Kräftepfeile
zwischen den Polaritäten: Blankpolierter Spiegel – Mimesis – Glück des
Unvorhergesehenen– symbolischer Tausch – schneller
Brüter – Schönheit – Musik – Selbstimmunisierungen
In ganz
verschiedenen theoretischen und biographischen Zusammenhängen habe ich in der
Vergangenheit autoritative Zitate bemüht, um zu zeigen, dass Autoritäten immer
nur ein unabhängiges Denken hindern. Die eine, unverrückbare Wahrheit gibt es
nicht, aber wenn wir gewisse Anregungen aufnehmen, die an einem
lebensgeschichtlichen Wendepunkt entscheidend waren, wenn wir einen Faden
weiterspinnen, der uns für den Augenblick mit einem entscheidenden Durchblick
versehen hat, wird wie nebenbei klar, warum Wahrheiten nie nur eine Funktion
von Sätzen sind, sondern das momentane Resultat eines zwischen Gefühlen
zündenden Geistesblitzes, den wir erst im Nachhinein in Sätze zu kleiden und
auf einen Nenner zu bringen suchen. Die Naturwissenschaften machen es mit Hilfe
der Mathematik möglich, gewisse Wahrheiten auf einen Aussagesatz oder eine
Formel zu reduzieren. Doch für alles, was menschliche Belange angeht, liefert
die von fehlerhaften Verallgemeinerungen zu immer wieder neu korrigierten
fehlerhaften Verallgemeinerungen fortschreitende Logik der Forschung zu wenig,
um die maximalen Unwahrscheinlichkeiten der Lebendigkeit auch nur zu handhaben,
geschweige denn mit ihnen lustorientiert und selbsterfüllend zu arbeiten. Auch
die Prämisse des linguistik turn, nach der unsere
Beobachtungen und Behauptungen auf keine außerhalb der Sprache liegenden Dinge
oder Vorgänge zu beziehen sind, trägt nicht viel weiter, denn der Raum
kodifizierter Bedeutungen versetzt uns in eine Welt der präfabrizierten
Vorstellungen, in der wir Überbietungswettbewerbe treiben, um wenigstens hin
und wieder das Gefühl zu haben, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Um den
Preis, ständig mit anderen zu rivalisieren und uns zwanghaft zu relativieren;
wir laufen um die Wette, wissen zwar nicht wohin, wollen aber schneller als
alle anderen da zu sein. Irgendwann, wenn der Kopf oder das Herz nicht mehr
mitkommen, stellen wir fest, warum vor lauter Beschleunigung und Vergleich
nicht vom Fleck zu kommen war. Wer sein will, wie alle anderen, nur ein
bisschen besser oder klüger oder schöner oder schneller, wird von Vorstellungen
gelebt, in denen längst abgestorbene Dogmen vor sich hinwesen. Alle haben in
ihrer jeweiligen Blase ein bisschen Recht, mal mehr aus einer verfremdeten Perspektive,
mal weniger an dem Zipfel, an dem sie sich festgebissen haben. Aber keine Blase
kann beanspruchen, die wirkliche Wahrheit zu vertreten, denn Wahrheiten gibt es
wie die frühe Götterwelt nur im Plural. Noch dazu befindet sich die virtuelle
Gesamtheit dieser Wahrheiten nirgendwo zwischen allen und auch in keiner als
Vereinigungsmenge schillernden Blase. Die beschränkenden Perspektiven des
Wissens einzelner Lebens- oder Kulturzusammenhänge eignen sich nicht dafür,
miteinander verrechnet zu werden, sie sind so inkommensurabel wie die von der
Semantik und Grammatik transportierten Weltbilder einzelner Sprachen. Wir
sollten also unsere Versuchsanordnung nicht durch die Rede vom Ende der
Philosophie davon abbringen lassen, immer wieder neu ganz von vorne anzufangen,
um die einer ewigen Aktualität gehorchenden Fraglichkeiten aufzudröseln. Die
Gnade der Ignoranz hat sich schon immer als unzuverlässig erwiesen, also sollte
mit all dem Wissen, das uns die Wissenschaften heute liefern, an den Bruchstellen
anzusetzen sein, an denen menschheitsgeschichtliche Weisheiten dem Anspruch
positiver Wahrheiten weichen mussten.
In
den vergangenen Jahrzehnten haben sich einige Anregungen ergeben, den
Sackgassen zu entwischen, die sich aus der Konfrontation mit den schulbildenden
Folgen antiquierter theologischer Lehrsysteme ergaben. Das Jetzt der Erfahrung,
die ästhetische Erschütterung sinnlicher Erfahrungsgewohnheiten, die
Verkörperung von Wissen, die Überwältigung durch Präsenz und Plötzlichkeit, die
Logik der Sinne und die leiblichen
Fundamente der Evidenz… sollen im Folgenden auf brauchbare Anregungen
abgeklopft werden, wobei die Widersprüche zwischen einzelnen Positionen und
Argumenten nicht als Ausschlusskriterien taugen. Was sich auf der gleichen
Ebene nicht verträgt, wird auf der nächsten Reflexionsebene zu einem Ensemble,
das unter günstigen Voraussetzungen wie ein Mobile auszutarieren ist und dann
ganz andere Schlussfolgerungen zulässt.
Mit
Steiner sind Literatur, Kunst und Musik als Maximierung der semantischen
Inkommensurabilität hinsichtlich der formalen Ausdrucksmittel zu definieren;
der Anspruch auf Theorie in den Geisteswissenschaften ist das Resultat einer
systematisierten Ungeduld. Es gibt keine Wissenschaft des Sinns und keine
wirkliche Theorie der Bedeutung, wenn diese hochgestochenen Bezeichnungen
ernstgenommen werden wollen. Hermeneutische und wertende Aussagen sind keine Kandidaten
für Wahrheitswerte. Die Prinzipien der Nicht-Determinierbarkeit und der
Komplementarität stehen im Zentrum aller interpretatorischen und kritischen
Prozesse in Literatur und Kunst. Und weil sie das Produkt eines individuellen
Prozesses der Denktätigkeit, der Rezeption, des Ausdrucksstils darstellen, ist
eine dauernde Neuorganisation durch ästhetische Urteile unausweichlich; wenn
wir uns mit Texten oder Kunstwerk befassen, wirken wir auf sie ein, ihre Rezeptionsgeschichte
dokumentiert drastische Veränderungen. Doch schon jedes Naturobjekt wird durch
unsere Wahrnehmung, durch evolutionär gewordene Seh- und Hörgewohnheiten
verändert, unsere subjektiven Vorlieben oder Ängste sind vielleicht ein Firnis
der Aktualität, aber solange zu vernachlässigen, bis sie kompetent in den
Erkenntnisprozess eingebracht werden. Bis ins späte 19. Jahrhundert beruhten
die Codes der Wahrnehmung, die unsere Beziehungen der Nachvollziehbarkeit zu
anderen und zur Welt stabilisierten, auf den Gesetzmäßigkeiten einer Geschichte
des Logos, in der das Dasein zu sagen sein sollte. Seit Nietzsche wird die
Relativität und Kontextabhängigkeit aller Wertung und Deutung immer offensichtlicher.
Entscheidende operationelle Verfahrensweisen in den prägenden Beziehungen haben
den Status der Bedeutung geändert, das imaginäre Fundament ist weggefallen,
gefragt wird nach der Bedeutung von Bedeutung, nach der Funktion symbolischer
Formen – und die Skala der Ergebnisse reicht von einer umfassenden Skepsis, die
die Furcht vor einer generellen Haltlosigkeit schürt, zu einer neuen Mystik,
nach der alles umfassend mit allem zusammenhänge. Wenn uns klar wird, dass sich
Worte immer nur auf Worte beziehen, dass jeder eine Erfahrung referierende
Sprechakt lediglich heißt, etwas mit anderen Worten zu sagen, könnten wir resignieren
und uns auf konservativen Kopierprozessen vorhandener Werte ausruhen. Oder wir beginnen zu ahnen,
in welcher Freiheit wir uns bewegen, wenn die Grundlagen jeglichen Sinns in
Gefühlen zu finden sind, um dann sorgsam damit umzugehen; in diesen Clustern
aus Bedürfnis und Begehren schießen jene Prägungsmuster zusammen, die nach und
nach zu Bedeutungen gerinnen. Kunst und Poesie zeigen in außergewöhnlichen
Prägungen, wie mit Gefühlen spielerisch neue Weltaspekte erobert, wie die
Grundlagen der Diskurse späterer Generationen aus der Taufe gehoben werden. Der
selbstreferentielle, sich selbst regulierende und transformative Kosmos des Diskurses
ist weder dem Realen der Welt ähnlich noch unähnlich, denn wir transzendieren
das Reale nicht mit den Mitteln der Sprache zugunsten eines Realeren, sondern
der Diskurs stellt unsere Form der Realität dar. Im besten Fall liefert er lediglich
eine kritische Perspektive auf philosophische Begriffsbildungen der letzten
Jahrtausende. Jede/r ist gesegnet, dem sich Möglichkeiten bieten, den angestammten
Diskurs zu verlassen und von da an zwischen verschiedenen Diskursen zu
switchen. Jede neue Verwendung, der wir ein Wort zuführen, ist eine
Entdeckungsreise, jede momentane Intention ist mit allen subliminalen
Verweisungszusammenhängen verbunden, die unser bisheriges Leben ausmachten,
womit der Sprung in einen anderen Kontext auch wiederrum zu einer andauernden
Veränderung und Erweiterung unseres psychischen Koordinatensystems führt. Das
Mysterium eines Einklangs mit der Welt wird durch die Bezauberung mittels
Dichtung, Musik und Kunst, durch eine Aura magnetischer Beschwörungen immer
wieder für ein Nu erreicht. Innerhalb eines Universums der Sprache, in dem Raum
für unzählige Welten ist, ist in herausragenden Werken dank der besonderen
Dichte und Energie der Beschwörung und Verzauberung eine greifbare Magie zu
entfachen. In extremer Weise wird dies nach der Erfahrung eines sozialen Todes
möglich, denn hier müssen ganze Provinzen neu formatiert, mit Empfindungen besetzt,
in der Sprache ergriffen werden.
Ernstzunehmende
Malerei, Musik, Literatur oder Bildhauerei konfrontiert uns mit einer brutalen
Instabilität der vorgegebenen Wahrheiten, mit einer Entfremdung von der
Conditio humana. In gewissen Momenten des schockierenden
Zusammenbruchs unserer Gewissheiten oder der überraschenden Erleuchtung sind
wir uns selbst fremd, verirren uns in den eigenen seelischen Urwäldern – deshalb
arbeitet die Selbstimmunisierung anhand der Künste genau an der Pufferzone
solcher Erschütterungen. In frühen Kulturen haben die Gesetze der Nachahmung,
wie es bei Tarde heißt oder der Zwang zur Nachahmung
und das mimetische Vermögen, wie es bei Benjamin heißt oder die Partizipation
an gemeinsamen Körperrhythmen, wie es Maturana nahelegt, dafür gesorgt, dass
die Invasion durch die Seelen der Anderen, die Überlappung von
Erregungszuständen, eine ständige Erfahrung war, wie es Sloterdijk dargestellt
hat – wobei menschliche, tierische, pflanzliche oder göttliche Andere nur
graduell verschieden waren. Sie wandern durch die Sinne in eine/n hinein – erst
später begann die Sprache jene Exklusivität zu beanspruchen, mit der die Offenbarung
nur noch durch das Ohr möglich sein sollte, während die anderen sinnlichen
Wahrnehmungen ihrem Diktat oder dem Tabu unterlagen. So wie das große Thema der
Neuzeit Selbständigkeit heißt, war das große Thema früherer Epochen die
Besessenheit oder Besitzbarkeit – für Sloterdijk ist es ein Merkmal der
Postmoderne, dass das Denken in Besessenheitsbegriffen zurückkommt, weil das transzendente, von Gott versiegelte Ich mittlerweile
verschwunden ist. Die Andersheit, die in uns eintritt, macht uns anders. Nur
weil diese Erfahrung hinter den kulturellen Lattenzaun verbannt wurde, war sie
nicht aus der Welt, aber seit die Panzerung des Selbst als Behinderungssystem
des ökonomischen Wachstums erkannt wird, finden sich auch jenseits der
Reservate der Kunst immer mehr Schlupflöcher. Die Dinge haben eine Seele, die
Gaben eine Kraft. Sie unterscheiden sich nur graduell von den Kräften des menschlichen
Lebens – tatsächlich sind der Mensch und die Gabe, wie Mauss
erkannt hat, im Zeichenkreislauf des sozialen Körpers unterwegs, womit das eine
für das andere stehen kann.
Diskontinuität
der Selbsterfahrung und Jetzt der Erkennbarkeit sind dank dieser
Entwicklung nicht mehr im Schubfach für
Sonderbegabungen unterzubringen, sondern haben einen Stellenwert im
Sozialisationsgeschehen erreicht, den Gumbrechts
Begriffe der Präsenz oder des Phänomens umreißen. Er greift auf gewisse Voraussetzungen
einer aristotelische Präsenzkultur zurück, mit denen bewusst eine Haltung der
indirekten, schwebenden Aufmerksamkeit eingenommen werden kann, die es
ermöglicht, außerhalb der semantischen Ein- und Zuordnungen von Phänomenen in
speziellen Momenten ergriffen zu werden. Der von den
Kommunikationsmitteln herkommende Effekt der Greifbarkeit durch Bewegungen
zunehmender oder abnehmender Nähe und Intensität beeinflusst uns als
Kommunizierende; wir werden durch Nachahmungsneuronen in der körperlichen
Materialität affiziert. Wie nebenbei berühren sich Personen, während sie
kommunizieren – gerade bei den Dingen, die keiner Agenda folgen, sondern für
unser Gefühl bedeutsam sind. Der Raum, der währenddessen entsteht, ermöglicht
die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in mancher Hinsicht werden für
Momente die Standards der Abwesenheitsdressur suspendiert; auf einmal verschwindet
die Wolke des unverbindlichen Geschwätzes, geht es um keinen warmen Wind mehr. In
einer Sinnkultur unterstehen Menschen dem Imperativ, die Vergrößerung und
Beschleunigung, die seelenlose Steigerung um der Steigerung willen, die rücksichtslose
Optimierung der Welt für ihre wichtigste Aufgabe zu halten. Sie
verabsolutierten mit diesem Leistungsprinzip kodifizierte Bedeutungen, denen
sie selbst nicht standhalten könnten, wenn sie nicht ständig auf der Flucht
wären. Dem Handlungsbegriff der Sinnkultur entspricht in einer Präsenzkultur
der operative Bereich der Magie, also die Praxis des Präsentmachens abwesender
Dinge oder die der Entfernung präsenter Dinge. In diesen Zusammenhängen einer
großzügigen Zeitökonomie wird die Seele bereits als Funktion begriffen, nicht
als Substanz, sondern als relationales Geschehen der Wechselwirkung bewusster
und unbewusster Anverwandlungen oder Überschreitungen. Kamper weist in anderen
Zusammenhängen auf einen Mimesisbegriff hin, mit dem bereits eine Form der
Vorahmung auf den Nenner gebracht wurde, mittels körperlicher Gesten Wirkungen
zu erzielen und das menschliche oder naturhafte Gegenüber zu einer Anähnelung
zu bewegen. Aus diesem Grund sind magische Praktiken, die einer sehr tiefen
Handlungs- und Ausdrucksebene des Menschen angehören, auch heute noch an der
Erzeugung von Wirklichkeit beteiligt. Typisch für die Simulation in einer
Sinnkultur ist die dauernde Orientierung an Identität und Identifizierung; sie
ist am Raum orientierte Nachahmung. Die Mimesis dagegen arbeitet an
Vorahmungen, die sich in der Zeit vollziehen und eine erfahrbare Differenz
offenhalten. Diese Erfahrung ist uns noch immer jenseits der
Subjekt-Objekt-Dichotomie zugänglich, wenn die Position eines antiquierten
Wissenschaftsanspruchs verabschiedet wird, auf der ein Subjekt im Sinne Vicos oder Descartes‘ darauf besteht, die Bedingungen der
Wahrheit des Objekts, mit deren Hilfe Gewissheiten vertretbar sind, selbst
hergestellt zu haben.
Das
‚Lob des Sports‘, die Ausführungen zum ‚Handwerk‘ oder die Beobachtung der
Gesetzmäßigkeiten der ‚Präsenz‘ legen nahe, warum gerade die Beherrschung einer
Technik und die souveräne Verfügung über die Regeln jene Erfahrung erschließen,
in der wir für Augenblicke nur noch im Hier und Jetzt sind, versunken in einer
fokussierten Intensität. Was wir besonders gut können, können wir ohne
Überlegung; Körpererfahrung und Selbstwahrnehmung dehnen sich im Raum aus und
berühren die oder überlappen sich mit den Phänomenen; die gewachsenen Routinen bewegen
sich in einer Eigenzeit fast wie von selbst. Gerade die körperlichen Abläufe,
die fast reflexartig ausgeführten Vollzüge sorgen für die Unmittelbarkeit einer
Präsenz. Doch das geschieht eben nicht, wenn wir von fremden Virulenzen erfasst
werden oder uns durch Bildwelten verführen lassen, sondern erst dann, wenn es
gelingt, durch die nötige empathische Kapazität die Intensitäten eines Geschehens
zu teilen, sie zum Erscheinen einer Ganzheit, einer säkularen
Wiederverzauberungsstrategie zu steigern. Für einen Moment ist nichts mehr, wie
es als plattes Klischee, als Worthülse oder breitgewalzte Phrase unsere
Erfahrung behindert. Am schlimmsten wirkt noch der Zusammenstoß mit einer
Rhetorik, die als spezifisch menschliche Errungenschaft, mit Sätzen das
Richtige zu vertreten oder gar durchzusetzen, durch Juristen oder Politiker
desavouiert wird, wenn das Rechthaben die Wirklichkeit zunagelt oder die
Kasuistik der Theologen konkrete Einzelfälle im Sinne eines metaphysischen
Systems verbiegt. Auch wenn der Mensch ein sprachliches Wesen ist, die Welt, in
der er sich bewegt, durch die Sprache strukturiert wird, gibt es latente
Wissensweisen und subliminale Impulse, die auf ein körperliches System der
Orientierung verweisen, das von den sprachlichen Vorgaben verdeckt und oft
sogar zugepflastert wird. Žižek beschäftigt sich neben
dem anarchistischen Ansatz einer Verkörperung von Evidenz immerhin mit dem von
Lacan unterfütterten Versuch, mit der Sprache gewissen Wahrheiten näher zu
kommen. Eine Aussage entspricht für ihn zwar nicht dem realen Zustand der
Dinge, also der direkten Sicht des Gegenstands ohne perspektivische Verzerrung,
sondern sie zeigt genau das Reale des Antagonismus, der die okulare Verzerrung
verursacht. Für ihn gibt es eine Wahrheit, es ist nicht alles relativ, aber
diese Wahrheit ist die Wahrheit der perspektivischen Verzerrung als solcher,
nicht die Wahrheit, die durch die verzerrte Teilansicht aus einer einseitigen
Perspektive behauptet wird. Das könnte immerhin an den fallibilistischen Ansatz
eines Peirce oder an Poppers Logik der Forschung erinnern, mit denen alles relativ,
aber aus diesem Grund relational aufeinander bezogen und aus diesem Grund in
keinster Weise irgendeiner Willkür ausgeliefert ist. Doch seltsamerweise folgt er
nun Lukács, der aus der Fülle der
Meinungsvarianten ein wahres, nur von einer interessierten, parteiischen
Position aus zugängliches Wissen postuliert. Bereits in der ersten deutschsprachigen
Hermeneutik eines Chladenius gibt es einen Punkt:
Auslegung vernünftiger Reden aufgrund einer Theorie des „Sehe-Punktes“, womit
eben die verschiedenen Perspektiven zu verschiedenen Meinungen führen – und
dank einer katholischen oder ein paar Jahrhunderte später einer marxistischen
Theologie genau jener parteiischen Unumstößlichkeit unterworfen werden. Womit
wir in jeder Blase der Interessenvereinigung wieder einem das Denken beschränkenden
Dogmatismus begegnen. Bei seinem breiten, durch Psychoanalyse und Film
geprägten, philosophischen Repertoire ist dieses Ergebnis sehr wahrscheinlich
der okularen Paranoia des kartesischen Systems zu verdanken. Seit dem
Panoptikum der bürgerlichen Augenüberwachung hat das optische Paradigma über
den Umweg erzwungener völkischer Gemeinsamkeiten und einer Blut- und
Bodenideologie eine Verjüngung über die prägenden Konformismen der sozialen
Medien erfahren. Anhand technisch unterfütterter, multimedialer Riten der
Verdummung ist eine aktualisierte Form des Dogmatismus problemlos zu tarnen. Im
Resultat ist diese Position mindestens so schädlich und dumm, wie eine auf die
Durchsetzung des Rechthabens beschränkte Gerichtsrhetorik. Mit den in den
Künsten und der kreativen Arbeit geübten Formen der sinnlichen Wahrnehmung sollte
es zu schaffen sein, nicht an alternativen Wahrheiten hängen zu bleiben, die machtbesessene
Erfindungen von Lügnern sind.
Für einen behutsamen
Umgang mit verschiedenen Varianten der perspektivischen Verkürzung, die als
Polaritäten in einem Kräftefeld figurieren, ist an Heraklits Vorstellung eines
universellen Logos zu erinnern, demzufolge sich alle Ambivalenzen in einem
Gleichgewicht befinden und letztlich eine spannungsvolle aber harmonische
Einheit bilden – eine Lebensaufgabe, an der wir nur gewinnen können. Als
leichter Zugang bieten sich für diese Aufgabenstellung Zitate von Georg Steiner
an. Er entwickelt in dem Gespräch über die Kunst der Kritik eine
fundamentierende Form der Deutung, die der liebenden Zuwendung abgelauscht
wurde: „Ein bedeutender Akt der Interpretation kommt dem Kern des Werkes immer
näher, und er kommt niemals zu nahe. Das Entscheidende an einer großen
Interpretation ist das Scheitern, die Distanz, der Punkt, an dem sie hilflos
ist. Aber ihre Hilflosigkeit ist dynamisch, sie ist selbst suggestiv, beredt
und artikuliert. Die besten Deutungsakte sind Akte der Unvollständigkeit.“ –
Diese dynamische Hilflosigkeit umreißt einen produktiven Ansatz des hermeneutischen
Geschehens, der um fachspezifische Verklammerungen am Identitätsprinzip
erleichtert wieder der Lebendigkeit biographischer und kommunikativer Zusammenhänge
zugeführt werden sollte. Seit Freud gehen wir davon aus, die Produktion von und
die Beschäftigung mit Kunstwerken resultieren aus Sublimationen der Sexualität
und des Begehrens, sind oft genug sogar Surrogate eines Verhältnisses der
Geschlechter. In Reservate verbannte Nischenprodukte Luhmanns maximaler
Unwahrscheinlichkeit, die stellvertretend in herausgehobenen Stunden, an
speziell gekennzeichneten Orten, genossen werden
dürfen. Ob im Bordell oder in Museen und Galerien, der Umgang mit erotischen
oder kulturellen Artefakten beweist wie alle zwanghaften Beschäftigungen des
Menschen einen Mangel an Befriedigungsfähigkeit. Die Sublimation im Dienste des
Triebverzichts gehorcht vielleicht dem Klischee einer die körperlichen
Bedürfnisse überformenden Bildung, aber im Resultat unterscheidet sich dies
nicht von den Zwängen, sich die Birne zuzusaufen, von einem Fastenritus zum
nächsten zu hungern oder in einer Achtzigstundenwoche immateriellen Umsätzen
hinterher zu hecheln. Wenn Bohrer den meisten Geisteswissenschaftlern einen
Mangel an Wahrnehmungsfreude und erotischem Sinn attestiert, beweist dies nur,
wie ein exzessives Ausweichen in Produkte der Imagination und kontinuierlich
vorbeirauschende Vorstellungen das Unvermögen des Normalverbrauchers potenzieren,
sich auf ein reales Gegenüber einzulassen. Die der Angstbewältigung verdankten
Zwänge sorgen bei den einen dafür, selbst kleine Routinen der täglichen
Lebenszusammenhänge akkurat vorzubereiten, möglichst nichts dem Zufall zu
überlassen und den Einbruch aller Unwahrscheinlichkeiten der Lebendigkeit
auszusperren – während andere allein schon von der Vorstellung zu versagen
derart ausgebremst werden, dass sie sicherheitshalber nicht einmal
Kleinigkeiten auf die Reihe bringen, damit also die Wette auf die eigene
Leistungsfähigkeit bereits beim Start verweigern. Nur, wenn einem/r nie mehr
entgegen kommt, als dies so oder so schon durch eine vorgegebene Programmierung
festgeschrieben wurde, ist es nicht verwunderlich, wenn das Interesse einschläft
und die Welt in einer Ansammlung geisttötender Klischees erstarrt. Natürlich strengt
das Leben an, außerdem stinkt es, ist frustrierend und auf die Dauer lebensgefährlich;
aber das ist noch lange kein Grund, vor allem zurückzuschrecken, was das
wirkliche Leben ausmacht. Ohne den Resonanzraum des körperlichen Geschehens
verwandelt sich sogar das intuitive Wissen eines Gut-dass-es-dich-gibt in das
steinerne Erinnerungsmal für ein irgendwann einmal durch eine/n
begehrenswerte/n Andere/n bis zum Hals hoch klopfendes Herz. Obwohl ganze
Kulturen auf die Verewigung durch den Stein gesetzt haben, verwittert dieser mit
der Zeit und wird in einer ungerührten Endlichkeit bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen.
Jede echte Liebe ist schmerzhaft, ein risikoreicher Kampf auf Leben und
Tod. Wenn wir sie gewähren lassen, wird uns ein mitten im Herz steckenden
Messer ohne Griff an dem die Klinge fehlt für immer verwandeln. Nach
Jahrhunderten einer Dressur zur/m identisch Einen tut sich in begnadeten
Momenten die Chance auf, ein/e Andere/r zu werden. Im Gegensatz zu allen
pygmalionischen Ambitionen, das geliebte, von einem selbst modellierte Geschöpf
von Grund auf zu kennen und damit einen latenten Lernprozess psychischer Veränderungen
zu blockieren, wird die
bejahte, liebende Beziehung zu einer/m von einem/r unabhängigen Anderen eine
lebendige Offenbarung des Unergründlichen. Erst eine derartige Beziehung ist in
der Lage, uns die Augen zu öffnen für das, was in Wahrheit ist – für die
göttliche Erfahrung, wie das Unergründliche erst vom Unergründlichen erfasst
wird: Ohne Worte, dennoch als Oxytocin überzeugend in den gemeinsamen Orgasmen.
Solange wir die Grundlage dieser Wahrheitswerte nicht im biochemischen Körpergeschehen
lokalisieren – „Gott ist ein Peptid“ –, erklären der Rückgriff auf Transzendenz
oder die Gegenwart Gottes nicht zwingend, warum Sprache in der Lage ist, die
überzeugende Gegenwart von Sinn und Gefühl zu vermitteln. Das theologische
Fundament von Steiners realer Gegenwart – die noch immer die Gegenwart Gottes
imaginiert – kann durch Gumbrechts Ausführungen zur
Selbsterfahrung als körperlicher Präsenz relativiert werden. Bohrer hat auf die
Verwandtschaft zur Konzeption einer ästhetischen Plötzlichkeit hingewiesen; er gehorchte
offensichtlich einem dem seinen vergleichbaren Antrieb der ästhetischen
Wahrnehmung. Während er die Erfahrung der Plötzlichkeit am literarischen Stil
und überwältigenden Ausdruck erfuhr, verfolgte Gumbrecht Momente der Herausgehobenheit
aus den täglichen Gewohnheitsmustern vor allem in der Partizipation an
sportlichen Leistungen. Beide konzentrieren sich auf die Erscheinung eines
Geschehens, ohne die Dinge sofort zu interpretieren – alles Wahrgenommene hat
damit nicht automatisch eine Bedeutung, aber es wird als Anlass, über den
eigenen beschränkten Horizont hinauszugehen, bedeutsam.
Zwischen dem
religiösen Erhebungsmotiv passiv Gebannter und der ekstatischen Erfahrung
fremdgesteuerter Konsumenten gibt es eine Pforte, die zur biochemischen Erdung
göttlicher Energien einlädt. Dank einiger psychedelischer Offenbarungen haben
die Haschischaufzeichnungen Benjamins anfangs zwar für Orientierungen im
Labyrinth der von der Sprache gesteuerten Halluzinationen gesorgt, doch später
haben die in der Werkausgabe verstreuten Ausführungen zur Geistesgegenwart
einen fruchtbareren Zugang aufgeschlossen. Wenn bestimmte Wissensbestände und
Verhaltensweisen zu verselbständigten Routinen werden, können sie im Augenblick
der Gefahr, wenn wir in der Lage sind, uns unter dem Einfluss einer Einkesselung
gehen zu lassen, zu blitzartigen Reflexen werden. In einer mantischen Wolke
führen unmittelbare Reaktionen für ein wesentlich schnelleres Kontern, als ein im
Alltag geschultes, aber durch Denken ausgebremstes Bewusstsein zustande bringt.
Nichts anderes meint die Formulierung, die Gegenwart des Geistes verbürge allein
der Leib. In der Gefahr verselbständigt sich der Körper über den Kopf hinweg, jenseits
der Einschränkungen eines abstrahierenden und wertenden Bewusstseins. Die körperliche
Aktion wird eins mit der Kommunikation zwischen den Dingen und der Welt. Aus
dieser von Nietzsche angeregten Einsicht ist heute eine philosophische Debatte
über die Verkörperung von Wissen und Einsicht geworden. Allerdings tritt dabei
die Plötzlichkeit der reflexartigen Reaktion in den Hintergrund oder verliert
zugunsten einer Ästhetisierung an Schlagkraft zugunsten einer Konzeption des Geistes,
die ein über die Körper hinaus die Umwelt überstreichendes oder ein in die
jeweiligen Kontexte eingebettet Beziehungsfeld beschreibt. Was Benjamins
sprachmystische Spekulationen aus dem Umfeld von Freuds ‚Psychoanalyse und
Telepathie‘ zur materialistischen Erdung verwendete, wird mittlerweile von der
Konstellationsforschung eingekreist. Wenn Henrich nachvollzieht, in welchen Köpfen
die Kantschen Kritiken ganz verschiedene Anregungen freisetzten, deren
Einflüsse schließlich bei Hölderlin, Schelling, Hegel oder den Schlegels
qualitative Sprünge bewirkten, sei es in den deutschen Idealismus sei es in die
revolutionäre Frühromantik, externalisiert er Wirkungszusammenhänge der
Inspiration. Der psychische Biomagnetismus ist ein Feld, das weit über den
einzelnen Menschen hinausreicht und sich zwischen den Teilnehmern eines
gemeinsamen theoretischen oder auch praktischen Unternehmens einspielt. Sie
partizipieren an einem solchen Feld, haben am Fluktuieren der Meme teil, halten
manchen Geistesblitz für einen der ihren, obwohl sie zufällig die Antenne haben
und unwillkürlich im richtigen Moment die
Frequenz einer von mehreren gerade freigesetzten Virulenz treffen.
Demzufolge resultiert das Ausschlussverfahren eines sozialen Todes aus dem
Kappen dieser Antenne, aus den willentlichen Störungen, die über den
gemeinsamen vorbewussten Empfang verfügt werden. Wenn unter solch bösartigen
Einflüssen noch etwas hilft, sind dies frühere, auf Distanzleistungen beruhende
Routinen und das Vertrauen auf körperliche Reaktionsweisen, die in Situationen
der Bedrohung und nach ekstatischen Passagen des Ichtods plötzlich Wissensweisen
freisetzen oder für entscheidende Zeitpunkte gewisse Begegnungen ermöglichen.
Von da an findet eine Gradwanderung statt: Statt den Draht zur Mimesis zu
kappen und zu verlieren, stumpf, abweisend und in uns eingekapselt zu werden, leiteten
wir die Impulse in eine immer feinere Einfühlungsgabe um, in die Aufmerksamkeit
für subliminale Signale.
Auch die
Konzeption der Konstellation – seien es Sternbilder, seien es Stars der Theorie
oder Literatur – hat bereits Anregungen im Darstellungsbegriff der erkenntniskritischen
Vorrede zum Trauerspielbuch gefunden, denn weder Themen oder Motive, noch
Personen oder Weltanschauungen sind in ihrer Isolation zu verstehen, sondern
erst aus den vielfältigen Beziehungsnetzen jener unzähligen Relate, zwischen
denen ihre Inkommensurabilität sich darstellt. Die eine, alles erfassende
Wahrheit ist für Menschen nicht zu haben, doch wenn eine/r in erleuchteten
Augenblicken auch nur in die Nähe kommt, erweist diese sich als eine Ansammlung
maximal unwahrscheinlicher Widersprüche. Bereits in der Antike galt die dieser
überfordernden Ambivalenz angemessene Weisheit als unerreichbar, empfohlen
wurde, sie nur mit dem gehörigen Abstand zu lieben und zu bewundern – nicht
viel anderes bringen heute theoretische Physiker zustande, die mit Hilfe ihrer
Computer dem Geheimnis der Materie auf der Spur sind und sich zugleich damit
abfinden müssen, wie wenig ihre Ergebnisse noch mit dem alltäglichen
Vorstellungsvermögen nachzuvollziehen sind. Doch bereits der Gedanke, die Weisheit
in einer Ideenwelt zu situieren, bereitete ein Sprungbrett in den Monotheismus
vor, der mit der Verachtung allen weltlichen und materiellen Geschehens eine
strikte Subjekt-Objekt-Dichotomie in die Welt warf. Im Gefolge von Descartes Unterscheidung
zwischen res extensia und res cogitans, prägte Kant strikte
Trennung von Innenwelt und Außenwelt, Hegels Unterscheidung von Subjekt und
Objekt das wissenschaftliche Weltbild der Moderne. Diese starren
Unterscheidungen und Trennungen sind unter der Voraussetzung einer vernetzten Gesellschaft
und der Verflechtung psychischer Systeme mit technischen und informatorischen Systemen
längst nicht mehr aufrecht zu erhalten. Das soziale Gewebe, in dem sich
Individuen definieren und bewegen, hört nicht an der abgrenzenden Haut auf,
sondern untersteht und befördert Übertragungen, je nach Wissen und Intensität
füttert es ausgedehnte energetische Felder.
Manche intuitiven
Einsichten, die die Mythen und Erzählungen transportieren, um in der Theologie
dann gereinigt und pervertiert zu werden, wurden von den Mystikern gepflegt,
soweit es die Kirche zuließ. Doch erst im Gefolge der revolutionären
Frühromantik wurde ihre Sprengkraft wiederentdeckt. Sie bereiteten die Konzeption
des Freudschen Unbewussten vor oder die kosmologischen Spekulationen des
vergangenen Jahrhunderts bis zu den Inspirationsquellen des New Age für die
Wissenschaften. Es ist also nur stimmig, wenn es mittlerweile verschiedenste
Zugänge zur Verkörperung des Geistes gibt und ganz verschiedene Wahrheiten
nicht mehr im Jenseits situiert, sondern in den Reaktionsformen des Körpers
oder in der Oberfläche von Medien der Darstellung aufgesucht werden.
Benjamin hat
einige seiner besten Einsichten aus den Klassikern gekeltert, um mit diesem
Repertoire die Ideenlehre in ein Relationssystem kanonischer Texte zu
verwandeln. Diese erkenntnistheoretischen Grundlagen erscheinen noch einmal
verjüngt in den Geschichtsphilosophischen Thesen, in denen spezifische
historische Konstellationen präsentiert werden. Bei den in verschiedenen Formen
auftretenden Reprisen des Übergangs vom Mythos zu Aufklärung gibt es Anleihen
sowohl beim Mythos, wie bei der Theologie, wobei beide, wie später der Bezug
auf den historischen Materialismus, nur als Relate innerhalb der Konstellation
eines Denkens fungieren, damit aber zu überraschenden Einsichten führen.
Angeregt von diesem Verfahren gehen wir von Erfahrungsmustern aus; der
unergründliche Übergang vom Körper zum Leib wird durch die allmähliche Erschaffung
junger Augenblicksgötter (Usener) geleistet; schließlich
sind sich verschiedenste Traditionslinien darin einig, die unergründliche Gabe
des Menschen sei die Liebe und nur das Unergründliche könne dem Unergründlichen
gewachsen sein. Dieser Kontext legt es nahe, Steiners Kennzeichnung der Kritik auf das
Verhältnis von Nähe und Ferne, auf das Glück des Unvorhergesehenen, auf die
dauernden Interpretationsversuche zurückzubeziehen, mit denen ein Paar in der
Beziehungsarbeit außer Zukunftsplanung und Selbstidentifikation, das Bedürfnis
nach Vertrauen und Sicherheit, wie das auf Selbstentfaltung und Emanzipation,
zu koordinieren hat. Beziehungsarbeit heißt, sich aneinander abzuarbeiten, sich
in der Beschirmung der zugrundeliegenden Einsamkeiten näher zu kommen, um
gerade wenn einer/m gewisse biographischen Daten zu nahe treten, eine
respektvolle bis schonende Distanz einzunehmen, die zu immer wieder neuen Mühen
um die Nähe der/des Anderen anspornt. Aus diesem Grund bietet es sich an, diese
Konstellation mit einem weiteren Zitat in Zusammenhänge zu versetzen, die weit
von jener Harmonie entfernt sind, die die Friede-Freude-Erlösungsmentalität
unbeleckter Verliebtheiten projiziert. „Ich
würde gern dieses Paradox entwickeln: dass das Begehren und die Vitalität der
Ehe dort eine viel bessere Überlebenschance haben, wo tiefe Feindschaft
herrscht.“ Steiner lässt
hier unentschieden, ob es die menschheitsgeschichtlichen und genealogischen Ambivalenzen
im Verhältnis der Geschlechter sind, die zu dem führen, was wir schon im
‚Altpapier‘ die Liebe als Duell genannt, über die Jahrzehnte hinweg
dokumentiert, durch die Schreibe einzufangen und um dessen Energie zu
erleichtern versucht haben. Oder ob damit die in der ‚Katastrophenpädagogik‘
dargestellten, gesellschaftlichen Zusammenhänge gemeint sind, in denen unter
dem Schatten eifersüchtiger Mütter bereits die Zugangsbedingungen zu den
Großinstitutionen, wie auch die Ausschlussbedingungen normaler Arbeits- sprich
Abhängigkeitsverhältnisse, jede Exklusivität der Beziehungsarbeit permanent
stören und auf die Dauer ausschließen. Ganz im Sinne des Benjaminschen Unternehmens
ist also zu zeigen, wie Spannungen als Bedeutsamkeiten zu moderieren sind.
Prinzipiell oder historisch vorliegende Ungleichgewichte müssen immer wieder
neu in einem Mobile austariert werden, damit Widersprüche und Gegensätze auf
einer übergeordneten Ebene zu einer Harmonie zusammenklingen können. Womit wir
jenen menschheitsgeschichtlichen Bereich streifen, in dem neben
Selbstzerstörung, Hass oder Krieg sogar Harmonien zum Tragen kommen durften.
Die Liebe wächst an den Schmerzen, die zwei einander antun müssen, wenn sie zu
Ende geboren werden, wenn sie jenen Punkt erreichen wollen, an dem sie
abgenabelt wirklich für einander da sein können. Wer hinter diesen Schmerzen
angekommen ist, stimmt ein in ein Lachen, in dem sich das Gesetz des
symbolischen Tausches zu erkennen gibt. Gebe, so wird dir gegeben, verschwende
dich, und du leidest keinen Mangel. Ein Paradoxon, das sich schon an der
Tatsache erweist, dass sich Gefühle verdoppeln, wenn sie geteilt werden! Das
bis auf die Erfahrung des Heiligen zurückgehende Gesetz dieser Welt ist der symbolische
Tausch, der immer wieder eine unerbittliche Wahrheit herstellt: Es gibt nichts
umsonst und nichts bleibt, das nicht vergolten wird.
Die Gesetzmäßigkeiten, die Žižek aus einem Hollywood-Melodram
als Botschaft der wahren Liebe filtert, scheinen auch für unsere Liebe als
Duell die Weichen gestellt zu haben, mit denen ich als Belohnung für eine verzweifelte
Überlegenheit zur persona non grata erklärt werden
konnte. Vergeblich habe ich um die Liebe der von mir begehrten Frau gerungen, aber
weil sie in ständigen Abwesenheiten schwebte, ihr zu beweisen versucht, dass
ich ohne sie überleben würde. Ich konnte ihr meine Auswanderung in die
Geisteswissenschaften vorziehen, selbst wenn sie alles für mich war. Am
effektivsten stellte sie diese Liebe auf die Probe, indem sie mich im
entscheidenden Moment verriet. Nach dem Abschluss der Magisterarbeit und direkt
vor dem mündlichen Examen gab sie vor, zu einem anderen zu ziehen. Nach dem von
Žižek vorgegebenen Schema habe ich
diese Negation, trotz eines schwindelhaften Sogs, der mit der Vorstellung einherging,
aus dem fünften Stock zu springen, überstanden und meine Aufgabe völlig
traumatisiert, aber in der Feld einer gewaltigen Virulenz so erfolgreich bewältigte,
dass mir zwei Professoren Promotionsangebote machten. Dem Gesetz des Melodrams folgend
habe ich mich dieser Lebensgefährtin als würdig erwiesen; sie war
zurückgekehrt, um kein dreiviertel Jahr später, nach dem Abschluss der Doktorarbeit
in einer abgemilderten Feuerprobe das gleiche Spiel noch einmal zu versuchen.
Doch dieses Mal mit dem sich ein paar Monate nach dem Rigorosum einstellenden
Erfolg, dass sie der traumatisierte Part war. Ich hatte die Spannung gehalten,
mich auf meine Ausarbeitung und die Vorbereitung weiterer Themen konzentriert,
hatte mir gesagt, dass sie doch machen sollte, was sie aufgrund irgendwelcher
Zwänge machen musste – und sie bestrafte sich mit einer Colitis. Damit war
allerdings endgültig klar, dass dieses Spiel der konfliktuellen Mimetik ein
Ende haben sollte: Die schlimmstmögliche Wendung wäre gewesen, auf den
Prägungsmustern imaginärer Größenvorstellungen zu beharren, auf die Frau zu
verzichten und sich damit dem Verheizungsgeschehen einer Institution auszuliefern.
Gegen diesen Imperativ einer delegierten Selbstzerstörung, der noch immer
darauf angelegt war, mich ganz im Sinne Ortegas auszubremsen, um die
Gesetzmäßigkeiten des elterlichen Signifikantennetzes zu verschonen, begann ich
mich für meine Lebensgefährtin zu reservieren. Nachdem die Weichen für eine mögliche
geisteswissenschaftliche Karriere mit einem Habilitationsangebot gestellt waren,
verwendete ich die ausschlaggebenden Begegnungen dazu, mich abzuseilen. Während
ein ehrgeiziger Literaturprof mich regelmäßig abpasste, gab ich zweimal klar zu
verstehen, für die Rolle eines Bildungsbeamten nicht geeignet zu sein: ‚Damit
relativiere ich mich nicht‘. Ein Jahr lang blieb ich allen universitären
Veranstaltungen fern, widmete ich mich ausschließlich der Liebe meines Lebens,
half ihr, die Spannungen, unter denen sie stand, in Worte zu verwandeln und
durch die Schreibe zu mortifizieren. Aber statt in die Ausbremsung durch
Verzicht und Melancholie einzuwilligen, ergab sich der Ausweg, die Energien in
einen gemeinsamen Roman umzuleiten. Nach Foucault entdecken wir, wenn wir verzweifelt sind,
eine natürliche Verwandtschaft mit dem Wahnsinn, der die Abwesenheit des Werks
ist. Wenn in vielen Fällen der Mangel an Objektivierungen des Grauens zum
Absturz führt, halfen uns die Routinen über einen Abgrund hinweg, die ich die
letzten zwei Jahre learnig by
doing den Kursteilnehmer zum Creative writing als Selbsterfahrung beigebracht hatte. Im
Laufe des Tages gingen wir die Aufschriebe des Vormittags durch, lasen uns
Abschnitte gegenseitig laut vor, in denen irgendwelche holpernden Rhythmen oder
seltsame Metaphern oder eklatante Widersprüche zu klären waren. Entscheidend war,
dahinter zu kommen, wo die Selbstbestrafung herkam, die sich hinter dem Programm
versteckte, selbst groß zu sein, auf keinen Mann angewiesen sein zu wollen.
Warum lauerte hinter dem Ehrgeiz, sich selbst überall durchzusetzen, ohne auf
einen Partner Rücksicht zu nehmen, tatsächlich die Angst, von eben diesem
Partner enttäuscht zu werden? Aber auch, wo kam diese absurde Strategie her,
sich selbst lahm zu legen und eigene Chancen als Bedrohungen zu kodieren? Um
die Energie einer gemeinsamen Selbsterkundung auf beide Seiten zu verteilen,
begann ich meine Aufzeichnungen über die Verführung durch einen Päderasten
beizusteuern; die Winkelzüge einer Mutter aufzudecken, die mich in den Mythos
des Heros und der Göttin verstrickt hatte. Deutlich wurde, wem ich den Mangel
an Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht zu verdanken hatte, wie die daraus
folgenden, durch die sekundäre Sozialisation am anderen Ufer bedingten Vollzugsschwierigkeiten.
Wir analysierten und überarbeiteten auch diese Texte gemeinsam und griffen auf
alle Aufzeichnungen aus den siebziger Jahren zurück. Unterstützt durch tägliche
Massagen und Sex pur war nach diesem Jahr nicht nur die Colitis überwunden,
sondern auch die Angst vor der Angst in Schach gehalten. Außerdem lag die erste
Rohfassung unseres Romans ‚Altpapier‘ vor – und damit das Material, mit dem die
Stuttgarter Literaturwissenschaften später objektive Gründe vorlegen konnten,
um eine Intrige zu befeuern, die allein mit der gekränkten Eitelkeit eines
Professors nicht zu rechtfertigen gewesen wäre. Sie zielten die Zerstörung der
Beziehung und besonders meine Vernichtung an; es brauchte noch drei Jahre
ständiger psychotische kleiner Nadelstiche, dank denen regelmäßig Delegierte
geknickt oder aus dem Spiel gekegelt wurden, während wir uns mit einem beschränkten
Verleger rumärgerten. Der hatte sich zwar sehr schnell gefunden, aber immer
wieder auf neuen Kürzungen und Umarbeitungen bestanden – er war nicht der
literarisch völlig unbeleckte Ignorant, auch nicht der gefühlsblinde Sadist,
den er vorspielte, aber er hatte den Auftrag, sich als ebensolcher zu
verhalten. Als all das nichts half, um mir den Mut zu nehmen und den Antrieb zu
zerstören, lancierten die Intriganten eine Einladung zum Gründungsrat für ein
Literaturinstitut in der Sächsischen Staatskanzlei. Während aus meiner
Materialsammlung zum Thema Kulturarbeit und Mortifikation die nötigen Thesen
für eine Neukonzeption des ehemaligen Becher Literaturinstituts entstanden,
ließen sich die Krüppelzüchter absurde Zeichensysteme einfallen, um mich
abzuschrecken oder einzuschüchtern, um mir auf jeden Fall nahezulegen, gar
nicht erst nach Dresden zu fahren. Aus der Materialsammlung entstanden in den
nächsten drei Jahren die beiden Bände ‚Philosophischen Sperrmüll‘ – und das
zeitliche Umfeld des Todeslaufs in Dresden wurde fünfzehn Jahre später als
‚Literagonie‘ dokumentiert.
Žižeks
Paradox besteht aus einem platonischen Sidekick. Er begründet, dass die Liebe,
genau deshalb, weil sie das Absolute ist, nicht als direktes Ziel angezielt
werden darf, sondern den Status eines Nebenprodukts behalten muss, das heißt
von etwas, das uns als unverdiente Gnade zufällt. Diese unverdiente Gnade ist
tatsächlich die der platonischen Evidenz, und weil das Auge den immateriellsten
Sinn bedient, ist es eben die Frau, die auf den Status eines Nebenprodukts
reduziert wird. Wenn es bei Lacan heißt, der Mann suche in der Frau alle
Frauen, also die Mutter, während die Frau im Mann über den Erzeuger verfügen
will, ist mit dieser Rollenverteilung tatsächlich sein Dictum eingelöst, es
gäbe kein Verhältnis der Geschlechter –womit die Verabsolutierung der Liebe
zwingend wird. Die Liebe gehorcht unter den Voraussetzungen des Schautriebs dem
Aufgeilen und Ausreizen, dem Sachverhalt des gegenseitigen Ausspielens
innerhalb der kulturschwulen Vereinigung – ich biete dir, was du gar nicht
haben willst und wenn du nicht spurst, strafe ich dich damit, dass du nicht bekommst,
was du gar nicht haben wolltest. Ein explosives Gemisch aus Selbstbetrug und
Hochstapelei, Opferverhalten und Erpressung, das tatsächlich von einer Idealisierung
der Liebe angetrieben wird, die unerfüllbares Begehren und Angst vor dem
Versagen derart verschränkt, dass im Resultat Hass oder Resignation,
Verzweiflung oder Abwendung, eine Quittung für das verpasste Leben ausstellen. Dabei
ist die idealisierende Überhöhung durch die Vergrößerung der Abstände nicht nur
ein Irrweg des Verfehlens, sondern auch völlig ineffektiv und damit
überflüssig, denn das Verhältnis der Geschlechter stellt sich von ganz alleine
ein, wenn das Zusammenspiel der komplementären Hormonsysteme in schöner
Regelmäßigkeit hochgekitzelt wird. Durch die hinter uns liegenden familiären
Verhältnisse gingen wie allerdings auch von anderen Voraussetzungen aus, als durchschnittliche
Simulanten der Selbstheit, für die die Ehe jene Sicherheit und Stillstellung zu
verbürgen hat, dank denen sie sich immer wieder einmal an einem Abenteuer – und
wenn es nur im Imaginären abläuft – versuchen müssen. Ich hatte mit einer
Mutter gebrochen, die alles für sich haben wollte und mich als ihr Eigentum
betrachtete, die mir nicht einmal einen eigenen Vater gegönnt hatte – und die
schließlich die erste war, die unsere noch junge Beziehung versuchte zu torpedieren.
Außerdem waren wir uns von Anfang an einig, keine Kinder zu machen: meine
Lebensgefährtin war sich bewusst, dass sie als Einzelkind nicht bereit wäre,
mit einem Kind zu teilen, und ich hatte mich sterilisieren lassen, schon um dem
Risiko zu entgehen, den Verstümmelungen meiner Kindheit in der nächsten
Generation erneut zu begegnen. Natürlich besitzt die Liebe die Struktur jenes
Ausnahmezustands, der viele normale Funktionsweisen des eigenen Gefühlslebens außer
Kraft setzt. Sie befördert uns nach der ersten Verliebtheit aufgrund
divergenter Familienromane in einen Krieg, in dem alles zu Debatte steht, mit
Füßen getreten und verleugnet wird, bis das einzige, was auf der Folie der Verzweiflung
wirklich zählen soll, eine idealisierte Liebe ist, die man/frau vergeblich
erwartet, solange diese Exklusivität jede/r für sich beansprucht. Ohne das
Schmiermittel Sex pur ist die Geschichte auf die Dauer hoffnungslos, doch mit einer
Verheißung, das Paradies zu ervögeln, ergibt sich, wenn es gut läuft, der
notwendige Schritt auf einander zu. Gerade die Erfahrung des Ausnahmezustands weckt
die Aufmerksamkeit, um verschiedenste Beobachtungen auszuwerten. Sie erweisen,
wie und warum der Krieg von all jenen ausgeht, mit den Eltern, Geschwistern
oder besten Bekannten angefangen, die mangels eigener Kapazität dem Zwang
unterstehen, eine exklusive Beziehung zu behindern und zu zerstören. Für den Imperativ
der Vernichtung braucht es noch nicht einmal institutionell abgesicherte
Intrigen – obwohl die in genau dem Augenblick zur Stelle sind, wenn das Paar
durch alltägliche Verführungen oder Störungen nicht mehr erreichbar ist.
Schritt für Schritt bestätigt die Fixierung und Ausarbeitung solcher Erfahrungen
das Paar in einer einzigartigen Position jenseits jener Verzichtleistungen, die
die sich selbst als normal definierenden Leute modelliert
haben. In ihrem erinnerungswerten Text ‚Geschlecht oder Kopf‘ gehen für Cixous alle hierarchisierenden Oppositionen zurück auf die
Opposition Mann/Frau, die nur aufrecht erhalten werde durch die als naturgegeben
vorausgesetzte Differenz zwischen Aktivität und Passivität. Die hergebrachten
Theorien der Kultur oder Gesellschaft, alle gängigen symbolischen Systeme die
uns sprechen machen als Diskurs, Kunst, Religion, Familie… bauen auf
Oppositionen, die zwanghaft im Zentrum des Beziehungsfelds von Paaren
installiert sind. Das Paar hält diese Todesmaschinerie mit allen nur denkbaren
Ambivalenzen des Dazwischen am Laufen – die einen hören schnell auf, um nach
Surrogaten Ausschau zu halten, andere halten so lange durch, bis sie sich
soweit ruiniert haben, dass die Resignation eine gewisse Erleichterung
verspricht. Man/frau möge sich also mit den Gesetzmäßigkeiten des Paars
beschäftigen, wenn sich eine unwahrscheinliche Chance einstellen soll, das
komplette System aus Lüge und Verleugnung auszuhebeln. Das Paar, gerade weil es
nach vorgegebener Erwartung alles andere eher sein soll, ist ein ständiger
Kriegsschauplatz der Kultur, der über Abwesenheit und Begehren, Sehnsucht nach
Nähe und manischen Fluchtverhalten, Geilheitsdressur und Versagensangst, jene
Energien freisetzt, die die menschenverachtende Maschine antreiben, zugleich aber
kaschieren, unter welchen falschen Voraussetzungen die Betroffenen zu
bereitwillig mitspielen. Einer der ersten Geistesblitze, den Ambivalenzen
freisetzen, könnte sich in der Einsicht niederschlagen, die Gesetzmäßigkeiten
des Paars beanspruchten eine derartige Exklusivität, dass niemand anderes
überhaupt die Möglichkeit haben sollte, dazwischen zu husten.
An
anderer Stelle ist Žižek allerdings auf der richtigen Spur, wenn er
vorschlägt, das Hohelied Salomons nicht als Allegorie zu lesen,
sondern ganz wörtlich als Beschreibung eines rein sinnlichen, erotischen
Spiels. Das unterstreicht nicht nur die heilsame Wirkung des puren Sex, sondern auch die energetische Blase, die sich um uns
aufzubauen begann und von der viele Invektiven und üble Nachreden einfach
abprallten. Lange bevor wir begannen, die damit verbundene Erfahrungen der Unangreifbarkeit
und Überlegenheit aufzuschreiben und ihren Wirkungsweisen nachzuvollziehen, begann
sich die Ahnung zu artikulieren, dass in der leidenschaftlichen sexuellen
Interaktion bereits eine spirituelle Macht am Werk ist. Eine göttliche Energie,
die wir der Offenheit für die/den Andere/n verdankten; ein Werk biomagnetischer
Botenstoffe und damit der Intensität körperlicher Leidenschaften. Wie sich
zeigte, besteht die eigentliche Aufgabe darin, einen Status der Befriedigtheit
zu erreichen, der die Ebene der konfliktuellen Rivalität verabschiedet. Dank
einer inhärenten Sinnstiftung durch diese spirituelle Dimension wird ein
autopoietischer Prozess expandierender, optimistischer Selbstgenügsamkeit angestoßen.
Auf einmal wird alles zu einer guten Übung und die Störversuche, die
torpedierende Intrige halten dieses Programm wie von alleine in Gang: Sollten
sie doch versuchen, zu was sie ihre Zwanghaftigkeiten antrieben – sie
bestätigten schließlich nur, wie sehr wir uns unterschieden. Die Krüppelzüchter
mochten steigern, doch dabei erfahren, wie wenig die sadistischen Bosheiten,
die Versuche, uns einzuschüchtern, den Mut zu nehmen, uns tatsächlich betrafen,
wenn die Körper jubelten. Die stetige sexuelle Rückkopplung erwies sich
zugleich als Zugang zu einer machttheoretischen Dimension. Wir begannen, ohne
dass vor den Invektiven irgendetwas von diesen Zusammenhängen zu ahnen war, die
Gesetzmäßigkeiten eines blankpolierten Spiegels zu erkunden. Annäherungen an dessen
Wirkungsweise waren bei Schellings von Jakob Böhme inspirierter seliger Stille zu
finden, jenes Sinnens in sich selbst als Struktur der intellektueller
Anschauung; anhand Schopenhauers Begriff der Kontemplation oder der
Beschäftigung mit Zen war die Anregung aufzunehmen, dass schon ein gewaltiger
Schritt gemacht sei, wenn sich die Einsicht einstelle, dass die Spiegel tatsächlich
nichts zeigen. Die innere Anschauung der Mystik hatte wie nebenbei den
Zusammenhang von Erotik und Gotteserfahrung unterstrichen; indische Logik,
Metaphysik und Liebeskunst Schopenhauer inspiriert; japanischer Zen-Buddhismus gelehrt,
dass alles was uns umtreibt, nur Vorstellungen sind. Wir sind Spiegel, wir sind
Masken, doch jenseits dieses Bezugs auf die anderen ermöglicht die von
Schopenhauer beschriebene Kontemplation einen ästhetischen Zustand, während dem ein Subjekt das Objekt aus allen raumzeitlichen Bedingungen
herauslöse und isoliert als Repräsentant seiner Verweisungszusammenhänge vor
sich sehe. Die gewöhnliche Betrachtung der Dinge hört auf, wenn wir uns in
einem Gegenstand verlieren, wenn individuelle Erwartungen und das Begehren
hinter dem Gegenstand verschwinden. Intentionale, teleologische oder
psychologische Akte gehen in einer Zeitlosigkeit verloren, bestehen bleibe also
nur noch das Objekt im klaren Spiegel eines reinen Subjekts. Er beschreibt ein
Als-ob, in dem ein Gegenstand ohne den ihn Wahrnehmenden allein da wäre, also
nicht mehr zwischen Anschauendem und Angeschautem zu trennen ist. Mit diesem in
eine mimetische Frühzeit des Nachahmungszwangs zurückreichenden Bombast war
immerhin ein Repertoire zur Verfügung,
mit dem nach und nach gewisse Gesetzmäßigkeiten klar wurden. Allerdings umkreiste
eine Ahnung, was die Wirkungen eines blankpolierten Spiegels ausmachte, komplementäre
Funktionen dieser Gesetzmäßigkeiten. Nicht wir schauten in den Spiegel, um
mühsam zu lernen, dass er nichts zeigte! Sondern die Leute, die anfangs gemeint
hatten, uns nach ihrem Bilde zu modellieren, uns mittlerweile vernichten
wollten, weil wir nicht mitspielten, schauten in einen Spiegel, der ihnen nichts
von uns, sondern lediglich die eigene Bosheit und Zukurzgekommenheit zeigte. Immer
dann, wenn wir einen Status der Bedürfnislosigkeit erreichten, dank dem uns
kein Begehren, keine Bewunderung, keine fehlerhafte Identifikation und auch
kein Wunsch nach Anerkennung mit jenen Leuten verband, die uns schaden wollten,
fanden die bösen Wünsche keine Ähnlichkeit, an der sie sich festklammern
konnten. Sie wurden zurückgespiegelt. Wir relativierten uns nicht mit akademischen
Bonsaigärtnern, die meinten unsere Gegner sein zu müssen und an den Fäden delegierter
Marionetten zogen; sie interessierten uns nicht, ein befriedigter Status verbürgt
die Nichtkonfliktualität. Wie aus verschiedenen Andeutungen zu erschließen ist,
kann über einen blankpolierten Spiegel nicht verfügt werden, doch gelegentlich verwandelten
wir uns in einen. Für ein Nu stellten sich die psychischen Voraussetzungen
jenseits der narzisstischen Selbstbezüglichkeit ein, an denen das Ich sich
derart verflüssigte, dass es für Momente von allen Bedürfnissen und
Abhängigkeiten gelöst und deshalb für Invektiven oder verführende
Selbstdefinitionen nicht mehr erreichbar war. Was anfangs noch das staunende
Gewahrwerden bewirkte, sich aus irgendwelchen Gründen in einer schützenden
Sphäre zu bewegen, die das Glück des Unvorhergesehen transportierte, den Zufall
für uns arbeiten ließ, erwies sich mit der stetigen Übung als Schutzschild, der
unsere effektive Verteidigung übernahm, indem er negative Energie retourniert:
Annahme verweigert, zurück an den Absender. Natürlich könnte man argumentieren,
wie seien bestraft und beschädigt worden, weil wir für eine schmerzhaft lange
Zeit in der Luft hingen und keine Ahnung hatten, wie es weitergehen sollte –
und dennoch weitergingen, obwohl so gut wie keine Chance bestand, ohne
irgendwelche Unterstützung irgendetwas zustande zu bringen. Immer wieder einmal
höre ich die Behauptung, das ganze Theater habe nicht dazu getaugt, uns mit
einem sicheren finanziellen Hintergrund, also einem stabilen Arbeitsvertrag in
der verwalteten Welt zu versorgen. Aber hatte ich das jemals gewollt? Wenn ich mir
darüber Gedanken machte, dann vielleicht, weich ich mitbekam, wie die
Sicherheit des Arbeitsverhältnisses manche Begabung in einer Sucht stranden ließ, wie ehrgeizige Gelehrte
vom Krebs ausgeknockt wurden oder der Alzheimer namhafte Profs isolierte. Viel
eher hatten mich Abhängigkeitsverhältnisse zurückgeschreckt – und nichts lehnte
ich derart ab, wie die ständigen Ausbremsversuche von Bildungsinstitutionen.
Was wir dann in die Wege leiteten, um bis dahin unvorstellbare Umsätze in Bewegung
zu setzen, fand über sechs Jahre oft am Rande der Legalität statt. Im
Nachhinein erwies sich das Ergebnis als fast absurd. Die Inszenierung des
Gründungsrats in Dresden wurde notwendig, weil wir keine anderen
Zugriffsmöglichkeiten mehr übrig gelassen hatten; sie war als letzte große
Falle dazu gedacht, den Willen zu brechen und mich in eine Einbahnstraße der
Selbstzerstörung umzuleiten. Danach blieb uns gar nichts anderes übrig, als auf
ein Maximum an Unwahrscheinlichkeit zu setzen. Den Mut, auf einem Hochseil zu
balancieren, bei dem keine Fixpunkte einen festen Halt garantierten, hätten wir
von alleine sicher nicht gehabt. Aber weil es eben nicht anders ging, sorgte
der von den Körpern freigesetzte jubilatorische Effekt nicht nur für eine Widerlegung
der pädagogischen Krüppelzüchter, sondern dazu noch für viele kleine aber wichtige
Schritte, die aus der Region des verordneten Elends hinausführten. Schritt für
Schritt, nichts anderes geschieht noch immer mit jedem weiteren Buch.
Für
Steiner ist die Poiesis das Resultat einer konfliktuellen Mimetik, eine
Nachahmung der Schöpfung, die diese zu übertreffen suche und eben deshalb mit
ihr rivalisiere: Dichter, Künstler und Komponisten arbeiten sich an
Gegenschöpfungen ab. Doch ist das stimmig, widerspricht es nicht jeglicher
Logik, wenn die Kopie der psychotischen Anmaßung untersteht, besser als das Original
zu sein? An anderer Stelle heißt es, man müsse sich eine Form geben, Form sei
die Wurzel der Ausführung – doch wie oft ist das nicht mehr als die Kompensation
von Potenzstörungen. Heißt es doch, in einem fundamental pragmatischen Sinne werde
das Gedicht, die Statue, die Sonate nicht so sehr gelesen, angeschaut oder
gehört als vielmehr gelebt, womit der Surrogatcharakter der Künste besonders
deutlich wird. Die Vertreter eines solchen Kulturbegriffs sind tatsächlich
Schmarotzer und Vampire, ‚der Meister und sein Schüler‘ plädiert eindeutig für
die Opferung der Schüler zugunsten der Macht und Einsicht der Meister, wobei
das bevorzugte Schmier- und Antriebsmittel dieses Prozesses vor allem der Kult
jener großen Künstlers ist, die sich für ihr Werk geopfert haben. Nach
Gumbrecht scheinen mimetische Rivalität und eifersüchtiger Gott den zentralen
ästhetischen Zugang auszumachen, sei es beim Football, sei es im Museum, tatsächlich
lehnten sich in den menschlichen Schöpfern wütende Fröhlichkeit und liebender
Zorn gegen die ambivalente Einsicht auf, dass sie nur Nachfolger sind – welche
immanente Parallele zu einer Liebe als Duell! Der symbolische Tausch mag einst aus dem Todesritual einer sich
durchsetzenden Entdifferenzierung hervorgegangen sein, um später den Traum von
oder die Sehnsucht nach einer ohne Unterschiede vollständigen Reziprozität zu
prägen, die keine akkumulierbaren Reste zurücklässt. Für
Bohrer verwirklicht sich Hofmannsthals große Wahrheit und damit das Mysterium
der Poesie, wenn sich das Dasein des Dichters oder Rezipienten für die Dauer
eines Atemzugs in einem fremden Dasein auflöst. Die Macht der Symbole, die uns
bezwingen, beruhe auf einem Zurückkehren der archaischen Natur, die uns an sich
reiße. Wie sich der vorgeschichtliche Jäger für einen Augenblick im sterbenden
Tier aufgelöst hat, selbst das sterbende Tier war, so löst sich der poetisch
ergriffene Mensch in den Symbolen auf. In den aggressiven und ängstigenden
Spannungen menschlicher Gemeinschaften beendet wie Girard zeigte ein Opfertausch –
eine/r für alle – den mimetischen Taumel;
sein Zauber beruht auf der Täuschung, mit dem wie von selbst hergestellten Tod
die Angst zu besänftigen. Der im Nachhinein vergöttlichte Sündenbock hat sie
von da an fernzuhalten: Was wir selbst gemacht haben, glauben wir mit der
Einsicht Vicos nicht fürchten zu müssen!
Wenn
uns als Leser, Hörer oder Betrachter der Eintritt des Ästhetischen in unser
Dasein erfahrbar wird, geben sich Züge der Schöpfung in ihren formalen
Gegebenheiten zu erkennen. Innerhalb der Grenzen unser eigenen Kreativität
vollziehen wir beide Gegebenheiten unserer existentiellen Gegenwart in der Welt
nach: die des Wunders der Geburtlichkeit und die der Ungeheuerlichkeit des
Todes. In diesem Sinne verschmilzt das ästhetische Objekt das Erlebnis einer
Gestaltwerdung der Negation von Sterblichkeit anhand der Extremwerte der
Andersheit, die eine immer wieder erneuerte Spur des niemals ganz zugänglichen
Moments der Schöpfung suggeriert. Und wieder findet sich hier ein Bezug auf die
Liebe, wenn die Andersheit eine schamhafte Selbstverhüllung und Beschirmung
der/s Anderen empfiehlt. Wir sind immer auf die Spielräume einer Freiheit von
dem was wir zu lieben und am besten zu kennen glauben angewiesen, ganz zu
schweigen von dessen Aura des Schreckens. Der Motor der ursprünglichen Verliebtheit,
von der alles seinen Anfang nahm, wurde schließlich von der Angstbewältigung
gespeist
In
solchen Zusammenhängen bietet sich die Schlussfolgerung an, Musik, Metaphysik
und religiöses Gefühl seien fast immer in einer mehr oder weniger diffusen
Einheit zu erfahren gewesen. Schon für die Pythagoreer versprachen
mathematische Regelhaftigkeiten in der Natur einen tieferen Sinn, der über die
materielle Wirklichkeit hinaus auf eine göttliche Intelligenz verwies – die
Entdeckung der mathematischen Proportionen in der musikalischen Harmonielehre
wurden als spirituelles Muster einer religiösen Offenbarung empfunden. Als Gegenbewegung
zur natürlichen Erdverbundenheit erleichtert die Musik noch Jahrtausende nach
dieser Entdeckung in liturgischen Zusammenhängen die Erhebung über die Schwere
der materiellen Zusammenhänge. Dabei sind wir in und durch Musik am unmittelbarsten
in Gegenwart der logisch und verbal nicht auszudrückenden, uns jedoch ergreifenden
Daseinsenergie, die den Sinnen und der Reflexion vermittelt, was vom noch keinen
Definitionen unterstehenden Wunder des Lebens zu fassen ist. Musik wird zum
Spiel mit der Unnennbarkeit der Benennung des Lebens – jenseits irgendwelcher
theologischen Spitzfindigkeiten. Bereits lange vor der Konzeption der
Turingmaschine wurde die Musik von Leibniz als geheime Arithmetik der Seele
bezeichnet: Sie entzücke uns, obwohl ihre Schönheit nur in der Übereinstimmung
von Zahlen und der Berechnung von deren Verhältnis bestehe! Die Tatsache, dass
die Musik nur zähle, werde uns nicht bewusst, doch gerade deshalb sollte bedacht
werden, dass syntaktischen Relationen keine Sphäre erreichen, innerhalb derer
Bedeutungen kodifiziert sind. Es ist zu vermuten, dass sie frei fluktuierende
Bedeutsamkeiten zu Mustern kombiniert, die in irgendeiner Ähnlichkeit zu
früheren Erlebnissen oder Erfahrungen stehen. Wenn sich bei Steiner dagegen die
Anregung findet, die Musik sei voller Bedeutungen, die sich nicht in logische
Strukturen oder verbalen Ausdruck übersetzen lassen, weil in der Musik Form
Inhalt ist und Inhalt Form, so mag dies einen weiteren Zugang zur
Mustererkennung anbieten. Die Musik sei nicht nur in höchstem Grad zerebral,
sondern zugleich auch somatisch; Musik versuche sich an einer körperlichen Resonanz,
auf der tiefer als Wille oder Bewusstsein liegenden, fleischlichen Ebene. Sie
mache äußerst substantiell, was die reale Gegenwart von Bedeutung umreiße, denn
sie bringe in unser tägliches Leben die unmittelbare Begegnung mit einer Logik
der sinnlichen Erfahrung. Eine Logik, die eine andere ist als die der Ratio,
die in den Quellen des Seins am Werk und in der Lage ist, lebensvolle Formen hervorzubringen.
Wenn es heißt, das undefinierbare und ungeheure Wesen der Musik bringe unser
Sein als Menschen in Berührung mit dem, was das Sagbare transzendiert, was das
Analysierbare hinter sich lässt, versucht er eine Erfahrung einzukreisen, ohne
sie auf einen Nenner zu bringen. Viele nach der Einschätzung von Foersters durch Bildung verstümmelte und um die Erfahrung
des Wunderbaren reduzierte Menschen erfahren nur durch Surrogate gefiltert, wie
das Unergründliche der Körper kommuniziert, also vom Unergründlichen erfasst
wird. Vielleicht gerade deshalb liefert die Musik den Grundstock einer Religion
für Menschen, die jenseits der Institution Kirche einen Glauben finden. Selbst
bei den Ekstasen von Pop und Rock, die Steiner ablehnt, ist für ihn eine
schrille Überschneidung bemerkbar. Für ihn übersetzen Künstler, Dichter und
Musiker ein Etwas in lebendige und gelebte Formen, die auf Gott oder
Transzendenz verweisen. Er nennt den durch die dichte Schicht alltäglicher
Zusammenhänge dringenden Schimmer bereits Erkenntnis, ästhetische Erscheinungen
werden also zur formgewordenen Epiphanie. Dieser minimalistische Gottesbeweis
wird von der Frage getragen, was dieses Etwas in uns sei, wenn wir Menschen
meinen zu wissen, es könne ohne uns sein, über oder jenseits von uns, wir aber
nicht nachzuvollziehen wissen, wie es in uns gelangt ist. Wenn er gewissen
Anregungen des von ihm geschätzten Benjamin über das Zeitalter eines Zwangs zur
Nachahmung und ein ihm folgendes mit der Suche nach Ähnlichkeiten bereits der
Emanzipation unterstehenden Zeitalters gefolgt wäre, hätten sich vielleicht
jenseits des Gottesbezugs noch andere Unwägbarkeiten ergeben. Die einer
archaischen Mimesis unterstehenden Spiegelneuronen mögen privilegierte Momente
einer umfassenden Kommunikation eröffnen, uns mit einer Gesamtheit des
Bestehenden kurzschließen; sie sind das für die Erfahrung der Normalität
Ungreifbarste, weil gerade die dauernde Simulation der mit der Sozialisation
verinnerlichten Norm mehr oder weniger hilflos versucht, ekstatische Extreme und
jeglichen Überschwang auszuschließen. Musik als Energie stellt uns in eine
Beziehung zu jener Energie, die das Leben ist; wenn wir in ihr ein Nachklingen
der ursprünglichen Situation im Mutterleib erfahren, versetzt sie uns in einen
unmittelbaren Bezug zu jener abstrakt und verbal nicht zu kommunizierenden,
primären Tatsache der Lebendigkeit. Wenn Musik zu einer Bedeutsamkeit wird, die
gänzlich musikalisch ist, stellt sie für eine momentane Erfahrung jene
Ähnlichkeit von Welt und Musik her, dank der wir das Spannungsvolumen eines
Mysteriums somatischer und spiritueller Erkenntnis empfingen, obwohl es auf
einer anderen Ebene liegt, als alle biologische und psychologische Bestimmung.
Sowie diese Form der Kommunikation den Status des Heiligen streift, klingen in
ihr Kittlers ewige Schwingungen des Sinus mit. Für Bohrer scheint die
entscheidende Neuigkeit der Internetkommunikation die Aufhebung der Differenz
zwischen Sender und Empfänger, wenn in der Gleichzeitigkeit die Kommunikation
des einen mit der des anderen
zusammenfällt und damit die Zeit des ursprünglichen Jetzt gelöscht wird,
in der man sich eben aus der Zeitspanne des Alleinseins mit sich selbst
besonders und anders fühlt. Damit kommt er dem ursprüngliche Ansatz der ihn
nicht überzeugenden ‚Aufschreibesysteme‘ recht nahe; das Medium ist die
Botschaft, weil es bereits unsere Wahrnehmung strukturiert, also darüber
entscheidet, was wir vernehmen. Aber er sieht wohl nicht mehr, wie sich nach
einer ersten Emphase der Internetkommunikation regelmäßig die Enttäuschung über
die Nichtssagendheit und Leere bemerkbar macht. Auch das ist ein Einfluss
dieses umfassenden Aufschreibesystems – es müsste den Konsumenten eigentlich
zeigen, mit welcher Inbrunst sie dem Nichts hinterher hecheln und prompt
weichen sie in einen totalitären Aktivismus oder in selbstzerstörerische
Innerlichkeitsemphase aus. Dabei kann in den biographischen Zusammenhängen des
21. Jahrhunderts die eine/n ergreifende Erscheinung des Schönen eine Epiphanie
des Göttlichen werden: Auf den biomagnetischen Feldern des Heiligen wird das
Schöne nicht allein als Erscheinung zugänglich, an der sich das Begehren
entzündet, sondern es zeigt eine Macht, die die Intensitäten des Lebens
stimuliert, die immer wieder neu in der Lage ist, enorme Energien freizusetzen.
Die Formulierung des jungen Schelling, Schönheit sei die Sprache des Absoluten,
kommt einer Wahrheit ganz nahe, die wir nur für Sekunden ertragen, um dennoch
an ihr zu gesunden. Der sinnliche Impuls landet in der Amygdala, springt dann
vom Gefühlskern des Gehirns zum Hippocampus, um als Erlebnis verarbeitet und zu
Erinnerungen geformt zu werden – wenn uns dieses Ereignis ergreift, fördert es
vor allem eine umfassende Bejahung des Lebendigen mit allen dazu gehörenden
Widersprüchen und Prüfungen.
Steiner
situierte sich in generationsübergreifenden Zusammenhängen der schützenden
Fürsorge, profitierte von Empfehlungen innerhalb gewachsener Beziehungen – auch
dieses Feld kann die Bereitschaft stimulieren, an ein gnädiges übergeordnetes
Sein zu glauben. Jenseits solcher privilegierter Kontexte kann der Autor als
Sozialisationsprodukt eines Hilfsarbeiters auf ganz konkrete Anlässe verweisen,
sei es eine Verführung, sei es ein Todeslauf, während denen er den Boden unter
den Füßen verlor und unter Qualen zu lernen hatte, zwischen mehreren Welten hin
und her zu springen, ohne noch in einer wirklich zuhause zu sein. Die Winke und
Ahnungen, die die Sozialisationsprodukte einer großbürgerlichen Elite in
Kunstwerken zu kennenzulernen hatten, später dann als kulturellen Urlaub vom
Realitätsprinzip aufzusuchen wussten, wurden häufig genug erst durch die Askese
gekeltert. Dabei verdankten diese Leute die genuine Erzeugung kultureller Werte
häufig genug den Süchten und Wahnvorstellungen von Exponenten ihrer Klasse, die
am Status Quo verzweifelten und die Last ihrer Familienverhaftetheit oder der
damit verbundenen Widerholungszwänge abzuwerfen suchten – also den
Restbeständen eines schamanistischen Erbteils. Die Massenunterhaltung liefert
seit geraumer Zeit jenseits der Zugangsriten der hohen Kultur fast kostenlos,
was wir für den Urlaub vom Ich und für manches Erhebungsmotiv benötigen – aber
dafür zahlen die Konsumenten solange mit Jugend und Enthusiasmus, bis im besten
Fall eine ausgepowerte Nüchternheit übrig bleibt und im schlechtesten das
hasserfülltes Ressentiment sexualgestörter Terroristen. Dabei könnten jenseits
einer Konsumwelt körpereigene Drogen aus der Erfahrung von Elend und
Ausgeliefertheit, wie schon vor Jahrtausenden, das Sprungbrett eines neuen
Glaubens machen, und wenn es der Glaube an göttliche Kräfte ist, die wir in
Grenzerfahrungen freisetzen. Man muss sich nur beschissen genug fühlen und völlig
am Ende sein: Die Gewissheit, dass es höchstens das Leben kostet, wenn es auf
einmal nötig wird, um das eigene Leben zu rennen, kann eine fast gleichgültige
Kälte gegenüber der Gefahr bewirken. Als mir jene Gewalten begegneten, hieß es,
die Spannung urweltlicher Kräfte zu halten, die Assoziationsmuster
durchzuarbeiten, bis anonyme Geistesblitze zündeten. Nun erwies sich, dass nur
ein befriedigter, mit sich einiger Körperbezug in der Lage ist, diese Kräfte zu
akkumulieren, ohne die Energie in Kurzschlüssen abzufahren. Wenn alles auf dem
Spiel steht, können auf einmal kleine Beobachtungen bei zufälligen Beobachtungen
bedeutsam werden – das Zittern eines Augenlieds, das Stocken und hässliche
Ratschen eines hohen Stöckelschuhs, die vibrierenden Pliseefältchen über der
Oberlippe der starken Frau, die hinter den intriganten Strategien eines
Professors stand. Die plötzliche Einsicht, die scheinbar nebensächliche
Begegnungen vermittelte, konnte eine gewaltige Ruhe und Stärke verleihen.
Bohrer nannte als Wirkungsgewalt von Ereignishaftigkeit, dass selbst banale
Vorgänge, wenn sie einen unter Spannung setzen, über die mutmaßliche Sinnlosigkeit
von allem hinwegtäuschen können. Selbst die tägliche Beobachtung von Personen
und Vorgängen kann in dem Augenblick, in dem sie als Fremde wahrgenommen
werden, einen phänomenalen Effekt auslösen. Wer nicht im eigenen Land lebt –
und ich hatte mich bereits in der Familie als Fremdkörper gefühlt und diese
Fremdheit in keiner der späteren Zusammenhänge verloren –, erfährt das Alltägliche
wie das Nichtalltägliche immer wieder unter symbolischen Vorzeichen. Die Sinne
stellen nur unvollkommene Bezüge zum eigenen Wissen her, produzieren dafür umso
mehr an Bedeutungen, umso mehr das Neue mit dem Symbolischen verknüpft wird.
Der Todeslauf, der mich aus fast allen gewohnten Lebensvollzügen heraus katapultierte
und unter enorme Spannungen setzte, weckte nicht nur andere Wahrnehmungsformen
und der Verfremdung entsprechende Schlussfolgerungen; die damit verbundene extreme
Entfremdung potenzierte zudem das Lernvermögen, befreite mich vom Zweifel an
der Sinnhaftigkeit meiner Existenz. Ein Paradox: Das Ausschlussverfahren
sprengte die Antriebsstörungen, die bis dahin in allen möglichen Lebenszusammenhängen
für jene Ungewissheit gesorgt hatten, die einen nötigen sollte, sich den
Verfahrensordnungen von Institutionen anzuvertrauen. Die durchschlagendste Erfahrung
war vermutlich, wie mit dem der Gleichgültigkeit und Kälte verdankten Aussetzen
der konfliktuellen Mimetik die Gesetzmäßigkeiten eines blankpolierten Spiegels
zu wirken begannen – jenseits eines Sich-wehren-Wollens, doch als Resultat der
aus einem Nichttun resultierenden Abstände. In Lebenszusammenhängen, die einen
dazu nötigten, jede Mark zweimal umzudrehen, weil den akademischen Intriganten
selbst für Hilfsarbeiten die Flüsterpropaganda nicht zu schade ist, kann es
erhebend sein, wenn einem der Wind mit einigen Fetzen aus der Tageszeitung
zuträgt, welche Einschläge auf der Gegenseite zu verzeichnen waren, wie es
wieder einen Delegierten der Krüppelzüchter umgehauen hat.
Wenn
es bei Steiner heißt, es bedürfe einer ungeheuren Stärke und Enthaltsamkeit
gegenüber dem Wiedererkennen, gegenüber einer impliziten Referenz, um die Welt
zu lesen und nicht den Text der Welt, wie er schon zuvor für uns enkodiert
wurde, mag das in den wohlgeordneten Abhängigkeiten so sein, aber nicht nach
Erfahrungen, die eine/n durch alle institutionellen Register rauschen ließen,
um die Gewissheit einzupflanzen, dass nichts gewiss ist. Wenn er spekuliert, es
könne sein, dass ein Vergessen der Frage nach Gott der springende Punkt jetzt
im Entstehen begriffener Kulturen sein werde, dass vertikale Bezüge auf höhere
Dinge, auf das Ungreifbare und Mythische, die noch immer in unseren Metaphern
oder in den Tiefen der Grammatik transportiert werden, aus der Sprache
verschwinden, übersieht er die Allgegenwart des Elends in unseren Weltzusammenhängen.
Es muss eine/n nur im entscheidenden Moment ergreifen, und selbst der Computer
wird zu einer metaphysischen Prothese. Schließlich ist an der Verwandtschaft
der religiösen Gefühle mit der von Kamper verfolgten Beziehung zwischen
Ausgeliefertheit und Fantasie – im Kerker werden die Träume überlebensnotwendig
– anzusetzen, um für eine Kunst der Phantasielosigkeit zu argumentieren. Falls
etwas verschwindet, wird es sehr wahrscheinlich der Niederschlag jener
wohlgefederten Abhängigkeiten sein, deren Schlagschatten seit ein paar
Generationen wieder den Nachwuchs ausbremst und klein hält. Währenddessen
kommen die tragischen Verwicklungen, die die großen Mythen transportiert haben,
nach und nach deutlicher zum Vorschein – in der Massenunterhaltung sind sie bereits
seit geraumer Zeit präsent. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass jene Mutationen
des Bewusstseins und des Ausdrucks in den Codes künstlicher Intelligenz dafür
sorgen, die ontologische Garantie der Bögen der Metapher und die Formen
ästhetischen Schaffens, wie wir sie gekannt haben, lahmzulegen. Viel
wahrscheinlicher wird ihre technische Reproduzierbarkeit, verstärkt dank einer
Perfektionierung durch Künstliche Intelligenz, ungeahnte sinnliche
Überzeugungsgrade erreichen. Schließlich bringt die Industrialisierung der
Fantasie durch eine rechnergestützte Filmindustrie und ihre Anknüpfung an
klassische Mythen enorme Erweiterungen zustande – die primären Inhalte eines
neuen Mediums waren immer die vorangegangenen Medien. Außerdem ist bereits zu
sehen wie Anregungen aus Subkultur, Comic und den mittlerweile dominanten
sozialen Medien Menschheitsthemen recyceln, die die Regression in den Dienst an
der Verarbeitung neuer Umweltanforderungen stellen.
Bohrer
wurde im fortgeschrittenen Alter von einer
erotischen Faszination gestreift, die die nackten Körper der Göttinnen
und der irdischen Schönen in der Kunstgeschichte auf den Betrachter ausüben,
doch das ist wohl weniger den Hormonen und mehr einem plötzlichen Staunen über
die Kodifizierung von Sehgewohnheiten zu verdanken. Während er an Baudelaires
Sprachkunst bewunderte, wie das Eine, die Fähigkeit zu spirituellen Sublimationen,
mit dem anderen, den geistfernen Empfindungen des wollüstigen Körpers,
zusammenhing, meinte er, in der ausgebreiteten Darstellung des weiblichen
Sexualkörpers eine Art Huldigung an etwas Erhabenes, Unheimliches entdecken. Im
Gegenzug begegnet er in Kunstausstellungen der Erkenntnis, dass nackte Schöne
erregen können, um dann die Komik zu bemerken, wenn Leute vor diesen
wunderbaren Leibern, vor ihrer erotischen, sogar sexuell einladenden Körperhaltung
mit ernster Miene stehen, als beobachteten sie lediglich Kunstwerke. Mit
Warburg drängt sich doch eher die Erklärung auf, sie schützen sich vor einer
Überwältigung durch den sinnlichen Reiz. Sie waren sicher nicht so befriedigt
und abgeklärt, dass bereits Malweise und Perspektive alle Aufmerksamkeit
okkupierten, sondern viel eher flüchteten sie in die Selbstdarstellung der Kennerschaft,
zogen also die Besetzung vom sinnlichen Objekt ab, um sie auf die zensierende
Beobachtung des eigenen Ausdrucks zu verlagern. Wie die Schreibe in der Lage
ist, mit jedem weiteren Bearbeitungsvorgang mehr von den Besessenheiten zu
mortifizieren, ist anzunehmen, alle künstlerischen Darstellungen leiteten dank
der formvollendeten handwerklichen Brillanz die Erregung um oder sogar ab.
Kunst in der richtigen Dosierung dient damit der Selbstimmunisierung der
Betrachter aufgrund der sedierenden Wirkungen eines ganzen Katalogs von
Betrachtungsanweisungen, während hochkomplizierte Pornographie, die trotz des
technischen Apparats eben die Herausgehobenheit in einen künstlerischen Rahmen
verleugnet, bereits die Gefahr der sinnlichen Überwältigung transportiert, sich
aufgrund eines dauernd frustrierten Triebgeschehens nicht beherrschen zu
können. Wenn ich Bohrer also weiterdenke, ist sein Staunen der späten
Erkenntnis zu verdanken, dass die Kunst dem Verpassen dient – in
literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen der Avantgarde hatte er die
ästhetische Negativität sogar als Ausweichreservat vor dem ermüdenden
Alltagstrott und der standardisierten Wahrnehmungen wie der Normalität der
Empfindungen gekennzeichnet –, sie hat gerade das Erschrecken und den
Angstimpuls seiner in der Fiktion gesuchten Plötzlichkeit abzupuffern. Dagegen
erinnere ich mich noch recht genau, wie nach der Verführung mittels
holländischer Hochglanzmagazine durch einen Päderasten Pornos eine sekundäre
Sozialisation ankurbelten, die mich nach und nach zur intensiven Beschäftigung
mit sogenannter Hochkultur führte, die als Aufhänger oder Motor noch immer Sex and Crime nötig hatte. Meine erste Begegnung mit dem Glück
des Unvorhergesehenen, denn unter den sozialen und finanziellen Einschränkungen
und Denkbehinderungen meiner Elternwelt wäre ich schnell abgestumpft und verkümmert
oder hätte mich in einem zeitbedingten, aber blinden Protest den verschiedenen
Selbstzerstörungen gewidmet. Mit der nötigen Übung wurde der ursprünglich unbeherrschte
sexuelle Impuls bis zur Sublimierung eines abstrakten Wissenwollens geführt.
Ich wollte immer noch sehen, das Geheimnis des Lebens, aber nun in jener
Potenzierung des antiken Sehers – und landete in der Philosophie. Doch alles
theoretische Wissen war nichts gegenüber der körperlichen Erfahrung mit einer
Frau, die aktiv am Ende der Freundschaft mit dem Päderasten beteiligt war. Sie
ließ die sexuelle Erfüllung heilsam auf die Freude am Risiko des Verbrennens am
entfesselten Antrieb einwirken, ohne tatsächlich zu wissen, welchen Zauber sie
damit ausübte. Als sie die unliebsame Konkurrenz des Päderasten ausgeschaltet
hatte, begann sie sich, ohne große Rücksicht darauf, ob es mich störte oder mir
wehtat, ihrem Egotrip zu widmen. Und ich spielte mit, um immerhin wieder und
wieder an einer Zaubermöse zu gesunden. Es gab sonst keine wirklich gemeinsamen
Interessen, für die Zeit nach der ersten Verliebtheit war es also alles andere
als gut gelöst, aber schon die freigesetzten Bindungskräfte bewirkten die
später im ‚Altpapier‘ dokumentierte Störversuche aus allen möglichen
Richtungen. Seltsamerweise hatten alle Leute, mit denen wir zu tun hatten,
beste Freunde oder Verwandte eingeschlossen, Interesse an der Störung dieser so
unkonventionellen Beziehung zwischen einer Beamtentochter und dem Sohn eines
ehemaligen Hilfsarbeiters, der sich bis zum Geschäftsführer einer Chemischen
Reinigung hochgearbeitet hatte. Vielleicht sorgte dieser unterschwellige, noch
nicht wirklich bewusst gewordene Kampf für weitere Bindungskräfte. Als ich mich
in Seminaren zu profilieren begann, zeigten sich auch im akademischen Umfeld
enorme Widerstände und libidinöse Versuche, die Beziehung durch lancierte Gegenbesetzungen
zu sprengen. Wie später nachzuvollziehen war, als die von interessierten Profs
vorhergesagte, akademische Zukunft bereits vor dem Start hinter mir lag,
gehorchten die Intrige und der Vernichtungsimpuls innerhalb der
Abhängigkeitsverhältnisse von Bildungsbeamten der geheimen Entwicklungslogik
einer Großinstitution. Genau die Fähigkeit, das Begehren zu binden, um
aneinander zu gesunden, stellte den institutionellen Anspruch in Frage, das
Begehren zu diffundieren und für den Apparat zu reservieren. So war es genau
jene Kompetenz der erfüllenden gegenseitigen Befriedigung, mit der es gelang,
die Richtung einer fremdgesteuerten Vernichtung umzukehren und auf jene
Instanzen zurückzuleiten, die uns zerstören wollten.
In
Steiners ‚Logokraten‘ habe ich einige Formulierungen
gefunden, die diesen Anspruch, über die Libido der Anempfohlenen zu verfügen,
in den verschiedenen Abschweifungen über die Musik verbergen. In den Büchern
der letzten zehn Jahre wurde das meiste an den verschiedensten Stellen bereits
berührt, aber aus einer anderen Perspektive. In gegen den Strich gelesenen,
konservativen Traditionszusammenhängen ist es erhebend jenen anarchistischen
Interpolationen zu begegnen, die mich bewegt haben. Wichtig ist dabei die
Kennzeichnung eines in der Musik ausgefochtenen, antagonistischen Verhältnisses
der Geschlechter, die Spiegelung des Verhältnisses von Musik und Poesie im
Verhältnis von Natur und Kultur und die virtuell immerhin mögliche, harmonische
Übereinkunft in Kontexten, die vor aller Semantik angesiedelt sind. Gerade wenn
es um die Beziehungen zwischen Sprache und Musik geht, sind die archaischen
Mythen unserer Kultur durch extreme Formen der Gewalttätigkeit gekennzeichnet.
Später, in dem Gespräch mit Ronald A. Sharp heißt es: Der Tod hänge eng mit dem
zusammen, was er als eine von der Musik transportierte Wahrheit empfinde. Der
ursprünglich durch die Konfrontation mit dem Tod ausgelöste Schrecken mag die
Entwicklung des menschlichen Bewusstseins befördert, komplementär dazu aber ein
Gefühl für das Ende der Zeit und des persönlichen Lebens eingeschrieben haben,
das in der Musik wieder präsent werde. Schweigen und Stille spielen nicht nur
in der Redegewalt eine entscheidende Rolle, sie unterstreichen die
Bedeutsamkeit einer in sich stimmigen Musik. Sie veranschauliche vor allem jene
Kategorie des Sinns, die man nicht übersetzen, nicht paraphrasieren, nicht in
irgendwelche anderen Termini übertragen kann, die aber zutiefst bedeutsam ist.
Musik als die aufregendste, zentrale menschliche Aktivität, die sich dennoch
unseren Erkenntnissen entzieht – in verschiedenen Zusammenhängen zitiert er Lévi-Strauss, für den die Erfindung der Melodie das höchste
Geheimnis alles menschlichen Lebens ist. Die Wahrheiten eines
ordnungsgebundenen Fühlens in der musikalischen Erfahrung sind nicht irrational,
aber sie sind nicht auf die Ratio zurückführbar. Wenn das fundamentale Modell
des Sinns die Übersetzung ist, dann stellt sich die Frage, warum wissen wir,
dass die Musik etwas bedeutet, wenn sie nicht paraphrasierbar ist. Für Steiner
sind Gott oder kosmische Ordnung mit Warburg im Detail zu entdecken und die
Bereiche des menschlichen Wissens verschwindend gering gegenüber dem, was wir
alles nicht wissen können. Dagegen ist die Musik der Ort für einen intensiven
Sinn, den wir nicht verstehen, aber der uns ergreift und mitnimmt; sie bestätigt
die Stimmigkeit des Gefühls für ein mysterium tremendum in den Künsten. In
Literatur, Musik und Kunst werden Spuren oder Umrisse einer Gegenwart
transportiert, die dem Bewusstsein und der Rationalität vorausgehen, Überreste
einer prä-logischen, einer prä-grammatischen Ablagerung visueller und auditiver
Materie, die Anfänge der menschlichen Selbstgewahrwerdung vermitteln und in
gewissen musikalischen oder erzählenden Sequenzen noch immer transportiert werden.
Die Anfänge menschlichen Bewusstseins, die Entstehung von bewusster
Wahrnehmung, umfassten eine lange Periode der Kondensierung, in der sich um
unergründliche Knoten bei der Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem
anderen, während der Entdeckung des Skandals, den der Tod darstellt, Wunder und
Schrecken zwischen Sein und Nicht-sein abgelagert haben.
Zwei
Jahre nach Abschluss der ‚Katastrophenpädagogik‘ stieß ich in einem Sammelband
auf eine erhellende Arbeit Runias, für den die
Gesetzmäßigkeiten einer kulturellen Evolution aus der Erfahrung mehr oder
weniger selbst hergestellte Katastrophen folgen. Nach Freud wird der psychische
Apparat durch das Vermeiden oder die Ableitung unlustvoller Spannungen
reguliert. Die Gesamtheit psychischer Aktivitäten folgt dem Telos, Unlust zu
vermeiden und Lust zu verschaffen, wobei Unlust aus der Erhöhung der
Erregungsquantität, Lust dagegen aus deren Verminderung resultiert. Diese
ökonomische Gesetzmäßigkeit mag erklären, warum Menschen, wenn man sie nur
ließe, glücklich aber nahe am Verblöden und Vegetieren wären. Freud weist
allerdings in verschiedenen Zusammenhängen darauf hin, dass es lustvolle
Spannungen gebe, die, auf das relative Niveau der Besetzungen bezogen, bewusst
herbeigeführt und systematisch gesteigert werden. Erotische Anziehungskräfte
und sexuelle Techniken, den Reiz hochzukitzeln und für Augenblicke ein Niveau
kurz vor dem Zerplatzen zu erreichen, haben sicher nichts mit der Reduzierung von
Erregungen zu tun. Trotzdem führte die Frage nach einem Jenseits des
Lustprinzips zu der weiteren, warum Kulturarbeit an Askese und Selbstzerstörung
gebunden ist, warum die Menschheit sich das Leben selbst schwer bis
unerträglich mache. Runias ‚Kurzschluss in der
Lustmaschine‘ stellt einige überzeugende Argumente zusammen, die jene Ebene kennzeichnen,
auf der das Überleben des Menschen nicht mehr allein von der Anpassung an die
äußeren Umstände abhing und trifft sich mit dem konstruktivistischen Ansatz
eines von Foerster. Die ersten Funken sprühten bereits, als sich erwies, wie
diese Aufgabe wesentlich ökonomischer durch eine Zähmung der Umwelt umzusetzen
war: Sie war dem menschlichen Phänotyp anzupassen. Diese Umformatierung führte
zu einer selbst geschaffenen Umwelt, die als Kultur übertragen und vermittelt
werden konnte. Die Gesetzmäßigkeiten einer genetischen Evolution wurden
weitgehend stillgestellt und von einer kulturellen Evolution überlagert, die
kein zielgerichteter Prozess war, sondern nur im Rückblick eine Richtung, eine
diese Entwicklung fördernde Bestimmtheit besaß. Die kulturelle Umwelt
verlangsamte die Entwicklung nicht etwa, wie dies aufgrund des nachlassenden
Drucks zu erwarten wäre. Denn in dem Maße, in dem Menschen die Natur entwaffnet
haben, wurde ein Wettstreit zwischen Gattungen durch stets neue Formen des
Wettstreits innerhalb der eigenen Gattung ersetzt. Der Kampf gegeneinander und
die konfliktuelle Infragestellung erwiesen sich als vorteilhaft für die Entwicklung.
Damit entstand der Luxus einer unbeirrbaren Besessenheit, uns selbst das Leben
schwer zu machen und jene Selektivität, die wir der Natur genommen haben, im
Rahmen der Kultur zu potenzieren. Die kulturelle Evolution resultiert aus
Erfindungen, hinter die nicht zurückgegangen werden kann, die uns keine andere
Wahl lassen, als ihren Anforderungen zu entsprechen. Und ebendieser Zwang,
Anforderungen gerecht zu werden, die wir uns selbst aufgehalst haben, mag zum
Besten der Gattung dienen, solange sie die dabei entstandenen technischen
Möglichkeiten der Selbstauslöschung nicht ausreizt – leider aber nicht zum
Besten der Einzelnen.
Die
Zähmung der Natur, während die Selektivität bewahrt und das Unvereinbare
vereinig wird, macht die kulturell vermittelte Evolution zu einer mächtigen
Waffe – die Menschheit hat bisher mehr Gattungen ausgerottet, als größere
Kometeneinschläge. Dieser die Generationskette übergreifende Kopierprozess für
ethnosemantische Inhalte ist viel effizienter als langsame, genetisch vermittelte
Reproduktionen. Doch die zugrunde liegende Ambivalenz bleibt in allen daraus
folgenden Errungenschaften erhalten. Sie besteht
zum einen aus der Kompetenz, eine Umwelt zu schaffen, die die Menschen
vom Zwang zur Anpassung an die Natur
befreit, zum anderen aus der Aufrechterhaltung und Beschleunigung evolutionärer
Gesetzmäßigkeiten, indem Menschen untereinander in Rivalitäten verstrickt werden.
Die Menschheit ist für ihre Entwicklung selbst verantwortlich geworden, wird aber
in ihren Möglichkeiten durch deren Eigendynamik eingeschränkt, denn
vorausschauende Anpassung wie selbstauferlegte Selektivität sind von den daran Beteiligten
unabhängig. Geschichte als kulturell vermittelte Form der menschlichen
Evolution unterscheidet sich von der natürlichen Artenauswahl, weil wir uns als
Gattung ständig zwanghaft den Boden unter den Füßen wegziehen, also die uns in
die Zukunft treibenden Katastrophen selbst erzeugen. Die Entwicklung wird durch
Ereignisse vorwärtsgetrieben, die als Unfall oder der Katastrophe erfahren
werden, die sich seltsamerweise aber durch die Tatsache verwandeln, dass sie
geschehen, damit es kein Zurück mehr gibt. Die Mutationen, denen wir unseren
evolutionären Erfolg verdanken, stellen sich im Rückblick als Fortschritt dar.
Die von Benjamins Engel wahrgenommene, fortwährende Katastrophe sollte uns
nicht vor der Größe der eigenen Aufgabe zurückschrecken lassen und damit für
künftige Entscheidungen ausbremsen. Gerade wenn wir keine Wahl haben, wachsen
wir über uns hinaus, oft stellt sich nur dann das Glück des Unvorhergesehenen
ein. Aber was ist das Glück eigentlich anderes! Wir begegnen ihm nicht, wenn
wir reglementierenden Ratgebern für Bedürftige folgen, die psychische Ökonomie einer
zwanghaften Planwirtschaft unterstellen. Schließlich ist das Glück nichts, das
unserem Willen, der richtigen Strategie oder dem Sparsamkeitstick unterstellt
ist, sondern wir tauschen Erwartungen und Sehnsüchte, Ängste und Begehren gegen
etwas ein, das uns auf unvorhersehbare Weise überrascht.
Notwendige Entscheidungen, mit denen
die Umwelt unseren Bedürfnissen angepasst wird, beruhen häufig genug auf in
ihren Folgen nicht absehbaren Improvisationen, die Sprünge innerhalb der Kultur
anstoßen. Eigentlich sollten gewisse Vorgänge erleichtert werden oder sicherer
oder befriedigender zu erledigen sein, doch diese oft nur geringfügigen Änderungen
werden von einer drastischen Verschärfung der Selektivität begleitet, mit der
das Leben oder Überleben erst einmal erschwert wird. Je mehr die Folgen dieser Veränderung
von Erwartungsmustern und Handlungsroutinen überraschen, je weniger die dadurch
geschaffenen neuen Anforderungen zu verleugnen sind, desto mehr Komplexität
muss tatsächlich reduziert werden. Die Neigung, Überzeugungen, Werte und
Identität den tatsächlichen Folgen dieses Handelns anzupassen, sorgt erst
einmal für eine psychische Stabilisierung, oft werden diese Akkomodationen als Opferverhalten
oder Strafbedürfnis interpretiert und einfach akzeptiert. Die erzeugten Dissonanzen
dienen der Erhöhung von Komplexität und scheinen dazu angelegt, die weitere
Selektivität zu gewährleisten. Mit Luhmann wird das System durch die Entsorgung
von Risiken und die Lösung von Problemen in Gang gehalten, die es durch die
Entsorgung von Risiken und die Lösung von Problemen selbst erzeugt hat. Menschen
beginnen keine Revolution, um die Komplexität zu steigern, sondern einschneidende
historische Ereignisse motivieren Fluchtbewegungen in eine unbestimmte Zukunft.
Bewirkt wird dies durch das Gespür, ungewissere oder gefährlichere Umstände wären
mit einem Vorteil verbunden oder mit der Hoffnung, die Dinge außer Kontrolle
geraten zu lassen, um gegen Verwaltungsvollzüge und Ausbremsungen die Flucht
nach vorn anzutreten. Aus dieser Perspektive betrachtet stellen sich Revolutionen
als Blasen der Komplexitätserzeugung dar – in denen sich die Beteiligten wechselseitig auf immer höhere Stufen
der Selektivität treiben.
Der
beste Weg zur Komplizierung einer Situation besteht in dem Versuch, sie zu
vereinfachen. Man wirft alle Bedenken über Bord und reißt sich von einem in
Konventionen, überlieferten Auffassungen und anderen uns selbstverständlich
scheinenden Dingen los, verabschiedet Teile eines gespeicherten Systems der
Komplexitätsreduktion. In dieser kulturevolutionären Phase resultieren neue
historische Entwicklungsstufen nicht etwa aus vorgefassten Plänen, sondern aus
Ergebnissen der Taten, die wir taten, ohne recht zu wissen, was wir tun. Auf der
Gattungsebene werden einschneidende Ereignisse in einem Status der Abwesenheit
oder Zerstreuung geboren. Viele historische Größen haben gemeinsam, dass sie
sich in Ausnahmezuständen bestimmter Konventionen oder überlieferten Auffassungen
entäußerten. Diese hergestellte innere Leere kann, indem sie latent Gegenwärtiges
freisetzt, einschneidende historische Ereignisse bewirken, die die Komplexität
steigern und einen Bruch mit dem Selbstverständlichen darstellen. Im Resultat
ergibt sich in historischen Augenblicken eine Wiederverzauberung der Welt durch
eine Steigerung der Selektivität – wobei das Prinzip Hoffnung oft ganz nah am
Alptraum der Abgründe liegen kann.
Die
Schönen Künste haben sich als Veranstaltungen des gezähmten Schreckens erwiesen:
In Literatur und Kunst werden extreme psychische Besetzungen verarbeitet und
modelliert, um sie für Alltagssituationen ertragbar zu machen. Mit Bohrers
Thematisierung des Erschreckens kommen wir ganz nah an eine Wirkungsgewalt, die
mit variantenreichen Tricks und unendlichen Verfahrensordnungen wie Sindbads
Dschinn in einer verkorkten Flasche gefangen gehalten wird. Was uns erschrecke,
sei das transpsychologische Geschehen, die Plötzlichkeit überfahre das
Puffersystem der Wahrnehmungsgewohnheiten und sprachlichen Klischees – poetologisch wird die Metapher zum
Wahrnehmungsereignis. Je stärker die Metapher die Referenz verdrängt, desto
mehr gerät jeder Inhalt unter das Zeichen des faszinierenden und bedrohlichen
Signifikanten. Ein extremer, intensiv erschreckender literarischer oder
künstlerischer Inhalt verwandelt seinen Realitätsstatus; der Inhalt und damit
seine Wirklichkeit wird von einer Über-Wirklichkeit
überlagert. Offenbar liegt eine Ästhetik des Schreckens als plötzliche
Epiphanie von Intensität und Geheimnis der Kunst selbst als Bedingung zugrunde
– jenseits der historisch-sozialen Umstände. Genau diese Schlussfolgerung führt
zu Warburgs kunsthistorischem Interpretationsansatz: ‚Du lebst, aber Du tust
mir nichts‘. Die Menschheit verfügt über die Institution Kunst, damit Kunstwerke
vor einer Überwältigung durch den sinnlichen Reiz schützen. Fetischformen der magisch-animistischen Kulte stehen am
Anfang der rituellen Fernhaltung und Vergegenständlichung von Erregungsobjekten.
Warburgs Bildtheorie verortet jene Verarbeitungsmuster der Immunisierung auf
einer ästhetisch-symbolischen Achse. Nach und nach wurden Fetische zu
Zeichensystemen, mit denen wir die Welt strukturieren, um in ihr und über sie
zu kommunizieren. Bei jedem Fankult, bei politischen Propagandaveranstaltungen
oder ungesteuerten Massenpaniken wird jener durch affektneutralisierende
Abstraktionen aufrechterhaltene Mittelraum zwischen Fluten von Angst, von
Besessenheit oder überwältigendem Glück durchbrochen. Zeichen werden dann
wieder zu Kräften, jede kodifizierte Bedeutung kann unter solchen Einflüssen
wieder zur Kraft werden und energetische Bedeutsamkeiten entfesseln, die sich
verselbständigen.
In Zusammenhängen der
Subversion von Stillstellungsimperativen einer verwalteten Welt wurde einmal die
Kennzeichnung ‚Schreckliche Künste‘ geprägt. Gegenüber der Entmündigung und
Entlastung durch Institutionen war festzustellen, dass gewisse in der Erotik
gründete Gesetzmäßigkeiten des Paars bei den Funktionären der Ausbremsung
Gefühle der Ausgeliefertheit, Erschrecken und Erstarren freizusetzen vermögen.
Ein vergleichbarer Panikimpuls wird bereits von der erotischen Schönheit freigesetzt,
die einem den Atem nehmen oder das Herz bis zum Hals hochschlagen lassen kann.
Das ist kein willkürlicher Sprung, denn die Künste sind der erste und
naheliegenste Nebenkriegsschauplatz der Erotik, in vielen Fällen ist die Kunst
nicht nur durch puren Sex inspiriert, sondern wurde zu einer verlängernden
Objektivierung der ursprünglichen Ekstase. Woher kommt der Imperativ, eine Frau
erobern zu müssen, wenn bereits jeder nicht dem Verkauf oder reibungslosen
Geschäftsablauf dienende Flirt als Angstbewältigung zu interpretieren ist.
Richtig sortiert, in einer nachvollziehbaren Reihenfolge zusammengestellt,
sollte zu zeigen sein, wie der Anlass immer wieder die Zähmung biomagnetischer
Kräfte ist, die Eingrenzung und Kolonisierung einer vorpersonellen Magie, die
ungefragt über uns verfügen kann, wenn nicht im entsprechenden Rahmen dafür gesorgt
ist, sie zur Ader zu lassen oder uns den nötigen Abstumpfungen auszusetzen, uns
unwillkürlichen Immunisierungen zu unterwerfen. Bereits die großen
theologischen Gedankensysteme sind als Anstrengungen zu interpretieren, die auf
ein erfülltes Begehren zurückgehenden Formen der Magie zu pervertieren und in
Riten zu instrumentalisieren. Allerdingt neigen asketische und zölibatäre
Grundsätze in dem meisten Fällen dazu, Hingabe und Lassenkönnen zu verfluchen,
als Teufelswerk zu tabuisieren, als überkommenen Aberglaube abzuwerten. Auch
mit der religionskritischen Aufklärung hat sich an dieser Ausgrenzung des
Sich-Öffnens gegenüber allem anderen als der kanonisierten Lehre nichts
geändert; die im Gefolge entstandenen Wissenschaften definieren sich über die
Ignoranz möglicher Infragestellungen. Was passiert, wenn es zwischen Menschen
knistert – mit allen Folgen, wenn die Funken sprühen? Von hier aus erweist ein Blankpolierter
Spiegel in zwischenmenschlichen Beziehungen, besonders wenn es um Macht und Abhängigkeit
geht, eine Inversion der Gesetzmäßigkeiten schrecklicher Künste. Die Barrieren
der Abgebrühtheit und des Zynismus, der Routinen des Business as usual oder der dumpfen
Untertanenmentalität können in gewissen Augenblicken einfach durchbrochen
werden; die Sicherheit eines Amts wird weggesprengt – die Leute, die ihre Macht
bis dahin daraus gewonnen haben, andere zu behindern und auszubremsen, ihnen
die Lust am Leben zu nehmen, obwohl sie nur unterdurchblutete Arschlöcher und
Mitläufer sind, stellen im blankpolierten Spiegel eines ungerührten psychischen
Systems fest, wie machtlos und verquält sie aussehen, wie hilflos sie einer
erfüllten Sexualität gegenüber absausen. Wer die eigene Missratenheit und Verstümmeltheit
gelernt hat, auszuhalten indem er/sie jede Gelegenheit dazu verwendet, andere
mit diesem Manko zu schlagen, kann nicht schlimmer gestraft werden.
Wir
müssen in der Lage sein, die Spannung zu halten, um in der Wirklichkeit des
Paars andere Prioritäten zu setzen. Dank der Lustpolitik sind Spannungen hochzukitzeln,
bis die Selbstimmunisierung ein energetisches Level erreicht, auf dem böse
Wünsche oder vergiftete Eingaben abprallen und nach Naheliegenderem, ihnen
ähnlichem zielen. Erfahrungen des sozialen Todes verdanken wir als
Schwellenwesen kreative Spielräume, komplexere Horizonte in einem Medium des
Dazwischen. Der begrenzte Rahmen des Lebens wurde zu einem schwingenden
Gedächtnis, das in der Lage ist, die Zeitachse zu manipulieren. Das Glück des
Unvorhergesehenen ist Ausdruck einer vorpersonellen Macht, über die nicht zu
verfügen ist, die Anschlüsse herstellt, aber nicht zu erarbeiten oder zu
erpressen ist, die man/frau nur gewähren lassen kann. Wobei hier nicht einmal
Kittlers technisches Relativitätsprinzip: ‚Nur was schaltbar ist, ist
überhaupt‘ herangezogen werden muss, denn bereits die Echtzeitanalysen
biologisch fundierter Wahrnehmungen beruhen auf diskreten Zeitachsenmanipulationen.
Für eine nachvollziehbare Umsetzbarkeit spricht der historische Standindex –
der Reversibilität des Computers verdanken wir zusätzliche Komplexitätssteigerungen.
Multimediale Prozesse beschleunigen das Lernvermögen, die Verabschiedung fester
Wertvorgaben führt zu einer reflexiv gefederten Fehlerkultur. Am Computer
verarbeiten sich erst einmal Erinnerungen, aber mit dem Dazwischenschießen
objektiver Fäden aus der Zeitgeschichte und den verschiedensten wissenschaftlichen
Abschweifungen, mit denen vor Jahrzehnten eine wacklige psychische Konstruktion
stabilisiert werden musste, werden mit jedem weiteren Durchgang, mit dem
Schneiden und Versetzen von Einheiten der Selbsterlebensbeschreibung, nicht nur
die damaligen Unvorhersehbarkeiten nachvollziehbar. Hin und wieder ist auch ein
Zipfel des Lacanschen Realen zu erhaschen und zu verarbeiten, um künftige
Unvorhersehbarkeiten vorhersehbar werden. Die Digitalisierung kommt jenem
Kurzschluss in der Lustmaschine auf die Spur, dem wir die dauernden
Interventionen des Imaginären verdanken. Es sind die Vorstelllungen, die uns
der konfliktuellen Mimetik ausliefern, mit denen wir den irrwitzigsten Zielen
nachjagen, nur um nicht bei uns selbst zuhause zu sein oder in den
Unwahrscheinlichkeiten der Beziehungsarbeit festzustellen, welche Unmenge
Scheiß wir bisher für uns selbst gehalten haben. Auch bei Kittler ist einmal von
einem Kurzschluss die Rede, der in diesem Fall von der Digitalisierung ausgelöst
wird, die durch eine Überbrückung alles Imaginären das Reale in seiner
Kontingenz für Manipulationen durch symbolische Prozeduren aufschließt. Das ist
vielleicht kein Zufall, denn was der erste Kurzschluss an sublimierender und
abstrahierender Kulturarbeit in die Wege geleitet hat, wartet ab einem gewissen
Level nur darauf, durch einen weiteren Kurzschluss korrigiert zu werden. Die
diskret gemachte Zeit erlaube manipulierende Verarbeitungen des Realen, wie sie
ohne den Computer nur innerhalb des Symbolischen möglich sind. Diese an den
Medien Film und Musik gewonnene Beobachtung ist sicher nur partiell
übertragbar, aber immer wenn wir uns für einen zeitlosen Moment in der Präsenz
aufhalten, bringen wir Bedeutsamkeiten mit, die die Selbsterlebensbeschreibung
um Gesetzmäßigkeiten bereichern. Baudrillard kennzeichnet den Computer einmal
als ein wundersames Instrument exoterischer Magie. Nicht nur läuft jede
Interaktion auf ein endloses Zwiegespräch mit der Maschine hinaus – auch diese
Selbstverschaltung wird als Kurzschluss gekennzeichnet. Sie sorgt zudem dafür,
über den Umweg der Maschine an sich selbst angeschlossen zu sein. Dieser
momentane und immer wieder gleichzeitige Anschluss an ein Informationsnetz
setzt Sinne frei, die unter den Bedingungen des Imaginären nicht zugänglich
wären. Ein Effekt äußerster Selbstreferenz bezeugt die Bedeutungslosigkeit der
Innerlichkeit, während der Kurzschluss, mit dem das Gleiche unvermittelt ans
Gleiche angeschlossen wird, taktile Oberflächenintensitäten freisetzt, mit
denen wir uns zu Wahrheiten vortasten, die die ausgeschnittenen, hin und her
kopierten Textfragmente ergeben. Wir wissen viel mehr, als uns bewusst sein
darf, wir müssen nur unter Zuhilfenahme der nötigen Verfremdungen, durch eine
exzessive Entsublimierung des Denkens, darauf gestoßen werden.
Die Chancen, die mit der Erfahrung
eines sozialen Todes verbunden sind, ergeben sich häufig aus der Fähigkeit, die
Erfahrung einer Ausgeliefertheit, eines Scheiterns, als Sprungbrett für eine
Repertoireerweiterung zu interpretieren. Die Möglichkeiten, auf einen anderen Kontext
auszuweichen, verweisen auf jene menschheitsgeschichtlichen Sprünge, mit denen
eine wache Intelligenz aus den gewohnten Lebensumständen unter Schmerzen und
dem Druck der Verzweiflung in den Kontext dieses Kontextes zu wechseln wusste,
wenn sie nicht bereit war, in ihre Auslöschung einzuwilligen. Wenn Sloterdijk
nachvollzieht, wie einst in Grenzsituationen der Ausgeliefertheit gegenüber
dem Unverständlichen des Jenseits der Geburt oder der des Todes ein Kurzschluss
zwischen den Bereichen kommunizierender Dunkelheiten die erwachende menschliche
Intelligenz puschte, erklärt er nicht nur das ambivalente Faszinosum des
archaischen Logos, das später durch Hochreligionen und philosophische
Metaphysik zum Jenseits rationalisiert wurde. Er deckt damit jenen Zwischenbereich
der Latenz auf, der in jedem Weltverständnis eine archaische Integralrechnung
vollzieht. Das Wort »Welt« bezeichnet mit Wittgenstein alles, was der Fall ist
– wobei Weisheit mit dem Bewusstsein verbunden ist, stets mit den Möglichkeiten
der Aktualisierung des aktuell nicht Manifesten rechnen zu müssen. Schon in den
Anfängen der Selbstreflexion wurde auf die Tatsache Rücksicht genommen, dass
der erfahrungsgesättigte menschliche Intellekt nur über einen begrenzten
Horizont an Wahrnehmungen und Kenntnissen verfügt. Was diesem erschlossen ist,
summiert sich zu dem, was hinter einem Horizont an potenziell erfahrbaren Geschehnissen
zu erwarten ist. Die zugrundeliegende, primitive Integralrechnung verknüpft das
Bekannte und Manifeste mit dem Unbekannten und Latenten im Symbol Welt zu einer
kompakten Totalität. Die weise Mahnung,
nie zu vergessen, dass alles menschliche Wissen immer nur beschränkt sei, darf
unser Lernvermögen nicht unter der Vorgabe eines uneinholbaren Ganzen ausbremsen,
denn dieses Ganze ist ein Produkt der Vorstellung und wurde zum Machtmittel von
Priestern, Metaphysikern und Theologen. Selbst die Übersetzung ins Philosophische,
die uns in der Mitte zwischen den Göttern oben und den Tiere unten situiert,
setzt das Koordinatensystem einer imaginären Totalität voraus, das davon
abhalten soll, uns als Tiere mit göttlichen Fähigkeiten zu entdecken. Die
Projektionen auf ein Ganzes setzen jeweils eine Basisunterscheidung voraus, von
der ausgehend bereits ein beschränkter aber ausschließlicher Weltentwuf
durchgesetzt ist. Erst wenn wir uns auf die Gesetzmäßigkeiten des Lernens des
Lernens einlassen, fällt der imaginäre Bezug auf das Ganze oder Absolute weg. Die
Möglichkeit eines gelingenden Lebens wird durch Kontextsprünge eines virtuell
unbegrenzten Lernens angestoßen, das die Selbstimmunisierung gegen harte
Programmierungen freisetzt. Wie begegnen dem Glück des Unvorhergesehenen nur dank
einer um das Unbekannte ergänzten Welterfahrung, in der die Homöostase des familialen
oder sozialen Elends kein Mitspracherecht mehr hat. Sloterdijks Philosophie der
Latenz setzt im Weltbegriff die selbstheilende Vermittlung eines universalen
Integritätsgeschehens frei, dank dem die Möglichkeit eines gelingenden Lebens
erhalten bleibe, das offenkundige Unheil also nicht das letzte Wort habe.
In
solchen Zusammenhänge sind Beobachtungen oder Einschätzungen Steiners
bedenkenswert, gerade weil sie auch jenseits von Transzendenz und
Traditionsverhaftetheit greifen. Für ihn ereignet sich eine Modulation des Semiotischen
im Organischen durch den Zusammenprall materiell handhabbarer Formen mit der
prinzipiellen Andersheit von Bedeutungen. Unser Menschsein erweise sich an dem
Paradoxon, dass wir bei genauer Hinsicht nie wirklich wissen, was es ist, was
wir erfahren und worüber wir reden, wenn wir erfahren und darüber reden, was
ist. Kein menschlicher Diskurs, und sei er noch so analytisch, könne letztlich
den Sinn von Sinn selbst ergründen. Unsere Existenz übersteigt in vieler
Hinsicht jede Möglichkeit der Bewahrheitung. Weil die Unerklärbarkeit der
wesentlichen Setzungen den Imperativ zum strebenden Suchen impliziert, der den
Kern des Menschen ausmache, erkläre dies die enge Nachbarschaft zur Transzendenz,
deren Medium Dichtung, Kunst und Musik ist. Natürlich ist einzuwenden, nachdem
es nicht mehr die Theologen sind, die der Wahrheit oder dem Bedeuten Schönheit
zuschreiben, solche rhetorischen Floskeln transportierten noch immer ein Stück
Theologie. Auch das Menschenbild des strebenden Suchens ist schon deshalb fraglich,
weil sowohl die Theologie wie der später an ihre Stelle getretene
wissenschaftliche Anspruch gerade von dem Sendungsbewusstsein angetrieben
werden, den sinnlosen Wahn dieses Strebens abzustellen.
Für die Paradoxien des Wissens, für die Suche nach sicheren
Interpretationsanweisungen, lohnen sich einige Anleihen beim Konstruktivisten
von Foerster, der sich von der Absolutheit des Wahrheitsbezugs verabschiedet
hat und jeglichen argumentativen Rückzug auf das angeblich Tatsächliche infrage
stellt. Während er sich mit dem Rätsel des hermeneutischen Zirkels beschäftigt,
reklamiert er vor allem ein Missverstehen des Verstehensvorgangs. Wenn es
heißt, nach der Bedeutung der Wörter müsse im Satzzusammenhange, nicht in der
Vereinzelung des Wortes gefragt werden, stelle sich doch die Frage, wie der
Satzzusammenhang zu verstehen sei, wenn nicht durch die Worte? Diese
grundsätzliche Fragstellung der Hermeneutik, vor dessen Einschätzung als circulus vitiosus bereits
Heidegger gewarnt habe, thematisiert überhaupt die Kompetenz des Verstehens.
Wer den Verweisungszusammenhang als Teufelskreis abwerte und danach trachte,
ihn zu vermeiden oder als unvermeidliche Unvollkommenheit zu empfinden, habe
die Kunst des Verstehens von Grund auf missverstanden. Von Foerster geht vom Menschen
als
Kulturprodukt aus, das längst keine Anpassungsprobleme an eine Umwelt habe; als
deren Erfinder und Erzeuger wird ihnen eben diese selbst geschaffene
kulturelle Umwelt keine Anpassung aufzwingen. Sie wissen effektiver und ökonomischer
damit umzugehen, ohne aufgrund der Selbstverständlichkeit überhaupt zu wissen,
wie diese Kompetenz zustande gekommen ist. Er nennt die genetische Erkenntnistheorie
eines Piaget, die Konstruktion der Wirklichkeit in der kindlichen Entwicklung,
als gutes Beispiel für die Auflösung der Problematik des Verstehens. Erst wenn wir
glauben, die Bedeutung entziehe sich uns, schlüpft sie durch unsere Maschen –
es geht uns dann, wie Augustinus gegenüber der Frage nach dem Wesen der Zeit. In
der Regel merken wir nicht das Unglaubliche, das Rätselhafte, das
Ungeheuerliche, das Erstaunliche, das Wunderbare in den alltäglichen Gesprächen
und Reflexionen. Erst wenn dieser Strom von Selbstverständlichkeit gestört
wird, stehen wir staunend vor einem Wunder, das erst durch die verschiedensten
Assoziationsmuster der Kognitionsgeschichte aufzulösen wäre. Bateson hat den
Schlüssel der notwendigen Einheit von ‚Geist und Natur‘ auf den Nenner
Mustererkennung gebracht – und wenn Jahrzehnte später feststeht, mit welchen Erkenntnisleistungen
künstliche Intelligenz unsere theoretische und praktische Arbeit bereichert,
hat die Mustererkennung einen wesentlichen Anteil daran. Das Ganze ist mehr als
die Summe seiner Teile, doch die einzelnen Teile erfahren ihren Sinn, ihre
Funktion erst über holografische Muster des Ganzen.
Anderthalb
Jahrtausende haben die Kirchen das Wissen verteufelt. Die Menschen sollten
glauben, alle Versuche des Verstehens grenzten bereits an Ketzerei. Diese
Basisprogrammierung hat sich unter den verschiedensten Verkleidungen der
Autoritätshörigkeit von der Aufklärung bis zur Wissensgesellschaft
durchgehalten. Das Resultat von Predigten der Normalität erledigt für die
meisten Menschen jedes strebende Suchen, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind,
wenn mit irgendwelchen Ablenkungen oder Besessenheiten die Zeit rumzubringen
ist. Für jene, die damit nicht stillzustellen sind, stehen die nötigen Süchte
und Manien bereit, an denen sie sich bis zur Erschöpfung abstrampeln können
oder verzweifelt aufgeben. Die wenigen, die bei den anfänglichen Versuchen,
sich das Paradies zu ervögeln, während der Übungen zur allmählichen Erschaffung
junger Götter Ekstasen erreicht haben, die das Begehren für eine gewisse Zeit
löschten, erübrigt sich die Frage nach dem Sinn des Unternehmens. Die kurze Zeitspanne,
in der wir zwischen Geburt und Tod ohne Handbuch oder passabler
Arbeitsanweisung an der Verkörperung von Lebendigkeiten experimentieren,
gewinnt an Bedeutung, solange uns ein unerfüllbares Begehren antreibt. Auch in
diesen Zusammenhängen findet sich eine inverse Übersetzung der Besessenheit
durch die Wirkungsweisen eines blankpolierten Spiegels. Für Steiner, der
ekstatische Benetzungen und mimetische Überformungen dem Bereich der
ultimativen Negation zuordnet und damit ausschließt, resultiert die
unvordenkliche Logik der Beziehungen zwischen Musik, Dichtung und Kunst auf dem
Affront des Todes. Im Tod erhält die schwer zu greifende Konstanz des anderen,
auf die wir nicht einwirken können, ihre deutlichste Verdichtung. Die Faktizität
des Todes mache uns zu Grenzgängern, weil sie sich Vernunft, Sprache und
Selbstoffenbarung widersetzt. Aus diesem Grund könnte zu schließen sein, dass
bereits der „kleine Tod“ eine Vorschule jener Gelassenheit ist, der es auf den
Tod nicht mehr ankommt; die Erfahrung eines sozialen Todes vergrößert die
Abstände zu jener hysterischen Todesverhaftetheit, von der vor allem jene
Großinstitutionen profitiert haben, die die Menschen mit Paradiesvorstellungen
geködert haben, um über sie als Letztmaterie zu verfügen. Wenn wir im Leben
nicht auf den Dreh kommen, uns hinzugeben um den Augenblick auszukosten, wird
es uns auf die Dauer nur hart und böse, egoistisch und unerbittlich machen.
Doch genau das hilft nichts, denn alle Verleugnung sorgt auf die Dauer nur für
die unerbittliche Wiederkehr dessen, was verdrängt werden sollte. Die
Angstbewältigung sorgt mit jedem Durchlauf für den Zwang einer höheren
Dosierung und damit für eine Bestätigung der Angst. Aus diesem Grund versuchen
sich Menschen durch irgendwelche kulturellen Artefakte mit der Unaufhaltsamkeit
des Eintretens des Todes zu versöhnen, indem sie Werke schaffen, in denen sie
sich verewigen. Für Steiner erzeugt die luzide Intensität der Begegnung mit dem
Tod in ästhetischen Formen jene Aussage von Vitalität und Lebensgegenwart, die
ernstes Denken und Empfinden vom Trivialen und Opportunistischen unterscheiden.
Der Tod räume den Künsten Gelegenheiten auserwählter Begegnungen ein, besser
noch, sie üben den Zwang aus, ihm Werke abzupressen, wie dies weder
Wissenschaft noch Politik können. Nehmen wir noch einmal die
Argumentationsfigur der Komplexitätsreduktion des Süchtigen auf, so bietet sich
allerdings eine lebensfähigere Alternative zu diesen stellvertretenden Figuren
des Opfertods an. Angemessener wäre es vielleicht, sich auf die Gegenwart
einzulassen und ein vertretbares Maximum an Empfindung und Erfahrung
auszureizen – allerdings muss man/frau das erst einmal können.
Steiner
schreibt der sublimierten Schönheit Wahrheiten und Bedeutungen zu und hält sich
an einer Resttheologie fest. Tatsächlich machen viele Einsichten, die verschiedensten
Fakultäten entstammen, nachvollziehbar, wie die Theologen erst mit der Tabuisierung
der Sexualität jene ursprüngliche Überzeugungskraft erotischer Schönheit
usurpieren konnten. Dafür mussten sie deren Wahrheit, die einer Logik der
Todesverhaftetheit überlegen war, durch die Ontologisierung der Begriffe von
allem Schmutz körperlicher Bindungen befreien. Allerdings hat sich erwiesen,
wie die Fundierung aller Bedeutungen in Gefühlen geleistet wird. Wenn es heißt,
erst die Form verbürge die Verweisung oder Selbstverweisung auf eine
transzendentale Dimension, wobei dies Kunst von Anfang an geprägt habe, ist
bereits jener Zwangsmechanismus vorausgesetzt, der vom
man-muss-sich-eine-Form-geben bis zur Einsetzung eines Gottesstaats reicht. Der
Phallozentrismus mag ursprünglich einer Erektionssublimation entspringen, doch
in Großinstitutionen wird er zum Potenzersatz sexuell Behinderter. Was bleibt
von einer Freude an der Lebendigkeit, von den wachen und aufmerksamen Vollzügen
einer Mimesis, mit denen erst eine Welt entsteht, in der die Möglichkeit
gegeben ist, mit der sich der Mensch als Schöpfer dieser Welt entdeckt und
trotzdem das ozeanisch Gefühl des Einsseins und der Verschmelzung mit dem
anderen oder einer Ganzheit der Welt kultivieren kann.
In
‚Von realer Gegenwart‘ steht der Bereich der Musik im Zentrum des Bereichs der
Sinnerfahrung des Menschen – mit der Frage, was ist der Mensch? werden Mensch
und Musik zu Synonymen. In ‚Blaubarts Burg‘ heißt es, dass die Musik von
Kierkegaard und Nietzsche als Hauptträger von Energie und Sinngebung
eingeschätzt wurde, dass nach der Bloßstellung aller Sprachverlogenheit durch
Psychoanalyse und Massenmedien die Musik im Begriff stehe, ihren uralten Boden
wiederzugewinnen – jenen Boden, der ihr durch die Dominanz des Wortes entrissen
worden sei. In diesem Zusammenhang könnte die Biochemie ein tragfähiges
Fundament liefern, die subliminale Wirklichkeit der Peptide. Ergänzend zu dem
in den Ausführungen zu ‚Lust- gegen Machtpolitik‘ interpretierten
kulturschwulen Motor des Orpheusmythos verweist Steiner auf das Koordinatensystem
der ursprünglichen Motive, welche die Verfassung des Künstlers und des Werkes,
seiner Schöpfung und dessen Rezeption kennzeichnen. Wir sind Sprach- und
Bildtiere, unsere Anfänge und die Überlieferung des Mythischen bewohnen die
Sprache bereits, bevor wir ins Leben entlassen werden. In den meisten Fällen wird
der größere Teil unserer persönlichen und gesellschaftlichen Existenz bereits in
Sprachgirlanden vorweggenommen, muss durch Lernprozesse und Erfahrungen
angeeignet werden. Und doch sind wir offen für Neues, partizipieren an einer
welterobernden Kapazität, die uns Künstler und Wissenschaftler vormachen. Doch
dieser Lernprozess ist nicht ungefährlich, denn für alles Neue durchlaufen wir
Phasen des Absterbens: Wir müssen für einen Moment vergessen, was uns wichtig
sein sollte, verraten, was wir geliebt haben, verlieren, an was wir einmal geglaubt
haben.
Den
narzisstischen Dichter gefährdet die Todessehnsucht, denn der Tod prägt die Bedeutung
und verspricht die Unsterblichkeit – während beim Wissenschaftler
Konkurrenzdenken und Machttrieb über Umwege vergleichbare Besetzungen der
Selbstzerstörung stiften. Aber beiden gestattet dieser Antrieb zugleich, dem
Vergessen und der Negation des Seins zu trotzen. Außerdem illustriert der
narzisstische Bezug das grausame und zwiespältige Mysterium des vom Orpheusthema thematisierten Zusammenstoßes
zwischen Mann und Frau: Den Widerstreit zwischen Eros und Tod, Sehnsucht und gegenseitigem
Hass. Auf dem Terrain der Poiesis, für welche die Frau häufig Ursache und
Zerstörerin zugleich ist, werden Intuitionen freisetzt, die zu den
ursprünglichsten Erfahrungen der Menschwerdung zurückführen – ein wesentlicher
Schritt auf dem Weg der Kulturalisierung wurde durch die sexuelle
Sozialisierung des männlichen Nachwuchses geleistet. Zugleich werden Erinnerungen
an früheste Konflikte zwischen einem auf der Gefühlsebene klingendem Gesang und
der objektivierenden und damit distanzierenden Sprache freigesetzt, ganz früh
ist dies der Widerstreit zwischen Musik und Poesie. Zu den Ambivalenzen zwischen
Gestaltbild und sprachlich kodifizierter Bedeutung passt bereits Steiners
Beobachtung, dass sexuelle Begegnungen in einer anderen Sprache einen anderen
Eros freisetzen – der Atemrhythmus variiere in den verschiedenen Sprachen, beeinflusse
das Vorspiel wie den Sexualverkehr. Im parasympathischen Nervensystem verzahnen
sich Leib und Denken ineinander. In diesem osmotischen Feld vermutet er die
teils bewussten, teils unbewussten Rezeptionsformen der Sexualität, die nicht
nur auf visuelle Reize, sondern bei den meisten Menschen auf verbale
Stimulierungen ansprechen.
Die
griechischen Sänger, Dichter und Metaphysiker des Seins gehen als Kinder der
Musen von der Weisheit aus, eine harmonische Musikalität als Grundlage der
auf Eintracht zielenden politischen
Verfassung, der würdigen Architektur und selbst der wohlgeordneten Kriegsführung
zu setzen. Die Kennzeichnung der Erinnerung als Mutter der Musen zeige eine fundamentale
Einsicht in das Wesen der Kunst und des geistigen Vermögens, denn die
Kultivierung eines gemeinsamen Erinnerungsvermögens setze eine Gesellschaft in
ein natürliches Verhältnis zu ihrer eigenen Vergangenheit. Sie bilde durch die
Überlieferung sogar eine Schutzimpfung für den Kern der Individualität, für
Picht ein immunisierendes Puffersystem der Psyche. Im Konflikt zwischen
sinnlicher Empfindung und kodifiziertem Sinn spekuliert Steiner nun, der
Dichter, Musiker und Schamane Orpheus befreie Eurydike durch seinen Gesang aus
der Unterwelt, aber diese wende sich an der Schwelle zum Licht ab, weil sie in
der Erinnerung eine Musik bewahre, von den fernen Schatten aufsteigen höre, die
für die Seele noch verführerischer, noch reizvoller sei, als die des Orpheus.
Diese Verführung geht von der Perfektion und Stimmigkeit eines Zustands aus,
der vor den Nöten, Bedürfnissen und Begehrlichkeiten der Lebendigkeit
anzusiedeln ist – wir haben noch einen Rest davon in jenen Rauschzuständen, denen
die Metapher stoned zu verdanken ist: Als Sein
ungerührt, perfekt aber tot zu sein, von Veränderungen nicht erreicht zu
werden. Im Kontext der Zerstückelung des Orpheus vermutet Steiner eine
mörderische Polemik zwischen einer Kunst, in der Wort und musikalischer Klang
verschmelzen, also sprachliche Grammatik und musikalische Syntax zu einer
Einheit werden, gegenüber einer reinen, totalen Musik der Stimmentfaltung, die
frei von aller sprachlichen Semantik ist, wie dies die Schreie der Bacchantinnen,
das Bellen Kassandras bei Aischylos, die rhythmischen Schreie der Bacchusjüngerinnen
bei Euripides sind. Der reine und unverfälschte Klang widerrufe die sprachliche
Menschlichkeit im ekstatischen Namen von allem, was älter ist als der Mensch:
Töne ohne Worte, Schreie der Liebe und des Krieges. Die brutale Unschuld des
Organischen wird durch die nicht weniger grausame apollinische Klarheit
verdrängt, womit der sadistische Triumph des Mythos den Übergang der Musik zum
Sagen verkündet. Vergeblich opponiert die mimetische Verspottung der
menschlichen Stimme, die imitative Verherrlichung des Gesangs der Vögel
dagegen. Mit der Wendung gegen den unreinen, aber unverfälschten Klang, der
noch lange keine Musik ist, wird jene Schwelle zum Licht gekennzeichnet, die
die Abwendung Eurydikes erklärt: Der Verrat am Klang zugunsten von Sinn und
Bedeutung. Mit dieser Erinnerung an die Niederlage einer in kreisläufige Naturprozesse
eingebundenen weiblichen Mimetik gegenüber den Abstraktionsleistungen einer
stumpfen, männlichen Welteroberung. entfernt sich eine abstrahierende
Welthaltung, die mit Wert und Bedeutung einem Vektor folgt, immer weiter aus
den natürlichen Lebenszusammenhängen. Apollons Kunst und Ästhetik verkünden wie
der Gesang eines Orpheus die Einheit der Musik und der Sprache, von Klingendem
und Logos. Im Kampf einer sprechenden Musik gegen die nackte Tonalität, eines
menschlichem Maßes gegen den unregulierten, aber umfassenden Klang, siegt die
mathematische Last des grammatischen Sinns als Absage an die Universalität
eines ewig klingenden Sinus. Vergleichbar verleihen die Sirenen der Natur als
Schwestern von Stimme und Vers die harmonische Ordnung eines höchsten und
vollkommenen Einvernehmens: Ihr Gesang suggeriert selbst noch, alles von
Odysseus zu wissen und ihn alles erfahren zu lassen, was geschehen ist, was
geschieht und was sein wird. Demgegenüber hat die Dame Vernunft die Lügenhaftigkeit
dieser Verheißung zu offenbaren und an eine der Sprache und der kodifizierten
Bedeutungen zu erinnern. Für Odysseus‘ gefesselte Aufmerksamkeit, eines Mannes
der Sprache und der Listen des Logos, verwandelt sich der göttliche Gesang der
Sirenen in ein Trugbild, eine Bedrohung, die die Abstände erhöht Sein Mangel an
Resonanz stürzt sie in jene Verzweiflung, die bis dahin den Menschen
vorbehalten war, sie gehen in der Tiefe ihres Gesangs unter. Der Mythos
thematisiert den gewaltsamen, infernalischen Charakters des Gesangs, aber er läutet
das Bündnis zwischen Musik und Sprache ein, indem er ihre ursprünglichen
Rivalität auf den Nenner bringt, den Todeslauf ihrer Koexistenz in jeder
Vertonung des Wortes. Doch das ist nicht alles, sondern Resultat einer extremen
Epoché unserer natürlichen Verhaftetheit, denn
tatsächlich bleibt davon etwas erhalten. Was ist mit der Sprachmelodie, mit der
von Barthes gekennzeichneten, körperliche Wahrheiten transportierenden Rauheit
der Stimme, mit dem spezifischen Klang unseres Sprechens, an dem sich Echtheit,
Individualität und Inkommensurabilität erweisen?
Die früheste
Erfahrung einer Einheit liefern uns die Töne und Rhythmen der ursprünglichen
Symphonie des Geschehens im Mutterleib, deren Erforschung sich Tomatis im ‚Klang des Lebens‘ gewidmet hat. Wir hören die
umfassende, körperliche Lebendigkeit unserer ersten Bezugsperson, sind
durchdrungen von ihrem Sound, sind also für das Gefühl einer Einheit unseres
Selbst nicht auf spätere, immaterielle Rückwirkungen eines Spiegelbilds
angewiesen. Dieser Sound wurzelt im Ursprung unserer Paradiesvorstellungen,
auch wenn er gelegentlich von stressigen Kakophonien und dramatischen
Panikattacken überlagert wird oder sich später während verschiedenster
Emanzipationsbestrebungen als ausbruchssicheres Gefängnis einer verhärteten
Identität erweist. Im Leben verhören wir uns gar zu gern, um diesen
Basisprogrammierungen nachträglich ein Recht einzuräumen, das uns keines mehr
lässt. Eine von Sonnemann angeregte Korrektur verweist vor allem auf das
Labyrinth des Ohrs, dessen einschließender und bannender Wirkung wir nur mit
einer Ariadne gewachsen sind – die Liebe als Aktualisierung der verdrängten
Erinnerung an einen gemeinsamen Körper ist in der Lage, die ursprüngliche
Abhängigkeit zu sprengen; sie verflüssigt die libidinöse Verhaftetheit, öffnet
Passagen in die Erfahrung einer Welt, die neue und dynamische Selbsterfahrungen
jenseits von identifikatorischen Besitzansprüchen und Machtfantasien des Ich
ermöglicht. Tatsächlich taucht der aus dem Labyrinth führende Faden in einem
kulturellen Rahmen auf, der ex negativo die Beziehungsarbeit der Geschlechter
als Oberbegriff vorgeführt hat. Das tragische Fundament der abendländischen
Kultur hat aufbewahrt, wie diese Gesetzmäßigkeit nur die Frau beherzigt hat,
während der Mann als kultureller Heros meinte, sich mit Hilfe des Frauenopfers
über eine der umfassendsten Weisheiten hinwegzusetzen – für Kamper haben die
Folgen der daraus entstandene Schuld offensichtlich zur Perpetuierung und zu
Wucherungen des Opferverhaltens in der patriarchalischen Kultur geführt.
Saner unterstrich mit
der ursprünglichen Verschwisterung der weiblichen Wesen Liebe und Tod die
Spekulation, der Mythos von der todesbezwingenden Kraft von Liebe und Musik sei
älter als der männerrechtliche Systemwechsel der Kultur, den der Orpheus-Mythos
dokumentiere. Die den Menschen ergreifende Musik übersteigt wie die Schönheit
die Kraft der Worte, sie stifte eine Welt jenseits der Antagonismen und Zwiste.
Dagegen modifizieren die klassischen Versionen des Orpheus-Mythos das Ergebnis
durch den unaufhebbaren Antagonismus von Liebe und Tod, nichts weist mehr auf
ihre Verschwisterung hin. Musik oder Kunst werden umso ergreifender, umso mehr
sie sich der vergeblichen Liebe, der Trennung und Abwesenheit der Geliebten
widmen, geraten zum wehmütigen oder schwülstigen Surrogat des realen Vollzugs.
Bohrer hat die ‚ästhetische Negativität‘ als Ausweichbewegung gekennzeichnet,
die eine aus verpassten Vereinigungen der Liebenden resultierende Melancholie
in ästhetisches Pathos und die Wollust der Darstellung der erfahrenen Schmerzen
transformiert. Seit dem der Mystik verdankten Erhebungsmotiv der
abendländischen Lyrik, mit dem die Ursprünge der modernen Subjektivität
entstehen, werden Geliebte umso begehrenswerter, umso unerreichbarer sie sind. Mit
der romantischen Liebe hat sich der Liebeswunsch im schmachtenden Begehren derart
zu verzehren, dass jede Erfüllung nur mit Enttäuschungen aufwarten kann, ihr
aus diesen Grund durch Partnervermeidungszwänge ausgewichen wird. Dabei ist die
Regel der Entmaterialisierung uralt: Orpheus wird im noch jungen Patriarchat
bereits durch die Versuchung, den Logos zu transzendieren, zu den
Verzichtleistungen der kulturschwulen Vereinigung geführt, die schließlich mit
der Vernichtung des Heros endet. Die Rettung Eurydikes misslingt aufgrund des
kontrollierenden Blicks zurück – für Lacan ein Beispiel für die notwendige
Verfehlung des Anderen, denn das Auge will beherrschen. Dieser narzisstische
Machtanspruch ist ein Resultat der Mutterabhängigkeit, betrifft gerade deshalb
das geliebte Objekt. Orpheus‘ Versuch, unter Verzicht auf die weibliche Welt
mit Jünglingen ein der sublimierten Kunst Apollons gewidmetes Leben zu
gestalten, nimmt ein tragisches Ende durch den Dionysos begleitende, rasende
Mänaden: durch orgiastische Frauen! In diesem gedoppelten Scheitern könnte eine
Bedienungsanleitung aufgeschlüsselt werden, wie die Spätfolgen eines Kampfes
der Geschlechter zu bearbeiten sind. Vorerst ist hier nur zu unterstreichen, warum
dem Sänger der apollinischen Musik ein dionysisches Schicksal bereitet wird.
Der Vater des Gesangs hätte ein verfeindetes Doppelreich von apollinischen und
dionysischen Energien harmonisch zu organisieren gehabt – maximale Gegensätze
in einer Harmonie zu vereinen, macht den Reiz und die Kraft großer Kunst aus,
die damit noch immer an der Weisheit eines Heraklit partizipiert. Was
unauflösbar in Gegensatz und Streit verflochten ist, wird sich auf die Dauer
aber unbarmherzig gegen jeden Orpheus wenden, der sich für nur eine der beiden
Seiten entscheidet. Der Kampf der Geschlechter kann dagegen über ein Lernen der
Gesetzmäßigkeiten des Lernens immer wieder lustvoll verpuffen, wenn sich auf
einer Ebene, die bereits den Regeln von Batesons
Lernen 3 entspricht, Kontraste und Gegensätze zu einem momentanen harmonischen
Ganzen zusammenklingen.
Musik
als rhythmische Modulation des Lautstroms oder als instrumentale Bearbeitung
von Objekten ist ein universelles Faktum der menschlichen Geschichte. Jahrtausende
vor der Erfindung der Schrift dienten Mythen und Fabeln der Überlieferung
religiöser und magischer Lehren, wurden Zaubersprüche und Verfluchungen mündlich
weitergegeben, wobei Rhythmus und Wiederholung als Erinnerungshilfen dienten.
Etwas auswendig zu können bedeutete, von dem Gegenstand Besitz zu ergreifen
aber auch, von ihm besessen zu sein. Die Musik war das grundlegende Medium für
Sensibilität und Sinn. Ein großer Teil der Menschheit musste sich mit rudimentären
Aufzeichnungen begnügen, wobei Lesen und Schreiben getrennte Routinen waren;
selbst als es Handschriften und erste Bücher gab, blieb dies wenigen
Berufszweigen vorbehalten. Mit Worten nach etwas zu fragen, das vielleicht vor
den Worten liegt, wie das Ding-an-sich vor der semiotischen Verarbeitung
scheint unmöglich; doch Musik tut genau dies: Deshalb wurde gesungen und
getanzt. So staunt Steiner in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder,
warum niemand je erklärt habe, aus welchem Grund Lévi-Strauss
die Erfindung der Melodie als das höchste Geheimnis allen menschlichen Wissens
bezeichnen konnte. Vielleicht liefert die Alternative zur Fixierung auf
Sprache, Schrift und kodifizierte Bedeutungen bereits eine brauchbare Erklärung
– alle performativen Formen, mit denen die Sinne angesprochen werden, mit denen
keine Konvention die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten ausklammert,
haben an diesem Geheimnis teil. Während Musik einerseits in ihrer Tongebung
höchst metaphysisch ist und am tiefsten in die erleuchtete Nacht der Psyche
eindringt, ist sie zugleich der fleischlichste, der somatisch am ehesten
nachweisbare aller bedeutungstragenden Akte.
Die
sokratische Form charakterisiert eine Methode des gesprochenen Wortes, das
durch Gestik und Mimik unterstrichen wurde, also eine Zusammenkunft von
Gesprächspartnern voraussetzte. Der charismatische Zauber eines Sokrates beruhe
auf Stimme und Haltung, auf Szenarien der Exzentrizität, die seine Botschaft in
vielen Varianten schillern ließ und sie mit einem eigenen Leben versah. Der
geschriebene Text dagegen impliziert durch seine fixierte Überlieferung
Autorität, beanspruchte einen Sinn zu transportieren,
der unumstößlich war. In ihrem tiefsten Wesen ist die Schrift normativ, Autor
und Leser sind durch einen Halt und Wahrheit verheißenden Sinn verbunden.
Schreibakte bringen Gewaltakte und das Resultat ihrer Anerkennung als Macht zum
Ausdruck. Die Tatsache, dass ein Text im Besitz einer herrschenden Elite ist
und von ihren Priestern und Verwaltern verwendet wird, impliziert Autorität,
ist ein Synonym für Macht. Noch heute machen Menschen die Erfahrung, dass die
Schreibe mortifiziert, dass sie Erregungen zur Ader lässt und jenes abgeklärte
Maß an Distanz zu erreichen hilft, dank dem bösartige Strategien oder verwunschene
Wiederholungszwänge nicht an den Betroffenen hängen bleiben, sondern sich ein
Ziel suchen, das ihren negativen Spannungen eher gehorcht. Aus diesem Grund
wird der Schreibakt im Sinne eines symbolischen Tauschs auch gegen diese
Kulturtechnik der Mortifikation einzusetzen sein. Jeder Sprech- oder Schreibakt entspricht einer
Encodierung, deren performative Elemente eine Formalisierung beanspruchen und
innerhalb gewisser Grenzen eine systematische Entzifferung ermöglichen sollen.
Solche Voraussetzungen versagen allerdings entscheidend in jenen menschlichen
Zusammenhängen, in denen Bedeutung zu formalisiert ist, denn alle menschliche
Geschichte ist eine Geschichte des Bedeutens. Keine Formalisierung ist in der
Lage, die semantische Breite und Tiefe einer Kultur gerecht zu werden, dem Reichtum
an Denotationen, Konnotationen, tonaler Registerbreite, impliziter Bezugnahme
und tabubedingter Auslassung. Wenn wir die Komplexitätsreduktion verabschieden
und uns auf das Spiel der Wissensweisen einlassen könnten, wäre der explikative
Kontext, der umfassende Horizont relevanter Werte, die die Bedeutung der Bedeutung
jedweder verbalen oder schriftlichen Äußerung jeweils umgeben, der des
Universums, soweit es von Menschen als sprachbegabten Wesen bewohnt wird.
Zitate
von Sloterdijk und Menninghaus zu Latenz und
Tradition, Werten und Vorlieben.
Nach
und nach mag deutlich geworden sein, warum sich im Laufe der Jahre symbolischer
Tausch und Gerechtigkeit als die eigentlichen Grundlagen der Lebendigkeit
erwiesen haben. Bateson hat einmal das grundlegende Organisationsprinzip auf
den Nenner gebracht: Jenseits der Subjekt-Objekt-Dichotomie und der
Einkerkerung des Denkens in vereinzelten Köpfen ergibt das Gefühl oder Gespür
für Mustererkennungen ein Muster der charakteristischen Muster eines Kontextes.
In vielen zwischenmenschlichen Zusammenhängen führt dieses Metamuster auf den
symbolischen Tausch, obwohl jeder Krüppel ohne Mühe oder große Schmerzen
täglich dagegen verstoßen kann. Damit erweisen sich die zugrunde liegenden
Gesetzmäßigkeiten als die der Wirklichkeit des Paares, selbst wenn sie sich in
vielen Fällen nur ex negativo aus der Verleugnung erschließen lassen. Der symbolische
Tausch arbeitet für uns mit, prägt ein in der Beziehungsarbeit entstehende Feld
der Präsenz einer durchdringenden, von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen
reichenden Geistesgegenwart. Wenn wir versuchen, seinen Gesetzmäßigkeiten zu
gehorchen, wird schnell klar, dass wir vieles erst anhand unserer Fehler und
Irrtümer entdecken. Von alleine geben sich die Muster nicht zu erkennen, bis zu
einem gewissen Alter und auf einem relativ geringen Energielevel handelt es
sich um ein sehr fehlertolerantes System – erst auf dem Weg zur Ranghöhe einer
personellen Macht wird ein makelloses Verhalten notwendig. Wer erst einmal auf
die wichtigen Unterscheidungen gestoßen ist, kann feststellen, dass einigen
Biographien das Zurückschrecken vor dem Vergleich und vor der Verdinglichung
abzulauschen ist. Das Bejahen des Unvorhergesehenen ist keine Selbstverständlichkeit,
sondern das Resultat der Erkenntnis, dass das ‚Ich‘ ein Anderer ist und häufig
genug der wachen Lebendigkeit im Weg steht, damit also der Beginn eines Läuterungsprozesses.
In
der sympathischen Tugendlehre Seels, die ein harmonisches
Austarieren der mehr oder weniger ambivalenten Folgen von über 500 Tugenden und
Lastern empfiehlt, finden sich mehrere Anknüpfungen an Aristoteles‘ Nikomachische
Ethik. Bei den Differenzierungen des Begriffs der Gerechtigkeit sind Anklänge
an die Wirkungsweisen der Erfahrung des symbolischen Tauschs zu bemerken.
Einerseits wird Gerechtigkeit als eine unter anderen Tugenden verstanden,
allerdings als ein gewichtiger Teil der Tugend. Andererseits wird sie aber auch
als Inbegriff der Tugend aufgefasst. In dieser allgemeinen Bedeutung gilt sie
als diejenige Tugend, in der die dem Menschen erreichbare Vortrefflichkeit kulminiert,
weil sie die Trennung von Selbstsorge und Fürsorge übergreift – den Selbstbezug
also in Erkenntnis- und Verhaltensformen der Selbstdistanzierung verwandelt. Die
Notwendigkeit einer solchen Distanzleistung wird auch von Sennetts
Analyse der ‚Tyrannei der Intimität‘ unterstrichen. Die durch den
Wachstumsimperativ der Überflussgesellschaft geförderten Narzissmen setzen
nicht nur Umsatz frei, sondern als Folgeschaden werden große Teile der
westlichen Gesellschaft in Suchtverhalten und Selbstbezogenheit getrieben, der
sie weitgehend unfähig zu Hingabe und Lustempfinden macht. Der Narzissmus produziert
die Ambivalenz, zum einen das Begehren und die Bedürfnisbefriedigung des Selbstbezugs
zu verstärken und zum anderen eine wirkliche Erfüllung zu blockieren. Der Konsum
als Existenzbeweis wird zu einer Form der Selbstzerstörung, während die
erotischen Quellen göttlicher Energien versiegen. Im Rahmen eines von Boehm
herausgearbeiteten ‚Radikalen Universalismus‘ wird Gerechtigkeit als umfassende
Reziprozität die einzige Idee genannt, der es gelingen könnte, nihilistische
Aspekte des Rechts und der Ökonomie zu überwinden. Die Errungenschaft des Monotheismus
liege nicht etwa in den enormen Abstraktionsleistungen, die aus den vielen
Naturgottheiten den einen Gott geformt haben, sondern in der Erkenntnis, dass
die Gerechtigkeit noch über diesem einen Gott anzusiedeln sei. Ein ungerechtes
Gesetz taugt nicht zum Gesetz, ein Profit ausspuckender ökonomischer Tausch
widerspricht den Gesetzmäßigkeiten des keine profitablen Reste abzweigenden
symbolischen Tauschs. Die Auszeichnung der Gerechtigkeit verweist auf das dynamische
Verhältnis der vielen Tugenden und Laster, wenn sie miteinander in einem Mobile
verknüpft, zu einem gemeinsamen Leben in Selbstbestimmung und Selbstachtung
befähigen sollen. Die Verwandlung dieser Bewegungen zwischen Extremen zu einer
abstrakten Theorie hat zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn sie
ambivalent und offen bleibt, ein Motiv oder Antrieb des Denkens. Wir leben in
keiner starren und hierarchisch geordneten Welt mehr, in der die Freiheit und
Selbstdefinition einer kleinen elitären Gemeinschaft durch ein Sklavensystem
ermöglicht wurde. Doch sehr wahrscheinlich durfte der symbolische Tausch schon
damals weder ertrickst noch erzwungen werden, er untersteht keiner planbaren
oder berechenbaren Strategie, sondern zeigt unter den genannten Einflüssen eine
schelmische, unerwartete und unwahrscheinliche Form der Gerechtigkeit, die die
Konstellation völlig verändert und sich innerhalb des Signifikantennetzes wie
von selbst einzustellen scheint. Er kann sich in eine
Waffe verwandeln, wenn von einem selbst keine Negation ausgeht, keine bösen
Wünsche, kein verlogenes Theater, kein selbstgerechtes Auftreten. Aber das Geschehen
ist längst nicht steuerbar und sucht seine eigenen Wege, wenn unwillkürlich
Kräfte freigesetzt werden und bei Leuten reinschlagen, bloß weil sie eine/n ein
bisschen ärgern wollten oder uns im falschen Augenblick in einer Wolke von
Eifersucht oder Neid über den Weg gelaufen sind.
Mit
Žižek
ist eine weitere Erdung jener ursprünglichen theologischen Setzungen
nachvollziehbar; er liefert sogar Zugänge und Anregungen zur Verkörperung göttlicher
Energien. Das Verhältnis zwischen Polytheismus und Monotheismus muss nicht
unbedingt als das zwischen der Vielheit und seiner tyrannischen Totalisierung
durch das ausschließende Eine verstanden werden. Gegen den Machtanspruch
kirchlicher Dogmatik setzt der Polytheismus eine Vielfalt existierender Göttern
voraus, während nur der Monotheismus die Lücke als solche, die Lücke im
Absoluten selbst thematisiert, die nicht nur den einen Gott von sich selbst
trennt, sondern die Lücke, die der Gott ist. Unter dieser Perspektive wird der
Monotheismus zu einer konsequente Theologie der Zwei – die Gesetzmäßigkeiten
jener Einheit des Paars folgen aus einer radikalen Differenz des Einen im
Hinblick auf sich selbst. Als Lehre aus der Dreieinigkeit ist also für Žižek
zu folgern, dass Gott völlig mit der Lücke zwischen Gott und Mensch
koinzidiert, weil er diese Lücke ist. Wenn wir einer Feuerbachschen Schematik
folgen, beruht diese Gottesvorstellung auf der Projektion jener
Gesetzmäßigkeiten der Beziehungsarbeit, für die man/frau sich selbst zu klein
und nicht verantwortlich fühlt. Dann bietet sich sogar die Folgerung an, dass
das, was das Leben lebenswert macht, ob wir nach seinem Bilde geschaffen sein
sollten oder nicht, ein Gottesbild jene energetischen Besetzungen vertritt, die
für uns den Exzess des Lebens bedeuten. Das Bewusstsein, dass es etwas gibt,
für das man bereit wäre, sein Leben zu lassen, dieser Exzess kann Freiheit,
Ehre, Würde, Autonomie heißen, doch nur wenn wir bereit sind, dieses Risiko auf
uns zu nehmen, sind wir wirklich lebendig.
In
der von Benjamin angeregten Interpretation Agambens der
paulinischen Liebe zählt nicht die Tilgung oder destruktive Negation des
Gesetzes, sondern seine Vollendung im Sinne von ‚Aufhebung‘, bei der das Gesetz
gerade durch seine Suspendierung als untergeordneter (potentieller) Moment
einer höheren tatsächlichen Einheit bewahrt wird. Der Bezug auf Carl Schmitts
Begriff des Ausnahmezustands ist offensichtlich, womit die Liebe die Struktur
eines Ausnahmezustands oder Notzustandes besitzt, welcher die normale
Funktionsweise des Gefühlslebens außer Kraft setzt. Aus der Sicht von stillgestellten
Ordnungsfanatikern gerät das psychische Gleichgewicht wie im Krieg durcheinander;
das normale Leben wird aus der Bahn geworfen, Logos verwandelt sich in
Pathologie, das neutrale Reflexions- und Urteilsvermögen geht verloren. Alle
der Autonomie gehorchenden Fähigkeiten werden unter der Wirkung eines
hormonellen Cocktails suspendiert; der Erwartungshorizont des eigenen Lebens
wird von einer/m Anderen überformt, ohne Alternativen dem Ziel seiner/ihrer
Eroberung untergeordnet. Wenigstens macht sich dies in Weltzuständen des
Mangels an Erfahrung mit dem anderen Geschlecht oder der sexuellen Ausgehungertheit
so bemerkbar. Doch entgegen der totalitären Rechtssetzung Schmitts gibt es gerade in
der Entfesselung biomagnetischer Kräfte eine anarchistische Variante des
Ausnahmezustands, die dem Recht nicht nur widerspricht, um eine stabilere
Renovierung des Rechtssystems in Gang zu setzen, sondern die die Kräfte des
Subjektiven freisetzt, um jenseits der Indoktrinierungen und Verbote
anzukommen, die tatsächlich jene Besessenheiten über uns verfügen, mit denen
wir im falschen Bewusstsein einer freien Wahl in die Unfreiheit einwilligen. Im
Gegenzug zum vorhistorischen Schuldzusammenhang des gesellschaftlichen
Fundaments der konfliktuellen Mimetik braucht es ein lustvolles Geschehen, das
die Liebe wach und aufmerksam erhält, weil sie das Kraftwerk des Selbst
befeuert, das Bewusstsein erweitert, die Aufmerksamkeit füreinander freisetzt
und damit die energetische Kapazität ankurbelt. Die Metapher der
Seele steht für nichts anderes als für ein Medium des unzerstückelten, des
ganzen Körpers. Aus diesem Grund wächst sie mit den positiv kodierten
Erfahrungen, die sich der Routine eines umfassenden Ja verdanken, einer
Intensität der Selbstverschwendung, die sich aus der Notwendigkeit ergibt, den
Imperativen der Verführung oder der Zerstörung von Bindungsenergien standzuhalten.
Entscheidend ist
eine Beziehung zwischen Gleichen, die sich nicht gleichen, ein symbolischer
Tausch, der Reibungsenergien freisetzt und für ein energetisches Spektakel
sorgt, demgegenüber dem narzisstischen Selbstbezug die Luft ausgeht. Ab einer
gewissen Spannung springen die Funken über; mit der nötigen Übung wird eine
Ranghöhe erreicht, die Geistesblitze freisetzt. Im besten Fall sind wir zu selbsterfüllenden
Prophezeiungen in der Lage, mit deren Hilfe die biographischen Verwicklungen in
Aufgaben münden, die fast von allein zu einer Lösung finden. Es ist eben nicht
nur Bions Katastrophe, sei es Verzweiflung oder extreme Ausgeliefertheit, die
zum Wirkungsgeschehen Schneller Brüter führen: Ein die körpereigenen Drogen
befördernde Spiel mit den Partialobjekten kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die
Wirkungsweisen eines schnellen Brüters setzen Energie frei, die bis dahin von
den Bindungskräften der Konvention absorbiert wurde. Wenn diese fluktuiert, wird die Welt für Augenblicke leicht und hell; wir beginnen
zu lachen, wenn auf einmal die lächerlichen Wahrheiten zu durchschauen sind, um
die bisher ein Mordszinnober gemacht wurde. Von einem Bezug zwischen Witz und
Geschlecht geht bereits Durrell aus. In der Regel bezieht sich die Trennung zwischen sinnlicher und
kognitiver Wahrnehmung auf ein bestimmtes Objekt oder Objektfeld und dessen
kognitive Kodierung. Wenn die Besetzung abgezogen wird, gibt es nicht unbedingt
eine Kettenreaktion, denn wir neigen dazu, den verlorenen Halt zu kompensieren
und uns sofort an neuen Objekten festzukrallen. Damit sich die
Gesetzmäßigkeiten eines Schnellen Brüters verselbständigen, also immer mehr
Besetzungen abgezogen werden und eine immer größere energetische Masse zur
Verfügung steht, sind noch andere Voraussetzungen einzuhalten, die Durrell
spielerisch auf einen Nenner gebracht hat: „Der Akt der
sexuellen Zusammenkunft als Geist-Entfalter, als Ideen-Ausbrüter ist die Quelle
aller Wissenschaft, aller Kunst, aller Informationen, deren der Geist als
Nahrung bedarf. Das seelische Wachstum wird durch ihn gefördert. Er reinigt den
Geist, schärft die Intuition, führt die Zukunft herbei. Doch um sich selbst und
seine Aufgaben zu erfüllen, muss er Teil eines doppelten Akts sein, eines
harmonischen Akts. Am stärksten ist seine Wirkung, wenn er von dem Tier mit den
zwei Rücken praktiziert wird.“
Wenn ich Baudrillard weiterdenke, machen
wir mit dem Vertrauen auf die Verwirklichung des hormonellen Geschehens das
Göttliche zu einem Spieleinsatz. Damit wird etwas angestrebt, das mehr ist als
die Äquivalenz von Wertsystemen, also ein Prozess, der den ökonomischen Tausch
überschreitet und in den Bereich der Magie und Bezauberung reicht. Pfallers ‚Interpassivität‘ bemüht für meinen Geschmack zu viele
von der französischen Psychoanalyse unterfütterten Umwege und zeilenschindenden
Wiederholungen, um die schlichte Tatsache auf den Nenner zu bringen, dass für
Arschkriecher der Satz Was-sollen-denn-die-Leute-denken ein ganzes Lebenssystem
des Verpassens beschreibt. Doch die Mechanismen einer gesellschaftlich geforderten
Sozialisation zur Stillstellung, dank denen Desensibilisierung und Antriebsstörung
als Normalität propagiert werden, hat er in „Die Illusionen der anderen‘ pointiert
auf den Nenner gebracht. In diesen Zusammenhängen findet sich sogar die
folgende bestätigende Anregung: „Den sogenannten ‚Wilden‘ scheint es klar zu
sein, was sie tun, wenn sie zaubern. Die sogenannten ‚Zivilisierten‘ zaubern,
ohne es zu bemerken.“ Schon an jeder Verliebtheit ist zu sehen, warum die
symbolische Wirksamkeit die Existenz eines anderen Zirkulationsmodus der
Zeichen und Zuwendungen voraussetzt. Wenn der Funke überspringt, magnetisiert
die Verführung die psychische Ökonomie. Die Macht und Wirksamkeit des Äquivalenzgesetzes
ist zu diesem Zeitpunkt längst überformt, wird in den besten Fällen zugunsten
eines anderen Spielfelds zurückgelassen. Sammler und Spieler, Huren und Stars
repräsentieren eine Faszination, die eine Ahnung davon vermittelt, wie
abgeleitet und sekundär der ökonomische Tausch tatsächlich ist, wie parasitär
und destruktiv Geld als bare Münze des Apriori die symbolischen Kreisläufe pervertiert. Das
generalisierte Tauschmedium funktioniert nach wie vor aufgrund der
ursprünglichen Gesetzmäßigkeiten des symbolischen Tausches: Achtung und
Vertrauen. Die Stabilität des Werts, die Reziprozität der Bezüge und der Bezug
auf das rechte Maß entsprechen der Bedeutsamkeit des verhandelnden Gegenübers,
der Aufmerksamkeit, die wir einander reservieren. Sie können vergessen,
übersehen oder mit Füßen getreten werden, wenn Abstraktion, Generalisierung und
Spekulation die Ablösung von den realen Vollzügen durchgesetzt haben, aber sie
verschwinden nicht aus der Welt. Der symbolische Tausch – Gabe gegen Gabe und
damit der Bezug auf Reziprozität, volles Sprechen und einlösbare Gebrauchswerte
– ist mit Sicherheit in der Erfahrung des erotischen Paar fundiert, denn das
Erfolgsrezept von Psychotikern und Simulanten der Selbstheit beruht darauf,
blind und taub für diese Gesetzmäßigkeiten zu sein. Hin und wieder bringen
Paare eben doch jene Vereinigungsmenge zustande, in der Haben und Sein zusammenfallen,
also eine personale Identität jenseits der verabsolutierten Rollendefinitionen
befördert wird. Die Masken fallen, die Rollen werden in ihrer Funktion offensichtlich,
die aus diesem Prozess resultierende psychische und emotionale Nacktheit mündet
in einer Bindungsintensität, die auf den konventionellen Halt verzichtet und
nichts Äußerliches mehr hat.
Ein
symbolischer Tausch der Worte, Versprechen und Eide funktioniert nur dann
wirklich ohne Rest und Stolperstein, wenn auf der sexuellen Ebene die Gesetzmäßigkeit
des vollendeten Austauschs gefunden worden ist. Im besten Fall der jauchzenden Selbstverschwendung wird der
symbolische Tausch wieder in sein ursprüngliches Recht versetzt. Wenn Bolz die
lacansche Resignationsformel für das Fehlen eines Verhältnisses der Geschlechter
mit der Behauptung unterschreibt, „es kann einfach nicht gehen“, beruht diese
Einwilligung auf der vorausgesetzten Subjekt-Objekt-Dichotomie. Wenn das
Begehren immer das Begehren des anderen ist, soll das Scheitern schon darin
begründet liegen, eine Anerkennung unseres Begehrens zu erwarten. Ein vom Bild
der bürgerlichen Persönlichkeit geprägtes Modell, dessen Suche nach einer
Ganzheit tatsächlich von narzisstischen Projektionen unmöglich gemacht wird.
Wenn allerdings davon auszugehen ist, dass Partialobjekte miteinander spielen
und im wechselseitigen Konsum einen gemeinsamen Wahrheitsgehalt freisetzen, der
jenseits des eingemauerten Subjekts in den interobjektiven Wirkungsweisen eines
evolutionären Geschehens verankert ist, ist es nicht zwingend, sich auf die
Folgen des Spiegelstadiums, auf Bilder und Projektionen zur
Selbstvergewisserung zurückziehen. Sex ist vorpersonell und wird während einer
Erfahrung der Reziprozität zur Teilhabe an der Erfahrung des Göttlichen, das
uns in der Welt und nicht in ihrem Jenseits begegnet. Wenn diese sich im Feld
des symbolischen Tauschs entfaltet, ergeben sich unmittelbare Zugänge zu den Lebendigkeiten;
es werden jene Intensitäten freigesetzt, die den Spiegel blank putzen, uns von
der Verstrickung in imaginäre Leidenschaften erlösen. Erst die Bildwelten und
Projektionen, die sich dem Verzicht und dem Tabu verdanken, haben jene
Charakterstruktur der Persönlichkeitsdarsteller geprägt, der es auf Besitz und
Verfügungsgewalt ankommt.
Die Negativität, die uns angetan worden ist und die wir blind
übernommen haben, um uns gegenseitig zu behindern, gilt es dahin
zurückzuschicken, wo sie hergekommen ist. Nicht als Kritik, nicht als
Auseinandersetzung mit Funktionsträgern, die allein aufgrund ihres Amtes in der
Lage sind, uns zu Kompromissen zu nötigen, obwohl sie im Unrecht sind. Wenn sie
im Nachhinein, wenn es zu spät ist, mit brechender Stimme sagen, man hätte doch
über alles reden können, plaudern sie nur aus, wie sie sich bisher an der Macht
halten konnten. Reden heißt in ihrem Sinne Zerreden; mögen sie Schuld auf sich
geladen, anderen einen irreparablen Schaden zugefügt haben, war das vielleicht
bedauerlich, im Regelfall aber nicht zu ändern und solange sie über die Schwere
des angerichteten Schadens verhandeln durften, blieb an ihnen nichts hängen.
Wenn dem Prinzip Delegation eine Technik des blankpolierten Spiegels antwortet,
werden die Mandatsträger der großen Institutionen mit genau jener produktiven
Imagination entmachtet, die diese einmal hervorgebracht haben. Natürlich wird
eine Souveränität dokumentiert, die nicht von dieser Welt ist, wenn ein
Religionsgründer zum Start den Satz: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was
sie tun!“ in die Welt wirft. Doch das ist noch immer leicht gesagt, wenn man
danach stirbt. Aber wenn man in dem Bewusstsein weiter leben soll, dass niemand
für die Schmerzen und Demütigungen zahlen wird, die einer/m angetan wurden,
bietet sich vielleicht auch der Modus einer überzeugenden Ignoranz an. Warum
überhaupt mit diesem ganzen Schwachsinn, diesen Zeugnissen der Minderwertigkeit
beschäftigen. Das biblisch-theologische Menschenbild war derart pessimistisch,
dass sich schon wieder alles rechtfertigen ließ – wozu hatte man den Teufel.
Die durch die Hochreligion vorgenommene Delegierung ist das schönste Modell
späterer Systemtheorien, sie können gar nicht zynisch genug sein. Je armseliger
das Menschenbild war, je besser taugte es zur Legitimierung der Hierarchien, je
nützlicher sorgte es für die gewissenhafte Verinnerlichung der Ordnungsmächte:
Was den Menschen auszeichnet (als Aufgabe, nicht als Ruhepolster der Einzigartigkeit),
sein Orientierungsbedürfnis und Lernvermögen, musste in einer typisch
psychotischen Verkehrung als Mangel ausgegeben werden. Also braucht es immer wieder
neue Varianten, mit denen die verschiedensten Institutionen den Leuten
vorbeten, was sie zu wissen und was sie zu empfinden haben, wenn sie das tun,
was mehr oder weniger alle tun (sollen). Dieser Zugriff auf fundamentale Bedürfnisse
der Selbstvergewisserung lässt sich beliebig totalisieren. So groß die Chance
ist, die hier verborgen liegt, so wenig scheint sie in Zeiten zu nutzen, die
nicht die ganze Energie ins Überlebensnotwendige investieren müssen.
Der Anspruch, die
eigene Existenz durch Andere zu bestätigen, beruht auf dem Konformismus eines
auf Sprache angewiesenen Wesens. Sprache dient nicht nur zur Weltorientierung
und Selbstdefinition; über die Grammatik und das transportierte System von
Werten und Moralvorstellungen bewohnt sie uns, sorgt für eine mehr oder weniger
unterschwellige Entfremdung von den Intensitäten aller Echtheit, die der Körper
transportiert. Dieser Mangel an Abgrenzung untersteht einer eigentümlichen
Drohung. Weil unsere soziale Existenz mit der Namensgebung bestätigt wurde,
sorgt die damit gegebenen Widerrufbarkeit für Ausgeliefertheit und Willfährigkeit.
Eine latente Angst imprägniert den Bezug auf Andere, weil Sprache die eigene
Existenz nicht nur als aufhebbar erweist, sondern uns in permanente Konflikte
verstrickt. Die Wirkung archaischer Ausschlussverfahren, der durch einen
Voodoozauber bewirkte Vagustod, zeigen im Extrem, warum das Leben ab einem
gewissen Grad der Unsichtbarkeit schwindet. Diese Anfechtbarkeit muss nicht
bewusst werden, aber sie wirkt und macht sich in einer ständigen Bereitschaft
bemerkbar, irgendwelche Zugeständnisse zu machen oder Liebgewonnenes zu opfern.
Die Verwobenheit unserer Selbstdefinition mit der Anerkennung durch andere ist
für eine konfliktuelle Mimetik verantwortlich, die in persönlichen Belangen für
böse Verwundungen sorgt und in manchen sozialen Zusammenhängen erst hinter der
Vernichtung haltmacht. Also sollten wir früh genug lernen, in verschiedenen
sozialen Kontexten, also in mehreren Welten, zugange zu sein.
In Sloterdijks 'Der Denker auf der Bühne' kann das Risiko des
sozialen Todes in einem ersten Schritt noch relativ harmlos in „Exzesse der
Ernüchterung“ münden. Die Welt ist voller Inkompetenz, Simulanten der Selbstheit
führen ständig vor, was jenseits des Schauspiels nur unerreichbar und in vielen
Fällen zu schmerzhaft wäre. Damit diese Show des Als-Ob glaubhaft rüberkommt, haben
sich Lügner mit Lügnern auf die Wahrheit geeinigt, Lügner Lügner
zu nennen, um sich von diesem Urteil aufgrund ihres so treffenden Urteils
ausnehmen zu dürfen. Dagegen setzt eine
existentielle und philosophische Infragestellung die notwendige Trennungsarbeit
und Distanzleistung frei, die in ein dauerndes Einsamkeitstraining mündet.
Währenddessen erfahren wir, warum das Bedürfnis, alles gefühlt Lebenswichtige
erst einmal selbst zu entwickeln, in den institutionalisierten Bildungs- und
Behinderungssystemen unerwünscht ist, weil unter solchen Einflüssen kein
Zusammenspiel zwischen kollektiven und persönlichen Lebenslügen mehr rund oder
sogar Gefahr läuft, ins Stocken zu geraten. Doch gerade die Kennzeichnung
gemeinsamer Werte als Resultate von Unredlichkeit und Verlogenheit, auf deren
konformistische Einigung der soziale Frieden und ein geregeltes Zusammensein
von Schopenhauers Stachelschweinen erzwungen wird, offenbart gewisse Tricks,
mit denen dem Selbstschutz gehorchende Ventile des Solipsismus zu schließen
sind: Der Wichtigste ist, sie wörtlich zu nehmen und damit den Konformismus auszuhebeln.
Eins allein ist eine Null – die Zahl, die alle anderen erst groß und mächtig
macht –, aber eine weitere Eins schließt bereits die Unendlichkeit auf. Aus diesem
Grund befähigt das eins & eins als Triade – die Kopulation sollte immer als
gleichberechtigtes Relat akzeptiert und nicht einfach ausgeblendet werden – bereits
die Lernvorgänge und Erfahrungen eines Paars. Nach und nach stellt sich eine
Ebene jenseits der Panzerungen des bürgerlichen Individuums ein, auf der beide
Beteiligte die Inkommensurabilität und Singularität akzeptieren und in
kreativen Prozessen der Beziehungsarbeit adäquat umzusetzen versuchen.
Im Gefolge solcher Lernprozesse sind biographische Stolpersteine
wegzuräumen und institutionelle Behinderungssysteme zu sprengen. Wer sich nach
Sloterdijk auf einen „psychonautischen Zirkel“ einlässt, um sich jenseits von
Lebenslüge und Verzicht zu finden, wird mit der Erfahrung des sozialen Todes
konfrontiert. Dann hilft
kein Festhalten an Benimmregeln oder Lebensweisheiten, kein
aufmunterndes Zureden
von Mitläufern, keine Flucht in die Abstraktionsleistungen des von allen
Lebensvorgängen abgehobenen Allgemeinen. Es helfen lediglich die Routinen des
bereits habitualisierten Einsamkeitstrainings, die eine/n eben nicht zur
Einsamkeit verurteilen, wenn die Erfahrung des Paars zu einem Neuanfang
jenseits des gesellschaftlichen Ausschlussverfahrens befähigt: Zwei, die sich
in ihrer Einsamkeit gegenseitig stützen und beschirmen. Die Singularität biographischer
Zusammenhänge resultiert eben nicht aus einer solipsistischen Abkapselung,
sondern aus einer intensiv durchdrungenen Vernetzung aller entscheidenden
Einflusssphären der Biographie. Wir eroberten die Offenheit für die
Inkommensurabilität der eigenen Lebendigkeit zurück, indem die Organisation
unserer Erinnerungen auf Sinn einzustellen und über Speichermedien an diesem
Sinn zu arbeiten war. Gerade weil sich die Befriedigung ursprünglicher
körperlicher Bedürfnisse für Augenblicke zwischenmenschlicher Erfüllung dem
Geldnexus zu entziehen vermag, erhalten sie eine Bedeutung, die sie außerhalb
aller Vergleichbarkeit situiert. Noch dazu
bestätigten verschiedene Beobachtungen, wie die Abstände zu den Leuten,
die uns abpassten oder in ihren Abhängigkeiten verwickeln wollten, größer und
größer wurden, je weniger diese von einem blinden Begehren angetriebenen
Begegnungen ein reziprokes Begehren freisetzten. Während in Not und
Ausgeliefertheit das Gewahrwerden des Außergewöhnlichen und Inkommensurablen
durch die Wahrnehmung eines Bebens im Körper, eines staunenden Schauders,
Einlass fand, wurde die Welt auf einmal leicht, die Farben bunter,
kontrastreicher und heller. Dank einem freudigen Gefühl, an der Erfahrung von
Einzigartigkeiten teilzuhaben, begannen uns Inkommensurabilitäten zu schulen,
wir spezialisierten uns auf maximale Unwahrscheinlichkeiten. Mit jeder
bestandenen intriganten Prüfung, jedem abperlenden Verführungsversuch, näherten
wir uns für Augenblicke einem optimalen Status menschlicher Unwägbarkeiten. Sicher
stimmt die Feststellung, wirklich zu denken heiße, keiner Tradition mehr
verhaftet zu sein. Doch das bedeutet noch lange nicht, selbst zu denken,
sondern vielmehr, sich in den verschiedensten Konstellationen und Verwandtschaften
wiederzufinden. Die Erfahrung des sozialen Todes bringt den Vorteil mit sich,
den solipsistische Status des Denkens verlassen zu müssen. Mit Bateson ist
daran zu erinnern, dass ein Großteil des Denkens außerhalb der Singularität des
Kopfes in kulturellen Archiven und institutionalisierten Techniken zu Hause ist
– ein weit lebendigeres und beweglicheres Denken, als es die Konzeption eines
objektiven Geistes bei Hegel zuließ. Das erfahrbare Selbst ist erst einmal
Konverter der energetischen Besetzungen von Memen und Bedeutsamkeiten, die jene
Blase ausmachen in der jemand aufgewachsen und gewohnt ist, sich zu bewegen. Subliminal ist die früher als
Seele bezeichnete Instanz ein Fließgleichgewicht jener körpereigenen Drogen,
das im besten Fall wie eine gelungene musikalische Improvisation auf die
Grundlage der im Laufe eines Lebens dichter und tönender werdenden Harmonie
antwortet, im schlechtesten Fall aber eine Homöostase des Elends als Kakophonie
dröhnen lässt. So, wie sich die Vernetzungen stabilisieren
und Bahnungen einbrennen, mag die erfahrene Welt sicherer wirken, aber der
Preis dieser scheinbaren Geborgenheit ist, dass sie immer enger und kleiner
wird. Authentizität gehorcht selten den tradierten Bedeutungen, aber Neubeginn
und Selberfühlen entspringen den Bedeutsamkeiten, die an Partialobjekten
ansetzen. In diesen Konstellationen und putativen Bündnissen gelingt es hin und
wieder, hinter dem Wahn der Selbstheit aufzutauchen: In der Synthese von
Kreativität und Beziehungsarbeit – der Rest werden dann neu erworbene
Gewohnheitsmuster sein. Nach der Verabschiedung eines Substanzdenkens wird die
sprachliche Orientierung weit mehr vom Ausdruck, von Gebärden und Bewegungen,
von unwillkürliche Assoziationen ausgelöst oder von körperlichen Erregungen
bestimmt werden, also von impulsiven Kräften in den Echokammern des Selbst.
Einer/m Einzelnen erschließen Herzklopfen, Hitzewellen, Atemrhythmen oder
Kälteschauer nur in seltenen Augenblicken ihre Bedeutsamkeit, doch in den
Erfahrungen des Paars ist diese immer wieder als Heiligkeit des Augenblicks
gegenwärtig. Die in den Hochreligionen verdinglichten Theologismen, die einmal
den Schauder und das Beben auf den Nenner der Substantialisierung zu bringen
hatten, können mit dem hormonellen Register für ganz andere Trainingsläufe
umgesetzt werden.
Für Bohrer enthält
Nietzsches Definition des Dionysischen die entscheidenden Merkmale der
plötzlichen Zeitlichkeit des Kunstwerks: Schrecken und Auflösung des
Individuationsprinzips. Lyotard erklärte das Erhabene des modernen Kunstwerks
nicht mit der Plötzlichkeit, sondern ging vom Jetzt eines Ereignisses aus.
Kennzeichnend für beide wird die Erfahrungen einer von
allem Inhalt entleerten Entität, während die von keiner Reflexion getrübte
Wahrnehmung zählt, dass es sich ereignet, die existenzielle Notwendigkeit des
reinen Jetzt. Für Bohrer geht es eben nicht um die Erfahrung einer stabilen Ich-Identität,
sondern um ein spezifisches Verschwinden der Ich-Gewissheit hinter Empfindungen
eines gesteigerten Daseins, die eine/n erfassen und überwältigen, deren Evidenz
einer Erfahrung eine komplexe Wollust ohne das Dazwischentreten einer moralischen
Zensur freisetzt. Eine Chemie des plötzlichen Ereignisses befördert jenes Glück
des Unvorhergesehenen und das hat viel mit den Gesetzmäßigkeiten der Sprache zu
tun, die wesentlich mehr weiß, als wir mit ihr verbinden, weil gerade das
Eigentümliche der Sprache ist, dass sie sich wesentlich um sich selbst kümmert
und ihre Verweisungszusammenhänge die kodifizierten Bedeutungen weit hinter
sich zurücklassen. Was das Eintreten des Unvorhergesehenen in den Texten
Schlegels und Kleists in Bewegung setzt, vollzieht sich bei Hölderlin als
erhabenes Sprechen. Der Gedanke eines überraschenden Ereignisses gewinnt für das
Verständnis des richtigen Lebens immer mehr die Oberhand. Diese Konzeption trifft
sich mit unserem Glück des Unvorhergesehenen – zu Zeiten der Arbeit am
Altpapier, während denen sich das Unvorhergesehene als wesentlicher Antrieb
unserer gemeinsamen Geschichte erwies, haben wir Bohrer vielleicht im
konservativen Kontext von Poetik und Hermeneutik zur Kenntnis genommen, aber
längst nicht daran gedacht, mit seinen Texten zu arbeiten. Für Bohrer war es
erst einmal eine an Heine und Baudelaire gewonnene nostalgische Idee, die
Langeweile des bürgerlichen Lebensalltags, die Inhaltsleere der Normalität
durch Fantasien von anarchistischen Erscheinungen zu unterlaufen. Es ging
letztlich nicht um kulturelle Urteilskriterien, sondern um das Selbst in einer
unerträglich gewordenen Übermacht der Alltäglichkeit, gegen die es Gefühle
einer maximal gesteigerten Lebendigkeit des Lebens beschwor oder freisetzte.
Das obsessive Interesse an der Fantasie machte eine ganz andere Begierde
deutlich, nämlich nach dem, was man das ‚höherer Leben‘ nannte. Die Gegenwart
müsse um ihrer selbst willen erlebt werden, sie dürfe keinem Zweck, also auch
nicht der Zukunft unterworfen werden.
Es sind die Abstände zu dem, was als konventionalisierte Welt der
Fall sein soll und sich in vielen Fällen als Resultat eines Sammelsuriums
sinnentleerter Phrasen erweist; es ist das von all dem warmen Wind ausgelöste Befremden,
das uns mit der Materialität der Erfahrbarkeit in Verbindung bringt. Distanz heißt das Zauberwort;
paradoxerweise ermöglicht erst der richtige Abstand, an Intensitäten eines
Augenblicks teilzuhaben, sich der
unvermittelten Nähe einer/s Anderen auszusetzen. Ab diesem Repertoire von
Erfahrbarkeiten beginnen Eigenzeit und Eigenarbeit wertvoll zu werden. Wer
völlig in einer Tätigkeit aufgeht, selbstvergessen mit den Routinen
verschmilzt, die der Materialität eines Gegenstands oder den Gesetzmäßigkeiten
einer Situation entsprechen, überlässt sich vorindividuellen, mimetischen
Impulsen. Schon diese Routinen taugen zur infinitesimalen Annäherung an die
Unmittelbarkeit der Präsenz, während die geduldige Übung am Sex pur näher an
die Punktualität des Jetzt herankommt. Ein emphatisches Tun und Erleben
überformt den Verweisungszusammenhang zwischen gleich und geradeeben, bis das
Subjekt in einer Woge des Mitgerissenwerdens verschwindet. Was einmal als Seele
bezeichnet wurde, ist als Fließgleichgewicht jener körpereigenen Drogen zu verstehen,
das im besten Fall wie eine gelungene musikalische Improvisation auf die im
Laufe eines Lebens dichter und tönender werdenden Harmonien antwortet. Im
schlechten Fall reproduzieren wir als Kakophonie eine dröhnende Homöostase des
Elends. Eine katastrophale Erfahrung der Nichtung des Ichs bewirkt dagegen den
Absturz in eine unendliche Stille, die immerhin gelegentlich die Chance einer
Erleuchtung transportiert.
Der konstatierte Riss zwischen der
Aktualität der Präsenz und ihrer Repräsentation in Wahrnehmung und Bewusstsein
muss kein hoffnungsvolles Verpassen, kein wahnhaftes Hinterherrennen prägen,
wenn traditionelle Besessenheiten dank medialer Spielräume jenseits der
Gutenberggalaxis zu verabschieden sind. Die ursprüngliche Abwesenheitsdressur
der Schrift erfüllte sich an den ins Imaginäre abfließenden Bindungsenergien, wobei
die von ihr beschworenen Vorstellungen für die Angst sorgten, vom leiblichen
Gegenüber enttäuscht zu werden oder gar auf eine Reaktion der Enttäuschung zu
stoßen. Die von der Literatur gespeisten großen Erwartungen sorgten häufig
genug für Ausweichmanöver, für eine Vergrößerung der Abstände und eine Liebe
aus der Ferne. Mittlerweile haben soziale Medien diese Formen der
Abwesenheitsdressur in einem Maße potenziert, mit dem deren Glaubwürdigkeit nur
aufgrund der naiven Bedürfnisstruktur eines pubertären Überdrucks und dem
Mangel an echter Erfahrung aufrechterhalten werden kann. Im Gegenzug sind
allerdings aufgrund der technischen Entwicklungen digitale Systeme entstanden,
mit denen die Inkommensurabilität des Individuellen zu speichern ist. Ein
Antidot gegen imaginäre Ausweichmanöver und die Flucht ins Ungefähre der Vorstellungen;
Aufzeichnungen beugen auf einer fundamentalen Ebene dem Vergessen vor. Wir
müssen nicht mehr ständig Jetztzeit gegen die Arbeit an Erinnerungsmalen tauschen;
außerdem hat die durch das Internet ermöglichte, jederzeit abrufbare Gegenwart
pornographischer Bildwelten den Stecker aus den schriftlich induzierten Vorstellungswelten
gezogen. Libidinöse Energien bringen ohne den Knebel der Ehe oder den moralischen
Bann der Kirche in den wenigsten Fällen eine ernstzunehmende Bindung zustande;
schließlich offenbaren die Möglichkeiten der Wahl, an wie vielen Schauplätzen
der Besessenheit man/frau sich zu Beginn austoben kann. In einigen Fällen wird
sich, obwohl das traditionelle Erpressungssystem Schwangerschaft an Zugkraft
verloren hat, doch das Bedürfnis nach einer/m exklusiven Partner/in einstellen.
Vor allem werden die Protagonisten nicht zwanghaft durch eine mögliche
Entscheidung blockiert oder unversehens mit der Angst vor dem Zusammenstoß mit
der Wirklichkeit konfrontiert. Haptische und rhythmische Erfahrungsmuster
führen in Routinen der Präsenz zurück; unterschwellige Wahrnehmungen, freie
Assoziationen, unwillkürliche Erinnerungen befördern Fähigkeiten wie
Achtsamkeit, Körperbewusstsein, Geistesgegenwart, die die
Abstraktionsleistungen der Schrift und die Generalisierungen der Wissenschaften
ausgedünnt haben. Der Arbeit mit digitalen Speichersystemen verdanken wir die Einsicht in
Gesetzmäßigkeiten der bisherigen Lebensgestaltung. Die offensichtliche Hohlheit
und Verbogenheit eines Zwangssystems aus Verboten und Geilheitsdressuren stellt
ex negativo Regeln zur Verfügung, mit denen eine Neuformatierung biographischer
Wiederholungszwänge möglich wird. In Zusammenhängen
der geduldigen Wiederholung und des Durcharbeitens, nach der dem Durchlaufen
unzähliger Ergänzungen und Überarbeitungen des gespeicherten Materials verdankten
Distanz, wird ein Kontext des biographischen Kontextes greifbar, es entsteht
ein aktueller Rahmen für eine nonkonfliktuelle Ausrichtung von Gesten und
Sprachformen. Noch dazu werden
multimediale Intensitäten des Jetzt zugunsten der Arbeit an den eigenen
Geschichten ausgehebelt; Der
Stellenwert kreativer Eigenarbeit bekommt ein ganz anderes Gewicht, wenn wir
regelmäßig für kleine Ewigkeiten die andere Seite des kulturellen Lattenzauns
aufsuchen. Die erfahrenen Intensitäten bewirken eine Umkehrung des verdrängten
aber unterschwellig wirksamen Opferkults. Die damit verbundene Grenze der
Trauerarbeit verläuft mitten durch alltägliche Belange; ästhetische Erfahrung
gestaltet die Grenze in Metaphern der Überschreitung, doch dank der erotischen
Praxis eines Paars wird die gemeinsame Gestaltung des Hier und Jetzt als
Resultat von Passagen und Wiedergeburten möglich.
Rougemonts
antiquierte Gegenüberstellung von Agape und Eros lieferte zu Beginn unserer gemeinsamen
Produktion mit einer seltsamen Formulierung den Hinweis auf eine der
Beziehungsarbeit verdankte Form von Souveränität. In ‚die Liebe und das
Abendland‘ hieß es, Agape räche sich an Eros, indem sie ihn erlöse, weil sie
nicht zerstören könne, selbst das nicht, was zerstört. Sie stehe für ein
Wissen, demzufolge das irdische und zeitliche Leben weder angebetet noch
getötet, sondern angenommen zu werden verdiene. Was ist das für eine Rache, die
erlöst, statt zu rächen? Erinnert dieses Schema nicht an eine Überlegenheit,
die wir im Laufe der Zeit immer häufiger der Erotik verdankten? Keinem Eros,
der sich in einer begehrenden Dürftigkeit verzehrte, manische Vorstellungen und
die Besessenheit antreibende Sprachfiguren produzierte. Sondern dank Sex pur aus
der eingegrabenen Spur einer mimetischen Rivalitätsstruktur zu springen, also
keinen Delegationen mehr zu gehorchen, sondern ihren Antrieb zu durchschauen.
Dank einer erfüllten Körpererfahrung frei von Negationen zu sein, den rechten
Augenblick zu nutzen, um im Hier und Jetzt Fuß zu fassen, die Fähigkeiten Vertrauen
und Gelassenheit weiter zu kultivieren. Zum Paradox Bergpredigt wäre der
Verdacht anzumelden, dass die Forderung nach Gewaltlosigkeit unter den Vorgaben
der Institution Kirche zur Verkennungsanweisung für Subalterne und Dumme
geworden ist. Erst einmal muss durch die nötigen Institutionen jenseits von
Waffengewalt und Krieg gewährleistet sein, dass die Gewaltlosigkeit als
Entscheidung überhaupt akzeptiert wird. Wenn eine/r dann wirklich die andere
Wange hinhält, ist von einer wirklichen Überlegenheit auszugehen, Beleidigungen
als Witze behandelt und über Einschüchterungsversuche lacht, wer schlicht keine
Resonanz auf Kränkungen oder Demütigungsversuche zeigt, wird sich auf der Ebene
der Mimesis in ein ungreifbare Bedrohung erweisen. Was macht ein Aggressor, der sich unterlegen
und ausgeliefert vorkommt anderes, als in Formen der Selbstbestrafung
auszuweichen. Wenn also von einer/m keine Negation ausgeht, wenn das Richtige
zu tun und abzuwarten ist, bringen sich mit der nötigen Geduld die Leute mit
den bösen Wünschen selbst zur Strecke. Das ist ein Mittel, mit dem souveräne
Machttechniken der Kontextebene wirken, die der Volksmund zwar zur Sprache
bringen kann, aber unter den schlechten Einflüssen autoritärer Institutionen
nicht beherzigen darf: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein! Auch
jene Definition des Eros als Leidenschaft, als Verlangen nach dem, was uns
verletzt und vernichtet – eine Beziehung, die uns nicht das Leben kosten kann, sei
nicht viel wert –, streift wieder ein Geheimrezept uralter Kontextwahrheiten im
Modus des Verpassens! Noch die Formel: Liebe deine Feinde, verweist eher auf
die Neutralisierung der negativen Kräfte, als auf eine libidinöse Besetzung
bösartiger Invektiven. Wer eine/n Betreffenden hasst, wer einen Todeswunsch auslebt,
identifiziert sich schon deshalb, weil man/frau sich im Focus von deren Aufmerksamkeit
wähnt, damit aber der Wirksamkeit des symbolischen Tauschs untersteht. Der
narzisstische Bezug erklärt, weshalb ein Teil der Negation überspringt; Hass
und Rachegelüste sind mimetische Standleitungen; man/frau muss sie Gott oder
dem Signifikantennetz überlassen, sonst nehmen sie einer/m auf Dauer die Luft zum
Atmen. Wer nicht reagiert, wer keine negative Reaktion zeigt, setzt eine
positive Resonanz voraus, wer verzeiht oder eine Erklärung findet, warum die
Negation auf einem Irrtum beruht, gibt die Möglichkeit vor, sich einigen zu können
– doch wenn weiterhin Negationen produziert werden, wird der Sender mangels
Resonanz von ihnen zerfressen. Für unsere Welt der informalisierten und
allgegenwärtigen Abhängigkeiten, hinter denen die alten Machttechniken
verborgen wirken, hat das Prinzip blankpolierter Spiegel ganz unerwartete
Folgen. Er erweist sich als mindestens so unsichtbar, wie die Zugriffsformen
der Macht: Wer sich mit den Möglichkeiten einer das Begehren stillenden Beziehungsarbeit
für entscheidende Augenblicke in einen blankpolierten Spiegel verwandelt,
umgeht die schuldhafte Verstrickung, schaltet die aus Abhängigkeitsbeziehungen
resultierende mimetische Rivalität aus, lässt die Kräfte der Aggressoren für
sich arbeiten. Die älteste Weisheit des Menschen resultierte bereits aus der Umsicht,
Feinden und Gefahren so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Bewusst vorgenommene
Abstände gegenüber der Verstrickung in den Abhängigkeiten einer Bildungsbehörde
haben noch immer Teil an dieser Weisheit. Der blankpolierte Spiegel resultiert
aus einer Kunst der Distanz, die in der Fähigkeit fundiert ist, sich befriedigenderen
Tätigkeiten zu widmen. Erst wenn die psychischen Besetzungen nicht mehr von der
Frage warum-tun-die-das-überhaupt abhängen, wenn die nötige Lustpolitik dafür
sorgt, die von Neidern oder Intriganten ausgehenden Negationen nicht zur
Kenntnis zu nehmen, ergibt sich wie von allein die Möglichkeit, ihnen zu
präsentieren, wie schlecht sie in ihrer Bosheit aussehen. Putative Bündnisse – vor
allem zwischen den Geschlechtern, denn nichts hat den genealogischen
Ordnungshütern solche Angst gemacht, wie gerade diese Möglichkeit, eine andere
Ordnung zu setzen, indem zwei einander erkennen im Sinne des Alten Testaments –
stellen mit einer Formulierung aus Rilkes Briefen eine Form der Wiedergeburt
auf einem anderen Signifikantenniveau dar: Zwei Einsamkeiten, die einander
schützen, grenzen und grüßen. Den bisherigen Abhängigkeiten werden die
Zugriffsmöglichkeiten entzogen, der gemeinsame Bund genügsamer Gelassenheiten
erweist sie wie die Invektiven als nichtig.
Die Kunst, Gegner oder Behinderer ins
Leere laufen zu lassen, setzt eine rücksichtslose Beziehungsarbeit voraus, denn
solange wir unsere Träume, Sehnsüchte, Ängste und Vorbehalte noch schonen, sind
wir viel zu leicht zu verletzen. Erst wenn die imaginären Fühlfäden des
Begehrens geklärt sind, wenn keine offene Nabelschnur mehr nach der
idealisierten Steckdose sucht, damit also der notwendige Resonanzraum wegfällt,
bringen sich selbsternannte Gegner mit dem Schwung der ihnen eigenen, der
Rivalität gehorchenden Dummheit und Boshaftigkeit zu Fall. Entgegen einer von
der kulturschwulen Mimesis vorausgesetzten fehlerhaften Identifikation bejahen wir
die Unterschiede, benutzen die Reibungsenergien; eine Anerkennung des sexuellen
Dimorphismus wie die Anerkennung einer wechselseitigen Ergänzung sind immer
schon weiter, als der zwanghafte Versuch, durch Vereinheitlichung über tatsächliche
Vielheiten hinwegzutäuschen, durch Opfer zu identifizieren, das Außen zu
leugnen oder die/den Andere/n durch klebrige Familienabhängigkeiten zu
vereinnahmen. Wenn keine Negation, keine bösen Wünsche, keine zwanghafte
Anähnelung von den leiblichen Zentren der Beziehungsarbeit ausgehen, wenn zwei
sich in ihren Unterschieden zu genießen wissen, bleibt auch keine Negation
hängen, dann fallen die bösen Wünsche auf ihre Urheber zurück. Blankpolierter
Spiegel und Beziehungsarbeit bedingen sich gegenseitig: Die an den eigenen
Geschichten entzündete, gemeinsame Trauerarbeit stellt die innere Leere her,
jenseits von Bildwelt und Angstbewältigung. Auf diese Weise wird die von Girard
in ‚das Heilige und die Gewalt‘ herausgearbeitete dritte Instanz, aus der der
nachahmende Wunsch entspringt und die sich über den Umweg des Subjekts selbst begehrt, ausgeschaltet. Die mimetische Instanz des Prinzips Sippe,
Gemeinschaft oder verjüngt: Familie steht in Konkurrenz zum Dritten jener kommunikativen
Prozesse, dank denen ein Paar sich dank den Sprachen der Körper zusammenrauft, also
nach und nach eine Vielzahl von Ambivalenzen integriert. Aus der Beziehungsarbeit
entwickelt sich eine Form der klugen Selbstverteidigung, die zwar gewaltfrei
ist, aber gerade durch die Selbstgenügsamkeit der Beziehung, durch den vermittelten
Mangel an Resonanz, durch die Unerreichbarkeit und Ungerührtheit der
psychischen Ökonomie dafür sorgt, dass sich Aggressoren und Störenfriede aus
Gründen der Angstbewältigung selbst bestrafen, verstümmeln und zu Fall bringen.
Der Teufel einer konfliktuellen Nachahmung produziert reihum Delegierte. Er
steckt im Fundament aller Institutionen und expandierte laut Böhme seit dem 18.
Jahrhundert mit Hilfe der Einbildungskraft. Nach der Familiarisierung der Welt
durch die Massenmedien ist er allgegenwärtig, darf sich aber nicht mehr blicken
lassen – deshalb fürchtet er nichts so sehr, wie
die Nennung seines Namens, die Begegnung mit dem Ebenbild der bösen Wünsche im
Spiegel der Kommunikation.
Beziehungsarbeit wird zum Fundament einer
notwendigen Kritik, die nicht mehr auf magische Konsensimperative hereinfällt.
Auf der Fähigkeit, nein zu sagen, lässt sich ein funktionaler und relationaler
Identitätsbegriff begründen. Wir wissen oft nicht, was wir wollen, manchmal
können wir dies gar nicht wissen, weil es ein Wissen ist, das erst aus der
Zukunft auf uns zu kommt. Aber wir können in der Regel sehr genau angeben, was
wir nicht wollen. Der empfundene Mangel liefert die Grundlage, stellt die erste
konkrete Negation dar, schon daraus resultiert das Wissen, welchen überflüssigen
Plunder wir nicht brauchen, auf welche Techniken der Abwesenheitsdressur besser
zu verzichten ist. Gegenüber Charakterlosen charakterlos zu sein, ohne sich mit
diesem Mangel zu identifizieren; Zyniker zynisch abfahren zu lassen, ohne durch
den Ähnlichkeitsbezug zu verhärten; Infantile wie bockige Kinder zu behandeln,
ohne sich von ihrer Verblödung durch den Ärger über diese Zumutung anstecken zu
lassen – zu diesem Repertoire gehört natürlich die von Machiavelli empfohlene
hohe Kunst, Betrüger mit ihren eigenen Mitteln auszutricksen. Die bürgerlichen
Charaktermasken beruhen nicht nur auf einer anmaßenden Simulation von Wahrheit,
die tatsächlich lebensfremd ist; sie schreiben zudem einen Selbstbetrug immer
weiter ein, der im Medium des schlechten Gewissens willfährige Untertanen
modelliert. Wir sind Spiegel, wir sind Masken, eines nicht ohne das andere. Der
Mensch ist ein Relationswesen, Schnittpunkt von Kräftefeldern, dialektische
Durchgangsstation von Informationsströmen. Aber er ist auch ein unendlich fein
vernetzter Wissens- und Erinnerungsakkumulator. Diese Funktionen werden durch
die Fähigkeit nein zu sagen, aufeinander abgestimmt. Eine der ältesten
Weisheiten der Menschheit könnte reformuliert heißen: Beuge dem Vergessen vor,
meide Abhängigkeiten – popularisiert: Fliehe die Dummheit, nichts
ist so ansteckend – postmodern: Lerne Machtspielen aus dem Weg
zu gehen. Wenn eine/n die Negativität der anderen nicht mehr trifft, wenn all
ihren Verwünschungen ruhiger Gleichmut antwortet, vielleicht sogar ein Lächeln
und unverrückbar gute Laune, dann fällt diese Negativität aufgrund des
blankpolierten Spiegels mit unverminderter Kraft auf sie zurück. Sie bestrafen
und behindern sich selbst; es dauert nicht lange, und sie erschrecken schon,
wenn sie eine/n nur sehen.
Wichtig scheint vor allem die Bewährung in
Alltagssituationen. Der Bezug auf lebensferne Ideale, eine abstrakte Moral oder
großen Vorbilder erweist sich nicht nur als Fluchtbewegung vor der Auflösung
biographischer Inkliniertheiten, sondern als Schulungsgang des pragmatischen
Zynismus: Lebensfremde Werte zu beschwören, um den eigenen Schweinehund auszuhalten,
der Tag für Tag in nebensächlichen aber auch bedeutsamen Belangen ständig gegen
kleinste Ansätze verstößt, diese Werte zu beachten. (Du sollst nicht lügen, aber wie soll unter dieser Voraussetzung ein
Selbstwertgefühl aufgebaut werden; Du sollst nicht Ehebrechen, doch wie soll sonst
eine Ehe auf Dauer auszuhalten sein; Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen,
aber wie soll unter dieser Voraussetzung eine Karriere als Arzt, Anwalt oder
Politiker zustande kommen; Du sollst nicht stehlen, doch unter solchen Bedingungen
wird niemals ein nennenswerte Vermögen vorzuweisen sein…) Auf mystische
Offenbarungen oder extraordinäre Grenzerfahrung kann man/frau ein Leben lang
warten, um die in der Biographie versteckten Möglichkeiten der Erweiterung und
Veränderung der eigenen Rolle und deren Spielräume nur um so gründlicher zu
verpassen. Priester, Dichter oder Stars, Gurus oder Gelehrte liefern dank ihrer
Position der Stellvertretung alle Gründe, die Rhythmen und Erfahrungsformen der
eigenen Lebendigkeit zu verpassen oder gar zu fliehen. Und sie haben es leicht,
denn die Angst vor der Verantwortung für das eigene Leben sorgt für die
verschiedensten Umwege und Entschuldigungen, um selbst noch das Genießen und
die Befriedigung zu delegieren. Dabei muss man/frau genau dies selbst und
eigenverantwortlich zustande bringen, Möglichkeiten der Veränderungen stehen
gerade an den kleinen Begebenheiten zur Verfügung, an den in alltäglichen Zusammenhängen
notwendigen Änderungen der eigenen Wahrnehmungsmuster und
Verhaltensgewohnheiten – in vom gewohnten Kontext abweichenden Handlungen, modifizierten
Gesten und Sprechweisen. Am Rande der symbolischen Ungewissheiten, die sich zwischen
beengenden und einander widersprechenden Schemata ergeben, ist das Glück des
Unvorhergesehenen zu finden. Der Stellenwert kreativer Eigenarbeit kann nicht
hoch genug angesetzt werden, wenn die Erfahrung des soziales Todes auf diese
Umkehrung des in Familie und Institution verdrängten und deshalb ständig
wirksamen Opferkults bezogen ist. Ekstase und Kreativität sind Formen einer
Trauerarbeit, die aus Erfahrungen der Grenze resultiert: der soziale Tod
demonstriert, wie die Grenze durch die alltäglichen Belange verläuft;
ästhetische Erfahrung gestaltet die Grenze in Metaphern der Überschreitung,
erotische Theorie als Resultat von Passagen und Wiedergeburten wird erst an
dieser Grenze möglich. Wenn allerdings statt der Grenze das Dazwischen wirksam
werden kann, beginnt das Kraftwerk der Liebe Energien zu liefern: Vermutlich
hat das dank der Beschäftigung mit Witz, Komik und Humor entfesselte Potential eines
Schnellen Brüters, der die Imperative von Antriebsstörung und Melancholie spaßig
und lustvoll verpuffen ließ, bereits die Stufen auf dem Weg zu einer Konzeption
blankpolierter Spiegel bereitgestellt.
Die Bejahung der
Kräfte der eigenen Lebendigkeit sollte also immer der Oberbegriff sein, nicht
die Betonung der Mauern und Panzer des Ich. Lebens- und Betätigungslust, Freude
an den Intensitäten des Augenblicks, ein Optimismus, der eingedenk aller
Fraglichkeiten und Bedrohungen von der erotischen Erfüllung gespeist wird. Unter
diesen Voraussetzungen zeigen sich bereits mit Bataille Wege ins Ungewordene
und Unregulierte, deren Gesetzmäßigkeiten bislang unter den kulturellen Anleitungen
nur geflohen werden sollten: Die Bejahung des Lebens bis in den Tod hinein
führt zu einer souveränen Form der Verweigerung von Macht. Bataille hat den Souveränitätsbegriff
mit der Subversion verklammert! Die Entscheidung für das Leben und Überleben stellt
jenseits der Klage „Das-kann-man-mit-mir-nicht-machen“ Techniken zur Verfügung,
dem Opferkult ein Schnippchen zu schlagen. Die notwendigen Tricks, dem
verordneten Tod oder dem programmierten Untergang auszuweichen, stellen sich
erst unvorhergesehen ein. Entgegengesetzten Kräftepfeile oder Tendenzen sind
also miteinander zu verspannen und für die Qualitäten des Subjektiven stark zu
machen – was in den verschiedensten bedrohlichen Lebenssituationen als Gesetzmäßigkeiten
eines Blankpolierten Spiegels zu erfahren war, hat diese Regelhaftigkeiten zum
ersten Mal auf einen halbwegs zusammenhängenden Nenner gebracht. Im Kontext der
Arbeiten, aus denen die in Dresden vorgestellte Neukonzeption für das ehemalige
Becher-Literaturinstitut entstanden ist, findet sich bereits ein Schlüssel: Der
Sparsamkeitstick der Autonomie und die Verschwendungssucht der Souveränität
sollten parallel ausgeübt werden – aber eben nicht, um einander in Schach zu halten,
sondern um auf verschiedenen Ebenen die Anpassungszwänge des gesunden Menschenverstands,
wie die Verführungen des Kapitalmarktes in ihre Schranken zu weisen. Anhand des Geldes zeigte Hörisch, wie gültiges Erkennen zur
Täuschung über Sachverhalte wird, wenn das Konstitutionsverhältnis der
Erkenntnis ein Verweisungszusammenhang der Verkennung ist. Die Komplexität des
Geldes erklärt sich durch den Bezug auf ein Symboldenken, das ursprünglich aus
der ambivalenten Erfahrung des Heilig/Verfluchten erwächst – das Symbol ist
kein Werkzeug der Rationalität, sondern ein Kennzeichen des Sakralen. Die Überzeugungskraft
des Geldes resultiert weniger aus dem Tauschwert, als aus der Potentialität,
für alles stehen zu können und damit aus seiner Beziehung zur Macht, die menschheitsgeschichtlich
im Sakralen verwurzelt ist. Dagegen sind die elementaren Formen des Denkens
Epiphänomene des Äquivalententauschs, womit eine Kritik der politischen Ökonomie
zur Kritik der unreinen Vernunft werden sollte. Wir haben nicht nur vergessen,
warum der pure Sex die Verwirklichung des Symbols ist und es um das schmutzige
Heilige im Leben geht; wir sind sogar noch dazu verdammt worden, dieses Vergessen
gründlich zu vergessen. Damit diese Verkennungsanweisungen aufzulösen
sind, muss sich eine geistesgegenwärtige Erfahrung des Körperbewusstseins
einstellen. Eine Einheit, die Zwei ist und zwar als Drittes! Der Ich muss in
einer Beziehung verloren gehen, um eben für diese Beziehung eine Autonomie zu
erlangen, die gegenüber den Anforderungen einer wahnwitzigen Welt und den
Verführungen Zukurzgekommener, anmaßender Psychotiker einen neuen Status der
Souveränität gegenüber allen Anpassungsimperativen ermöglicht.
Freiheit als
Autonomie mag sich in ein Wettrüsten der Emanzipationszwänge verfangen – Freiheit
als Souveränität ins anomisch Monströse übergehen. Die Zuordnung von Autonomie
als Selbstbestimmtheit und Abstraktion von der Freiheit des Anderen zur
bürgerlichen Gesellschaft, und die der Souveränität als unbeschränkter
Verfügungsgewalt theatralischer Selbstinszenierungen zum Feudalismus, spielt
mit einem Erklärungsanspruch, der eben nicht einlöst, was er verspricht. Für
Kamper erweist sich der Riss zwischen rechtlicher Autonomie und singulärer
Souveränität, Authentizität, Individualität als der Grund-Riss der
Subjektivität, in der das Fremde wuchert und das Eigene abnimmt. Für die
Freiheit der Souveränität taucht der Feind oder Gegner nicht an der Grenze zum
Anderen auf, sondern schon an der historischen Gewordenheit einer Zerrissenheit
des Selbst. Autonomie und Souveränität als die beiden Arten der menschlichen
Freiheit sind nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Prozesse der
Selbsterhaltung und der Selbstverschwendung dürfen nicht verwechselt und nicht
miteinander verrechnet werden. Sie sind in ganz verschiedenen Lebensbereichen
zu Hause, auch wenn sie im ambivalenten Fetisch der Macht eins zu werden
scheinen. Es sind die immanenten Spaltungen und Verdopplungen der Souveränität,
die ein selbstabschließendes Geschehen der Autonomieanstrengungen des
Individuums in Gang gesetzt haben. Zur Lippes
Kennzeichnung der bürgerlichen Zwänge, durch die Autonomie und Selbstzerstörung
zwangsneurotisch verklammert werden, findet in der historischen Verhaltensforschung
manche Bestätigung. Die Entwicklung der letzten zweihundert Jahre zeigt zudem,
dass es eben die Fröste und Einsamkeiten der Moderne sind, an denen das Modell
der absolut gesetzten Autonomie zu Bruch geht.
Eine argumentative
Zuspitzung, die gegen Institutionstheoretiker – nicht nur gegen den einer
bürgerlichen Demokratie, in der die Rede das Handeln ersetzt, sondern auch
gegen den autoritärer Regime, bei denen ein blinder, den Mächtigen gehorchender
Aktionismus die Rede unterdrückt – gerichtet ist, war Carl Schmitt zu entwenden:
Souverän ist, wer in Situationen und Momenten, in denen keine Wahl mehr möglich
scheint, über den Ausnahmezustand entscheidet. Als alle Sicherheiten weggeflogen
waren, stellte sich wie von alleine jene energetische Struktur ein, die aus
subliminalen Wahrnehmungen Begegnungen machte, also Wahrheitswerte transportierende
Beobachtungen beförderte. Ich war oft kurze Zeit vor jenen Leuten zur Stelle,
die eine Falle für uns aufbauen sollten oder regierte pünktlich auf Schreiben,
die nicht abgeschickt, auf Telefonate, die nur fingiert worden waren. Bei den
alltäglichen Begegnungen verraten die Leute wesentlich mehr über sich, als
trainierte Selbstdarstellung und sprachliches Repertoire gängiger Klischees
verdecken können – gerade diese Begegnungen versorgten uns mit einem Wissen,
das unter der Bewusstseinsschwelle den Generator für böse Witze und kluge
Zynismen speiste. Wir schrieben einen Beschwerdebrief, in dem wesentlich mehr
stand, als wir zur dieser Zeit wussten, an einen Volkshochschuldirektor, dessen
Vorstand sich mit den delegierten Störungen
durchschaut und bedroht fühlte; ich brachte gegenüber der Chefin des
Buchhandels, in dem ich vor allem jobbte, um vom Buchhändlerrabatt zu profitieren,
die gegen meine Freundin inszenierte Intrige auf einen Nenner, kapierte aber
erst aufgrund späterer Reaktionen, dass ich sie mit einer Analyse ihrer eigenen
Machtspiele konfrontiert hatte; einem Literaturwissenschaftler,
der mich regelmäßig abpasste, erzählte ich, warum für mich keine
wissenschaftliche Laufbahn erstrebenswert war, ohne zu bemerken, wie damit die
von ihm lancierten Intrigen bereits als Argument verwendet wurden. Wir lernten
an den Reaktionsformen, welche unliebsamen Wahrheiten wir in die Welt zu setzen
in der Lage waren, welche Bedrohung für unsere selbsternannten Gegner damit verbunden
war. Dabei mussten wir erst einmal akzeptieren und verstehen, warum es jene
Erfahrung der Ausgeliefertheit im Angesicht der psychischen Vernichtung war,
die uns von den institutionalisierten, gewohnt gewordenen Wissensweisen
abnabelte, zugleich aber ein energetisches Level zur Verfügung stellte, auf dem
Sätze in die Wirklichkeit zu entlassen waren, die eine personelle Macht
freisetzten und einen energetischen Wirbel der Weltsetzung zugänglich machten. Man/frau
muss die Ambivalenzen aushalten, in die Bereitschaft einwilligen, über den
Ausnahmezustand zu entscheiden, denn sonst wurde über sie/ihn entschieden., denn
normalerweise verfügen eben jene schizoid-paranoiden Systeme der
Ausgeliefertheit über die Regeln, mit denen Menschen ins Vergessen oder die abdämmende
Medikamentisierung gestoßen werden. In dem Augenblick, als ich Ja zu einem
Lernen jenseits der Scheuklappen der Normalität gesagt hatte, als dieses Ja die
Verantwortung für das eigene Leben beinhaltete, nachdem mir klar gemacht wurde,
dass wir der Vernichtung unterstellt waren und es nun nur noch von unserer
Findigkeit, von unserem Überlebenswillen abhängen würde, ob wir durchkommen
konnten, stand die Souveränität der Entscheidung zur Verfügung, rückhaltlos und
ohne falsche Vorbehalte ins eigene Überleben zu investieren.
Als
es drauf ankam, war alles zu verabschieden, was uns einmal wichtig gewesen ist.
Ich musste geistesgegenwärtig und aufmerksam genug sein, um Linkheiten zu
umspielen, Verführungen zurückzuspiegeln und dabei noch die Kraft haben, die
Liebe meines Lebens nach einem Burnout wieder ins Leben zurückzuholen. Ich
agierte, wie ich einmal gelernt hatte, Tischtennis zu spielen: Ein erweiterter
Fokus der Aufmerksamkeit parierte jeden Zug und jeden Schlag, indem das, was
ich einmal den Ich hatte nennen sollen, nun nur noch dieser Schläger war, der
in die Hand überging und vom federnden Fließgleichgewicht der Reaktionsbereitschaft
des ganzen Körpers gesteuert wurde. Wie ich damals an der Qualität meiner Gegenspieler
gelernt hatte und gewachsen war, gab es selbst zu diesem späten Zeitpunkt noch die
direkt in Produktionslust übergehende, positive Erwartung: Wenn es die besten
Namen waren und die größten Gegner, konnte ich mich bewähren und mein
Repertoire erweitern, meine Techniken verbessern. Während andere an dem
Gedanken erstarrt wären, um ihr Leben zu spielen, beschäftigte mich bereits der
Hintergedanke, die durch einige zufällige Funde erahnbaren Gesetzmäßigkeiten
eines Blankpolierten Spiegels genauer zu erkunden: Nicht zu reagieren, nicht zu
tun, das Ganze an sich vorbei rauschen zu lassen und sich den wesentlichen
Dingen zu widmen. Dabei waren es nur Nadelstiche, mit denen uns nach und nach
der Schneid abgekauft und die Lebenslust vergiftet werden sollte – wir mussten
eben mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz lernen, viele Nadelstiche einfach wegzustecken,
indem der nötige Humor die zugrunde liegende Impotenz oder Frigidität auf einen
Nenner brachte. Die von diesen Leuten praktizierte Verbindung aus gerissener
Bauernschläue und verbiesterter Dummheit hatte ein surrealistisches Format und war
beeindruckend; doch egal was sie oder ihre Delegierten sich alles einfallen
ließen, den Erfolgswillen und die Ausgeglichenheit nach einer Dosis Sex pur konnten
sie nicht beeinträchtigen. Das intuitiv erworbene Schema wuchs vor allem an überzeugenden
Rückmeldungen, wenn Quälgeister in irgendwelche Selbstzerstörungen absausten, weil
wir auf absurden Schwachsinn nicht reagierten. Es entbehrte nicht der Komik,
wenn uns der Wind zutrug, dass in einer konventionellen Ehe zurückgelehnte
Spießer, die verbiestert versucht hatten unsere Beziehung zu stören, plötzlich
wieder Single waren; dass Leute, deren Lebensinhalt die Musik war und die dafür
gesorgt hatten, die Überlastungsstruktur für einen Burnout zu inszenieren, von
einem Tag auf den anderen tot waren; dass intellektuelle Cracks, die ausgegeben
hatten, ich sei ein größenwahnsinniger Idiot, der auf den Boden der Tatsachen
zurückgeholt werden sollte, durch die angeleierte Intrige ihr
wissenschaftliches Renommee aufs Spiel setzten.
Ich kam nicht auf die Idee, mich bedroht zu
fühlen, bis die hochgekitzelten Virulenzen meinen gerade drei Jahre alten Chow Chow erwischten; er starb qualvoll an einer Magendrehung.
Von da ab war der Traum vom freien Schriftsteller abgehakt; es ging nur noch
darum, die nötigen Einnahmequellen aufzutun, um von den universitären
Hysterisierungen unabhängig zu werden. Der Ehrgeiz, sich jenseits all der
subalternen Krüppel effektiv und erfolgreich zu bewähren, war einfach zu streichen
– es ging nun um Geld und damit war alles andere zu vernachlässigen. Das psychische
System hatte makellos zu sein, durfte von keiner Negation getrübt werden, auch
Ehrgeiz war nur eine Einfallpforte für Wut oder Rachegedanken. Das beste
Herrschaftsinstrument war schon immer ein schlechtes Gewissen – aus diesem
Grund werden an Machtpositionen meist Leute installiert, die aufgrund irgendwelcher
Verfehlungen unter Druck zu setzen sind. Wer Machtspiele, sexuelle Übergriffe
oder ähnlichen Scheiß nötig hat, ist erpressbar und zu nötigen. Wer dann auch
nur zögert, kleine Gefälligkeiten zu garantieren, erfährt eine geballte
Negation, ihm demonstriert: Gib auf, du bist allein; alle sind gegen dich, wenn
du nicht spurst und machst, was wir von dir erwarten. Deshalb die Betonung der
Makellosigkeit, aus diesem Grund der Wert, der einem als blankpolierter Spiegel
wirkenden psychischen System beizulegen ist, den kein Schatten trübt. Wer wirklich
etwas durchsetzen will, wen diese Einsicht aus der Zukunft trifft, nachdem
ihr/ihm aufgegangen ist, zu was dieses Leben künftig getaugt haben wird, wird
zu keinen Zugeständnissen bereit sein, dem Modus vivendi
aus Lebenslüge, Verleugnung und Ersatzbefriedigung zu huldigen. Klar war auch,
dass der Blankpolierte Spiegel sich in Nebensächlichkeiten zu bewähren hatte,
denn oft werden große Aufgaben mit Bravour erledigt, während kleine Fehltritte
dann das Tor für Selbstbestrafungen öffnen. Selbst wenn das von den Auftraggebern
nicht so gedacht war – sie hatten den Erkundungswillen, die produktive Neugier,
die Übung der perfekten Nummer oder die Suche nach der Weltformel, was aufs
gleiche rauskam, mit dem nötigen Drive versehen. Die mythischen Ursprünge
eines Blankpolierten Spiegels legen nahe,
an der Größe der Gegner oder den Fehler der anderen zu wachsen.
Als Grundvoraussetzung
erwies sich die Nähe zum Material, die Selbstvergessenheit in den Vollzügen…
man/frau hat mit so viel positiver Erwartung und orgiastischem Nachhall erfüllt
zu sein, dass die bösen Verwünschungen und üblen Nachstellungen an der transportierten
Negation irre werden, also hilflos zu ihren Urhebern zurückstreben. Solche Erfahrungen
sorgen dafür, virtuelle Kräftepfeile und energetische Konstellationen vor dem inneren
Auge zu sehen, die Fronten werden klarer. Natürlich ist es kein Wunder, wenn
sich weitere Apologeten der Antriebsstörung darauf einschießen, diese Beziehung
zu stören, denn nichts stört ihren Machtanspruch mehr, als ein funktionsfähiges
Paar, das an einer Lustpolitik weiterbaut, auf die sie zugunsten der Macht
Verzicht geleistet haben. Die offensichtlich werdenden Machtstrategien zeigen
aber auch, unter welchen Voraussetzungen das ursprüngliche Bild vom eigenen Ich
hergestellt wurde, welchen Verfügungen der Lüge, Verleugnung und Überformung es
gehorcht haben muss. Was lag also näher, als eine maximale Distanz zu den
eigenen Prägungsmustern aufzubauen, im Gegenzug die individuellen Antriebe der
gemeinsamen Beziehung zu unterstellen. Die unter Bedingungen der Normalität unlösbare
Aufgabe lautete: Zu wissen und zu kapieren, was jene selbsternannten Gegner
planten, ohne sich auf sie einzustellen; die täglich notwendigen Angelegenheiten
zu klären und zu erledigen, zugleich aber geistesgegenwärtig zu reagieren,
einen Schritt beiseite oder neben sich
zu treten, während die Gründungsmythen des Ich einer geballten Negation
ausgesetzt waren. Das mag wie ein maximaler Widerspruch sein: Krüppelzüchter zu
durchschauen, indem man sich, weil sie einen nicht interessieren, nicht mit
ihnen beschäftigt, doch genau so funktioniert ein Blankpolierter Spiegel. Diese
Selbstdarsteller gebildeter Persönlichkeiten investierten eine derartige Kraft
in die Selbstdementierung, dass es schon reichte, nicht auf Schmierenkomödien reinzufallen,
die sie suggerierten. Am besten stellte man/frau sich nichts vor, kein
fixiertes Selbstbild, keine konkreten Zukunftspläne, vor allem nicht, was
kommen würde. Ein maximaler Fehler wäre gewesen, sich auf das einzustellen, was
man erwarten sollte. Statt von imaginären Zielen ausgebremst zu werden, erwies
sich das Hier und Jetzt als viel tragfähiger, noch dazu trug uns gelegentlich
ein Anruf aus der Zukunft wichtige Informationen zu: Mit dem Telefonmarketing
entstand ein neuer Markt, der noch weitgehend unreguliert war, mit Desktop- publishing und Print on demand
ein neuer Verlagszweig, der unabhängig von universitären Netzwerken liefern konnte,
keine Lagerkosten verursachte und das unnütze Fällen von Bäumen sparte. Aber erst
einmal galt es, die eigenen Angelegenheiten zu erledigen, das nötige Geld für
die monatlichen Ausgaben zu organisieren. Nur darum ging es, alles andere waren
Furzideen. Tragfähig waren vor allem konkrete Ziele, die keine Kraft und Aufmerksamkeit
für Hysterisierungen übrig ließen – manchmal kam sogar der Gedanke auf, ob ein
Status jenseits der Geschwätzwelt und der pseudofamiliären Abhängigkeiten ohne
Störfaktoren vielleicht auf die Dauer an der Ökonomie der Aufmerksamkeit
gescheitert wäre. Hatten wir als Paar vielleicht nur deshalb ein Arrangement
gefunden, mit uns zufrieden zu sein, weil Neider und Intriganten sich permanent
mit uns beschäftigten? Dass wir wichtig sind, selbst wenn man uns vernichten
möchte, dass man uns wegwünscht und dies nicht gelingt – war das nicht der
zusätzliche Kitzel? Schließlich bewarb ich mich auf alle möglichen geisteswissenschaftlichen
Stellenausschreibungen deutscher Unis, um in meinen Anschreiben vor allen
Dingen Informationen zu streuen, zu dokumentieren, dass ich nicht einfach im
Schweigen verschwinden würde. Eine der frühen Einsichten hatte gelautet: Die
Leute, die es sich in den Kopf gesetzt haben, über dich zu verfügen, haben ein
ungeheures Bedürfnis, dass du dich mit ihnen beschäftigst. Denn nur dann sind ihre
Delegationen gewährleistet und zünden. Warum willst du ihnen, wenn du noch
nicht einmal weist, was sie wirklich wollen und ob das Theater nicht nur ihrer
Selbstdarstellung dient, den Gefallen tun! Damals verdankte sich dieser Geistesblitz
bereits einem befriedigten Status der inneren Leere, er musste also nur noch
verallgemeinert und an die Intriganten weitergeleitet werden: Sollte Sie sich doch
weiterhin mit uns beschäftigen. Fast ein dreiviertel Jahr jobbte ich als
Bankbote einer internationalen Bank, um die monatlichen Ausgaben abzufedern, in
den letzten Monaten brachte ich mir learning by doing rhetorische Tricks beim
Telefonmarketing bei, die ich bis dahin nur verachtet hatte und erwirtschaftete
im folgenden Jahr bereits ernstzunehmende Umsätze.
Natürlich
ist uns schon die provokante Frage gestellte worden, ob beim Blankpolierten Spiegel
die Freude am Scheitern der anderen aufkommen darf, wenn einem zugetragen wird,
dass die für einen gebaute Falle zu deren Falle wurde: Wer andern eine Grube
gräbt, fällt selbst hinein! Die Genugtuung mag verdient sein, sie darf nur
nicht ausposaunt werden. Wenn wir nichts dazu beigetragen haben, unser einziger
Verdient darin besteht, uns nicht mit Spekulationen beschäftigt zu haben, was sich
Krüppelzüchter jetzt wieder einfallen lassen werden, weil uns lustbetontere
Themen beschäftig haben, spricht das Ergebnis nicht gegen eine blankpolierte Haltung.
Wir müssen uns von jeglicher konfliktuellen Mimetik verabschiedet haben, dann
ist die Genugtuung, dass uns nichts passiert ist, aber Intriganten oder Aggressoren
die Quittung für ihr Fehlverhalten bekommen, eine Bestätigung der richtigen Lebenshaltung
und kein Ressentiment. Wenn ihnen der ganze Apparat ihres wissenschaftlichen
Netzwerks nicht geholfen hat, uns zu vernichten, ist die in manchem Nachruf
genannte jahrelange, schwere Krankheit auch als Quittung zu verstehen: Wer sich
über Jahre hinweg giftige Bosheiten und
geisteskranke Störungen ausgedacht hat, läuft immer auch Gefahr, davon imprägniert
zu werden. Die Negation, die wir nicht angenommen haben, begann sich also dort festzufressen,
wo sie hergekommen war.
Doch
wer wird sich an so einem Scheiß freuen! Eher aufatmen, vor Erleichterung
lachen, mal abgesehen von dem Gefühl, auf einer Rasierklinge zu balancieren, nur
der Notwendigkeit zu gehorchen, die vorhandene Energie richtig zu investieren. Das
Beste scheint noch immer, Krüppelzüchter überhaupt nicht zur Kenntnis zu
nehmen. Es spricht nichts dagegen, sich an den eigenen Fähigkeiten zu freuen,
an den Trainingserfolgen, an den Routinen, die aus den ständigen Kleinkriegen erwuchsen,
an den Techniken des Umspielens und Vereinnahmens, an den Tricks, die Bosheiten
der Anderen für sich arbeiten zu lassen.
Im
Durchlaufen der Katastrophe hat sich in den vergangenen Jahrtausenden immer
wieder einmal die Chance eingestellt, auf die Gesetzmäßigkeiten eines
Blankpolierten Spiegels zu kommen – doch wenn der Bekehrungswahn und das Bedürfnis,
über Schüler und Abhängige zu herrschen, daraus hervorgegangen sind, wird von
der ursprünglichen Intuition nicht viel übrig geblieben sein, obwohl in den heiligen
Büchern immer wieder Ahnungen nachhallen. In der ‚Katastrophenpädagogik‘ haben wir
einige Spuren verfolgt.
Doch zurück zu
bestimmten Wirkungsmechanismen eines Blankpolierten Spiegels, die früher der
Magie und dem Teufel unterstellt worden sind: Das Geheimnis der Synchronizität,
ihre Ungreifbarkeit und scheinbare Zufälligkeit erklärt sich damit, dass diese Magie
überall und nirgends zugleich ist. In den menschlichen Zusammenhängen gibt es
keinen Zufall, sondern Resonanzräume und Übertragungsfelder, die noch immer an
das die Reziprozität des vorgeschichtlichen Gesetzes Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn
denken lassen. Bei Lacan hieß es über die Wechselbezüge auf der Couch: Les sentiments sont toujours reciproques! – auf
anderen Schauplätzen und in anderen Zeiten wird dies mit kommunizierenden Feldern
erklärt. Es gibt nur ein paar Aufgaben, die wir richtig zu lösen haben, aber
unendlich viele Variationen des Ausweichens, des Fehlinvestments, der falschen
Zielsetzungen. Das ist die klare Schlussfolgerung aus der Erfahrung, dass wir
in Geschichten verstrickt sind, in denen eine nicht-lineare Form der Zeit herrscht.
Wirkliche
Macht beginnt erst jenseits der Freude an der Unterlegenheit der anderen,
jenseits des Verstümmlungswillens – sie ist die Freude daran, gegen die Bosheit
durchgekommen zu sein, also die an der Selbstverwirklichung. Sie finden
Andeutungen und Hinweise in den Spruchweisen des Volksmunds, in der Selbstvergottung
der Mystiker und verstreut in allen Religionen. Vertrauen und Hingabe, innere
Leere und Offenheit für das Andere, Liebe und Geduld, Freiheit von der Gier
gehören dazu. Alle werden in einer einzigen Bedingung zusammenlaufen:
Makellosigkeit – du darfst kein Begehren mit den Akteuren des Sexualneids und
der Verleugnung teilen; oder noch allgemeiner, du musst dich von der
konfliktuellen Mimesis verabschiedet haben. Makellosigkeit heißt: Du sollst
nicht begehren des anderen Weib-Haus-Auto-Kind-Stelle-Vermögen-Einfluss – egal
was sie/er ist oder hat. Und dazu brauchst du schon einmal einen Partner/eine
Partnerin, mit der oder dem das Begehren so zu konditionieren und zu
kultivieren ist, dass es von der fehlerhaften Identifikation und dem Neid
geheilt wird. Ordentlich befriedigt, kann ich mir in aller Ruhe anschauen, wie
die anderen manisch Zielen hinterher rennen, die gar keine echte Befriedigung
bieten.