gegenüber der Chefin des Buchhandels, in dem ich vor allem jobbte, um vom Buchhändlerrabatt zu profitieren, die gegen meine Freundin inszenierte Intrige auf einen Nenner, kapierte aber erst aufgrund späterer Reaktionen, dass ich sie mit einer Analyse ihrer eigenen Machtspiele konfrontiert hatte;  einem Literaturwissenschaftler, der mich regelmäßig abpasste, erzählte ich, warum für mich keine wissenschaftliche Laufbahn erstrebenswert war, ohne zu bemerken, wie damit die von ihm lancierten Intrigen bereits als Argument verwendet wurden. Wir lernten an den Reaktionsformen, welche unliebsamen Wahrheiten wir in die Welt zu setzen in der Lage waren, welche Bedrohung für unsere selbsternannten Gegner damit verbunden war. Dabei mussten wir erst einmal akzeptieren und verstehen, warum es jene Erfahrung der Ausgeliefertheit im Angesicht der psychischen Vernichtung war, die uns von den institutionalisierten, gewohnt gewordenen Wissensweisen abnabelte, zugleich aber ein energetisches Level zur Verfügung stellte, auf dem Sätze in die Wirklichkeit zu entlassen waren, die eine personelle Macht freisetzten und einen energetischen Wirbel der Weltsetzung zugänglich machten. Man/frau muss die Ambivalenzen aushalten, in die Bereitschaft einwilligen, über den Ausnahmezustand zu entscheiden, denn sonst wurde über sie/ihn entschieden., denn normalerweise verfügen eben jene schizoid-paranoiden Systeme der Ausgeliefertheit über die Regeln, mit denen Menschen ins Vergessen oder die abdämmende Medikamentisierung gestoßen werden. In dem Augenblick, als ich Ja zu einem Lernen jenseits der Scheuklappen der Normalität gesagt hatte, als dieses Ja die Verantwortung für das eigene Leben beinhaltete, nachdem mir klar gemacht wurde, dass wir der Vernichtung unterstellt waren und es nun nur noch von unserer Findigkeit, von unserem Überlebenswillen abhängen würde, ob wir durchkommen konnten, stand die Souveränität der Entscheidung zur Verfügung, rückhaltlos und ohne falsche Vorbehalte ins eigene Überleben zu investieren.

Als es drauf ankam, war alles zu verabschieden, was uns einmal wichtig gewesen ist. Ich musste geistesgegenwärtig und aufmerksam genug sein, um Linkheiten zu umspielen, Verführungen zurückzuspiegeln und dabei noch die Kraft haben, die Liebe meines Lebens nach einem Burnout wieder ins Leben zurückzuholen. Ich agierte, wie ich einmal gelernt hatte, Tischtennis zu spielen: Ein erweiterter Fokus der Aufmerksamkeit parierte jeden Zug und jeden Schlag, indem das, was ich einmal den Ich hatte nennen sollen, nun nur noch dieser Schläger war, der in die Hand überging und vom federnden Fließgleichgewicht der Reaktionsbereitschaft des ganzen Körpers gesteuert wurde. Wie ich damals an der Qualität meiner Gegenspieler gelernt hatte und gewachsen war, gab es selbst zu diesem späten Zeitpunkt noch die direkt in Produktionslust übergehende, positive Erwartung: Wenn es die besten Namen waren und die größten Gegner, konnte ich mich bewähren und mein Repertoire erweitern, meine Techniken verbessern. Während andere an dem Gedanken erstarrt wären, um ihr Leben zu spielen, beschäftigte mich bereits der Hintergedanke, die durch einige zufällige Funde erahnbaren Gesetzmäßigkeiten eines Blankpolierten Spiegels genauer zu erkunden: Nicht zu reagieren, nicht zu tun, das Ganze an sich vorbei rauschen zu lassen und sich den wesentlichen Dingen zu widmen. Dabei waren es nur Nadelstiche, mit denen uns nach und nach der Schneid abgekauft und die Lebenslust vergiftet werden sollte – wir mussten eben mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz lernen, viele Nadelstiche einfach wegzustecken, indem der nötige Humor die zugrunde liegende Impotenz oder Frigidität auf einen Nenner brachte. Die von diesen Leuten praktizierte Verbindung aus gerissener Bauernschläue und verbiesterter Dummheit hatte ein surrealistisches Format und war beeindruckend; doch egal was sie oder ihre Delegierten sich alles einfallen ließen, den Erfolgswillen und die Ausgeglichenheit nach einer Dosis Sex pur konnten sie nicht beeinträchtigen. Das intuitiv erworbene Schema wuchs vor allem an überzeugenden Rückmeldungen, wenn Quälgeister in irgendwelche Selbstzerstörungen absausten, weil wir auf absurden Schwachsinn nicht reagierten. Es entbehrte nicht der Komik, wenn uns der Wind zutrug, dass in einer konventionellen Ehe zurückgelehnte Spießer, die verbiestert versucht hatten unsere Beziehung zu stören, plötzlich wieder Single waren; dass Leute, deren Lebensinhalt die Musik war und die dafür gesorgt hatten, die Überlastungsstruktur für einen Burnout zu inszenieren, von einem Tag auf den anderen tot waren; dass intellektuelle Cracks, die ausgegeben hatten, ich sei ein größenwahnsinniger Idiot, der auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden sollte, durch die angeleierte Intrige ihr wissenschaftliches Renommee aufs Spiel setzten.

Ich kam nicht auf die Idee, mich bedroht zu fühlen, bis die hochgekitzelten Virulenzen meinen gerade drei Jahre alten Chow Chow erwischten; er starb qualvoll an einer Magendrehung. Von da ab war der Traum vom freien Schriftsteller abgehakt; es ging nur noch darum, die nötigen Einnahmequellen aufzutun, um von den universitären Hysterisierungen unabhängig zu werden. Der Ehrgeiz, sich jenseits all der subalternen Krüppel effektiv und erfolgreich zu bewähren, war einfach zu streichen – es ging nun um Geld und damit war alles andere zu vernachlässigen. Das psychische System hatte makellos zu sein, durfte von keiner Negation getrübt werden, auch Ehrgeiz war nur eine Einfallpforte für Wut oder Rachegedanken. Das beste Herrschaftsinstrument war schon immer ein schlechtes Gewissen – aus diesem Grund werden an Machtpositionen meist Leute installiert, die aufgrund irgendwelcher Verfehlungen unter Druck zu setzen sind. Wer Machtspiele, sexuelle Übergriffe oder ähnlichen Scheiß nötig hat, ist erpressbar und zu nötigen. Wer dann auch nur zögert, kleine Gefälligkeiten zu garantieren, erfährt eine geballte Negation, ihm demonstriert: Gib auf, du bist allein; alle sind gegen dich, wenn du nicht spurst und machst, was wir von dir erwarten. Deshalb die Betonung der Makellosigkeit, aus diesem Grund der Wert, der einem als blankpolierter Spiegel wirkenden psychischen System beizulegen ist, den kein Schatten trübt. Wer wirklich etwas durchsetzen will, wen diese Einsicht aus der Zukunft trifft, nachdem ihr/ihm aufgegangen ist, zu was dieses Leben künftig getaugt haben wird, wird zu keinen Zugeständnissen bereit sein, dem Modus vivendi aus Lebenslüge, Verleugnung und Ersatzbefriedigung zu huldigen. Klar war auch, dass der Blankpolierte Spiegel sich in Nebensächlichkeiten zu bewähren hatte, denn oft werden große Aufgaben mit Bravour erledigt, während kleine Fehltritte dann das Tor für Selbstbestrafungen öffnen. Selbst wenn das von den Auftraggebern nicht so gedacht war – sie hatten den Erkundungswillen, die produktive Neugier, die Übung der perfekten Nummer oder die Suche nach der Weltformel, was aufs gleiche rauskam, mit dem nötigen Drive versehen. Die mythischen Ursprünge eines Blankpolierten Spiegels legen nahe,  an der Größe der Gegner oder den Fehler der anderen zu wachsen.

Als Grundvoraussetzung erwies sich die Nähe zum Material, die Selbstvergessenheit in den Vollzügen… man/frau hat mit so viel positiver Erwartung und orgiastischem Nachhall erfüllt zu sein, dass die bösen Verwünschungen und üblen Nachstellungen an der transportierten Negation irre werden, also hilflos zu ihren Urhebern zurückstreben. Solche Erfahrungen sorgen dafür, virtuelle Kräftepfeile und energetische Konstellationen vor dem inneren Auge zu sehen, die Fronten werden klarer. Natürlich ist es kein Wunder, wenn sich weitere Apologeten der Antriebsstörung darauf einschießen, diese Beziehung zu stören, denn nichts stört ihren Machtanspruch mehr, als ein funktionsfähiges Paar, das an einer Lustpolitik weiterbaut, auf die sie zugunsten der Macht Verzicht geleistet haben. Die offensichtlich werdenden Machtstrategien zeigen aber auch, unter welchen Voraussetzungen das ursprüngliche Bild vom eigenen Ich hergestellt wurde, welchen Verfügungen der Lüge, Verleugnung und Überformung es gehorcht haben muss. Was lag also näher, als eine maximale Distanz zu den eigenen Prägungsmustern aufzubauen, im Gegenzug die individuellen Antriebe der gemeinsamen Beziehung zu unterstellen. Die unter Bedingungen der Normalität unlösbare Aufgabe lautete: Zu wissen und zu kapieren, was jene selbsternannten Gegner planten, ohne sich auf sie einzustellen; die täglich notwendigen Angelegenheiten zu klären und zu erledigen, zugleich aber geistesgegenwärtig zu reagieren, einen Schritt beiseite oder  neben sich zu treten, während die Gründungsmythen des Ich einer geballten Negation ausgesetzt waren. Das mag wie ein maximaler Widerspruch sein: Krüppelzüchter zu durchschauen, indem man sich, weil sie einen nicht interessieren, nicht mit ihnen beschäftigt, doch genau so funktioniert ein Blankpolierter Spiegel. Diese Selbstdarsteller gebildeter Persönlichkeiten investierten eine derartige Kraft in die Selbstdementierung, dass es schon reichte, nicht auf Schmierenkomödien reinzufallen, die sie suggerierten. Am besten stellte man/frau sich nichts vor, kein fixiertes Selbstbild, keine konkreten Zukunftspläne, vor allem nicht, was kommen würde. Ein maximaler Fehler wäre gewesen, sich auf das einzustellen, was man erwarten sollte. Statt von imaginären Zielen ausgebremst zu werden, erwies sich das Hier und Jetzt als viel tragfähiger, noch dazu trug uns gelegentlich ein Anruf aus der Zukunft wichtige Informationen zu: Mit dem Telefonmarketing entstand ein neuer Markt, der noch weitgehend unreguliert war, mit Desktop- publishing und Print on demand ein neuer Verlagszweig, der unabhängig von universitären Netzwerken liefern konnte, keine Lagerkosten verursachte und das unnütze Fällen von Bäumen sparte. Aber erst einmal galt es, die eigenen Angelegenheiten zu erledigen, das nötige Geld für die monatlichen Ausgaben zu organisieren. Nur darum ging es, alles andere waren Furzideen. Tragfähig waren vor allem konkrete Ziele, die keine Kraft und Aufmerksamkeit für Hysterisierungen übrig ließen –  manchmal kam sogar der Gedanke auf, ob ein Status jenseits der Geschwätzwelt und der pseudofamiliären Abhängigkeiten ohne Störfaktoren vielleicht auf die Dauer an der Ökonomie der Aufmerksamkeit gescheitert wäre. Hatten wir als Paar vielleicht nur deshalb ein Arrangement gefunden, mit uns zufrieden zu sein, weil Neider und Intriganten sich permanent mit uns beschäftigten? Dass wir wichtig sind, selbst wenn man uns vernichten möchte, dass man uns wegwünscht und dies nicht gelingt – war das nicht der zusätzliche Kitzel? Schließlich bewarb ich mich auf alle möglichen geisteswissenschaftlichen Stellenausschreibungen deutscher Unis, um in meinen Anschreiben vor allen Dingen Informationen zu streuen, zu dokumentieren, dass ich nicht einfach im Schweigen verschwinden würde. Eine der frühen Einsichten hatte gelautet: Die Leute, die es sich in den Kopf gesetzt haben, über dich zu verfügen, haben ein ungeheures Bedürfnis, dass du dich mit ihnen beschäftigst. Denn nur dann sind ihre Delegationen gewährleistet und zünden. Warum willst du ihnen, wenn du noch nicht einmal weist, was sie wirklich wollen und ob das Theater nicht nur ihrer Selbstdarstellung dient, den Gefallen tun! Damals verdankte sich dieser Geistesblitz bereits einem befriedigten Status der inneren Leere, er musste also nur noch verallgemeinert und an die Intriganten weitergeleitet werden: Sollte Sie sich doch weiterhin mit uns beschäftigen. Fast ein dreiviertel Jahr jobbte ich als Bankbote einer internationalen Bank, um die monatlichen Ausgaben abzufedern, in den letzten Monaten brachte ich mir learning by doing rhetorische Tricks beim Telefonmarketing bei, die ich bis dahin nur verachtet hatte und erwirtschaftete im folgenden Jahr bereits ernstzunehmende Umsätze.

Natürlich ist uns schon die provokante Frage gestellte worden, ob beim Blankpolierten Spiegel die Freude am Scheitern der anderen aufkommen darf, wenn einem zugetragen wird, dass die für einen gebaute Falle zu deren Falle wurde: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein! Die Genugtuung mag verdient sein, sie darf nur nicht ausposaunt werden. Wenn wir nichts dazu beigetragen haben, unser einziger Verdient darin besteht, uns nicht mit Spekulationen beschäftigt zu haben, was sich Krüppelzüchter jetzt wieder einfallen lassen werden, weil uns lustbetontere Themen beschäftig haben, spricht das Ergebnis nicht gegen eine blankpolierte Haltung. Wir müssen uns von jeglicher konfliktuellen Mimetik verabschiedet haben, dann ist die Genugtuung, dass uns nichts passiert ist, aber Intriganten oder Aggressoren die Quittung für ihr Fehlverhalten bekommen, eine Bestätigung der richtigen Lebenshaltung und kein Ressentiment. Wenn ihnen der ganze Apparat ihres wissenschaftlichen Netzwerks nicht geholfen hat, uns zu vernichten, ist die in manchem Nachruf genannte jahrelange, schwere Krankheit auch als Quittung zu verstehen: Wer sich über Jahre hinweg giftige  Bosheiten und geisteskranke Störungen ausgedacht hat, läuft immer auch Gefahr, davon imprägniert zu werden. Die Negation, die wir nicht angenommen haben, begann sich also dort festzufressen, wo sie hergekommen war.

Doch wer wird sich an so einem Scheiß freuen! Eher aufatmen, vor Erleichterung lachen, mal abgesehen von dem Gefühl, auf einer Rasierklinge zu balancieren, nur der Notwendigkeit zu gehorchen, die vorhandene Energie richtig zu investieren. Das Beste scheint noch immer, Krüppelzüchter überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es spricht nichts dagegen, sich an den eigenen Fähigkeiten zu freuen, an den Trainingserfolgen, an den Routinen, die aus den ständigen Kleinkriegen erwuchsen, an den Techniken des Umspielens und Vereinnahmens, an den Tricks, die Bosheiten der Anderen für sich arbeiten zu lassen.

Im Durchlaufen der Katastrophe hat sich in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder einmal die Chance eingestellt, auf die Gesetzmäßigkeiten eines Blankpolierten Spiegels zu kommen – doch wenn der Bekehrungswahn und das Bedürfnis, über Schüler und Abhängige zu herrschen, daraus hervorgegangen sind, wird von der ursprünglichen Intuition nicht viel übrig geblieben sein, obwohl in den heiligen Büchern immer wieder Ahnungen nachhallen. In der ‚Katastrophenpädagogik‘ haben wir einige Spuren verfolgt.

Doch zurück zu bestimmten Wirkungsmechanismen eines Blankpolierten Spiegels, die früher der Magie und dem Teufel unterstellt worden sind: Das Geheimnis der Synchronizität, ihre Ungreifbarkeit und scheinbare Zufälligkeit erklärt sich damit, dass diese Magie überall und nirgends zugleich ist. In den menschlichen Zusammenhängen gibt es keinen Zufall, sondern Resonanzräume und Übertragungsfelder, die noch immer an das die Reziprozität des vorgeschichtlichen Gesetzes Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn denken lassen. Bei Lacan hieß es über die Wechselbezüge auf der Couch: Les sentiments sont toujours reciproques! – auf anderen Schauplätzen und in anderen Zeiten wird dies mit kommunizierenden Feldern erklärt. Es gibt nur ein paar Aufgaben, die wir richtig zu lösen haben, aber unendlich viele Variationen des Ausweichens, des Fehlinvestments, der falschen Zielsetzungen. Das ist die klare Schlussfolgerung aus der Erfahrung, dass wir in Geschichten verstrickt sind, in denen eine nicht-lineare Form der Zeit herrscht.

Wirkliche Macht beginnt erst jenseits der Freude an der Unterlegenheit der anderen, jenseits des Verstümmlungswillens – sie ist die Freude daran, gegen die Bosheit durchgekommen zu sein, also die an der Selbstverwirklichung. Sie finden Andeutungen und Hinweise in den Spruchweisen des Volksmunds, in der Selbstvergottung der Mystiker und verstreut in allen Religionen. Vertrauen und Hingabe, innere Leere und Offenheit für das Andere, Liebe und Geduld, Freiheit von der Gier gehören dazu. Alle werden in einer einzigen Bedingung zusammenlaufen: Makellosigkeit – du darfst kein Begehren mit den Akteuren des Sexualneids und der Verleugnung teilen; oder noch allgemeiner, du musst dich von der konfliktuellen Mimesis verabschiedet haben. Makellosigkeit heißt: Du sollst nicht begehren des anderen Weib-Haus-Auto-Kind-Stelle-Vermögen-Einfluss – egal was sie/er ist oder hat. Und dazu brauchst du schon einmal einen Partner/eine Partnerin, mit der oder dem das Begehren so zu konditionieren und zu kultivieren ist, dass es von der fehlerhaften Identifikation und dem Neid geheilt wird. Ordentlich befriedigt, kann ich mir in aller Ruhe anschauen, wie die anderen manisch Zielen hinterher rennen, die gar keine echte Befriedigung bieten.